Leistungsbilanzsalden: von der „Schuld“ der Kreditgeber

Interessant ist das schon, was da gerade wieder rund um die griechische Schuldenkrise abläuft. Von Moral und Schuld wird geredet, die Gleichsetzung von Täter, Sünder und „Schuldner“ bleibt ein immer wieder bemühtes Narrativ zur Verurteilung der Kreditnehmer, Schulden sind in der öffentlichen Diskussion weiterhin ein erheblicher moralischer Makel.

Twenty euro banknote and coins

Doch sind die Schuldner wirklich immer schuld? Oder gibt es gerade in der Makroökonomie nicht ganz andere Regeln, wie beispielweise die Saldenmechanik, die vorrangig auch ohne die Frage nach der Moral völlig differente Ergebnisse liefert? Und sollte man nicht langsam die Phase der gegenseitigen Schuldzuweisungen und moralinsauren Vorhaltungen verlassen und an einer realwirtschaftlichen Lösung dieser Probleme arbeiten?

Anhand der Leistungsbilanzen im internationalen Verkehr soll hier nun noch einmal versucht werden zu erklären, warum die Begriffe Moral und Schuld bei Kreditverhältnissen zwischen Volkswirtschaften nichts zu suchen haben. Und nach Lüftung des desorientierenden Schleiers der Vorurteile wollen wir Ursachen und Wirkungen richtig einsortieren und sachlichen Erklärungen den Weg bereiten.

Zuerst eine kleine Einführung in die Fachbegriffe:
Als Leistungsbilanz wird allgemein der Finanzierungssaldo einer Volkswirtschaft bezeichnet, also aller inländischen Sektoren (Staat, Privathaushalte, Unternehmen, Banken) zusammen gegenüber dem Ausland. Sie setzt sich zusammen aus den vier Teilbilanzen: Handelsbilanz, Dienstleistungsbilanz, Bilanz der laufenden Übertragungen, Bilanz der Faktoreinkommen, wobei die Handelsbilanz üblicherweise der größte Posten ist.

Ein Leistungsbilanzdefizit bedeutet dementsprechend, dass eine Volkswirtschaft mehr verbraucht als sie selbst an Einkommen generiert, sie lebt demnach „über ihren Verhältnissen“. Dies muss dann logischerweise mit Verschuldung gegenüber dem Ausland finanziert werden.

Eben jenes Ausland, das die Defizite finanziert, muss folglich spiegelbildlich weniger ausgeben als es an Einkommen generiert, also „unter seinen Verhältnissen leben“. Dies ist der grundlegendste und einfachste volkswirtschaftliche Zusammenhang: Die Einnahmen des einen sind die Ausgaben des anderen!

Wenn also ein Sektor der Volkswirtschaft mehr einnimmt als er ausgibt (netto spart), dann geht das nur, wenn mindestens ein anderer Sektor das Gegenteil macht (sich netto verschuldet). Nettosparer kann es nur dann geben, wenn es auch Nettoschuldner gibt.

Aufhänger für die Argumentation in diesem Artikel ist auch diesmal wieder das Buch “Volkswirtschaftliche Saldenmechanik” (1978) des deutschen Ökonomen Wolfgang Stützel, welches auch im Bereich der Leistungssalden und Kreditbeziehungen im internationalen Verkehr zwischen Staaten einige erhellende Erkenntnisse bereithält, die offenbar heute nicht mehr zum Standard der wirtschaftlichen und politischen Diskussionen gehören.

Im vierten Kapitel „Das Rangverhältnis zwischen den güterwirtschaftlichen und den finanziellen Bestimmungsgründen für Art und Höhe von Außenhandelssalden“ geht auch Stützel zuerst auf die Bedeutung der ökonomischen Definitionen ein und erläutert die Begriffe Leistungsbilanzsaldo, Kapitalverkehrssaldo und Zahlungsbilanzsaldo.

So legt er dar, dass „jedes Leistungsbilanzsaldo gleichzeitig eine Geldvermögensumschichtung und jedes Defizit der Leistungsbilanz beispielsweise eine genau gleich große Geldvermögensumschichtung vom fraglichen Land zu allen übrigen Ländern“ bedeutet. Er kommt zu dem Schluss, dass ein Land mit Leistungsbilanzdefizit, welches trotz seiner Geldvermögensminderung seine Devisenreserven nicht verringern will, genau in der Höhe dieses Defizits Auslandskredite aufnehmen muss, also Auslandskapital importieren muss.

In einer Gleichung dargestellt definiert Stützel folgendermaßen:
Leistungsbilanzdefizit = Kapitalimport + Verringerung der Devisenreserven

Man könnte auch sagen, dass der Leistungsbilanzsaldo stets gleich dem Kapitalverkehrssaldo plus der Veränderung der Devisenreserven ist.

Diese Definitionsgleichung kann man auch als Bilanz darstellen:
Auf der Aktivseite stehen die Zahlungseingänge aufgrund des Leistungsverkehrs durch Warenexport, Dienstleistungen, Kapitalerträgen und unentgeltlichen Leistungen, sowie des Kapitalimports und der Verringerung der Devisenreserven.
Die Passivseite bilden die Zahlungsausgänge durch Warenimport, empfangene Dienstleistungen, aus Kapitalerträgen, gewährten unentgeltlichen Hilfen, dem Kapitalexport und durch die Vermehrung der Devisenreserven.

Bei diesem üblichen Schema der Zahlungsbilanzstatistik müssen auf beiden Seiten der Bilanz zwangsläufig die gleichen Summen stehen. Stützel schreibt weiter:

Was…in der Gleichheit der beiden Bilanzseiten zum Ausdruck kommt, ist nicht mehr als der völlig triviale Sachverhalt, dass niemand in der Welt während einer beliebig abzugrenzenden Periode mehr kaufen kann als er selbst verkauft, es sei denn, er verringere seine Kasse oder bekomme etwas geliehen.

Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik (1978), S. 125

Dabei seien natürlich normale Lieferantenkredite (also unbezahlte Rechnungen) genau so als Kreditaufnahme zu werten wie die eigentliche Inanspruchnahme von Gelddarlehen.

Weiter führte er aus, dass der Zahlungsbilanzsaldo einer Volkswirtschaft demnach der Saldo zwischen den Zahlungseingängen aus dem Ausland und den Zahlungsausgängen an das Ausland darstelle, unabhängig davon, ob diese Zahlungen aufgrund von Leistungs- oder Kredittransaktionen entstanden sind.

Nach der Klärung der notwendigen Begrifflichkeiten stieg Stützel in die Analyse der Unterschiede zwischen einzel- und volkswirtschaftlichen Leistungsbilanzsalden ein.

Es ging ihm dabei vor allem um die Frage, ob nun die linke „Güter“-Seite der obigen Gleichung, also die Geldvermögensumschichtungen als Abwandlungen des Leistungsbilanzsaldos, oder eher die rechte Seite, die Finanzierungsseite aus dem Saldo des Kapitalverkehrs und den Veränderungen der Devisenreserven, als Ursache oder aber als die Folge für/von Veränderungen der entsprechenden Salden bezeichnet werden könnten.

Einfacher gesagt, wer ist eigentlich „schuld“ an dem Entstehen von Leistungsbilanzdefiziten, der Kreditgeber oder der Kreditnehmer?

Beginnen wir also mit einem einzelnen Unternehmer, der nur über wenige „flüssige“ Mittel (Kassenbestände) verfügt. Wenn dieser über einen gewissen Zeitraum sehr viel mehr kauft als er selbst verkauft hat, kann man davon sprechen, dass er quasi gegenüber „dem Rest der Welt“ ein „Leistungsbilanzdefizit“ aufweist. Logischerweise kann er dieses nur dann bekommen, wenn ihm von anderen ausreichend viele Zahlungsmittel geliehen werden, er demnach einen entsprechenden Kredit aufgenommen bzw. erhalten hat.

Dabei ist es völlig unerheblich, ob er in dieser Phase beispielsweise hohe Gewinne erzielt hat, also sein Sachvermögen gesteigert hat und somit der Ausgabenüberschuss nur durch die rasche Vermehrung seiner Investitionen verursacht wurde.

Ebenso gut könnte er auch Verluste erlitten haben, wenn das Verhältnis zwischen den Preisen der Güterbeschaffung und den Erträgen seines Absatzes besonders ungünstig war und die Kreditaufnahme vor allem der Verlustfinanzierung diente.

Auf jeden Fall wird man bei einem einzelnen Wirtschaftssubjekt, das mit einem geringen Zahlungsmittelbestand sehr große Ausgabenüberschüsse vorzuweisen hat, logischerweise in der Darlehensgewährung die wesentliche Ursache dafür finden, dass es nur so in die Lage versetzt werden konnte, einen solchen Überschuss überhaupt zu erreichen.

Bei der Analyse von Leistungsbilanzdefiziten ganzer Volkswirtschaften dagegen kommt es häufig vor, dass als Erklärung für das Entstehen und die Höhe dieses Defizits schlicht auf die Verschlechterung der Terms of Trade, also der realen Austauschverhältnisse zwischen den exportierten und den importierten Gütern dieses Landes verwiesen wird. Stützel weiter:

Als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre, dass eine Verschlechterung der Austauschrelationen zu einem Leistungsbilanzdefizit führen wird!

Als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre, dass dieses Leistungsbilanzdefizit finanzierungsmäßig entstehen kann, es also selbstverständlich wäre, dass das Defizit durch „passiv“ resultierende Kapitalverkehrssalden und Veränderungen der Devisenreserven schon irgendwie überbrückt wird!

Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik (1978), S. 127/128

Ganz im Gegenteil wies er darauf hin, dass eine solche einseitige „güterwirtschaftliche“ Begründung für die Entstehung von Leistungsbilanzsalden im internationalen Verkehr im Vergleich zu den weiter oben geschilderten Verhältnissen im Binnenverkehr nicht passend sein kann.

Auslandsverschuldung aufgrund der Entwicklung der Leistungsbilanzsalden in der Eurozone

Auslandsverschuldung aufgrund der Entwicklung der Leistungsbilanzsalden (Dullien 2010)
mit freundlicher Genehmigung von diekriseverstehen.net

So wird man es im Binnenverhältnis als völlig normal erachten, dass viele Ausgabenüberschüsse von einzelnen Wirtschaftssubjekten gar nicht erst entstehen können, weil die Betroffenen schlicht keine Kredite erhalten. Hierbei ist die Verschlechterung der Terms of Trade (der Relationen zwischen Beschaffungs- und Absatzpreisen) zuungunsten eines einzelnen Unternehmens ganz sicher kein ausreichender Grund, gerade diesem Betrieb hohe Darlehen zu gewähren und ihm damit ein Leistungsbilanzdefizit zu ermöglichen.

Demnach ist es auch schlicht falsch, den Leistungsbilanzsalden einzelner Betriebe im Binnenverkehr einfach mittels der Betrachtung der Preis- und Produktivitätsentwicklung auf die Spur kommen zu wollen, und dann eine geringe Produktivität und schlechte Terms of Trade für eventuelle Defizite und die umgekehrte Situation für Überschüsse verantwortlich zu machen. Dabei erscheint es ebenso klar, dass man die mit diesen Saldenveränderungen einhergehenden Bewegungen der Kassenbestände (z. B. durch Kreditaufnahmen) nicht einfach nur als passive und ausgleichende Änderungen bezeichnen kann.

Demnach wäre es binnenwirtschaftlich völlig verfehlt, die Leistungsbilanzsalden pauschal als Ursachen und die Bewegungen der Kredit- und Kassasalden einseitig nur als Folgen zu lokalisieren.

Hier stellte sich Wolfgang Stützel dann die Hauptfrage seiner Untersuchungen:

Woher rührt es, dass das, was im Binnenverkehr selbstverständlich ist, dass nämlich Entstehen und Höhe von „Leistungsbilanzsalden“ wesentlich von der Finanzierungsseite her determiniert sind, infolgedessen gerade günstige Terms of Trade gewöhnlich die Ursache für Leistungsbilanzdefizite (hohe fremdfinanzierte Investitionen) und ungünstige die Ursache für Leistungsbilanzüberschüsse darstellen, im internationalen Verkehr mit anscheinend derselben Selbstverständlichkeit völlig außer Betracht gelassen wird?

Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik (1978), S. 129

Stützel war schon damals davon überzeugt, dass die Gründe für diese Haltung nicht in der Sache selbst, sondern vor allem in der Dogmengeschichte der Volkswirtschaftslehre, also in reiner Ideologie, zu suchen wären.

So ist bis heute in der ökonomischen Fachliteratur, aber auch in weiten Kreisen der internationalen volkswirtschaftlichen Experten (u.a. in der OECD, der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds, der Europäischen Kommission und der EZB) offenbar die Auffassung weit verbreitet, dass in der Terminologie der Zahlungsbilanzstatistik der Leistungsbilanzsaldo immer gegenüber dem wie oben bereits festgehalten stets gleich großen Kapitalverkehrssaldo den ursächlichen Vorrang habe, dieser Saldo also beharrlich nur das passive Resultat darstelle.

Aufgrund der bisherigen Ausführungen bleibt daher festzuhalten, dass eine solche Annahme nur eine durch nichts zu beweisende Hypothese darstellt, die den Test mit der Wirklichkeit saldenmechanischer Zusammenhänge nicht bestehen kann, weil der triviale Sachverhalt nicht beachtet wird, dass einzel- und volkswirtschaftliche Ausgabenüberschüsse allein schon deshalb unterbleiben müssen, wenn sich niemand findet, der diese beabsichtigen Überschüsse durch Kredite finanziert.

Bei der Betrachtung der gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die griechischen Schuldenmisere muss uns diese Erkenntnis zu der genauso einfachen wie logischen Schlussfolgerung führen:

Niemand war demnach gezwungen, Griechenland Geld zu leihen, damit es seine Schulden finanzieren konnte
Die brachialen Auswirkungen der neoliberalen „Rettung“ haben stattdessen das Land hoffnungslos weiter überschuldet und den ärmeren Teil der Bevölkerung ins Elend gestürzt. Deshalb wehrt sich auch die neue griechische Regierung so vehement gegen eine Verlängerung dieser Politik. Der neue Finanzminister Yanis Varoufakis erklärte es mit einem einfachen (und im Lichte der Aussage unseres Artikels völlig logischem) Beispiel: „Hätten Sie einer Freundin, die pleite ist, Ihre Kreditkarte gegeben?“

Tatsächlich waren Grossbanken und Hedge Funds nicht gezwungen, Griechenland Milliarden-Kredite zu geben und damit viel Geld zu verdienen. Die eingegangenen Risiken hätten diese Grossbanken selber tragen müssen, anstatt sich auf den Moral Hazard der Staaten der Europäischen Union zu verlassen.
„Es war niemand verpflichtet, Griechenland Milliarden-Kredite zu geben“, bestätigte z. B. Marc Chesney, Professor für «Quantative Finance» an der Universität Zürich. Die Großbanken „waren demnach durchaus in der Lage, die Situation in Griechenland einzuschätzen“.

Natürlich hat Griechenland auch über seine Verhältnisse gelebt, doch ohne die Finanzierung durch die Kredite der Banken wäre das gar nicht möglich gewesen! Somit wurden und werden in der Hauptsache auch nicht die Griechen, sondern vor allem die europäischen Geldinstitute gerettet.

Entwicklung der Leistungsbilanzsalden in der Eurozone

Entwicklung der Leistungsbilanzsalden in der Eurozone (Horn et al. 2009)
mit freundlicher Genehmigung von diekriseverstehen.net

Es war einer der Kardinalfehler bei der Behandlung der griechischen Schuldenkrise, von Anfang an den Fokus hauptsächlich auf vermeintliche und tatsächliche Fehlleistungen der Griechen zu legen und damit einseitig eine moralische Schuldzuweisung vorzunehmen.

Tatsächlich hätte man sich auf die immer geltenden Grundsätze der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik beschränken sollen, zu denen auch die einfache Erkenntnis gehört, dass das Entstehen von Zahlungsbilanzdefiziten die Gewährung von Krediten unbedingt voraussetzt.

Dabei ist es zunächst einmal völlig unerheblich, ob Griechenland seine „Wohltaten“ nun mit eigenem oder geliehenem Geld finanziert hat. Wäre es selbst erwirtschaftet worden, so hätte sich jede Regierung zurecht eine Einmischung von außen verbitten können. Andernfalls ist erst einmal die Frage zu klären, warum irgendjemand angesichts der doch bekannten Finanzgeschichte des Landes überhaupt auf die Idee verfallen konnte, diesem Staat Geld zu leihen in der Hoffnung, dabei auch noch Gewinne zu erzielen.

Stattdessen verzettelt man sich nun seit Jahren in gegenseitigen Schuldzuweisungen und übersieht dabei völlig, dass die bisherigen Lösungsansätze zu nichts anderem als einer weiteren Verschärfung der Krise beigetragen haben.

In diesem Blog habe ich bereits mehrfach auf die Problematik der Leistungsbilanzsalden hingewiesen und die notwendigen Schritte zu einer wirklichen Beendigung der Eurokrise skizziert.

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