Volkswirtschaftliche Saldenmechanik – vergessene Grundlage der Geldtheorie

In den Beiträgen über den Ökonomen Wilhelm Lautenbach und Sparen und Investieren habe ich ja bereits versucht, die grundsätzlichen Gegensätze zwischen den einzel- und gesamtwirtschaftlichen Bedeutungen dieser Begriffe darzustellen.

Eine Volkswirtschaft kann nicht sparen
Eine Volkswirtschaft kann nicht sparen – Grafik: Wolfgang Waldner

Dabei fiel auch der Begriff der „volkswirtschaftlichen Saldenmechanik“, der zufolge Geldschulden und Geldvermögen immer exakt gleich sind, weil die Ersparnisse des einen die Schulden des anderen sind. Mit dieser auf Anhieb doch sehr paradox anmutenden Behauptung will ich mich nun in diesem Artikel etwas näher auseinandersetzen.

Saldenmechanik – Beachtung der Gegenbuchung
Die Grundlage für die Saldenmechanik ist die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR). Diese stellt vereinfacht gesagt die Entstehung, Verteilung und Verwendung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dar. Die VGR besteht dabei aus reinen Buchhaltungs- identitäten, die ohne Berücksichtigung menschlichen Verhaltens allgemeingültig sind. Diese Zusammenhänge bildet auch die Saldenmechanik ab, die die Volkswirtschaftslehre damit auf ein Fundament logischen gesamtwirtschaftlichen Denkens stellt.

Die Saldenmechanik unterscheidet sich von den sogennanten „Modellen“ der herkömmlichen makroökonomischen Theorien, weil sie sich nur auf die Analyse von Veränderungen des Nettogeldvermögens, also der Differenz zwischen Forderungen und Verbindlichkeiten (Schulden) konzentriert.

Sie bezieht sich dabei nur auf die Zusammenhänge, über die sich streng Allgemeingültiges aussagen läßt, und eben nicht auf solche, die vom menschlichen Verhalten abhängen. Dabei geht es meist um eigentlich recht primitive Dinge, wie z. B. um die wirtschaftliche Bedeutung von Tätigkeiten von Marktteilnehmern gegenüber dem „Rest der Weltwirtschaft“.

So ist demnach zu beachten, dass stets, wenn ein Teilnehmer mehr verkauft und einnimmt als er selbst kauft und ausgibt, die „übrige Weltwirtschaft“ in der gleichen Periode einen gleichgroßen Überschuß ihrer Käufe über ihre gleichzeitigen Verkäufe haben wird, da offensichtlich jeder Verkaufsakt für den Partner einen Kauf darstellt.

Dies heißt nichts anderes, als dass bei jeder Buchung auch die Gegenbuchung des Geschäftspartners zu beachten ist, also der Verkauf des einen der Kauf des anderen ist. Gesamtwirtschaftlich bedeutet das, daß die Summe der Ausgaben einer Periode stets gleich der Summe der Einnahmen einer Periode sein muß.

Damit ist die Saldenmechanik nichts anderes als die volkswirtschaftliche Anwendung des Rechensatzes 2+2=4.

Entwickelt wurde die Saldenmechanik übrigens von dem deutschen Ökonomen Wolfgang Stützel, der dabei die Erkenntnisse von Wilhelm Lautenbach weiterentwickelte.

Grundbegriffe und Lehrsätze der Saldenmechanik
Bei der Untersuchung saldenmechanischer Zusammenhänge muss zwischen drei verschiedenen Ebenen unterschieden werden:

1) Gesamtheiten jeweils aller gleichartigen Wirtschaftssubjekte, d.h. etwa die Gesamtheit aller Haushalte, die Gesamtheit aller Unternehmen oder auch die Gesamtheit aller Wirtschaftssubjekte zusammengenommen;
2) Gruppen gleichartiger Wirtschaftssubjekte: eine Gruppe umfasst eine (um mindestens eins) geringere Anzahl als die Gesamtheit der jeweiligen Wirtschaftssubjekte;
3) Einzelne Wirtschaftssubjekte der jeweiligen Art, d.h. einzelne Haushalte, einzelne Unternehmer usw.

Mit dieser Terminologie lässt sich jede Gesamtheit von Wirtschaftssubjekten mindestens unterteilen in eine Gruppe (die auch nur aus einem einzelnen Wirtschaftssubjekt bestehen kann) und die jeweilige Komplementärgruppe. Gruppe und Komplementärgruppe bilden dann umgekehrt die Gesamtheit einer bestimmten Art von Wirtschaftssubjekten.

Zentraler Inhalt der Saldenmechanik ist nun die Tatsache, dass viele wirtschaftliche Sachverhalte immer nur für einzelne oder Gruppen von Wirtschaftssubjekten gelten, nicht jedoch für die Gesamtheit der Wirtschaftssubjekte.

Wolfgang Stützel hat das in seinem Buch „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik“ (1978, S. 22) so definiert:

Setzt die Existenz eines Sachverhaltes bei einem Wirtschaftssubjekt aber in dieser Weise voraus, daß noch andere Wirtschaftssubjekte derselben Art vorhanden sind, dann kann dieser Sachverhalt offensichtlich höchstens bei jeder Gruppe derartiger Wirtschaftssubjekte auftreten; er kann aber nicht bei der Gesamtheit aller derartigen Wirtschaftssubjekte auftreten.

Die Aussage über einen solchen Sachverhalt, der für ein einzelnes Wirtschaftssubjekt (oder eine Gruppe von Wirtschaftssubjekten) gilt, wird als Partialsatz bezeichnet; demgegenüber ist der Satz, der für die Gesamtheit von Wirtschaftssubjekten gilt, logischerweise der Globalsatz. Die Beziehung zwischen beiden wird als Satz zur Größenmechanik definiert.

Zu beachten ist dabei noch, dass diese Definitionen sich gegenseitig ausschließen. „Partialbegriffe“ können also niemals „Globalsätze“ sein.

Zur Bedeutung von Partialsätzen für die Wirtschaftstheorie merkte Stützel an (S. 26):

…denn nahezu alle Einzelplanung der Haushalte, Unternehmer und Banken beruht im Grunde (mit Recht) auf Sätzen dieses Typus: Um nur ein paar Beispiele zu nennen:
Wenn man weniger für Konsum ausgibt, vergrößert man den Realwert seines Gesamtvermögens. Wenn man mehr investieren will, braucht man mehr Kredite.

Allgemein gilt dabei:

Einnahmeüberschüsse einer Gruppe sind nur möglich, wenn die Komplementärgruppe einen Ausgabenüberschuss ermöglicht. Wirtschaftsbeziehungen sind immer zweiseitig, weil jeder Ausgabe eine Einnahme entspricht und jeder Schuld eine Forderung. Wenn eine Wirtschaftseinheit mehr einnimmt als sie ausgibt, muss die Komplementärgruppe mehr ausgeben als einnehmen.

Saldenmechanik
Veränderung des Nettogeldvermögens, weil Ausgabenüberschüsse = Einnahmenüberschüsse der Komplementärgruppe – Grafik: Wolfgang Waldner

Daraus ergeben sich drei Kern-Lehrsätze:
a) Einnahmen = Ausgaben
Die Ausgaben des Einen sind die Einnahmen des Anderen und umgekehrt.
b) Geldforderungen = Geldschulden
Eine Ökonomie kann durch das Sparen von Geld nicht reicher werden. Die Summe aller Geldvermögen und Schulden ist immer Null. Die Höhe der Geldvermögen bestimmt die Höhe der Schulden.
c) Einnahmenüberschuss eines Sektors der Ökonomie = Ausgabenüberschuss der anderen Sektoren
Sobald alle Sektoren einer Ökonomie konsequent und unbeirrbar versuchen würden, weniger auszugeben als sie einnehmen, würde die Ökonomie sofort zum völligen Stillstand kommen = Sparparadoxon.

Bedeutung der Saldenmechanik für die moderne Ökonomie
Zurück zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung: Bei der Betrachtung der Gesamtwirtschaft werden die einzelnen Wirtschaftssubjekte zu Sektoren aggregiert. Im Rahmen der VGR handelt es sich um vier: die privaten Haushalte, die Unternehmen, der Staat und das Ausland.

Vereinfacht dargestellt führen einzelwirtschaftliche Entscheidungen von Markt- teilnehmern zu gesamtwirtschaftlichen Saldenbildungen dieser Sektoren, die in der Regel in Einnahme- oder Ausgabeüberschüssen münden.

Da aber die Einnahmen des Einen zwingend die Ausgaben des Anderen sind, bedeutet der Einnahmenüberschuss des Einen zwingend einen Ausgabenüberschuss des Anderen. Der positive Saldo des Einen ist zwingend gleich dem negativen Saldo des Anderen.

Weil daher, wie oben beschríeben, das gleichzeitige Sparen aller Sektoren zum Schuldenabbau nicht möglich ist, bzw. zum Zusammenbruch der Wirtschaft führt, muss dabei berücksichtigt werden: die geplanten Einnahmeüberschüsse des einen Sektors müssen kleiner oder gleich den geplanten Ausgabeüberschüssen des anderen sein.

Dies bedeutet aber nichts anderes als die bereits mehrfach nachgewiesene Feststellung:

Auch unter Berücksichtigung der Saldenmechanik führt vermehrtes Geldsparen der Einen eben gerade nicht zu mehr Investitionen, sondern im Gegenteil zu einem erheblichen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität und daraus folgend zu erhöhtem Nachfrageausfall, wenn nicht durch eine entsprechende Schuldenaufnahme anderer gegengesteuert wird.

Ebenso hatte Stützel (s. 3) bereits 1958 noch ein schönes Beispiel parat:

Wir wollen von jener Karikatur des politischen Wahlredners absehen, der in einem Atemzug auf die unverantwortlich hohen Steuern und Staatsschulden hinweist und höhere Subventionen, höhere Renten und höhere Gehälter für alle Beamten verspricht…

In einem weiteren Beitrag werde ich nochmal anhand einiger Beispiele wie das Konkurrenz- und das Sparparadoxon ausführlicher auf mögliche Anwendungsfälle der Saldenmechanik zurückkommen.

Quellen:
Da die Grundsätze der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik seit den 50er Jahren feststehen und ich hier nicht das Rad neu erfinden möchte, habe ich Formulierungen aus folgenden Quellen verwendet:
aus dem Buch „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik“ Mohr, Tübingen 1978 (Nachdr. der 2. Aufl., 2011, Mohr Siebeck) von Wolfgang Stützel

Volkswirtschaftliche Saldenmechanik

sowie von:
wikipedia: Saldenmechanik
pinkepinke.net – Volkswirtschaftliche Saldenmechanik

Teilen mit...Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someonePrint this page
Dieser Beitrag wurde unter Ökonomie abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.