Wettbewerb der Nationen als saldenmechanisches Paradoxon

Wie in dem Beitrag Der Wettbewerb der Nationen bereits angesprochen, will ich hier diesen Konkurrenzkampf der Staaten einmal unter der Lupe der saldenmechanischen Grundsätze betrachten.

Private setzen auf Sparen
Grafik: Hans-Böckler-Stiftung

Wie aus der obigen Grafik ersichtlich, haben nicht nur fast alle EU-Staaten im Zuge der Euro-Krise ihre Finanzpolitik umgestellt und „sparen“ nun. Ebenso sind auch die Privaten in ihrer Mehrheit dazu übergegangen, eine ähnliche Politik zu verfolgen.

Wie aber kann es dann sein, dass diese „Spar“-Politik in Europa momentan so wenig Erfolg hat? Die Arbeitslosenquoten in den Krisenländern steigen genauso wie die öffentlichen Schuldenstände (hierzu siehe diverse Beiträge auf www.querschuesse.de). Wie kann das sein, wenn doch alle sparen?

Das Konkurrenzparadoxon wirkt auch beim Wettbewerb der Nationen
In dem Beitrag Saldenmechanik – erklärende und vertiefende Beispiele hatte ich bereits den Begriff des Konkurrenzparadoxons näher erläutert.

Auf volkswirtschaftlicher Ebene führt die Anwendung einzelwirtschaftlicher Wettbewerbsgedanken genau zu diesen Problemen, die mit dem „Konkurrenzparadoxon“ so passend bezeichnet werden. Dabei ist in erster Linie die Vorstellung nicht richtig, dass Kostensenkungen gleich welcher Art mit unternehmerischem Wettbewerb gleichgesetzt werden könnten und in jedem Fall immer erfolgreich und zum gesamtwirtschaftlichen Wohle einer Volkswirtschaft sind.

Sicherlich, wenn ein Unternehmen seine Kosten senkt, erhöht es ohne Zweifel seine Wettbewerbsfähigkeit und damit zumeist auch seinen Marktanteil. Doch gilt das, was für eine Firma richtig ist, auch für die Gesamtheit aller Unternehmen? Gibt es nicht, wenn man die saldenmechanische Logik im Sinne eines Wolfgang Stützel und seines Vorgängers Wilhelm Lautenbach beachtet, Nullsummenspiele, bei denen am Ende keiner wirklich gewinnen kann?

Betrachten wir dies mit Hilfe eines einfachen Beispiels:
Ein Unternehmen senkt seine Kosten, indem es seine Beschäftigten davon überzeugt, auf Teile des Lohnes oder eine Erhöhung desselben zu verzichten. Dieser Abbau von Kosten der einen Firma aber wirkt sich zwingend auf die anderen Unternehmen als Verminderung der Einnahmen aus. In der Folge müssen auch diese rationalisieren und ebenfalls die Kosten senken. Bei einigen führt dies dann im Endeffekt auch zum Abbau von Arbeitsplätzen. Damit sinken dann aber auch die Einkommen der privaten Haushalte in ihrer Gesamtheit und damit auch ihre Ausgaben für Güter, die von diesen oder/und anderen Unternehmen produziert werden.

Ist der Staat verpflichtet, die Arbeitslosen zu unterstützen, so steigen seine Ausgaben und seine Einnahmen gehen wegen sinkender Steuererträge zurück. Hat er sich aber entschlossen zu sparen, so wird er versuchen, sein Defizit durch Einsparungen an anderer Stelle konstant zu halten. In der Summe sinken damit die Einnahmen der Unternehmen weiter, weil neben den privaten Haushalten nun auch der Staat spart.

Die Kostensenkung (Sparen) eines Unternehmens führt aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht zu einer Verbesserung der Lage der Unternehmen insgesamt, da immer die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen sind.

Anders verhält es sich bei dem „echten“ Wettbewerb der Unternehmen, nämlich dem um Ideen und Innovationen. Hat ein Firmeninhaber einen Einfall, wie man die bereits vorhandenen Faktoren Kapital und Arbeitskraft effektiver miteinander kombinieren kann, so kann er schlussendlich aufgrund der gestiegenen Produktivität seines Betriebes seine Produkte billiger anbieten.

Über alle Unternehmen als Gesamtheit hinweg haben solche gesunkenen Preise vor allem mehr Kaufkraft zur Folge, weil entweder die Güter diese Pionierbetriebes bei gleicher Belegschaft mehr nachgefragt werden oder über die gesteigerte Kaufkraft andere Güter gekauft werden, deren Produzenten dadurch mehr Arbeitsplätze schaffen können.

Dieser echte unternehmerische Wettbewerb ist immer positiv zu bewerten, weil er im Gegensatz zur reinen Kostensenkung eben kein Nullsummenspiel ist.

Wettbewerb der Nationen als „echter“ unternehmerischer Wettbewerb?
Wie zu Beginn unserer Überlegungen bereits ausgeführt, wird ja gerade in Deutschland der Wettbewerb der Nationen gleichgesetzt mit dem unternehmerischen Wettstreit. Ebenso wird der positive „Output“ dieses Konkurrenzkampfes der Staaten beschworen.

Nun, schon im ersten Teil haben wir gesehen, dass der reine Kostensenkungswettlauf der Staaten z. B. über Steuersenkungen in keinster Weise mit dem Wettbewerb der Unternehmer um neue Produkte und Produktionsverfahren zu vergleichen ist. Im Gegenteil sind gerade Steuersenkungen oder Lohndumping nicht innovativ, sondern zwingen andere Nationen dazu, das zu tun, was andere schon vorher gemacht haben.

Gewinnen wird dabei letztendlich niemand, da wir es dann mit dem geradezu klassischen Fall eines Konkurrenzparadoxon zu tun haben. Im Gegenteil, es ist davon auszugehen, dass alle verlieren werden, wenn Regierungen dabei überziehen und ihre Staaten so sehr schwächen, dass sie ihre ureigensten Aufgaben nicht mehr zufriedenstellend erfüllen können.

Was passiert mit den Verlierern des Staaten-Wettkampfs?
Ein weiteres, vielleicht noch gravierenderes Problem entsteht bei der Gleichstellung des Konkurrenzkampfes der Nationen mit dem unternehmerischen Wettbewerb. Ein Unternehmen kann es sich zum Ziel machen, durch Innovationen oder aber durch schlichte Kostensenkungen ein anderes Unternehmen endgültig vom Markt zu verdrängen.

Passiert dies durch die Anwendung neuer Produktionsverfahren oder anderen fortschrittlichen Ideen, so kann sich dieser Verdrängungsprozess zwischen Unternehmen durchaus aufgrund obengenannter Folgen positiv auf die Gesamtwirtschaft auswirken.

Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn ein Staat „siegreich“ aus dem Wettkampf der Nationen hervorgeht. Ein wirtschaftlich „besiegter“ bzw. „verdrängter“ Staat kann seinen Bürgern nicht mehr die notwendigen Einkommensquellen zur Verfügung stellen, was letztlich dazu führt, dass sie die Güter der überlegenen Nation nicht mehr kaufen können. Um den Staus Quo aufrecht erhalten zu können, muss der Sieger dann die Unterlegenen alimentieren, um ihnen überhaupt noch etwas verkaufen zu können.

Die Wiedervereinigung nach 1989 ist ein geradezu klassisches Beispiel eines solchen staatlichen Verdrängungswettbewerbs.

Ein souveräner Staat wird allerdings in der Regel Mittel und Wege suchen, um sich in diesem Wettkampf der Nationen wehren zu können. Folge dieser Entwicklung sind dann Abwertungs- und Kostensenkungswettläufe, die bei den momentan niedrigen Inflationsraten unausweichlich direkt in eine Deflationsspirale führen.

Synonym gilt dies übrigens ähnlich auch für den privaten Sektor: wenn alle nur sparen, wie aus der eingangs dargestellten Tabelle ersichtlich, und daraufhin die notwendigen Investitionen fehlen, ist die deflationäre Entwicklung nicht zu verhindern, vor allem dann, wenn auch die Staaten das Gleiche tun.

Der Wettbewerb der Nationen ist also immer ein Abwertungswettlauf mit anderen Mitteln. Steht wie in der europäischen Union das Mittel der Abwertung der Währung den einzelnen Staaten aber nicht zur Verfügung, so muss die Lektion aus der Eurokrise und den zahlreichen anderen Desastern der letzten Jahrzehnte sein, die Erträge aus der wirtschaftlichen Entwicklung im Inland zu konsumieren und das Entstehen von Handelsungleichgewichten als Folge unterschiedlicher Lohnstückkostenentwicklungen zu verhindern bzw. abzubauen.


mit freundlicher Genehmigung von diekriseverstehen.net
Grafik ursprünglich aus Spiecker, F. (2012): Vortrag im Bruno Kreisky Forum, Wien

Dies bedeutet, wie bereits in diesem Blog öfter gefordert, dass die Produktionszuwächse der einzelnen Nationen der Währungsunion für inländische Lohnsteigerungen verwendet werden sollten, so dass die Lohnstückkosten sich nach diesen Steigerungen der Produktivität sowie des Inflationszieles der Europäischen Zentralbank entwickeln können (siehe auch Warum sollte die Inflation in der EURO-Zone in die Lohnerhöhungen mit einfließen? und Zusammenhang Löhne, Produktivität, Lohnstückkosten und Inflation).

Erstaunlich ist, dass bereits Wolfgang Stützel in den Fünfziger-Jahren und vor ihm Wilhelm Lautenbach in der großen Weltwirtschaftskrise zu ähnlichen Gedanken über den Wettbewerb der Nationen gekommen sind.

So schrieb Stützel in seiner Einleitung zu Lautenbachs Werk Zins, Kredit und Produktion (PDF; 1,6 MB):

Alle Länder wollen…mehr exportieren als importieren. Es ist wieder von vornherein klar, daß sie nicht zum Ziel kommen werden. Grundsätzlich theoretisch gibt es hier zwei Möglichkeiten. Entweder betreiben alle Staaten aktive Exportförderung und lassen die Importe frei: In einem Taumel internationaler Austauschlust wird das Gesamtexportvolumen steigen, ohne daß in summa irgend jemand mehr exportiert als importiert hätte.

Oder aber – und das ist das Wahrscheinlichere und leider immer wieder historisch Gegebene: Man wird zur Gewinnung eines aktiven Leistungsbilanzsaldos die Importe zu beschränken suchen.

Damit kann auch kein Land mehr seinen Export steigern. Im Gegenteil. Das allgemeine Streben nach einer Differenz zwischen Export und Import wird das Gesamtaustausch- volumen kumulativ zurückgehen lassen. Das Ergebnis ist Kampf um Absatzmärkte, internationaler Konkurrenzneid, Krieg zunächst aller gegen alle und schließlich vielleicht «Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus»!

Dieser Beitrag wurde unter Ökonomie abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.