„Vier Schalker in Paris“: gepflegte Langeweile und einige Last-Minute-Tore

Lediglich Freunde der soliden und damit auch erfolgreichen Defensivarbeit konnten beim 0:0 der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen in der ersten Halbzeit einen gewissen Spannungsmoment erkennen.

Maillot géant équipe de France
Französische Fan-Kurve im Stade de France (Paris)

Alle anderen werden diese 45 Minuten schlichtweg nur gelangweilt haben. Die polnische Elf kam zu überhaupt keinem Torabschluss, und auch Jogi Löws Mannen machten es nicht viel besser.

Angst und Bange kann einem in diesem Zusammenhang nur um die Bundesliga werden. Sollten Manuel Neuer, Jerome Boateng und Mats Hummels bei Bayern München in der nächsten Saison ähnlich erfolgreich verteidigen wie jetzt bei dieser EM, dann sehe ich echt schwarz für den Rest der Liga. Hat eigentlich schon mal eine Mannschaft eine Spielzeit ohne Gegentor absolvieren können? Doch ich schweife etwas ab… 😉

Also wieder zurück zur EM: nach dem Pausentee kam wenigstens etwas mehr Pfiff in die Partie, vor allem weil beide Teams sich wieder daran erinnerten, dass man ohne Offensivaktionen nun einmal nicht gewinnen kann. Doch wie soll man Tore ohne echten Stürmer erzielen?

Mario Götze offenbarte sich bisher in diesem Turnier in dieser Hinsicht als Totalausfall, anders kann man es leider nicht sagen. Sein Namensvetter Gomez blieb über 20 Minuten gegen Polen ebenfalls blass, vor allem aber auch wegen des Mangels geeigneter Zuspiele.

Und da sind wir dann auch schon beim bisher größten Problem dieser deutschen Nationalmannschaft in Frankreich: der schwachen Offensive. Während Boateng, Hummels und Co. bereits optimal in dieses Turnier gestartet sind und nach einigen Wacklern im Ukraine-Spiel Robert Lewandowski und Arkadiusz Milik erfolgreich an die Kette legten, blieben die Bemühungen nach vorn bisher meistens Stückwerk.

Julian Draxler, Andrè Schürrle, Thomas Müller und eben Götze: keiner der genannten ist bis dato durch besondere Kreativität aufgefallen, Mesut Özil und Toni Kroos ließen zumindest ansatzweise genau diese Eigenschaft aufflackern. Doch insgesamt fiel die offensive Aktivität gegenüber der Defensivarbeit deutlich ab.

Daran ist auch ein Benedikt Höwedes nicht ganz unschuldig. Während er aufgrund seiner Abwehrarbeit seinen Platz in der Viererkette wohl sicher haben dürfte, bleibt ansonsten nur die profane Erkenntnis: Benni ist eben kein Philipp Lahm…

Und darunter leidet dann gleichermaßen das Spiel der Nationalelf. Während Jonas Hector auf links über weite Strecken den modernen Außenverteidiger mit Drang nach vorn gab, lief über die rechte Außenbahn so gut wie nichts. Dabei spielte sicherlich auch die Formschwäche von Thomas Müller eine wichtige Rolle, die zudem zur Folge hatte, dass Höwedes oft ignoriert wurde, wenn er sich denn dann mal in die Offensive getraut hatte. Erst kurz vor Schluss kombinierte sich Deutschland einmal erfolgreich über diese Seite nach vorn, doch Benni legte sich den Ball zu weit vor.

Unverständlich blieb auch, warum der Bundestrainer gegen die aufgrund der hohen Intensität der Begegnung allmählich schwächelnde polnische Betonabwehr anstelle des leicht ausrechenbaren Schürrle nicht Leroy Sanè einwechselte. In der letzten halben Stunde hätte der schnelle Schalker die Lungen von Lukasz Piszczek und Artur Jedrzejczyk noch mal so richtig zum Pfeifen und der statischen deutschen Offensive einige überraschende Momente bringen können.

So muss man am Ende mit einem leistungsgerechten 0:0 zufrieden sein und den touristischen Ausflug in den Pariser Prinzenpark am Dienstag wieder in einen normalen Arbeitstag umwandeln, denn die überraschend starken Iren werden dann wohl um jeden Quadratmeter Boden „fighten“.

Was gibt es sonst noch rund um die „vier Schalker auf großer Frankreich-Rundfahrt“?

Alessandro Schöpf erlebte mit Österreich einen wahren Horrorauftakt bei dieser EM. Als Favorit gegen die Ungarn ins Spiel gegangen, durfte der Schalker Außenstürmer gut eine Viertelstunde live mit dabei sein, wie ausgerechnet Bundesligaabsteiger Adam Szalai (zwei blau-weiße !! 😉 ) und der selbst beim Zweitligisten 1. FC Nürnberg oft nur auf der Bank sitzende Zoltàn Stieber die Alpenkicker nach allen Regeln der Kunst zerlegten.

Mal schauen, ob Schöpfi in den verbleibenden Partien etwas mehr Zeit bekommt, um dabei mitzuhelfen, Austrias Debakel noch zu verhindern. Zu gönnen wäre es ihm auf jeden Fall.

Und dann die Causa Neustädter: Interessant finde ich, dass die russischen Medien ihn nach seinem Auftritt in der ersten Halbzeit gegen die Slowakei laut WAZ stark kritisierten. Er habe „kein Charisma und keine Kreativität“ und „Neustädter kämpft nicht, spielt keine scharfen Pässe nach vorne. Was nutzt so ein eingebürgerter Spieler, wenn es in Russland fünf oder sechs auf dem gleichen Niveau gibt?“

Da kann ich nur sagen, willkommen im Club, russische Medien! Seit seinem unerklärlichen Leistungsabfall im Winter 2012 ist dies auch das vorherrschende Thema unter Schalker Fans, wenn es um Roman Neustädter geht. Da hab ich mich nach dem England-Spiel noch weit aus dem Fenster gelehnt und ihn sogar noch gelobt, und nun ist das nächste Loch schon wieder da. Wer dabei mal nicht an seine letzten Auftritte im Schalker Trikot denken muss…

Und die Last-Minute-Tore? Nun ja, vor allem Gastgeber Frankreich mit Dimitri Payet hat sich da bisher besonders hervorgetan. Der ansonsten für West Ham United kickende Stürmer erzielte sowohl das 2:1 gegen Rumänien als auch das 2:0 gegen Albanien in der 89. bzw. 90. Minute.

Daniel Sturridge traf für England gegen Wales ebenfalls eine Minute vor Schluss zum 2:1-Siegtreffer. Die „Thommies“ waren ihrerseits zuvor vom russischen Kapitän Wassili Beresuzki in der Nachspielzeit um den Traum vom Auftakterfolg gebracht worden.

Spaniens Gerard Piquè bewahrte den ehemaligen Europameister drei Minuten vor dem Ende gegen Tschechien vor einem Fehlstart und der Italiener Graziano Pellè stürzte „Geheim“-Favorit Belgien in der Nachspielzeit in eine erste Sinnkrise. Zoltàn Stiebers Treffer ebenfalls in der 87. Minute traf dagegen Österreich mitten ins Herz. Und über Bastian Schweinsteiger wollen wir in diesem Zusammenhang erst gar nicht reden.

Vielleicht sollte man den Fernseher tatsächlich erst Mitte der zweiten Halbzeit anschalten. Bis dahin kann man bestimmt noch einige sinnvollere Beschäftigungen finden und man verpasst auch nicht wirklich viel…

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