John Maynard Keynes: Preis-Rigiditäten und Arbeitslosigkeit

Es gibt leider immer noch viele Mainstream-Ökonomen, die weiterhin der Ansicht sind, dass Preis- und Lohnrigiditäten die Hauptursachen für Arbeitslosigkeit seien. Noch schlimmer ist dabei allerdings, dass einige von ihnen sogar glauben, dass diese Starrheiten auch für John Maynard Keynes als Begründung für die hohe Arbeitslosigkeit in der Großen Depression galten.

Bundesarchiv Bild 102-10246, England, Arbeitslose vor Gewerkschaftshaus
Arbeitslose vor einem Gewerkschaftshaus in London (1930)

Doch das ist natürlich blanker Unsinn. Denn obwohl Keynes dem Thema der Lohn- und Preisrigiditäten beträchtliche Aufmerksamkeit in seinem Werk „General Theory“ gewidmet hatte, vertrat er diese Ansicht ganz sicherlich nicht.

Seitdem die Gewerkschaften und Arbeitnehmer nominale Lohnverhandlungen führten, waren sie nach Keynes bereit, im Gegensatz zu den klassischen Annahmen durch Preissteigerungen verursachte geringere Reallöhne eher zu akzeptieren, jedoch sich aufgrund niedrigerer Nominallöhne fallenden Reallöhnen zu widersetzen.

Allerdings hielt Keynes es trotzdem für falsch, „zyklische“ Erwerbslosigkeit diesem unterschiedlichen Agentenverhalten zuzuschreiben. Während der Depression waren die Geldlöhne deutlich gesunken, während – wie Keynes anmerkte – die Arbeitslosigkeit trotzdem weiter anwuchs. Selbst wenn also die Nominallöhne gesenkt werden, verringern sie nicht generell die Erwerbslosigkeit.

In jedem spezifischen Arbeitsmarkt könnten niedrigere Löhne natürlich die Nachfrage nach Arbeitskräften erhöhen. Doch eine allgemeine Senkung der Geldlöhne würde die Reallöhne mehr oder weniger unverändert lassen. Die Begründung der klassischen Ökonomen war nach Keynes ein eklatantes Beispiel für einen „Trugschluss der Verallgemeinerung“.

Mit der Annahme, dass, da die Arbeitnehmer und ihre Vertreter in einem bestimmten Arbeitsmarkt Reallohnsenkungen durch Senkung der Nominallöhne aushandeln könnten, sie im Allgemeinen das Gleiche tun würden, würden die Klassiker Mikro mit Makro verwechseln.

Das Absenken der Nominallöhne sorgt nach Keynes nicht für eine komplette Räumung des Arbeitsmarktes. Die Verringerung der Löhne – und möglicherweise auch der Preise – könnte vielleicht für niedrigere Zinsen und erhöhte Investitionen sorgen. Doch für Keynes wäre es wesentlich einfacher, diesen Effekt durch eine Erweiterung der Geldmenge zu erreichen. In jedem Fall wurden Lohnsenkungen von Keynes nicht als ein allgemeiner Ersatz für eine expansive Geld- oder Fiskalpolitik angesehen.

Auch wenn es potenziell positive Auswirkungen durch Lohnsenkungen gibt, existieren gleichzeitig sehr viel stärker ins Gewicht fallende negative Auswirkungen – Verschlechterung der Beziehungen zwischen Gewerkschaften und den Unternehmern, aufgrund weiterer Lohnabsenkungen erwartete verzögerte Investitionen, Schuldendeflation usw.

Was also Keynes eigentlich in seiner „General Theory“ ausführte, war, dass die klassische These, durch die Absenkung der Löhne die Arbeitslosigkeit zu verringern und damit letztlich die Volkswirtschaften aus der Depressionen zu führen, unbegründet und grundsätzlich falsch sei.

Für Keynes würden flexible Löhne alles nur noch schlimmer machen, indem sie zu unberechenbaren Preisschwankungen führten. Die grundlegende Erklärung für die Arbeitslosigkeit sei eine unzureichend aggregierte Nachfrage, und diese werde vor allem außerhalb des Arbeitsmarktes bestimmt.

(eigene Übersetzung eines Blogbeitrages des schwedischen Ökonomen Lars Syll)

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