Geldtheoretische Bestimmungsgründe für den Kapitalzinssatz und deren Auswirkungen auf die Wirtschaftspolitik

In meinem Beitrag Die duale Bedeutung des Geldes: Zahlungsmittel und Geldvermögen hatte ich die Beziehungen des modernen Geldwesens hauptsächlich anhand der Einnahmen-/Ausgabenrechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen betrachtet.

Money closeup
Nahaufnahme einer Dollar-Banknote

Da es jedoch nicht unüblich ist, die gesamtwirtschaftlichen Zahlungs- und Geld-vermögensströme mit Hilfe der Einkommensrechnung darzustellen, soll hier nun eine entsprechende Transformation der salden- mechanischen Grundsätze erfolgen, wie sie schon Wolfgang Stützel in seinem Buch „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik“ vorgenommen hat.

Zur Transformation der bisherigen Sätze und Ableitungen aus der „Einnahme-Ausgabe-Sprache“ in die „Einkommenssprache“ braucht man lediglich folgende Definition:

Einkommen eines Wirtschaftssubjekts = Vermögenszuwachs + Konsum

Vermögenszuwachs eines Wirtschaftssubjekts = Sachvermögenszuwachs + Geldvermögenszuwachs

Stützel: „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik” (1978, S. 76)

Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass man zwar den Umfang von Geldvermögensänderungen jederzeit genau in „Geld“ auszudrücken vermag, da Geldvermögen ja in Geldeinheiten ermittelt wird, dies aber auf die Feststellung von Sachvermögen zumeist nicht zutrifft. Die Größe von Sachvermögensänderungen kann man nur dann in Geldeinheiten festlegen, wenn man eine eindeutige und allgemeingültige Formel zur Bewertung von Sachvermögen bilden könnte.

Aufgrund der völlig unterschiedlichen Wertermittlungen verschiedener Sach-vermögensarten gibt es diese allerdings nicht. Trotzdem bleibt es durchaus möglich, auch in der Einkommensrechnung allgemeingültige bilanzielle Zusammenhänge festzuhalten.

In der Einnahme-Ausgabe-Rechnung ist ja bekanntermaßen folgender gesamtwirtschaftlicher Grundsatz gültig:
Die Summe aller Geldvermögen ist 0, die Summe aller Geldvermögensänderungen in einer Periode bleibt stets 0.

Betrachtet man nun die einzelwirtschaftlichen Sachvermögensveränderungen zusätzlich zu den Geldvermögensänderungen nach den oben festgelegten Definitionen, so wird man feststellen, dass selbst bei divergierenden Vermögensvergrößerungen (die einzelnen Wirtschaftsobjekte können ja ihre Sach- und/oder Geldvermögen unterschiedlich verändert haben) die Summe aller einzelwirtschaftlichen Vermögensvergrößerungen stets genau der Summe aller einzelwirtschaftlichen Sachvermögensvergrößerungen entsprechen wird, da die Summe aller Geldvermögensänderungen ja notwendigerweise 0 ist.

Bezeichnet man zusätzlich die Sachvermögensvergrößerungen als Investitionen (i) und die Geldvermögensvergrößerungen als Sparen (s), so erhält man obige Definition als die S=I-Formel, die ja der bekannten Keynes’schen Investitionsgleichung aus dem Vereinfachten Kreislaufmodell entspricht.

Nach den Grundsätzen der Saldenmechanik ergibt dies folgende Transformation in die Einkommensrechnung:

Partialsatz: Bei jedem Wirtschaftssubjekt und jeder Gruppe kann der Zuwachs des eigenen Vermögens vom Zuwachs des eigenen Sachvermögens abweichen (Sie können nämlich ihr Geldvermögen verändern).

Globalsatz: In der Gesamtwirtschaft und im Durchschnitt aller Einzelwirtschaften ist die Vermögensvermehrung stets genau gleich der Sachvermögensvermehrung. Falls Beobachtungen zu einem anderen Ergebnis kommen, sind sie falsch.

Stützel: „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik” (1978, S. 78/79)

Wie üblich sind diese Elementarsätze der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik grundsätzlich immer gültig, unabhängig von allen Erwägungen bsw. aus den Bereichen der Preistheorie oder der Verhaltensforschung.

Nimmt man den Konsum und die Investitionen aus dem Kreislaufmodell mit in die Satzgruppen auf, so ergeben sich folgende Beziehungen:

Partialsatz: Je größer die Aufwendungen für Konsum und Investition, desto mehr/weniger übersteigen/unterschreiten sie das laufende Einkommen.
Globalsatz: Auch bei beliebiger Vermehrung und Verminderung der Gesamt-aufwendungen für Konsum und Investition werden diese stets gleich groß sein wie das laufende Einkommen.

Der Globalsatz enthält dabei die Summierung des einzelwirtschaftlichen Einkommens gemäß anfänglicher Definition als „Sachvermögenszuwachs + Geldvermögenszuwachs + Konsum“, wobei dann der Geldvermögenszuwachs für die Gesamtwirtschaft eigentlich verschwinden kann, da er ja bekanntlich immer Null ist.

Wendet man das obige Satzpaar auf die Gruppe der Unternehmer in ihrem Verhältnis zu allen Nichtunternehmern an, so erhält man folgende Größenmechanik:
Die Unternehmergewinne bleiben stets nur genau um jenen Betrag hinter dem Unternehmeraufwand für Konsum und Investition zurück, um den die Nichtunternehmer Einnahmeüberschüsse bilden („sparen“).

In der Einkommensrechnung entspricht das der Gleichung Unternehmergewinn = Investition + Unternehmerkonsum ./. Ersparnis der Nichtunternehmer, die John Maynard Keynes bereits in seinem Werk „A Treatise on Money“ entwickelt hatte.

Aus dieser Gleichung folgt dann logischerweise auch die Größenmechanik zum konstanten Erhalt der Summe der Zahlungsmittelbestände der Volkswirtschaft oder einer Gruppe von Einzelwirtschaften, hier der Gruppe der Unternehmer:
Der Netto-Kreditbedarf der Unternehmer zur Aufrechterhaltung der Liquiditätskonstanz ist in jeder empirischen Wirtschaft stets genau gleich den Einnahmeüberschüssen der Nichtunternehmer.

Dies bedeutet aber dann, wenn man den in einer Periode entstandenen Netto-Kreditbedarf der Unternehmer als Maß für den Bedarf an „Kapital“ (z. B. zur Wiederherstellung der früheren Kassenbestände oder zur Finanzierung aufgenommener Lieferantenkredite) und die Ersparnisse (der Nichtunternehmer) als Maß für das „Angebot von Kapital“ annimmt, dass aus der obigen Größenbeziehung hervorgeht, dass Angebot und Nachfrage am Kapitalmarkt nie die Begründung für die Festsetzung der Höhe eines Kapital- zinssatzes sein können, da beide Größen ja jederzeit genau gleich sind!

Ferner kann man daraus auch feststellen, dass der für die Zinsbildung entscheidende Tatbestand nicht auf der Ebene der Geldvermögensumschichtungen (also den Einnahme-Ausgabe-Salden), sondern auf der Ebene der Zahlungsmittelumschichtungen liegen muss (siehe Erläuterungen in dem Beitrag Die duale Bedeutung des Geldes: Zahlungsmittel und Geldvermögen).

Über den Zins wird also nicht durch die Höhe der Einnahme- und Ausgabenüberschüsse („Ersparnisse und Geldvermögen“) entschieden, diese sind nämlich immer gleich groß, sondern allein durch die Art und Weise und die Höhe der Kreditaufnahme der einzelnen Wirtschaftssubjekte, um damit ihre Geldvermögen „flüssig“ zu halten.

Daher ist es keineswegs übertrieben, den Zins als ein rein monetäres Phänomen anzusehen, dessen Bestimmungsgründe vor allem durch Kreditbeziehungen bzw. durch die Veränderungen der Zahlungsmittelbestände festgelegt werden.

Damit dürfte dann aber auch klar ersichtlich werden, dass die Zentralbanken bei der Zinssteuerung vorrangig Angebot und Nachfrage nach Zahlungsmitteln bzw. Krediten berücksichtigen müssen und eben gerade nicht oder nur nachrangig das Ausmaß und die Veränderungen der Geldvermögen einer Volkswirtschaft.

Ebensowenig kann auch die Inflationsrate als allein bestimmender Grund für die Festsetzung des Zinssatzes herangezogen werden, da sie ja bekanntlich in erster Linie von tatsächlichen Leistungstransaktionen, also den Bewegungen der Geldvermögensströme (Einnahmen und Ausgaben bzw. Preise und Löhne) beeinflußt wird und nicht von den Verhältnissen auf den Kredit- bzw. Zahlungsmittelmärkten. Sie ist nur insofern bedeutend, wie die Neigung der Wirtschaftssubjekte zum Halten von Zahlungsmitteln natürlich auch indirekt wieder von der Preisentwicklung und der Ertragslage abhängig ist.

Mit dieser Erkenntnis lassen sich dann zwangsläufig einige Konzequenzen für einige zentrale Themen der Konjunkturtheorie ziehen:

Die Geldpolitik der zentralen Notenbanken hat keineswegs jene überragende Bedeutung für die Steuerung der Wirtschaft, wie sie von vielen Ökonomen (vorzugsweise aus den USA) und Zentralbankern selbst immer wieder angenommen wird. Stattdessen wird ersichtlich, dass sie nur zusammen mit einer entsprechenden Fiskal- und Lohnpolitik sowie einer strikten Finanzmarktregulierung überhaupt den gewünschten Erfolg erreichen kann.

Damit aber muss man auch die gerade von neoliberalen Politikern und Wissenschaftlern immer wieder als Voraussetzung für das ordnungsgemäße Funktionieren der Zentralbanken unbedingt als notwendig erachtete „Unabhängigkeit“ der Notenbank vom Rest der Wirtschaftspolitik stark in Zweifel ziehen. Dies gilt dann in ähnlichem Maße natürlich auch für die Tarifpolitik.

Ebenso wird klar, wenn man den Vorrang der Kreditvergabe für Investitionen als Voraussetzung für erfolgreiches Wirtschaften und somit auch für die Schaffung einer Guthabenverzinsung akzeptiert, dass die Festlegung der Kapitalzinssätze nur nach den Verhältnissen auf den Kreditmärkten und nicht als quasi automatisches Recht auf einen über der Inflationsrate liegenden Sparzins stattfinden kann.

Zudem wird damit auch die neoklassische Zinstheorie, nach der auf den Kapitalmärkten über den Zins als Preis des Kapitals auch Sparen und Investition im Gleichgewicht gehalten werden, völlig wiederlegt, da ja, wie weiter oben schon angemerkt, dort Angebot und Nachfrage an Kapital immer genau gleich sind und demnach dieser Mechanismus gar nicht funktionieren kann.

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