Einfluss eines Mindestlohns auf das allgemeine Gehaltsgefüge

Auch wenn man sich so gar nicht für die Argumente für einen gesetzlichen Mindestlohn oder allgemein eine angemessene Grundsicherung erwärmen kann, weil man der Ansicht ist, dass diese „armen Schlucker“ ein höheres Einkommen nicht verdient haben, sollte man vielleicht einmal inne halten und diesen Gedanken richtig zu Ende führen.

Ein Fünftel jobbt für unter 10,36
Grafik: Hans-Böckler-Stiftung

Denn sicherlich gibt es in einer Gesellschaft die eine oder andere Ansicht darüber, wie letztlich „Gerechtigkeit“ auszusehen hat. Was die einen als berechtigten Anspruch verstehen, sehen andere wiederum als falsch verstandenes Mitleid oder empfinden gar Neid aufgrund dieser als ungerecht verstandenen „Bevorteilung“.

Auch wenn es um die Einführung eines allgemeinverbindlichen Mindestlohnes geht, werden solche Urteile von vielen Zeitgenossen vertreten. Doch ist das auch wirklich so? Hat nur der Geringqualifizierte etwas davon, wenn sich sein Gehaltsabstand zu den Kritikern verringert? Wird er dann also im Vergleich zu den besser Ausgebildeten „überbezahlt“?

Ist das ein einseitiger Vorgang, bei dem tatsächlich nur der Niedrigverdiener profitiert? Oder steckt da vielleicht doch wesentlich mehr dahinter?

System der Grundsicherung mit Arbeitszwang
In der Regel ist ein System einer Grundabsicherung mit einem Mindestlohn so aufgebaut, dass die Höhe dieses untersten niedrigst möglichen Lohnes etwas über der sozialen Existenzsicherung angesiedelt ist. Dies geschieht aus dem einfachen Grund, dass sich ansonsten eine Arbeitsaufnahme schlichtweg nicht rechnet.

Anders sieht es allerdings aus, wenn man die Empfänger der Grundsicherung aus politischen Gründen zur Aufnahme von Arbeit zwingen will. Sei es, indem man ihnen droht, andernfalls die Unterstützung zu kürzen, wenn Arbeitsangebote nicht wahrgenommen werden oder andere Sanktionen zu verhängen.

In solchen Fällen wissen die Arbeitgeber, dass die Bewerber eine Beschäftigung annehmen müssen, fast egal zu welchem Lohn. Dies führt im Arbeitsmarkt der Niedrigverdiener zu Lohnsenkungen, da die Marktmacht auf Seiten der Unternehmer zunimmt. Das ist die eigentlich fatale Folge von Hartz IV: die Etablierung eines gewaltigen Niedriglohnsektors.

Für die Volkswirtschaft als Ganzes aber bedeutet ein solch großer Anteil an Geringverdienern vor allem eins: Konzumverzicht aufgrund stagnierender oder sogar sinkender Reallöhne. Infolgedessen verringern sich auch die Gewinnaussichten der Unternehmer, was anstatt der eigentlich erwarteten Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen zur Vernichtung oder zu weniger neu geschaffenen Stellen führt, obwohl die Beschäftigten doch eigentlich billiger werden.

Bedeutung einer niedrigeren Grundabsicherung für Besserverdienende
Nun gut, mag man nun sagen, doch ich gehöre ja gar nicht zu diesem Segment der Geringverdiener, was also habe ich dann davon, wenn sie mehr verdienen und auch mehr konsumieren? Die Gefahr, dass ich jemals von Sozialhilfe abhängig werde, ist doch aufgrund der Eigenheiten meines Berufes verschwindend gering, was also bedeutet ein nicht vorhandener Mindestlohn für mich?

In erster Linie heißt das, dass auch mein Lohn sinken oder zumindest nicht mehr so schnell ansteigen wird.

Warum das denn?

Weil jede Gesellschaft und auch jedes Unternehmen eine Einkommenshierarchie kennt und besitzt. Und dieses Gehaltsgefüge ist von den untersten Lohneinkommen abhängig, und diese wiederum von der Höhe der Hartz-IV-Sätze und/oder anderer Grundabsicherungen.

Dies liegt einfach daran, dass nach obiger Definition die untersten Einkommen normalerweise etwas über den Sozialhilfesätzen liegen, wenn diese ohne größere Zwangsmaßnahmen ausgezahlt werden.

Darauf aufbauend erhält das Segment der etwas Besserqualifizierten einen Lohn, der in einem bestimmten Abstand zu den Gehältern der Geringverdiener festgelegt wird. Ebenso verhält es sich mit den mittleren Arbeitnehmern, die wiederum ein Einkommen in einer feststehenden Höhe über den Löhnen der nächstniedrigeren Hierarchiegruppe erhalten.

Diese Einteilung setzt sich entsprechend fort über alle Einkommensklassen hinweg bis zu den Spitzenverdienern eines Unternehmens bzw. einer Gesellschaft.

Die Wirkung einer Mindestentlohnung auf alle Einkommensklassen
Der Grund dafür ist schlicht in dem wahrgenommenen Status der verschiedenen Hierarchiestufen zu finden. Unternehmen und Manager sorgen in der Wirtschaftswelt sehr effektiv dafür, dass die unterschiedlichen Qualifikationen der Arbeitnehmer in eine bestimmtes Gehaltsgefüge passen, dass vor allem durch die verschiedenen Einkommen wiedergegeben wird.

Je höher die niedrigeren Verdienststufen eingeordnet sind, desto höher müssen dann auch die gehobenen Einkommensklassen sein, damit man diese Statusdifferenzen noch entsprechend und allgemein anerkannt abbilden kann.

Reduziert man aber die Einkommen der Niedrigverdiener durch den Zwang zur Arbeitsaufnahme zu einem beliebigen Lohn oder durch das Nichtvorhandensein eines allgemeingültigen Mindestlohnes, so löst man damit einen Abwärtstrend für faktisch alle Gehaltsgruppen unterhalb der Spitzenverdiener und der Managementebene aus und bringt so das ganze Einkommensgefüge einer Volkswirtschaft ins Rutschen.

Erhöht man dagegen durch entsprechende Maßnahmen die Einkommen der Niedrigverdiener, wird ein Druck in die entgegengesetzte Richtung etabliert, der sich zu Gunsten aller Einkommensbezieher entwickelt.

Es kann also nicht falsch sein, dem „armen Schlucker“ ruhig etwas mehr zu gönnen, am Ende hat man dann selbst auch etwas davon.

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