Gesamtwirtschaftliche vs. industrielle Lohnstückkosten

In der deutschen Industrie stiegen die Lohnstückkosten im Jahr 2013 um mehr als 3 Prozent. Sie lagen damit um 12 Prozent höher als im Vorkrisenjahr 2007.

In langfristiger Betrachtung zeigt sich, dass sich die Lohnstückkosten hierzulande ungünstiger entwickelten als im Ausland: Im Zeitraum 1991 bis 2013 stiegen sie in Deutschland um insgesamt 12 Prozent, während sie im Ausland sowohl in nationaler Währung als auch auf Euro-Basis leicht nachgaben. Der Blick auf die Lohnstückkosten liefert somit keine Belege für ein Lohndumping in Deutschland.

Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW): Produktivität und Lohnstückkosten der Industrie im internationalen Vergleich

Labor productivity and unit labor costs 1998-2008, selected Eurozone countries

So oder ähnlich lauten die überwiegend aus dem Arbeitgeberlager vorgebrachten Argumente, wenn es mal wieder um die hohen Überschüsse des deutschen Außenhandels und den Vorwurf geht, diese wären vor allem durch Lohn- und Kostendumping der deutschen Wirtschaft erkauft.

Man verweist dann wie das Institut der deutschen Wirtschaft oben gern auf den Vergleich der Lohnstückkosten der Industrie, um damit zu belegen, dass es mit der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen (Gesamt-)Wirtschaft gar nicht so weit her sei.

Doch was ist eigentlich dran an dieser Argumentation?

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Mindestlöhne in den europäischen Krisenländern: Griechenland ist anders (aber nicht so wie erwartet)

Veränderung der nominalen Mindestlöhne (in Prozent) der Austeritäts-Staaten 2008 bis 2015

Veränderung der nominalen Mindestlöhne (in Prozent) der Austeritäts-Staaten 2008 bis 2015

Im Januar 2015 führte Deutschland endlich einen allgemein gültigen Mindestlohn von 1.473,- Euro ein, etwa auf dem Niveau des irischen Mindestlohns und etwas höher als das des französischen. Das Gehaltsminimum in Griechenland beträgt 684,- Euro, und ist damit erheblich höher als die 390,- Euro in Estland, aber deutlich unter der 757,- Euro-Grenze in Spanien (Eurostat-Daten hier).

Die Eurostat-Statistiker weisen darauf hin, dass Griechenland das einzige Land war, das seinen Mindestlohn zwischen 2008 und 2015 (-19%) verringert hat. Es ist interessant, Griechenland mit den anderen Ländern unter der Austeritätsfuchtel zu vergleichen, die ja angeblich ein so leuchtendes Beispiel für Griechenland sein sollen.

Eine Senkung der Mindestlöhne ist dabei eindeutig kein Patentrezept, wenn es um das Beschäftigungs- wachstum geht.

(eigene Übersetzung eines Beitrages des Real-World Economics Review Blog)

Diary of the Unemployed: Über die Auswirkungen der neoliberalen Politik in Griechenland

Athens Wall

Unkommentierte Zitate aus Griechenland: “Tagebuch der Arbeitslosen“

Ich will nicht um etwas bitten oder jemandem zur Last fallen.
Jeden Morgen aber sehe ich meinen Sohn mit zerrissenen Schuhen und ich muss mich wieder neu überdenken. Habe ich ein Recht auf Würde, oder habe ich das vor zwei Jahren zusammen mit meinem Job verloren?

H. An.

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Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – letzter Teil: Kartelle und Wachstum

Im vierten Teil dieser Serie hatten wir festgestellt, dass in der Verbindung zwischen der Struktur der Wirtschaft und dem Wirtschaftswachstum die weniger marktorientierten Volkswirtschaften deutlich besser als die stärker marktorientierten abschnitten.

Shinkansen E2 at Tokyo station

Auch bei dieser Betrachtungsweise als Form der komparativen Statik bleibt demnach die Forderung nach Strukturreformen zur Lösung der Rezession im Japan der 1990er Jahre weiterhin unbegründet. Eine zweite Hypothese im Sinne der neoliberalen Effizienztheorie hat stattdessen die dynamische Performance der Wirtschaft im Auge.

Teil 5: Führen Deregulierung und Liberalisierung zu mehr Wachstum?
Es gilt also die Frage zu klären, inwieweit sich Strukturreformen auf die Wirtschaftsleistung auswirken. Dies ist natürlich eines der Hauptargumente der gängigen orthodoxen Ansichten: Strukturveränderungen hin zu mehr unreglementierten Märkten werden das wirtschaftliche Wachstum erhöhen.

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Drei große Mythen verstellen den Weg zur ökonomischen Erkenntnis

1. Die „Schaffer von Arbeitsplätzen“ sind CEOs, Unternehmen und die Reichen, deren Steuern möglichst gering sein müssen, um sie dazu zu bewegen, mehr Arbeitsplätze ins Leben zu rufen.

GMC-Logo

Blödsinn. Die eigentlichen Beschäftigungsantreiber sind die große Mittelschicht und die Armen, deren Ausgaben die Unternehmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen veranlassen. Gerade deshalb sind die Erhöhung des Mindestlohns, der Schutz vor ausufernden Überstunden, die Erweiterung des Earned Income Tax Credit (Einkommenssteuer-Gutschrift) und die Verringerung der Steuern für die Mittelklasse dringend notwendige Instrumente zur Konjunkturbelebung.

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Leistungsbilanzsalden: von der „Schuld“ der Kreditgeber

Interessant ist das schon, was da gerade wieder rund um die griechische Schuldenkrise abläuft.

Twenty euro banknote and coins
Griechische 20-Euro-Banknote und Münzen unter einem Ouzo-Glas

Von Moral und Schuld wird geredet, die Gleichsetzung von Täter, Sünder und „Schuldner“ bleibt ein immer wieder bemühtes Narrativ zur Verurteilung der Kreditnehmer, Schulden sind in der öffentlichen Diskussion weiterhin ein erheblicher moralischer Makel.

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Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 4: die These der effizienten Märkte

In den Teilen Eins, Zwei und Drei dieser Serie haben wir festgestellt, dass auch die neoklassische Wachstumstheorie nicht als Rechtfertigung für Strukturreformen als Lösung für die Rezession im Japan der 1990er Jahre herangezogen werden kann.

Night Nagasaki shipyard

Warum aber sollte dann überhaupt ein Land mittels Privatisierung, Deregulierung, Liberalisierung seine Wirtschaftsstruktur verändern und neoliberale Märkte schaffen?

Teil 4: Analyse der These der effizienten Märkte
Einen weiteren Ansatzpunkt für eine mögliche Beantwortung dieser Frage bildet die neoklassische Effizienztheorie als Grundlage der sogenannten Wohlfahrtsökonomik. Diese baut auf einem Satz von speziellen Annahmen auf, nach denen die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft pareto-effizient ist.

Zu diesen Annahmen gehören die perfekte Information aller Wirtschaftssubjekte, stets perfekte und komplette Märkte, der Wegfall jeglicher Transaktionskosten und -gebühren sowie das Nichtauftreten externer Effekte. Nur unter diesen Bedingungen können Eingriffe, beispielsweise durch die Regierung, die allokative Effizienz beeinträchtigen.

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Aus den ökonomischen Essays von David Hume

David Hume

Wie sonst sind die Bilanzen in den Provinzen eines jeden Reiches jemals ausgeglichen worden, wenn nicht durch die Kraft dieses Prinzips, welches es dem Geld unmöglich macht, seinen Wert zu verlieren und über den Anteil der Arbeit und der Waren, die es in jeder Provinz gibt, hinaus entweder zu sinken oder zu steigen?

Jeder Mann, der an diesem Tag durch ganz Europa reist, kann sehen, das aufgrund der Warenpreise sich der Wert des Geldes nahezu überall, trotz der absurden Eifersucht der Fürsten und Staaten, fast auf dasselbe Niveau gebracht hat; und dass die Differenz zwischen einem Reich und einem anderen in dieser Hinsicht nicht größer ist als häufig zwischen den verschiedenen Provinzen desselben Reichs.

aus dem Kapitel ‘Of the Balance of Trade’ aus „Essays, Moral, Political and Literary“ des schottischen Philosophen David Hume

Was zählt, so argumentiert Hume hier, ist die „Kunst und Industrie“ jeder Nation – oder Provinz. Die ausgleichenden Ströme mögen geblockt sein – „wie jeder Körper aus Wasser über das Niveau des umgebenden Elements erhöht werden kann“ – aber real ist real und Bilanzen sind Bilanzen. Wenn es einen großen und anhaltenden Handelsbilanzüberschuss in einem Bereich gibt, und es erfolgen keine Wechselkursanpassungen, sind die Folgen für die Kapitalbilanz unvermeidlich.

Trotzdem werden wir wohl noch jede Menge mehr „absurder Eifersucht“ erleben können, bevor die Saga der Eurozone zu Ende ist.

(eigene Übersetzung aus einem Blogbeitrag von The Enlightened Economist)

Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 3: Mangel an Produktionsfaktoren?

In den Teilen Eins und Zwei wurde versucht zu belegen, dass nachlassende Produktivität gemäß der neoklassischen Wachstumstheorie nicht als Grund für tiefschürfende Strukturreformen zur Bekämpfung der Krise in Japan nach den 1990er Jahren herangezogen werden kann.

Construction-of-new-tabatastation may2008

Allgemein gibt es aber noch ein weiteres Argument, um die wachstumstheoretische Basis der Strukturreformtheorie zu unterlegen: neben mangelnder Produktivität könnte auch eine Knappheit bei den Produktionsfaktoren für ein zu niedriges Wirtschaftswachstum verantwortlich sein.

Teil 3: Angebotsengpässe aufgrund der Knappheit der Produktionsfaktoren?
Um diese Behauptung zu überprüfen, ist es notwendig festzustellen, ob in den 1990er Jahren die japanischen Produktionsfaktoren Boden, Arbeit, Kapital und Technologie weniger wurden oder ihr Wachstum sank.

Da Japan in dieser Zeit weder Land gewann noch verlor, kann eine Verringerung des Faktors Boden von vornherein ausgeschlossen werden. Ähnlich sieht es mit der Bevölkerungsentwicklung aus: die Anzahl der Bewohner nahm während der 1990er Jahre nicht ab. Obwohl das Wachstum geringer wurde, gab es in den zwei Jahrzehnten zuvor viel größere Einschnitte bei der Zunahme der Bevölkerung, ohne das diese Entwicklung sich auf das Wirtschaftswachstum auswirkte.

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arte: Macht ohne Kontrolle – Die Troika

Absolut sehenswert, eines der rar gewordenen Highlights echter investigativer Medienarbeit. Ein kleiner Lichtblick im dunklen Tunnel der Ignoranz und Einseitigkeit…

Um ihre Notkredite zu erhalten, mussten sich die Krisenstaaten der Eurozone den Vorgaben Beamter beugen, die keinerlei parlamentarischer Kontrolle unterliegen: der Troika.

Rekrutiert aus den Institutionen IWF, EZB und Europäischer Kommission forderten sie Einsparungen in verheerendem Ausmaß. Doch die positiven Auswirkungen der Sparpolitik blieben für die meisten aus.

Macht ohne Kontrolle – Die Troika | ARTE