Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 3: Mangel an Produktionsfaktoren?

In den Teilen Eins und Zwei wurde versucht zu belegen, dass nachlassende Produktivität gemäß der neoklassischen Wachstumstheorie nicht als Grund für tiefschürfende Strukturreformen zur Bekämpfung der Krise in Japan nach den 1990er Jahren herangezogen werden kann.

Construction-of-new-tabatastation may2008

Allgemein gibt es aber noch ein weiteres Argument, um die wachstumstheoretische Basis der Strukturreformtheorie zu unterlegen: neben mangelnder Produktivität könnte auch eine Knappheit bei den Produktionsfaktoren für ein zu niedriges Wirtschaftswachstum verantwortlich sein.

Teil 3: Angebotsengpässe aufgrund der Knappheit der Produktionsfaktoren?
Um diese Behauptung zu überprüfen, ist es notwendig festzustellen, ob in den 1990er Jahren die japanischen Produktionsfaktoren Boden, Arbeit, Kapital und Technologie weniger wurden oder ihr Wachstum sank.

Da Japan in dieser Zeit weder Land gewann noch verlor, kann eine Verringerung des Faktors Boden von vornherein ausgeschlossen werden. Ähnlich sieht es mit der Bevölkerungsentwicklung aus: die Anzahl der Bewohner nahm während der 1990er Jahre nicht ab. Obwohl das Wachstum geringer wurde, gab es in den zwei Jahrzehnten zuvor viel größere Einschnitte bei der Zunahme der Bevölkerung, ohne das diese Entwicklung sich auf das Wirtschaftswachstum auswirkte.

Weiterlesen…

arte: Macht ohne Kontrolle – Die Troika

Absolut sehenswert, eines der rar gewordenen Highlights echter investigativer Medienarbeit. Ein kleiner Lichtblick im dunklen Tunnel der Ignoranz und Einseitigkeit…

Um ihre Notkredite zu erhalten, mussten sich die Krisenstaaten der Eurozone den Vorgaben Beamter beugen, die keinerlei parlamentarischer Kontrolle unterliegen: der Troika.

Rekrutiert aus den Institutionen IWF, EZB und Europäischer Kommission forderten sie Einsparungen in verheerendem Ausmaß. Doch die positiven Auswirkungen der Sparpolitik blieben für die meisten aus.

Macht ohne Kontrolle – Die Troika | ARTE

Der Kredit, das unbekannte Wesen

Angesichts der offenbar unendlichen Euro-Krise kann man nicht oft genug auf eine der leider nur wenig bekannten makroökonomischen Grundregeln hinweisen:

Salaping papel Euro

Niemand muss sparen, damit andere einen Kredit erhalten; aber jemand muss einen Kredit aufnehmen, damit andere sparen können.

Will jemand Unternehmer werden, hat aber selbst kein Geld, muss er es sich von der Bank leihen, die es ihm per Mausklick neu schafft.
Erst wenn er Löhne zahlt und seine Arbeiter nicht alles ausgeben, entsteht Ersparnis.

Das alles heißt freilich nicht, dass die Zentralbank nur ordentlich Geld drucken muss und niemand sparen darf, damit alle im wirtschaftlichen Paradies leben.

Die eigentliche Beschränkung für den Wohlstand der Menschen ist immer noch die Verfügbarkeit tatsächlicher Arbeitskraft und tatsächlicher Maschinen.

Solange aber Menschen keine Arbeit finden und Maschinen brach liegen, muss irgendjemand mehr ausgeben und dazu auch die Mittel – notfalls direkt von der Zentralbank – bekommen.

aus flassbeck-economics: Der Kredit, das unbekannte Wesen

Michal Kalecki und das „Vertrauen der Wirtschaft“

Zeiten der wirtschaftlichen Krisen sind auch immer Zeiten der Demaskierung ökonomischer Mythen. Heute wissen wir beispielsweise, dass geldpolitische Expansion nicht zu Hyperinflation führt und scharfe Ausgabeneinschnitte auch keine neuen Arbeitsplätze schaffen.

Michal Kalecki

Doch noch immer geistert der Mythos des „Vertrauens“ durch die wirtschaftspolitischen Debatten der Gegenwart. Wie oft wird vor dem Nachlassen der „Reformen“ gewarnt, da sonst angeblich das „Vertrauen der Wirtschaft“ sinken würde und ökonomische Unsicherheit gar schreckliche Folgen für das Gedeihen der Volkswirtschaften mit sich ziehen werde.

Weiterlesen…

Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 2: Die neoliberale Wachstumstheorie

Wie in Teil 1 bereits erörtert, ist der Ruf nach „Strukturreformen“ eine der zentralen Forderungen neoliberaler Wirtschaftspolitik. Anhand der „verlorenen Dekade“ im Japan der 1990er Jahre soll hier versucht werden, die Gültigkeit dieser These zu überprüfen.

Japan real GDP growth rate
Durchschnittliches reales Wachstum des japanischen Bruttoinlandsproduktes je Dekade,
Daten aus: Edward C. Prescott (2002), „The 1990s in Japan: A Lost Decade“

Teil 2: Das Argument der neoklassischen Wachstumstheorie
Gemäß dieser Theorie wird das ökonomische Wachstum auf zwei Variablen zurückgeführt: die Quantität der Produktionsfaktoren (Land, Arbeit, Kapital, Technologie) und die Gesamtproduktivität dieser Faktoren. Dabei muss berücksichtigt werden, dass für die Gültigkeit dieser These eine ganze Reihe von Annahmen vorausgesetzt werden.

Weiterlesen…

Die aktuellen Leistungsbilanzsalden in Europa

Nicht alle Länder dieser Welt können gleichzeitig Leistungsbilanzüberschüsse haben.

Der de-facto-Abwärtsdruck der Euro-Staaten auf die Löhne sowie die Austeritäts-Sparpolitik, einschließlich der jüngsten Schritte zur Senkung des Wechselkurses, scheinen jedoch auf eine Situation hinauszulaufen, in der (fast) alle einzelnen Länder der Eurozone einen Überschuss ihrer Leistungsbilanz (siehe Grafik) aufweisen.

Derzeitige Leistungsbilanzsalden der Eurozone, Schwedens und Dänemarks

Derzeitige Leistungsbilanzsalden der Eurozone, Schwedens und Dänemarks

In diesem Moment haben nur Finnland, Frankreich, Lettland und Estland (begrenzte) Defizite in ihren Leistungsbilanzen.

Und Finnland plant derweil schon eine neue Runde von Sparmaßnahmen, während Frankreich massiv bedrängt wird, Staatsausgaben und Löhne zu kürzen. Die durch die Politik vor 2008 induzierten sehr großen Defizite (manchmal sogar mehr als 10 oder 15% des BIP) der Eurozone waren allerdings auch unhaltbar, quasi eine „Katastrophe im Wartestand“.

Aber das gleiche kann auch über die Überschüsse gesagt werden (abgesehen davon – „wir“ Deutschen haben viele Hunderte an Milliarden Euros unserer Überschüsse verloren, da ein großer Teil unserer „internationalen Ersparnisse“ in amerikanische Hypothekenpapiere investiert waren…). Bemerkenswerterweise hat sich der deutsch-niederländische Überschuss auch nach 2008 weiter erhöht, was das Leben für die Peripherieländer sehr viel schwieriger gemacht hat.

Und dazu ein Beitrag von Simon Wren-Lewis, der zunehmend beunruhigt und genervt ist über das Niveau des gesamtwirtschaftlichen Diskurses in Europa, in dem es immer noch Leute gibt, die eigentlich schon viel früher und nach wie vor die Zinsen für verschuldete Länder erhöhen wollen.

(eigene Übersetzung eines Beitrages des Real-World Economics Review Blog)

Dodger Blues: die Sportrechte-Blase im Privatfernsehen?

Die Los Angeles Dodgers sind sicher eines der aufregendsten Teams im Baseball. Der Kubaner Yasiel Puig (im Bild) hat die kalifornischen Fans mit seinem gewagten Spiel geradezu elektrifiziert, und jeder Auftritt des Cy-Young-Gewinners und National League-MVPs Clayton Kershaw ist echtes must-see-TV.

Yasiel Puig at bat

Doch leider können mehr als zwei Drittel der Haushalte in Los Angeles die Heldentaten dieser Stars gar nicht live verfolgen. Ein Konsortium, angeführt von den Guggenheim Partners, einem Finanzdienstleistungs- unternehmen, kaufte im Jahr 2012 die Übertragungsrechte der Los Angeles Dodgers für die Rekordsumme von 2,15 Milliarden $. Skeptiker spotteten, dass Guggenheim zuviel bezahlt habe. Doch die Kritiker wurden widerlegt, als das Team einen Vertrag über 8,3 Millarden $ und einer Laufzeit von 25 Jahren mit Time Warner Cable (TWC) unterzeichnete.

Weiterlesen…

Peter Bofinger: Autos kaufen nun mal keine Autos

Der Ökonom Peter Bofinger spricht Klartext über die wirtschaftliche Situation in der Eurozone und global:

Sebring Sedan Accident


Aber das bedeutet neue Schulden.
Es gibt derzeit keinen großen Währungsraum, der in der Lage ist, seinen Laden ohne größere Defizite am Laufen zu halten: USA, Großbritannien, China, Japan – niemand hat ein Defizit von weniger als fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Der deutschen Idee, man könne heute mit ausgeglichenen Staatshaushalten die Weltwirtschaft in Schwung halten, fehlt jeder empirische Beleg.

In Deutschland und in der Schweiz funktioniert das.
Das sind kleine Länder, die davon leben, dass andere die Schulden machen, um die Konjunktur zu stützen. Nochmal zurück zum Anfang: Wir haben ein globales Nachfrageproblem. Die Konsumenten haben nicht genug Geld oder hohe Schulden. Die Unternehmen haben Geld, investieren aber nicht. Also muss der Staat in die Lücke springen. Sonst tut es keiner…

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger in der Frankfurter Rundschau

Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 1: Einleitung

Die Krise in Japan wurde 1990 ausgelöst, als eine Finanz- und Immobilienblase platzte. In den Jahren zuvor waren die Immobilienpreise sowie die Aktienkurse ins Unermessliche gestiegen. Das Land versank in einer Deflation, aus der es sich bis heute nicht richtig befreien konnte.

Es entstand der Begriff der „verlorenen Dekade“, Schlagwort für eine schwere makroökonomische Absatzkrise, die in dieser Form auch der Europäischen Union bevorstehen könnte.

Traffic signal and Security guard in Japan

Schon damals war es die konventionelle Gewissheit bei vielen Ökonomen, Notenbankern, Finanzjournalisten und Politikern, dass Japan „dringend benötigte Strukturreformen“ implementieren müsse, um die Krise überwinden zu können.

„Keine Erholung ohne Strukturreform“, verkündete der damalige Ministerpräsident Jun’ichirō Koizumi. Der Fall Japan wurde auch zum Vorbild ähnlicher Reformen in anderen Ländern und Regionen, wie zum Beispiel Deutschland, wo sie bald ebenfalls ein Schwerpunkt der Regierungspolitik wurden.

Angesichts dieses überwältigenden Konsens ist es verlockend anzunehmen, dass die Theorie der Struktur- reformen damals gründlichen empirischen Tests unterzogen und durch diese deutlich unterstützt wurde. Solche empirischen Überprüfungen hatte es bis dahin allerdings nicht gegeben. Erst der deutsche Ökonom Richard A. Werner lieferte 2004 ein solches Papier, mit dem die empirische Daten-Erfassung analysiert und die neoklassischen Theorien, auf denen die Idee der strukturellen Reformen beruhte, getestet wurden.

Weiterlesen…

Das größte Geheimnis der Makroökonomie: der enge Zusammenhang zwischen Lohnstückkosten und Inflation

Im internationalen Vergleich der Volkswirtschaften sind nicht die tatsächlichen Löhne, sondern die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten (d. h. die Löhne im Verhältnis zur Produktivität) die entscheidenden Faktoren.

Lohnstückkosten und Inflation

Zusammenhang zwischen Lohn- und Preisentwicklung (Flassbeck 2012)

mit freundlicher Genehmigung von diekriseverstehen.net
Grafik ursprünglich aus Flassbeck, H. (2012): Zehn Mythen der Krise, Berlin.

Und seit 60 bis 70 Jahren gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Lohnstückkostenwachstum und der Inflationsrate (der allerdings ebenso lange von Neoliberalen, Monetaristen, Österreichern, aber auch vielen Keynesianern beharrlich ignoriert wird).

Weiterlesen…