Alternative Wirtschaftstheorie – Teil 5: Zins, Investition und Beschäftigung

Für die Untersuchung der Bedeutung eines unabhängig gegebenen Zinses auf Investitionen und Beschäftigungsvolumen erweiterte Wilhelm Lautenbach das aus dem ersten Teil dieser Serie bekannte Modell um den Einfluß eines ebensolchen Zinssatzes.

Frankfurt EZB-Neubau by Epizentrum (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Weiterhin betrachtete er dabei die bisher als ebenfalls unabhängig angenommene Spartätigkeit der Nichtunternehmer genauer.
Ziel der Untersuchung sollte die Beantwortung der Frage sein, wie hoch der Zins sein müßte, um die Unternehmer zu Investitionen in der für die optimale Beschäftigung notwendigen Größenordnung zu veranlassen.

Grundlagen: Zinssatz und Investitionen

Schon zu Lautenbachs Zeiten war allgemein anerkannt, dass der Zins wie auch andere wirtschaftspolitische Begrifflichkeiten eine doppelte Bedeutung hat:
Einerseits ist er ein Kostenelement in der Produktion, anderseits aber auch als Zinseinkommen aufgrund von Ersparnissen ein wichtiger Verteilungsschlüssel.

Wie Lautenbach und sein Schüler Wolfgang Stützel kam auch ich in einem früheren Blogeintrag zu der generellen Ansicht, dass die Hauptfunktion des Zinses in seinem Einfluß auf die Produktion in der Form der Regelung von Angebot und Nachfrage nach Zahlungsmitteln bzw. Krediten und nicht in der Berücksichtigung von Ausmaß und Veränderungen der Geldvermögen einer Volkswirtschaft besteht.

Daher konzentriert sich diese Untersuchung auch ganz auf diese wichtigste Funktion des Zinses: Als Kreditbremse und regulierender Faktor der Kapitalinvestition steuert er im Prinzip den Gang der Gesamtproduktion.
Als Investitionen werden dabei Neu- und Ersatzinvestitionen, also die Bruttoinvestitionen bezeichnet, als Produktion die Bruttoproduktion (Nettoproduktion plus Verschleißersatz gleich Nettoinlandsprodukt plus normale Abschreibungen).

In der neoklassischen Theorie soll der Zins die Nachfrage nach Kapitalinvestitionen dann beenden, wenn der durch die Investition erwartete Gewinn unter die Höhe des Zinssatzes fällt. Als Formel bedeutet das: der Zins ist theoretisch gleich der Grenzproduktivität des investierten Kapitals.

Doch schon Lautenbach war der Ansicht, dass diese Formel einen tautologischen Zirkelschluss darstellte:

Die Formel täuscht durch ihre Eleganz über ihre Dürftigkeit. So allgemein wie sie ist, so leer ist sie auch.

Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 35

Seiner Ansicht nach war es wesentlich sinnvoller, die Bedeutung der Kapitalkosten im Verhältnis zu den Gesamtkosten der Produktion zu erfassen.
Dabei unterscheidet man zwischen kapitalintensiven und arbeitsintensiven Produktionen. Das Maß der Kapitalintensität ist die Höhe des eingesetzten Eigen- und Fremd-Kapitals im Verhältnis zur Wertschöpfung.

Je höher die Kapitalkosten aus Zins und Amortisation im Verhältnis zur durch den Kredit erzeugten Wertschöpfung sind, umso mehr fallen Zinsänderungen ins Gewicht.
Demnach werden vor allem der Wohnungsbau und die Lagerinvestitionen, die beide durch einen hohen Kapitalkostenanteil gekennzeichnet sind, von Zinsveränderungen am stärksten beeinflusst, während industrielle Investitionen weniger zinsempfindlich sind.

Lagerinvestitionen

Bei den Lagerkosten stellt der Zins einen erheblichen Anteil dar, und entsprechend werden Zins-veränderungen von den Händlern aufmerksam beobachtet und gewertet.

Eine Zinserhöhung wirkt sich normalerweise negativ auf die künftige Preisentwicklung aus und hält deshalb den Großhandel von der Bildung größerer Lagerbestände ab. Darüber hinaus wird sie auch dafür sorgen, dass der Handel in Erwartung sinkender Preise vorhandene Bestände nach Möglichkeit abzubauen versucht.
Dies ist in der Regel nur mit entsprechend geringeren Gewinnen oder gar Verlusten möglich. Es werden zwar möglicherweise mehr Waren konsumiert, aber aufgrund der niedrigeren Preise bei gleichbleibendem Umsatz.

Besonders bei einer erzwungenen Lagerhaltung sind die Auswirkungen einer Zinserhöhung am drastischsten. Eine solche „Vorratshaltung wider Willen“ ist vor allem nach dem Abflauen eines Konjunkturhöhepunktes zu erwarten, wenn der Ausbau der Produktionsanlagen bereits zurückgeht und deshalb weniger Rohstoffe und Vorprodukte und später auch weniger Verbrauchsgüter nachgefragt werden.
Die Lagerinvestitionen mindern dann etwas den Druck, der auf die Verbrauchsgüterindustrie wirkt. Je länger sich aber die Händler und Fabrikanten weigern, die Realität in Form des Warenabsatzes zu gesenkten Preisen anzuerkennen, umso mehr schwellen die Lagerbestände an und drohen dann eine deflationäre Abwärtsspirale loszutreten.

Eine Zinssenkung dagegen regt die Warenspekulation an und sorgt dafür, dass sich der Großhandel stärker engagiert.
Dieser Zusammenhang wurde schon frühzeitig (u. a. von R. G. Hawtrey 1932) als besondere konjunktur-politische Auswirkung des Zinses erkannt.

Wohnungsbau

Für den Wohnungsbau ist der Zins besonders wichtig. Dort sind die Kapitalkosten im Verhältnis zu der durch die Investition erfolgten Wertschöpfung (= dem Nutzwert der Wohnung) so hoch, dass geringe Zinsveränderungen den Preis des Produktes (die Wohnungsmiete) ganz enorm verändern können.
Neben der Grundsteuer und den städtischen Gebühren stellen die Kapitalkosten den weitaus größten Anteil an den Kosten der Wohnungsnutzung.

Industrielle Investitionen

Wesentlich geringer sind die Auswirkungen des Zinses bei den eigentlichen industriellen Investitionen.
Hierbei werden zwischen Erweiterungsinvestitionen und Ausgaben zur Erhaltung oder Verbesserung der Produktionsanlagen unterschieden.
Beim Ersatz abgenutzter bzw. abgeschriebener Maschinen durch neuere Produktionsaggregate ist nicht unbedingt der Zins sondern eher die dadurch erhöhte Leistungsfähigkeit bei gleichbleibenden Kosten ausschlaggebend. In der Regel werden die Unternehmer den Austausch daher früher als ursprünglich technisch oder abschreibungsbedingt geplant vornehmen, wenn mit den neuen Maschinen trotz der Kapitalkosten und des einkalkulierten Risikos billiger produziert werden kann.

In einer konjunkturellen Flaute ist deshalb auch der Druck zur Rationalisierung und zu scharfer Kalkulation sehr viel bedeutender als die mögliche Zinsbelastung, da die Erhaltungs- und Verbesserungsinvestitionen sich nur dann rentieren, wenn die erwarteten Gewinne das aufgewendete Kapital klar übersteigen und eine rasche Abschreibung dadurch sichergestellt werden kann.

Erst wenn die Konjunktur dann durch die stimulierenden Wirkungen anderer Investitionen (z. B. der öffentlichen Hand, des Wohnungsbaues, zur Erweiterung und Verbesserung vorhandener Produktionsmittel und zur spekulativen Lagerhaltung) kräftig angeregt wird, kommen auch die Erweiterungsinvestitionen entsprechend zum Zuge.

Doch auch dann spielt der Zins eine eher untergeordnete Rolle, die umso geringer wird, je kapitalintensiver die Produktion ist. Selbst in Branchen mit einer niedrigen Kapitalumschlagshäufigkeit wie dem Maschinenbau werden die Endprodukte aber nur mit einem vergleichbar geringen Zinssatz belastet.
Auch wenn es Ausnahmen mit sehr hohem Kapitalaufwand wie etwa den Bergbau gibt, in denen ähnlich wie beim Wohnungsbau die Wirkung des Zinses ungleich höher ist, sind in der Regel die Ertragserwartungen sehr viel bedeutender als der Zinssatz.

Dies gilt besonders in einer Aufschwungphase, in der erfolgreiche Investitionen weitere Produktionsausdehnungen selbst induzieren. Durch die Verknappung des Angebots an Verbrauchsgütern bei hoher Investitionsneigung bleibt der Antrieb zur Erweiterung der Produktionsanlagen auch dann weiter bestehen, wenn der Zins bereits wieder steigt.

Diese relative Zinsunempfindlichkeit solcher Investitionen sorgt allerdings auch dafür, dass in einer Depressionsphase selbst ein sehr niedriger Zins allein nicht für eine Wiederbelebung der Produktion sorgen kann.

Daher ist es dann sehr wichtig, dass andere Investitionen wie der Wohnungsbau oder auch die öffentliche Hand die Führung übernehmen und für die nötigen Impulse sorgen, damit die Industrie entsprechend angeregt wird, auch bei steigenden Zinsen ihre eigentliche Rolle zu übernehmen.
Sorgen dann die industriellen Investitionen für eine höhere Produktivität bei gleichzeitigen Preissenkungen und steigenden Reallöhnen und damit auch für eine Ausweitung der Beschäftigung, sollten der ökonomischen Logik zufolge andere (zinsempfindlichere) Investitionen entsprechend zurücktreten.

Nachdem in diesem Beitrag die Auswirkungen von Zinsveränderungen auf die verschiedenen Investitionsarten näher betrachtet wurden, soll im nächsten Artikel dann der beschäftigungspolitisch optimale Zinssatz ermittelt werden.

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