Thomas Piketty: Exportüberschuss heißt nichts anderes als an der Stelle anderer Länder produzieren zu wollen

Starökonom Thomas Piketty in der Welt:

Deutschland führt sich allerdings als Besserwisser auf, was für den Rest der Europäer schlicht unerträglich ist. Es ist auch irrational, denn dadurch, dass man die Länder Südeuropas in den Würgegriff nimmt, werden die Kredite nicht schneller zurückgezahlt. Man spürt dahinter die Lust, bestrafen zu wollen, die mit Nationalismus zu tun hat.

Picketty 3
Thomas Piketty 2014 in Paris


Denn wenn alle Länder wie Deutschland ein positive Handelsbilanz hätten, könnte es nicht so funktionieren. Niemand könnte dann einen derartigen Handelsbilanzüberschuss absorbieren.


Wenn man wie Deutschland ein Handelsbilanzüberschuss von acht Prozent des Bruttosozialproduktes hat, dann ist das absurd. Das hat es seit der industriellen Revolution nicht gegeben.

Exportieren ist wunderbar. Aber nochmals: Die Exporte müssen im Verhältnis zu dem stehen, was man importieren muss. Für mich gibt es keine andere Deutung als den Willen, andere dominieren, andere Länder besitzen und an ihrer Stelle produzieren zu wollen.

Übrigens: Deutschland hat selbst seine Schulden nicht zurückgezahlt. In den 50er-Jahren hat Deutschland vom größten Schuldenerlass aller Zeiten profitiert. Das war eine kluge und richtige Entscheidung. Man hat damals gesagt: Eure Eltern mögen Fehler gemacht haben, aber was jetzt zählt, sind die neuen Generationen. Wir leiden alle an einer Art historischer Amnesie. Der junge Grieche hat die Schulden so wenig verursacht wie der junge Bayer oder Bretone.

Dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen, außer das Piketty den Exportüberschuss ausschließlich als willentliches Machtinstrument sieht und sich offenbar nicht vorstellen kann, so Paul Steinhardt auf Makroskop, „dass unsere Politiker und die sie begleitenden Medien die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge schlicht nicht verstehen. Wer sich gerne als Exportweltmeister feiert, ist einfach nicht in der Lage zu sehen, dass eine solche Wirtschaftspolitik genau die gleichen Ergebnisse zeitigt, wie der Wille, andere zu dominieren und zu besitzen.

Sie verstehen einfach nicht, dass massive Handelsbilanzüberschüsse, die es „seit der industriellen Revolution nicht gegeben hat“, kein Zeichen von Erfolg, sondern schlicht ‒ wie Piketty richtig feststellt ‒ „absurd“ sind.“

Man kann nun natürlich darüber streiten, wer mit seiner Definition letztlich recht hat, doch das ändert an dem grundsätzlichen Zusammenhang nichts. Es fehlt eigentlich nur noch der Verweis auf die Grundsätze der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik, nach denen die Ersparnisse des einen die Schulden des anderen sind und damit die Handelsbilanzüberschüsse des einen Landes die Defizite des anderen Landes sind.

Ohne sie hat man nicht das theoretische Rüstzeug, um den Kern des Disputs über die Exportüberschüsse Deutschlands jenseits der üblichen moralischen Darstellung von Gut und Böse überhaupt verstehen zu können.

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