Alternative Wirtschaftstheorie – Teil 13: Zins, Devisenbilanz und das Lohn-/Preisniveau

Neben der im letzten Beitrag beschriebenen Möglichkeit, durch Kapitalexport ein Defizit der Devisenbilanz und damit ein erhebliches Problem für die Zinssteuerung der Zentralbanken hervorzurufen, kann auch eine passive Handels- (Leistungsbilanz) aufgrund überhöhter Preise und Löhne einen ähnlichen Effekt haben.

Änderung der Brutto- und Reallöhne und des Preisindex in Deutschland

Dabei ist es unerheblich, ob die Investition im Inland überzogen ist oder nicht. Ganz im Gegenteil kann ein Leistungsbilanzdefizit auch entstehen, wenn die Investitionen völlig unzureichend und die Beschäftigungssituation infolgedessen ebenso unbefriedigend ist.

Die Begründung für das Devisendefizit liegt in einem solchen Falle allein in einer übertriebenen Steigerung des inländischen Kosten- und Preisniveaus gegenüber dem Ausland. Dies ist immer die Folge einer nicht richtigen Anpassung von Wechselkurs und Nominallöhnen.

Zur Lösung einer solchen Problematik wäre es notwendig, eins von beiden oder beide zu senken. Passiert das nicht, so ist davon auszugehen, dass eine Korrektur durch eine Verschärfung der wirtschaftlichen Krise erfolgen wird.

Dabei kann die Diskrepanz der Preis- und Kostenniveaus durch einen ökonomischen Schock infolge einer weltwirtschaftlichen Depression verursacht werden. Geraten wichtige Industrieländer in eine Krise und setzt die folgenschwere Spirale aus andauernden Preis- und Lohnsenkungen ein, so ist eine starke Beeinträchtigung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts in der Regel unausweichlich.

Über die richtigen volkswirtschaftlichen Lösungsmöglichkeiten in solch krisenhaften Zeiten schrieb Wilhelm Lautenbach:

Nicht notwendig und auch durchaus nicht rationell ist aber die automatische Reaktion, nämlich die Steigerung des Diskontsatzes.

Richtig und rationell wäre vielmehr die Korrektur sofort da vorzunehmen, wo sie letztlich erfolgen muß und durch die Diskonterhöhung nur auf einem schmerzensreichen und ungemein kostspieligen Wege erzwungen wird, nämlich am Valutakurs oder, was schon bedeutend schlechter wäre, bei den Löhnen.

Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 75

Demnach wäre die Veränderung des Valuta-(Wechsel-)kurses unter diesen Bedingungen die eindeutig vorteilhafteste Methode. Sie würde nämlich das innere Gefüge einer Volkswirtschaft am wenigsten beeinträchtigen, während Lohnsenkungen einen komplizierten Prozess der Preiskorrektur nach unten zwingend erforderlich machen würden.

Zudem würden sie eine eher selten wünschenswerte Verschiebung der Einkommens- verhältnisse nach sich ziehen. Unternehmer als Schuldner werden gegenüber den Gläubigern erheblich benachteiligt, das Verhältnis zwischen Arbeits- und Kapital- einkommen verschlechtert sich ebenfalls.

Die Devisenbilanz ist demnach also kein tatsächlich verläßliches Barometer für die wirtschaftliche Entwicklung, und die Berichtigungen, die einem Devisenbilanzdefizit automatisch folgen, sind zumeist nicht wirklich rationell.

Somit wäre dann eine normale Weltwirtschaftslage die grundsätzliche Voraussetzung dafür, dass Devisenbewegungen automatisch sinnvolle Korrekturen auslösen könnten. Bei einigermaßen gesunden Verhältnissen in der Weltwirtschaft mit stabilen Preis- und Währungs- entwicklungen kann dieser Mechanismus in der Regel durchaus zufriedenstellend funktionieren.

Schlicht gesagt wird einem Land, in dem die Konjunktur aufgrund sinkender Investitionstätigkeit zurückgeht, durch den Weltmarkt geholfen, auf Dauer seine Devisen- und Leistungsbilanz wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Vollkommen anders allerdings sieht es aus, wenn die Konjunkturstörungen von außerhalb kommen, wenn wichtige Industrieländer weltweit in eine Wirtschaftskrise geraten und damit Leistungs- und Devisenbilanzdefizite verursachen.

Als schlimmstes Beispiel für eine solche Entwicklung gilt immer noch die Weltwirtschaftskrise von 1929, als alle großen Industrieländer nahezu zeitgleich einen gewaltigen Einbruch der Konjunktur erlebten und aus verschiedenen Gründen nicht durch den Weltmarkt gestützt werden konnten, so dass sich die Krise durch Selbstinduktion immer weiter verschärfte.

Als weitere Möglichkeit kann eine Devisen- bzw. Leistungsbilanzdefizit auch durch eine falsche Lohnpolitik verursacht werden. Dies ist ebenso möglich bei ansonsten normaler Konjunkturlage.

In einem solchen Fall ist die durch den Devisenabfluß notwendige Korrektur für die Volkswirtschaft schmerzhaft und teuer, dies umso mehr, je länger sich die Politik dagegen wehrt, die erforderlichen Konsequenzen einzusehen und umzusetzen.

Um eine entsprechende Anpassung vom Wechselkurs an die Löhne oder umgekehrt wird dann niemand herumkommen, eine entsprechende Senkung eines der beiden wird letzlich immer erzwungen.

Zusammenfassend zog Lautenbach über seine Betrachtungen folgendes Fazit:

In einer Volkswirtschaft, die im freien Warenaustausch und Zahlungsverkehr mit dem Auslande steht, wird die Liquidität des inneren Kreditsystems durch die Devisenbilanz bestimmt.

Die Devisenbilanz ist aber nur, wenn in der Weltwirtschaft normale Verhältnisse herrschen, wenn keine stärkeren Strukturveränderungen in der Welt draußen oder im Inlande eintreten, wenn nicht politisch bedingte Kapitalfluktuationen im Spiel sind und wenn eine rationelle Lohn- und Valutapolitik getrieben wird, symptomatisch für das innerwirtschaftliche Gleichgewicht, und nur sofern sie symptomatisch für das innerwirtschaftliche Gleichgewicht ist, wird der Zins automatisch durch die Liquidität unter dem Einfluß der Gold- und Devisenbewegung rationell gesteuert.

Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 77

Damit habe aber der an diesen Aufgaben ausgerichtete Zins seiner Meinung nach in erster Linie nicht die Funktion, die wir ihm entsprechend der Analyse in Alternative Wirtschaftstheorie: der beschäftigungspolitisch optimale Zins – Teil 6 zugewiesen haben.

Anstatt also hauptsächlich die Wirtschaft auf Vollbeschäftigung und Verbrauchs- maximierung auszupendeln, muss demnach der Zins die Binnenwirtschaft auf die weltwirtschaftlichen Bedingungen abstimmen.

Diese Anpassung ist für jeden Staat absolut unerlässlich, da kein einziges Land völlig autonom als geschlossene Wirtschaft bestehen kann. Allerdings ist es nicht notwendig und auch nicht rationell, die unvermeidliche Abstimmung nur durch das Mittel der Zinssteuerung und damit besonders kostspielig für die Volkswirtschaft durchzuführen.

Der Zins führt diesen Ausgleich nur indirekt durch eine mittels Krise oder Depression erzwungene Lohn- oder Wechselkurssenkung herbei.

Sinnvoller wäre es, bei einem länger anhaltenden Leistungsbilanzdefizit den Wechselkurs direkt zu senken, wenn eine Drosselung der Investitionen die Möglichkeit eines dauerhaften Produktionsabbaues befürchten lässt.

Damit wird klar, dass jede Volkswirtschaft allerdings beiden Herausforderungen gewachsen sein muss: Sie muss sowohl eine ausgeglichene Leistungsbilanz mit dem Ausland als auch eine rationelle Ausnutzung aller Produktivkräfte der heimischen Wirtschaft, also möglichst Vollbeschäftigung haben.

Somit kann man mit Lautenbachs Worten feststellen:

Beiden Bedingungen kann aber nur genügt werden dadurch, daß einerseits das Kosten- (Lohn-) Niveau durch den Valutakurs richtig mit dem ausländischen Kosten- und Preisniveau abgestimmt wird und andererseits dadurch, daß die Investition im Inlande entsprechend dosiert wird.

Weder der einen noch der anderen Aufgabe kann man sich entziehen.

Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 77

Damit aber wird auch klar, dass, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, neben den normalen Marktregulatoren wie Preise und Wechselkurse auch die automatische Zinsbildung außer Kraft gesetzt ist.

Weiter geht es im nächsten Beitrag mit einer Zusammenfassung der verschiedenen Aufgaben des Zinses und dem Versuch einer Beurteilung der Beeinflussung der Zinssteuerung durch diese unterschiedlichen Symptome.

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