Alternative Wirtschaftstheorie – letzter Teil: Die Kollision der verschiedenen Aufgaben des Zinses

Als Abschluss unserer Reihe über die alternative Wirtschaftstheorie von Wilhelm Lautenbach geht es in diesem Beitrag um eine abschließende Betrachtung aller bisher behandelten Komponenten seiner bestechenden makroökonomischen Diagnose.

Berlin - Gebäude der Reichsbank und die Jungfernbrücke, Ende der 1930er Jahre, Bundesarchiv B 145 Bild-P018383

Dies erscheint notwendig, um den Zusammenhang zwischen Kreditbedarf und Investitionen sowie die ausschlaggebenden Elemente, welche die Liquidität der Kreditwirtschaft und demzufolge auch den Zins bestimmen, klar erkennen zu können.

Erst dann kann man beurteilen, ob der Zins, so wie er auf den Märkten entsteht, wirklich zweckmäßig und ökonomisch im Sinne der ihm zugeschriebenen Bedeutung ist.
In einer Wirtschaft, die in freiem Zahlungs- und Warenverkehr mit dem Ausland steht, ist weder die Strukturierung der aktuellen noch der potentiellen Liquidität (also die Vergrößerung des Kreditvolumens bzw. die Kreditschrumpfung) ein zuverlässiger Anhaltspunkt für eine Über- oder Unterfunktion des Wirtschaftskreislaufes.

Selbst ein Defizit in der Devisen- bzw. Leistungsbilanz begründet nicht in jedem Fall eine Zinserhöhung. Diese wäre nämlich nur dann erforderlich, wenn dieses Minus vollständig durch finanzielle Dispositionen wie etwa die Kapitalanlage im Ausland aufgrund besserer Ertragschancen verursacht wurde.
Nur dann wird sich eine Diskontzinserhöhung zur Angleichung des Zinsgefälles im Inland kaum vermeiden lassen.

Doch Lautenbach meldete da bereits Zweifel an:

Fraglich aber ist schon, ob eine allgemeine Zinserhöhung angebracht ist, wenn sie darauf abzielt, ausländisches Kapital heranzuziehen.
Es gibt jedenfalls Mittel und Wege, die Erhöhung des inländischen Zinsniveaus zu vermeiden, auch wenn man noch Auslandskredite hereinnehmen will und dafür höhere Zinsen zu zahlen hat.

Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 78

Basiert das Minus allerdings darauf, dass es ausschließlich ein Leistungsbilanzdefizit mit dem Ausland gibt, so wird in den meisten Fällen die Anpassung des heimischen Kosten- und Preisniveaus über den Wechselkurs oder die Nominallöhne die bessere Wahl sein, da über höhere Zinsen Reallohnsenkungen nur durch Produktionseinschränkungen und Erwerbslosigkeit zu erreichen sind.

Nur wenn wirklich die Konjunktur im Inland zu überhitzen drohe und damit die Preise sowie die Überschüsse der Unternehmen überzogen ansteigen, ist es gerechtfertigt, den Diskontzinssatz und die Bankenzinsen zu senken, ohne gleich eine Einschränkung der Verbrauchsgüterproduktion befürchten zu müssen.

Lautenbach kam so in seinen Ausführungen zu folgender abschließender Erkenntnis:

Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß eine rationelle Zins- und Kreditpolitik die Liquidität nicht wie ein naturgesetzliches Prinzip der Zinsregulierung hinnehmen, sondern ausschließlich die richtige Ausbalancierung der Wirtschaft als Kriterium der Zins- und Kreditpolitik respektieren sollte.

Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion (1952), S. 79

Dieser Ausgleich ist in zweifacher Hinsicht aufzufassen:

Binnenwirtschaftliches Gleichgewicht bei möglichst geringer Arbeitslosigkeit und ausgewogenem Verhältnis von Investition und Konsum auf der einen Seite, außenwirtschaftliche Ausgewogenheit andererseits.

Dabei wäre aber immer auch zu prüfen, ob im Falle einer Beeinträchtigung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts nicht eine Korrektur der beiden anderen Marktfaktoren, Wechselkurs bzw. Nominallöhne, gegenüber der Zinskorrektur zu favorisieren ist.

Es erscheint aus heutiger Sicht äußerst bemerkenswert, welche fortschrittliche und moderne Geldpolitik Wilhelm Lautenbach unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise bereits in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte.

Auffallend ist allerdings auch, dass die Geldwertstabilität, die sowohl für die Bundesbank als auch für die Europäische Zentralbank als das vorrangige Ziel definiert ist, in seinen Ausführungen zu gut wie gar nicht vorkommt.

Dagegen war bereits damals die Bekämpfung der Erwerbslosigkeit, so wie sie heute z. B. von der amerikanischen FED favorisiert wird, immer eine wichtige Aufgabe der Geldpolitik.
Andererseits hielt Lautenbach aber auch immer den Blick auf die Devisen- und Leistungsbilanz gerichtet, eine Obliegenheit, die heute weder von der EZB noch der FED primär verfolgt wird.

Seine Theorie gehört trotzdem immer noch zum Instrumentarium einiger Notenbanken, und seit der Eurokrise werden seine Gedanken auch in Europa wieder zunehmend aktuell.

So ist es nicht verwunderlich, dass z. B. Heiner Flassbeck seine Problemdeutung und Lösungsvorschläge zur europäischen Krise hauptsächlich auf den Thesen Lautenbachs aufgebaut hat.

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