Weitere Argumente für den gesetzlichen Mindestlohn

Neben der makroökonomischen Bedeutung des gesetzlichen Mindestlohns und der weitestgehend unzutreffenden These der individuellen Produktivität gibt es noch weitere gute Gründe für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes.

Wenig Lohn für Viele
Grafik: Hans-Böckler-Stiftung

Selbst wenn die Produktivität einzelner Arbeitnehmer in einer arbeitsteiligen Wirtschaft in einigen Fällen individuell festgestellt werden kann (z. B. bei völlig gleichartigen und immer wiederkehrenden Fließband-Tätigkeiten), so ist diese Produktivität einer einzelnen Tätigkeit deswegen nicht einfach auch in Geldeinheiten bezifferbar, wie es oft von Mindestlohngegnern behauptet wird.

Produktivität Einzelner in „Geldeinheiten“ messbar?
Für ein bestimmtes Produkt lässt sich normalerweise die Produktivität der Herstellung anhand der Anzahl der in einer bestimmten Zeitspanne gefertigten Einheiten festlegen. Durch Investitionen in technische Neuerungen und entsprechender Schulung der Arbeiter in der Bedienung dieser neuen Maschinen kann diese Produktivität gesteigert werden.

Der Wert dieser Produktivitätssteigerung in Geldeinheiten ist allerdings nur unter Berücksichtigung der Nachfrage nach diesem Produkt messbar. Ist diese rückläufig, so kann trotz gestiegener Produktivität und höherer Qualifikation der Arbeitnehmer der Preis für dieses Produkt sinken.

Diese Tatsache würde aber niemanden dazu verleiten, die Produktivität der Arbeiter nach der Investition geringer als vorher anzusehen. Das bedeutet aber, dass eine in Geldeinheiten statt in der Anzahl an gefertigten Gütern ausgedrückte Produktivität der Arbeiter nur von der Marktlage, also von Angebot und Nachfrage für das hergestellte Produkt, abhängt.

Wenn man nun aber der Ansicht ist, Arbeitsplätze von schlecht bezahlten Geringqualifizierten würden mit großer Wahrscheinlichkeit wegfallen, wenn ein oberhalb dieses geringen Lohnes liegender Mindestlohn eingeführt würde, der im Vergleich zur Produktivität dieser Arbeitnehmer zu hoch sei, dann vergisst man dabei schlichtweg die Bedeutung des Marktes für diesen ansonsten nur rein technischen Zusammenhang.

Die Situation von Angebot und Nachfrage am Markt aber ist nicht allein von der Art der Arbeitsplätze und der Qualifizierung der Arbeitnehmer abhängig. Vielmehr ist es die konjunkturelle Entwicklung, die über die Höhe der Lohnangebote bzw. deren Nachfrage entscheidet, völlig unabhängig von der Produktivität der Arbeitskräfte oder der Steigerung dieser Produktivität.

In Boomphasen mit weitestgehender Räumung des Arbeitsmarktes auch der geringer Qualifizierten zum Beispiel würden sich die Arbeitgeber selbst diese Arbeitskräfte mit höheren Lohnangeboten gegenseitig abzuwerben versuchen. Im Abschwung wäre eine entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten.

Die Knappheit der Arbeitskräfte bestimmt die Lohnhöhe
Es ist also die Verfügbarkeit an Arbeitnehmern, einfacher gesagt: die Knappheit von Arbeitskräften entscheidend für ihre Entlohnung und nicht ihre individuelle Produktivität.

Dabei bleibt festzuhalten, dass Knappheit eine relative Größe darstellt, Produktivität dagegen eine absolute Größe. Natürlich ist auch die Produktivität für die Knappheit von Bedeutung.

Doch wirklich entscheidend ist, dass die Produktivität von der Qualifizierung des Arbeitnehmers, seiner Bereitschaft zur Leistungserbringung und der Ausstattung seines Arbeitsplatzes bestimmt wird, alles Faktoren, die von der Arbeitskraft und ihrem Arbeitgeber selbst beeinflusst werden können.

Die Knappheit der Arbeitskraft dagegen hängt von der Anzahl anderer Arbeitnehmer mit gleicher oder ähnlicher Qualifizierung, von der konjunkturellen Lage der gesamten Volkswirtschaft oder auch der Nachfrage des Auslandes nach den gefertigten Produkten ab. Dies aber sind Faktoren, auf die die einzelne Arbeitskraft oder das ihn beschäftigende Unternehmen keinerlei Einfluss haben.

Daher kann man die schwierige Situation von Geringverdienern diesen auch nicht allein anlasten. Ebenso ist es logisch, dass die Anpassungen, die zur Verbesserung ihrer Situation erforderlich sind, nicht nur allein von ihnen erwartet und geleistet werden können.

Muss der Staat dann für die Erfüllung des Existenzminimums sorgen?
Geht man mit dieser Logik konform, so folgt dann meist noch der Einwand, dass eben zu viele Geringqualifizierte einem entsprechend niedrigerem Jobangebot gegenüberstehen und daher der Lohn solange sinken müsse, bis alle einen Arbeitsplatz bekommen könnten. Wenn man von solchen Löhnen nicht leben könne, so müsse eben der Staat die grundgesetzliche Garantie des Existenzminimums übernehmen, die Unternehmen könnten dies nicht leisten.

Doch bei Billiglöhnen handelt es sich zumeist um eine Knappheitssituation, die die Geringqualifizierten stark benachteiligt. Sie beruht im wesentlichen auf der Marktmacht der Unternehmen durch die Bildung von Monopolen oder Kartellen, aufgrund starker regionaler Konzentration einzelner Großkonzerne oder aber vor allem aufgrund konjunktureller Schieflagen.

Da es keinen automatischen Mechanismus gibt, der in einer Marktwirtschaft die durch falsche Wirtschaftspolitik verursachte Arbeitslosigkeit wieder verringert, ist es notwendig, die durch Marktmacht möglich gewordene Ausbeutung zu regulieren.

Eine Marktwirtschaft, die sich zudem noch als sozial versteht, kann nur funktionieren, wenn man Regeln aufstellt, die dieser fehlgeleiteten automatischen Machtausübung eine Mindestgrenze bei der Lohnentwicklung entgegenstellen.

Dies sollte auch schon direkt bei den Primäreinkommen ansetzen, denn es ist nicht einzusehen, warum der Staat bzw. die Gesamtheit der Steuerzahler für den andauernden Mißbrauch von Marktmacht durch Unternehmen einstehen sollten.

In einer Demokratie haben alle Mitglieder der Gesellschaft ein Recht darauf, Vereinbarungen zu treffen, die ihre Existenz gegenüber einem Zustand ohne Arbeitsteilung verbessern. Diese Machtbalance innerhalb einer Marktwirtschaft kann nicht über einen längeren Zeitraum zugunsten der einen Seite ausgesetzt werden, ohne dass das System erheblichen Schaden nimmt.

Kann dadurch ein Einzelner die Vorteile der arbeitsteiligen demokratischen Ordnung, in der er existiert, für sich nicht mehr erkennen, so ist es nicht verwunderlich, wenn er sich nicht mehr an die Spielregeln dieser Gesellschaft gebunden fühlt. Je mehr Menschen dieses Problem so sehen, desto mehr ist nicht nur das Wirtschaftssystem sondern die gesamte Gesellschaftsordnung in Gefahr.

Natürlich kann für eine bestimmte Arbeit kein von der Knappheit vollkommen unabhängiger Lohn vereinbart werden. Eine dank ihrer Qualifikation und Fähigkeit aufgrund der Nachfrage nach diesem Können knappe Arbeitskraft kann dafür eine höhere Entlohnung durchsetzen als ein Arbeitnehmer mit weniger nachgefragten Fähigkeiten.

Und ebenso hat eine Knappheit bestimmter Arbeitsleistungen auch Einfluss auf den Preis des Produkts, welches unter Verwendung dieser Arbeit erstellt wird. So ist z. B. die Reinigung eines Gebäudes billiger als die Planung seiner Errichtung. Und natürlich sinkt in der Regel die Nachfrage nach einem Produkt, wenn sein Preis steigt.

Doch diese einzelwirtschaftlichen Überlegungen bedeuten eben nicht, dass auch gesamtwirtschaftlich ein Mindestlohn all jene Arbeitsplätze automatisch gefährde, die heute geringer entlohnt werden. Denn die niedrige Bezahlung in diesen Jobs hat eben nichts mit ihrer oft gar nicht messbaren individuellen Produktivität und deren Wert in Geldeinheiten zu tun, ohne dabei die volkswirtschaftliche Marktsituation entsprechend zu berücksichtigen.

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