Mindestlöhne und die individuelle Produktivität

Die Debatte über den gesetzlichen Mindestlohn hat in der letzten Zeit wieder einigen Auftrieb bekommen. Nun, erstaunlich ist das eigentlich nicht, da ja auch Kanzlerin Merkel seit einiger Zeit zumindest Lohnuntergrenzen befürwortet.

Votum für einen gesetzlichen Mindestlohn
Grafik: Hans-Böckler-Stiftung

Offensichtlich ist der öffentliche Druck zu diesem Thema momentan so groß geworden, dass sich auch die Bundesregierung diesem Anliegen nicht mehr wirklich verschliessen kann.

Neu ist die Forderung nach einem Mindestlohn allerdings nicht, bereits seit einigen Jahren gibt es entsprechende Studien und Umfragen, die zumeist sehr eindeutig sind.

Allerdings melden sich auch immer wieder Kritiker zu Wort, meist mit den gleichen, seit Jahren gehörten Argumenten. Wie z. B. der neue Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratscher im Tagesspiegel:

Der Lohn eines Arbeitnehmers sollte seine Produktivität sehr eng widerspiegeln.

Daher wäre ich vorsichtig mit einem einheitlichen Mindestlohn. Wenn man ihn zu niedrig ansetzt, bringt er kaum etwas. Setzt man ihn zu hoch an, kostet er Jobs, vor allem der Arbeitnehmer, die man eigentlich schützen wollte.

Was aber ist dran an diesen Argumenten? Gibt es das eigentlich überhaupt, eine individuelle Produktivität jedes Arbeitnehmers?
Und wenn es sie gibt, kann und wird sie dann auch exakt so in Geldeinheiten ermittelt?

Da fällt mir dann wieder eine Diskussion ein, die ich vor einiger Zeit mit einem Kollegen geführt habe, als bei uns im Büro die Fensterputzer „durch“-kamen.
Es ging dabei dann auch irgendwann um die Kostenfrage, wieviel so ein Fensterputzer denn wohl verdienen würde. „Das wird doch davon abhängen, wieviel Fenster er so in der Stunde schaffen kann,“ so die Schlussfolgerung meines Kollegen.

Wer aber bestimmt, was so eine Fensterreinigung kostet? Wie sieht das aus, wenn so ein Fensterputzer das in wenigen Minuten „schafft“, ein anderer dafür aber wesentlich länger braucht? Wieviel ist diese Arbeit dann wert? Ist sie plötzlich mehr „wert“, wenn sie ein Arbeiter mit einem höheren Stundenlohn ausführt? Kann man diesen „Wert“ der Tätigkeit „Fenster putzen“ denn überhaupt in Euro, also in „Geldeinheiten“ beziffern?

Wieviel ist die Arbeit des Managers dieser Firma wert, der doch darauf angewiesen ist, dass seine Mitarbeiter ihren Job „gut“ und zuverlässig erledigen?
Wieviel die der Vorzimmerkraft, die den Kalender dieses Managers führt?

Wonach richtet sich aber der Stundenlohn des Fensterputzers, des Managers oder der Sekretärin, wenn ihre Arbeit nicht so ohne weiteres in „Geldeinheiten“ zu bewerten ist?

Wie hoch ist denn dann eigentlich die „persönliche“ Produktivität der einzelnen? Wann aber greift denn dann die sogenannte „Grenzproduktivität“, ab der die Arbeit dann angeblich zu teuer wird?

Kann es sein, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft die individuelle Produktivität gar nicht oder nur selten die tatsächliche Grundlage der Lohnhöhe ist?
Bestimmen nicht ganz andere Faktoren letztendlich die Arbeitseinkommen von Manager, Fensterputzer und Sekretärin?
Ist der moderne Betrieb nicht eher ein hochkomplexes Zusammenspiel vieler Arbeitnehmer verschiedenster Aus- und Vorbildung, in dem sich das Gesamtergebnis des Produktionsprozesses fast unmöglich auf den individuellen Anteil des Einzelnen herunterrechnen lässt?

Aber wenn diese Faktoren nichts mit der Produktivität des Einzelnen zu tun haben, warum sollte ausgerechnet diese „Grenzproduktivität“ des Einzelnen dann entscheidend für die Höhe eines gesetzlichen Mindestlohns sein?

Warum sollten dann Arbeitsplätze wegfallen, wenn der Mindestlohn „zu hoch“ ausfällt? Zu hoch im Verhältnis zu was?

Was also spricht dagegen, wenn man sich Gedanken darüber macht, andere Maßstäbe für die Höhe eines Mindestlohnes anzulegen?
Wie hier z. B. die Hans-Böckler-Stiftung:

Maßstäbe für einen Mindestlohn
Grafik: Hans-Böckler-Stiftung

Eine weitere Überlegung wäre: wenn alle Arbeitskräfte auch unter Beachtung ihrer Knappheit letztendlich doch aufeinander angewiesen bleiben und eine individuelle Produktivität nicht zu ermitteln ist, so muss man die Lösungssuche wohl doch einfach umgekehrt beginnen:
solange die gering qualifizierte Arbeit nachgefragt bleibt, sollte auch ihr Wert steigen, nämlich entsprechend des Wachstums der gesamtwirtschaftlichen Produktivität.

Daher kann tatsächlich nur die Nachfrage der entscheidende Faktor für die Höhe eines Mindestlohnes sein. Werden die Fenster nicht automatisch gereinigt, die Haare nicht automatisch geschnitten und Böden nicht automatisch gewischt, so müssen diese Arbeitskräfte wie alle anderen auch am Zuwachs des allgemeinen Lebensstandards beteiligt werden.

Also müssten dann diejenigen, die mit ihrer Produktivität an der Spitze der Lohnskala stehen, denen, deren Arbeit sich nicht so ohne weiteres wegrationalisieren läßt, eine entsprechende Beteiligung am Erfolg aller ermöglichen.

In einem reichen Land wäre damit auch sichergestellt, dass diese Arbeitnehmer dann von ihrer Tätigkeit auch leben könnten.

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