Schalke 04: Bestandsaufnahme nach dem Revierderby

Seit dem vergangenen Wochenende haben sich die Verhältnisse im oberen Tabellendrittel der Fußball-Bundesliga wohl fürs Erste gefestigt.

Sehr zum Leidwesen vieler Schalke-Anhänger, die auch infolge des ernüchternden Ergebnisses beim Revierderby gegen die Dortmunder Borussia einige unliebsame Fakten zur Kenntnis nehmen müssen.

Arena Auf Schalke hosting Schalke 04 vs Dortmund in 2009

Die drei Mannschaften ganz oben in der Tabelle sind nicht nur den Blau-Weißen enteilt, elf Punkte Rückstand auf Bayer Leverkusen sprechen da eine deutliche Sprache.
Ebenso musste man die spielerische (und taktische) Überlegenheit des BVB auch im direkten Kräftemessen anerkennen.

Nur zeitweilig gelang es der Schalker Mannschaft, so etwas wie „Waffengleichheit“ gegen die Klopp-Elf herzustellen. Erst die Einwechselung von Youngster Max Meyer brachte wieder mehr spielerischen Schwung in die Aktionen der Blauen, die nach dem Anschlusstor wenigstens etwas Hoffnung bei den Fans wecken konnten.

Doch die ganz zwingenden Chancen fehlten auch weiterhin bei den Schalkern, so dass die endgültige Entscheidung für den BVB durch das Tor von Jakub Blaszczykowski schon fast zwangsläufig folgte.

Bayern, Dortmund und Leverkusen sind vorerst unerreichbar

Die Spiele der letzten Woche mit einem denkbar knappen Sieg in Braunschweig und zwei eindeutigen Niederlagen zuhause gegen den FC Chelsea und den BVB haben eigentlich eins klargemacht: Zur Zeit ist man in Gelsenkirchen von seinen Ansprüchen, auf Augenhöhe mit den Spitzenvereinen der Bundesliga sein zu wollen, ein ganzes Stück entfernt.

Sicherlich, die Verletzungen von Klaas Jan Huntelaar, Jefferson Farfan, Kyriakos Papadopoulos und Marco Höger (um nur die Stammspieler zu nennen) sind nicht so einfach zu verkraften, und auch einige der jüngeren Neuzugänge sind noch nicht ganz in der Bundesliga angekommen.

Aber müsste der Kader nicht auch so genügend Qualität haben, um zumindest einigermaßen oben mithalten zu können?

Sind es nicht weitestgehend die gleichen Akteure, die in der Rückrunde der letzten Spielzeit noch ganz andere Leistungen gebracht hatten?

22 Gegentore in 10 Spielen sind einfach zu viel

Fangen wir bei der Abwehr an:

Sie sollte eigentlich gehobenes Bundesligaformat haben, wirkt aber momentan des öfteren eher wie ein Hühnerhaufen.
Weder Joel Matip noch Neuzugang Felipe Santana scheinen mehr als ein gutes Spiel in Folge absolvieren zu können, aber auch Kapitän Benedikt Höwedes läßt sich immer wieder mal von den Unsicherheiten seiner Nebenleute anstecken. Als Abwehrorganisator und Nationalspieler sollte er sein Pensum souveräner abspulen müssen.

Ebenso zeigte Keeper Timo Hildebrand zu selten echte Glanzleistungen, allerdings wird er auch viel zu häufig von seinen Vorderleuten in Stich gelassen.

Auf der rechten Seite hat sich Atsuto Uchida zuletzt etwas stabilisieren können, doch es fehlt ihm immer noch einiges, um aus den Schatten seines Vorgängers Rafinha treten zu können.

Einziger Lichtblick hinten ist der neue Linksverteidiger Dennis Aogo, der schon nach wenigen Spielen den Österreicher Christian Fuchs von dieser Position verdrängt hat und durchweg solide Leistungen abliefert.

Im defensiven Mittelfeld dagegen haben weder Roman Neustädter noch Jermaine Jones bisher eine halbwegs stabile Form gefunden, während Marco Höger bis zu seiner Verletzung wenigstens ansatzweise überzeugen konnte. Umso unverständlicher scheint es da, dass Leon Goretzka bisher so wenig Einsatzzeiten gesehen hat.

Offensiv durchläuft Julian Draxler die wohl erste echte Krise seiner noch jungen Karriere. Während er in der Rückrunde der letzten Saison noch zu den auffälligsten Mittelfeldakteuren der gesamten Liga gehörte, ist er momentan mehr ein Schatten seiner selbst. Inwieweit dies mit den astronomischen Transfersummen zusammenhängt, die vor dem Saisonauftakt für Draxler aufgerufen wurden, ist schwer zu beurteilen.

Auch Kevin-Prince Boateng, in seinen ersten Spielen für Schalke noch eine echte Verstärkung, offenbarte nach dem Auftreten seiner Kniebeschwerden einige Schwächen, deren letzte Steigerung der verschossene Elfmeter gegen Dortmund darstellte.
Noch nicht wirklich auf Schalke angekommen scheint der Kölner Christian Clemens zu sein, seine Chance auf der rechten Außenbahn nach dem Ausfall des peruanischen Nationalspielers Jefferson Farfan konnte er bisher jedenfalls nicht wirklich nutzen.

So hat sich vor allem der junge Max Meyer in den Vordergrund gespielt, aufgrund der vielen verletzten und formschwachen Konkurrenten ist er bereits in die Rolle eines Hoffnungsträgers hineingewachsen.

Zwei Stürmer sind für die Bundesliga nicht genug

Besonders schwerwiegend ist momentan der Ausfall des Torjägers Klaas Jan Huntelaar.
Mit dem Ungarn Adam Szalai gibt es nur noch einen nominellen Stürmer im Kader, der nach gutem Beginn in den letzten Begegnungen immer weniger seine Treffsicherheit ausspielen konnte.
Gerald Asamoah, zwischenzeitlich von der zweiten Mannschaft nach oben beordneter Veteran, verlängerte nach einem Kurzeinsatz im Pokal die Verletztenliste.

Nun rächt es sich offenbar, dass Manager Horst Heldt im Bemühen, den Boateng-Transfer möglich zu machen, auch den Finnen Teemu Pukki zu Celtic Glasgow ziehen lassen musste. Ebenso wäre der an den Zweitligisten Ingolstadt ausgeliehene Juniorenspieler Philipp Hofmann noch eine Alternative gewesen.

So ist die Personaldecke im Schalker Sturm zur Zeit etwas zu kurz, Adam Szalai wirkt bereits in dieser frühen Phase der Saison teilweise überspielt, eine kurzfristige Lösung dieses Problems scheint momentan allerdings auch nicht in Sicht.

Schalke 04 Fans 664

Die Rolle von Trainer Jens Keller bei dieser Entwicklung

Wenn man sich das Spiel der Schalker Mannschaft gegen Dortmund genau angesehen hat, so muss auffallen, dass neben der schwachen oder schwankenden Leistungen vieler Akteure auch die Spielanlage an sich erhebliche Mängel aufwies.

Während Jürgen Klopp seine Elf offenbar sehr gut auf den Gegner eingestellt hatte, konnte man dies von Jens Keller nicht wirklich behaupten.
So dauerte das Umschalten von Abwehr auf Offensive zumeist viel zu lange, und häufige Fehlpaesse erschwerten das Aufbauspiel zusätzlich.
Die Dortmunder machten das sehr viel besser, nach jeder Balleroberung ging es sehr schnell nach vorne.

Hier zeigte sich eigentlich der grösste Unterschied zum Revierrivalen: die Klopp-Truppe hatte jederzeit einen bestimmten Plan, wie sie auf die Entwicklung des Spiels reagieren sollte.

Die Schalker besaßen das offenbar nicht, zumindest war dieser nicht wirklich erkennbar.

Ebenso rätselhaft blieb auch die Aufstellung von Sead Kolasinac, Dennis Aogo und Christian Fuchs auf der linken Seite, die in dieser Form ein Novum darstellte und auch nur bis zum ersten Gegentor funktionierte. Der gerade genesene Kolasinac war in seinem ersten Einsatz von Anfang an völlig überfordert, während Fuchs kaum spielerische Akzente setzen konnte.
Diese taktische Massnahme ging meiner Ansicht nach überhaupt nicht auf, ich hätte dagegen lieber Max Meyer von Beginn an auf dem Platz gesehen und Aogo auf der gewohnten Linksverteidiger-Position.

Zudem fällt immer mehr auf, dass es in der Schalker Mannschaft keine großartige Weiterentwicklung gibt, weder im taktischen noch im läuferischen Bereich scheint sich die Keller-Truppe wirklich erkennbar gesteigert zu haben.

Die nächsten Spiele werden schon entscheidend dafür sein, wohin sich der Weg für den S04 wenden wird: ob es gelingt, sich als vierte Kraft in der Liga zu etablieren oder aber im breiten Mittelfeld mit Teams wie Hertha BSC, Gladbach oder Wolfsburg zu versinken.

Diese Gefahr besteht, wenn sich die Leistungen von Trainer und Mannschaft nicht kurzfristig enorm verbessern.

Morgen schon könnten sie damit in der Bundeshauptstadt beginnen.

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