Nachtrag zum Lautenbach-Plan: das Versagen von SPD und Konservativen ebnete Hitler den Weg

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler die Macht im Deutschen Reich ergriffen, befand sich die deutsche Wirtschaft als Folge der Weltwirtschaftskrise noch in einem komatösen „Tiefschlaf“.

Bundesarchiv Bild 102-02985A, Berlin, Fackelzug zur Machtergreifung Hitlers
Berlin, Fackelzug der SA zur Machtergreifung Hitlers
am Abend des 30. Januar 1933

Die Industrieproduktion betrug nur noch etwa die Hälfte des Vorkrisenstandes von 1928 und neue Investitionen konnten nur noch zu einem Drittel den Ersatzbedarf decken. Die Zahl der Erwerbslosen wuchs erneut, vergleichbar mit dem vorangegangenen Winter, auf über sechs Millionen, jede dritte Arbeitskraft war ohne Beschäftigung.

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Welche Strukturreformen?

Ein paar Worte von Francesco Saraceno zum neuesten World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds (eigene Übersetzung):

International Monetry Fund Building-name shield

Saraceno schrieb in seinem Blogbeitrag, dass er bereit wäre zu wetten, dass der letzte IWF World Economic Outlook, welcher am 14. April in Washington vorgestellt wurde, ein gewisses Aufsehen um den Inhalt einer einzelnen Text-Box erzeugen werde. Es handele sich dabei um Kasten 3.5, auf Seite 36 im Kapitel 3, welches seitdem auf der Website verfügbar ist.

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Mindestlöhne in den europäischen Krisenländern: Griechenland ist anders (aber nicht so wie erwartet)

Veränderung der nominalen Mindestlöhne (in Prozent) der Austeritäts-Staaten 2008 bis 2015

Veränderung der nominalen Mindestlöhne (in Prozent) der Austeritäts-Staaten 2008 bis 2015

Im Januar 2015 führte Deutschland endlich einen allgemein gültigen Mindestlohn von 1.473,- Euro ein, etwa auf dem Niveau des irischen Mindestlohns und etwas höher als das des französischen. Das Gehaltsminimum in Griechenland beträgt 684,- Euro, und ist damit erheblich höher als die 390,- Euro in Estland, aber deutlich unter der 757,- Euro-Grenze in Spanien (Eurostat-Daten hier).

Die Eurostat-Statistiker weisen darauf hin, dass Griechenland das einzige Land war, das seinen Mindestlohn zwischen 2008 und 2015 (-19%) verringert hat. Es ist interessant, Griechenland mit den anderen Ländern unter der Austeritätsfuchtel zu vergleichen, die ja angeblich ein so leuchtendes Beispiel für Griechenland sein sollen.

Eine Senkung der Mindestlöhne ist dabei eindeutig kein Patentrezept, wenn es um das Beschäftigungs- wachstum geht.

(eigene Übersetzung eines Beitrages des Real-World Economics Review Blog)

Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – letzter Teil: Kartelle und Wachstum

Im vierten Teil dieser Serie hatten wir festgestellt, dass in der Verbindung zwischen der Struktur der Wirtschaft und dem Wirtschaftswachstum die weniger marktorientierten Volkswirtschaften deutlich besser als die stärker marktorientierten abschnitten.

Shinkansen E2 at Tokyo station

Auch bei dieser Betrachtungsweise als Form der komparativen Statik bleibt demnach die Forderung nach Strukturreformen zur Lösung der Rezession im Japan der 1990er Jahre weiterhin unbegründet. Eine zweite Hypothese im Sinne der neoliberalen Effizienztheorie hat stattdessen die dynamische Performance der Wirtschaft im Auge.

Teil 5: Führen Deregulierung und Liberalisierung zu mehr Wachstum?
Es gilt also die Frage zu klären, inwieweit sich Strukturreformen auf die Wirtschaftsleistung auswirken. Dies ist natürlich eines der Hauptargumente der gängigen orthodoxen Ansichten: Strukturveränderungen hin zu mehr unreglementierten Märkten werden das wirtschaftliche Wachstum erhöhen.

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Leistungsbilanzsalden: von der „Schuld“ der Kreditgeber

Interessant ist das schon, was da gerade wieder rund um die griechische Schuldenkrise abläuft.

Twenty euro banknote and coins
Griechische 20-Euro-Banknote und Münzen unter einem Ouzo-Glas

Von Moral und Schuld wird geredet, die Gleichsetzung von Täter, Sünder und „Schuldner“ bleibt ein immer wieder bemühtes Narrativ zur Verurteilung der Kreditnehmer, Schulden sind in der öffentlichen Diskussion weiterhin ein erheblicher moralischer Makel.

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Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 4: die These der effizienten Märkte

In den Teilen Eins, Zwei und Drei dieser Serie haben wir festgestellt, dass auch die neoklassische Wachstumstheorie nicht als Rechtfertigung für Strukturreformen als Lösung für die Rezession im Japan der 1990er Jahre herangezogen werden kann.

Night Nagasaki shipyard

Warum aber sollte dann überhaupt ein Land mittels Privatisierung, Deregulierung, Liberalisierung seine Wirtschaftsstruktur verändern und neoliberale Märkte schaffen?

Teil 4: Analyse der These der effizienten Märkte
Einen weiteren Ansatzpunkt für eine mögliche Beantwortung dieser Frage bildet die neoklassische Effizienztheorie als Grundlage der sogenannten Wohlfahrtsökonomik. Diese baut auf einem Satz von speziellen Annahmen auf, nach denen die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft pareto-effizient ist.

Zu diesen Annahmen gehören die perfekte Information aller Wirtschaftssubjekte, stets perfekte und komplette Märkte, der Wegfall jeglicher Transaktionskosten und -gebühren sowie das Nichtauftreten externer Effekte. Nur unter diesen Bedingungen können Eingriffe, beispielsweise durch die Regierung, die allokative Effizienz beeinträchtigen.

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Aus den ökonomischen Essays von David Hume

David Hume

Wie sonst sind die Bilanzen in den Provinzen eines jeden Reiches jemals ausgeglichen worden, wenn nicht durch die Kraft dieses Prinzips, welches es dem Geld unmöglich macht, seinen Wert zu verlieren und über den Anteil der Arbeit und der Waren, die es in jeder Provinz gibt, hinaus entweder zu sinken oder zu steigen?

Jeder Mann, der an diesem Tag durch ganz Europa reist, kann sehen, das aufgrund der Warenpreise sich der Wert des Geldes nahezu überall, trotz der absurden Eifersucht der Fürsten und Staaten, fast auf dasselbe Niveau gebracht hat; und dass die Differenz zwischen einem Reich und einem anderen in dieser Hinsicht nicht größer ist als häufig zwischen den verschiedenen Provinzen desselben Reichs.

aus dem Kapitel ‘Of the Balance of Trade’ aus „Essays, Moral, Political and Literary“ des schottischen Philosophen David Hume

Was zählt, so argumentiert Hume hier, ist die „Kunst und Industrie“ jeder Nation – oder Provinz. Die ausgleichenden Ströme mögen geblockt sein – „wie jeder Körper aus Wasser über das Niveau des umgebenden Elements erhöht werden kann“ – aber real ist real und Bilanzen sind Bilanzen. Wenn es einen großen und anhaltenden Handelsbilanzüberschuss in einem Bereich gibt, und es erfolgen keine Wechselkursanpassungen, sind die Folgen für die Kapitalbilanz unvermeidlich.

Trotzdem werden wir wohl noch jede Menge mehr „absurder Eifersucht“ erleben können, bevor die Saga der Eurozone zu Ende ist.

(eigene Übersetzung aus einem Blogbeitrag von The Enlightened Economist)

arte: Macht ohne Kontrolle – Die Troika

Absolut sehenswert, eines der rar gewordenen Highlights echter investigativer Medienarbeit. Ein kleiner Lichtblick im dunklen Tunnel der Ignoranz und Einseitigkeit…

Um ihre Notkredite zu erhalten, mussten sich die Krisenstaaten der Eurozone den Vorgaben Beamter beugen, die keinerlei parlamentarischer Kontrolle unterliegen: der Troika.

Rekrutiert aus den Institutionen IWF, EZB und Europäischer Kommission forderten sie Einsparungen in verheerendem Ausmaß. Doch die positiven Auswirkungen der Sparpolitik blieben für die meisten aus.

Macht ohne Kontrolle – Die Troika | ARTE

Der Kredit, das unbekannte Wesen

Angesichts der offenbar unendlichen Euro-Krise kann man nicht oft genug auf eine der leider nur wenig bekannten makroökonomischen Grundregeln hinweisen:

Salaping papel Euro

Niemand muss sparen, damit andere einen Kredit erhalten; aber jemand muss einen Kredit aufnehmen, damit andere sparen können.

Will jemand Unternehmer werden, hat aber selbst kein Geld, muss er es sich von der Bank leihen, die es ihm per Mausklick neu schafft.
Erst wenn er Löhne zahlt und seine Arbeiter nicht alles ausgeben, entsteht Ersparnis.

Das alles heißt freilich nicht, dass die Zentralbank nur ordentlich Geld drucken muss und niemand sparen darf, damit alle im wirtschaftlichen Paradies leben.

Die eigentliche Beschränkung für den Wohlstand der Menschen ist immer noch die Verfügbarkeit tatsächlicher Arbeitskraft und tatsächlicher Maschinen.

Solange aber Menschen keine Arbeit finden und Maschinen brach liegen, muss irgendjemand mehr ausgeben und dazu auch die Mittel – notfalls direkt von der Zentralbank – bekommen.

aus flassbeck-economics: Der Kredit, das unbekannte Wesen

Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 2: Die neoliberale Wachstumstheorie

Wie in Teil 1 bereits erörtert, ist der Ruf nach „Strukturreformen“ eine der zentralen Forderungen neoliberaler Wirtschaftspolitik. Anhand der „verlorenen Dekade“ im Japan der 1990er Jahre soll hier versucht werden, die Gültigkeit dieser These zu überprüfen.

Japan real GDP growth rate
Durchschnittliches reales Wachstum des japanischen Bruttoinlandsproduktes je Dekade,
Daten aus: Edward C. Prescott (2002), „The 1990s in Japan: A Lost Decade“

Teil 2: Das Argument der neoklassischen Wachstumstheorie
Gemäß dieser Theorie wird das ökonomische Wachstum auf zwei Variablen zurückgeführt: die Quantität der Produktionsfaktoren (Land, Arbeit, Kapital, Technologie) und die Gesamtproduktivität dieser Faktoren. Dabei muss berücksichtigt werden, dass für die Gültigkeit dieser These eine ganze Reihe von Annahmen vorausgesetzt werden.

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