Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 2: Die neoliberale Wachstumstheorie

Wie in Teil 1 bereits erörtert, ist der Ruf nach „Strukturreformen“ eine der zentralen Forderungen neoliberaler Wirtschaftspolitik. Anhand der „verlorenen Dekade“ im Japan der 1990er Jahre soll hier versucht werden, die Gültigkeit dieser These zu überprüfen.

Japan real GDP growth rate
Durchschnittliches reales Wachstum des japanischen Bruttoinlandsproduktes je Dekade,
Daten aus: Edward C. Prescott (2002), „The 1990s in Japan: A Lost Decade“

Teil 2: Das Argument der neoklassischen Wachstumstheorie
Gemäß dieser Theorie wird das ökonomische Wachstum auf zwei Variablen zurückgeführt: die Quantität der Produktionsfaktoren (Land, Arbeit, Kapital, Technologie) und die Gesamtproduktivität dieser Faktoren. Dabei muss berücksichtigt werden, dass für die Gültigkeit dieser These eine ganze Reihe von Annahmen vorausgesetzt werden.

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Peter Bofinger: Autos kaufen nun mal keine Autos

Der Ökonom Peter Bofinger spricht Klartext über die wirtschaftliche Situation in der Eurozone und global:

Sebring Sedan Accident


Aber das bedeutet neue Schulden.
Es gibt derzeit keinen großen Währungsraum, der in der Lage ist, seinen Laden ohne größere Defizite am Laufen zu halten: USA, Großbritannien, China, Japan – niemand hat ein Defizit von weniger als fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Der deutschen Idee, man könne heute mit ausgeglichenen Staatshaushalten die Weltwirtschaft in Schwung halten, fehlt jeder empirische Beleg.

In Deutschland und in der Schweiz funktioniert das.
Das sind kleine Länder, die davon leben, dass andere die Schulden machen, um die Konjunktur zu stützen. Nochmal zurück zum Anfang: Wir haben ein globales Nachfrageproblem. Die Konsumenten haben nicht genug Geld oder hohe Schulden. Die Unternehmen haben Geld, investieren aber nicht. Also muss der Staat in die Lücke springen. Sonst tut es keiner…

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger in der Frankfurter Rundschau

Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 1: Einleitung

Die Krise in Japan wurde 1990 ausgelöst, als eine Finanz- und Immobilienblase platzte. In den Jahren zuvor waren die Immobilienpreise sowie die Aktienkurse ins Unermessliche gestiegen. Das Land versank in einer Deflation, aus der es sich bis heute nicht richtig befreien konnte.

Es entstand der Begriff der „verlorenen Dekade“, Schlagwort für eine schwere makroökonomische Absatzkrise, die in dieser Form auch der Europäischen Union bevorstehen könnte.

Traffic signal and Security guard in Japan

Schon damals war es die konventionelle Gewissheit bei vielen Ökonomen, Notenbankern, Finanzjournalisten und Politikern, dass Japan „dringend benötigte Strukturreformen“ implementieren müsse, um die Krise überwinden zu können.

„Keine Erholung ohne Strukturreform“, verkündete der damalige Ministerpräsident Jun’ichirō Koizumi. Der Fall Japan wurde auch zum Vorbild ähnlicher Reformen in anderen Ländern und Regionen, wie zum Beispiel Deutschland, wo sie bald ebenfalls ein Schwerpunkt der Regierungspolitik wurden.

Angesichts dieses überwältigenden Konsens ist es verlockend anzunehmen, dass die Theorie der Struktur- reformen damals gründlichen empirischen Tests unterzogen und durch diese deutlich unterstützt wurde. Solche empirischen Überprüfungen hatte es bis dahin allerdings nicht gegeben. Erst der deutsche Ökonom Richard A. Werner lieferte 2004 ein solches Papier, mit dem die empirische Daten-Erfassung analysiert und die neoklassischen Theorien, auf denen die Idee der strukturellen Reformen beruhte, getestet wurden.

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Das größte Geheimnis der Makroökonomie: der enge Zusammenhang zwischen Lohnstückkosten und Inflation

Im internationalen Vergleich der Volkswirtschaften sind nicht die tatsächlichen Löhne, sondern die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten (d. h. die Löhne im Verhältnis zur Produktivität) die entscheidenden Faktoren.

Lohnstückkosten und Inflation

Zusammenhang zwischen Lohn- und Preisentwicklung (Flassbeck 2012)

mit freundlicher Genehmigung von diekriseverstehen.net
Grafik ursprünglich aus Flassbeck, H. (2012): Zehn Mythen der Krise, Berlin.

Und seit 60 bis 70 Jahren gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Lohnstückkostenwachstum und der Inflationsrate (der allerdings ebenso lange von Neoliberalen, Monetaristen, Österreichern, aber auch vielen Keynesianern beharrlich ignoriert wird).

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Mythos New Deal – Teil 7: Lehren für den Kampf gegen Europas Krise

Zum Abschluss meiner Serie über Roosevelts New Deal möchte ich eine Brücke zur Gegenwart, insbesondere zu Vorschlägen zur Überwindung der Eurokrise aufbauen.

Schon 2008 bezog sich die UN in einem Gutachten zur ökonomischen und sozialen Entwicklung der Welt- wirtschaft auf einen „globalen New Deal“, mit dem die Probleme nach der Finanzkrise bekämpft werden sollten.

Bauruine-Cala-de-Bou-Ibiza

Mein Beitrag soll sich aber vor allem mit der Politik in der EU seit dem Beginn der Eurokrise beschäftigen, die sich markant von den Maßnahmen unterscheidet, mit denen der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt die Wirtschaft der Vereinigten Staaten aus dem Tief nach der Großen Depression Anfang der 1930er Jahre führte.

Verzweiflung, Verzagtheit und Mutlosigkeit hießen die Probleme, die Roosevelt als erstes anging, gefolgt von der Regulierung der Finanzmärkte und der Wiedererweckung der realen Wirtschaft durch Beschäftigungs- programme und öffentliche Investitionen.

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Mythos New Deal – Teil 6: Fred Trump und die Federal Housing Administration (F.H.A.)

Entrepreneurs: Set the bar high. Do the best you possibly can. Apply your skills and talent, but above all, be tenacious.

Immobilien-Tycoon Donald Trump am 13.11.2014 auf Twitter

Trump Tower in New York City Mai 2009

Mit Sprüchen wie diesem feilt der amerikanische Multimilliardär Donald Trump immer wieder an seinem Ruf als „Self-Made“-Unternehmer, der seinen Erfolg ausschließlich den eigenen Fähigkeiten zu verdanken hat. Zur Zeit schätzt ihn das Wirtschaftsmagazin Forbes auf ein Gesamtvermögen von ca. 4 Milliarden Dollar, 2011 bescheinigte es ihm ein Einkommen von etwa 60 Millionen $ im Jahr.

Dabei wird allerdings häufig übersehen, dass Trumps Erfolgsgeschichte in Wirklichkeit keineswegs so „heldenhaft selbstgemacht“ ist, wie es in den Mythen so gern erzählt wird. Ganz im Gegenteil beruht die Karriere des Donald Trump sehr viel mehr auf der Hilfe anderer, vor allem der seines Vaters, der US-Regierung und der amerikanischen Öffentlichkeit.

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Mythos New Deal – Teil 5: FDR und das öffentliche Wohnungswesen

Bei meinen Recherchen über den New Deal des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (FDR) habe ich viel über den Wagner-Steagall Housing Act von 1937 gelesen, mit dem der Präsident damals die Grundlage für ein völlig neues Wohnungsrecht in den Vereinigten Staaten gelegt hatte.

WPA National Youth Administration constructing stone building ARIZONA 1936
National Youth Administration: Junge Männer beim Bau eines Steingebäudes in Arizona

Neben anderen Maßnahmen setzte Roosevelt zu Bekämpfung der ökonomischen Krise während der „Großen Depression“ auch auf eine verstärkte Förderung des öffentlichen Wohnungsbaus. Er sah es als eine der Hauptaufgaben des Staates an, unsichere Wohnverhältnisse zu bekämpfen, den akuten Mangel an menschenwürdigen Unterkünften zu beseitigen und so die Knappheit an Wohnraum für Familien mit niedrigeren Einkommen zu beenden.

Daher wollte seine Administration ein landesweites Programm zum Bau und Betrieb von Sozialwohnungen etablieren, welches vor allem den Armen zugute kommen sollte.

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Abenomics: Ohne Lohnsteigerungen auf Dauer erfolglos

Keynesianer stöhnten erschrocken auf, während Monetaristen und Neoliberale eine gewisse Genugtuung offenbar nicht verhehlen konnten, denn die FAZ meldete dieser Tage: Japans Wirtschaft steckt in der Rezession.

Shinzo Abe, Prime Minister of Japan (9092387608)
Shinzo Abe, Premierminister von Japan

Handel, Dienstleistungen und Industrie im Land der aufgehenden Sonne sind im 3. Quartal 2014 überraschend geschrumpft, die umstrittene Reform-Strategie von Premierminister Shinzo Abe, Abenomics genannt, stehe angeblich vor dem Scheitern.

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Mythos New Deal – Teil 4: John Maynard Keynes und die Reformen des New Deal

Bereits in den 1920er Jahren hatte John Maynard Keynes als Dozent des King’s College in Cambridge sowie als wirtschaftspolitischer Berater der englischen Regierung und Teilnehmer an den Friedensgesprächen von Versailles einen enormen Bekanntheitsgrad erreicht. Seine Werke „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“ (1919), „Ein Traktat über Währungsreform“ (1923) und vor allem seine große Abhandlung „Vom Gelde“ (1930) wurden öffentlich wahrgenommen und ausgiebig diskutiert.

John Maynard Keynes
John Maynard Keynes (1946)

Beim Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 gehörte Keynes zu den aufmerksamsten ökonomischen Beobachtern der darauf folgenden politischen und wirtschaftlichen Irrungen und Wirrungen. So verfolgte er auch sehr intensiv den von dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt eingeschlagenen Weg des New Deal, mit dem die „Große Depression“ in den USA überwunden werden sollte.

Als im Verlauf der Krise die Produktion weltweit massiv einbrach und die Arbeitslosenquoten immer weiter stiegen, erkannte auch Keynes, dass die damals vorherrschende klassische ökonomische Theorie keine funktionierenden Lösungen anbieten konnte.

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Mythos New Deal – Teil 3: Erfolg durch mehr soziale Gerechtigkeit

Als im Frühjahr 1934 die amerikanische Wirtschaft erneut einbrach, stellte sich heraus, dass der erste Versuch des New Deal von Präsident Franklin D. Roosevelt zur Bekämpfung der Folgen der Weltwirtschaftskrise vorerst gescheitert war.

Straßenbauprojekt der Works Progress Administration (WPA)
Straßenbauprojekt der Works Progress Administration (WPA)

Ohne eine entscheidende Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage waren alle Maßnahmen, die hauptsächlich den Unternehmen und Konzernen zugutegekommen waren, im Sande verlaufen. Löhne und Gehälter stagnierten oder schrumpften bereits wieder, freie Gewerkschaften wurden in ihrer Arbeit behindert oder in den Betrieben erst gar nicht zugelassen.

Zwar hatte die Regierung insbesondere den Farmern Krediterleichterungen zukommen lassen und in vielen Bereichen Mindestlöhne etablieren können, doch die Möglichkeit, weiterhin Preisabsprachen zwischen den Unternehmen sowie Kartelle und Monopole zuzulassen, ließen die Profite und Preise weit stärker als die Löhne ansteigen.

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