Mythos New Deal – Teil 5: FDR und das öffentliche Wohnungswesen

Bei meinen Recherchen über den New Deal des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (FDR) habe ich viel über den Wagner-Steagall Housing Act von 1937 gelesen, mit dem der Präsident damals die Grundlage für ein völlig neues Wohnungsrecht in den Vereinigten Staaten gelegt hatte.

NYA constructing stone building

Neben anderen Maßnahmen setzte Roosevelt zu Bekämpfung der ökonomischen Krise während der „Großen Depression“ auch auf eine verstärkte Förderung des öffentlichen Wohnungsbaus. Er sah es als eine der Hauptaufgaben des Staates an, unsichere Wohnverhältnisse zu bekämpfen, den akuten Mangel an menschenwürdigen Unterkünften zu beseitigen und so die Knappheit an Wohnraum für Familien mit niedrigeren Einkommen zu beenden.

Daher wollte seine Administration ein landesweites Programm zum Bau und Betrieb von Sozialwohnungen etablieren, welches vor allem den Armen zugute kommen sollte.

Bereits als Gouverneur von New York war das Wohnungswesen einer der Schwerpunkte von Roosevelts Politik, und so war es nicht verwunderlich, dass er dieses besondere Interesse für Reformen bundesweit ausweitete, als er 1932 Präsident wurde.

1933 schuf er die Home Owners‘ Loan Corporation (HOLC), mit deren Hilfe von Zwangsvollstreckung bedrohte Hausbesitzer ihre Hypotheken weiterbedienen konnten. Diese Behörde entwickelte zudem eine umfassende Planung zum sozialen Wohnungsbau, der als Grundlage für den National Housing Act diente.

Mit diesem Gesetz entstand die Federal Housing Administration (FHA), die Banken, Hypotheken-Gesellschaften und andere Kreditgeber absicherte, um damit den Bau neuer Häuser und den Erhalt der vorhandenen Strukturen zu fördern.

Es war Roosevelts Hoffnung, dass das Gesetz auch die Beschäftigung in der Bauwirtschaft ankurbeln würde. Obwohl der National Housing Act und die FHA die Bedürfnisse der Hausbesitzer und jener Amerikaner, die finanziell zum Immobilienkauf in der Lage waren, weitestgehend befriedigen konnte, trug es dagegen wenig dazu bei, die Wohnverhältnisse der Armen, insbesondere vieler Afro-Amerikaner in den Slums zu verbessern.

Doch es gab auch heftigen politischen Widerstand gegen günstige Sozialwohnungen für einkommensschwache US-Bürger. Insbesondere Vermieter-Verbände und die Immobilienbranche opponierten leidenschaftlich, da sie befürchteten, dass der private Wohnungsmarkt durch billigere öffentliche Sozialwohnungen benachteiligt werden könnte. Konservative Finanzexperten hatten zudem Angst vor den budgetären Auswirkungen eines kostspieligen Wohnungsbauprogramms. Und viele Kongressabgeordnete aus dem ländlichen Raum machten sich Sorgen, dass eine solche Politik eher nur den großen Städten zugute kommen würde.

Der New Yorker Senator Robert Wagner dachte allerdings anders und wurde die treibende Kraft hinter dem Wagner-Steagall Housing Act. Roosevelt unterstützte ihn nach Kräften und machte den sozialen Wohnungsbau zu einer Priorität seiner zweiten Amtszeit. In seiner Antrittsrede vom 06. Januar 1937 vor dem Kongress sprach der Präsident von der dringenden Notwendigkeit, eine Lösung in der Wohnungsfrage zu finden:

Es gibt immer noch weitreichende Probleme bei uns, für die die Demokratie Lösungen finden muss, wenn sie sich selbst als erfolgreich betrachten will.
Zum Beispiel leben viele Millionen Amerikaner noch immer in Wohnungen, die nicht nur den physikalischen Nutzen der modernen Zivilisation nicht erfüllen können, sondern durch das Ausbrüten von Krankheiten auch die Gesundheit der zukünftigen Generationen beeinträchtigen.
Die Bedrohung besteht nicht nur in den Elendsvierteln der sehr großen Städte, sondern auch in vielen kleineren Orten. Es existiert in unterschiedlichem Maße auch auf Zehntausenden von Bauernhöfen in jedem Teil dieses Landes.

Zwei Wochen später erklärte Roosevelt dazu kurz und bündig in seiner zweiten Antrittsrede:

Ich sehe ein Drittel einer Nation schlecht untergebracht, schlecht gekleidet und schlecht ernährt.
Der Test für unseren Fortschritts ist nicht, ob wir denen, die schon viel haben, noch mehr geben; es geht vielmehr darum, ob wir genügend denjenigen bieten können, die zu wenig haben.

Danach arbeitete FDR hinter den Kulissen mit Abgeordneten und Angehörigen seiner Administration intensiv an den Vorgaben für ein Gesetz zur Reform des Wohnungswesens. Fragen wie die Finanzierung einzelner Projekte, Obergrenzen für die Kosten pro Einheit und die personelle Ausstattung und Verwaltung der vorgeschlagenen Wohnungsbehörde wurden in Konferenzen im Weißen Haus geklärt.

Unter Berücksichtigung der wichtigsten Anliegen der verschiedenen Kongressabgeordneten einschließlich des Vorsitzenden, des Republikaners Henry B. Steagall, kam das Gesetz schließlich erfolgreich zur Abstimmung und Präsident Roosevelt unterzeichnete den Wagner-Steagall Housing Act am 1. September 1937.

Das neue Gesetz etablierte die United States Housing Authority (USHA), die über 500 Millionen Dollar an Krediten für Low-Cost-Housing-Projekte im ganzen Land zur Verfügung stellte. Nach dem neuen Gesetz fungierte das USHA als Kreditvergabe-Agentur für staatliche und lokale Wohnungsbehörden, die preiswerten subventionierten Wohnraum sowohl in kleinen als auch größeren Städten schufen.

Die USHA wurde ermächtigt, Darlehen in Höhe von 90 % der Projektkosten zu niedrigen Zinsen und über Laufzeiten bis zu 60 Jahren zu gewähren. Bis Ende 1940 waren über 500 USHA-Projekte in Arbeit oder bereits abgeschlossen, mit Darlehensverträge von über 600 Millionen Dollar. Das Programm sollte sich dabei durch die Erhebung von Mieten selbst tragen: die Hälfte sollte von den Mietern kommen, ein Drittel durch die Beiträge der Bundesregierung, und ein Sechstel durch jährliche Leistungen der lokalen Behörden selbst aufgebracht werden.

Zudem verlangte dieses Gesetz, dass für jede neu geschaffene öffentliche Wohneinheit die gleiche Anzahl an minderwertigen Wohnungen aufgegeben werden sollte. Diese one-to-one Politik gewährleistete, dass das Bundesprogramm nur die Qualität der Unterkünfte erhöhte, nicht jedoch die Anzahl selbst.

Die operativen Entscheidungen wurden den örtlichen Behörden überlassen, so dass Gemeinden, die keine Sozialwohnungen errichten wollten, dies auch nicht tun mussten. Anderen wurde die freie Wahl für die Lage des Projektes zugestanden, was allerdings häufig dazu führte, dass die strikte Rassentrennung beibehalten wurde.

Im Zweiten Weltkrieg war die USHA auch maßgeblich an der Planung und dem Bau von Wohnraum für Rüstungsarbeiter beteiligt.

Für Franklin D. Roosevelt bedeutete angemessener Wohnraum nicht nur eine Notwendigkeit, sondern ein Recht. Der Wagner-Steagall Housing Act von 1937 brachte zusammen mit anderen New Deal Wohnungs- und Hypotheken-Initiativen Hunderttausenden von Amerikanern größere wirtschaftliche Sicherheit.

In seiner Rede zur Lage der Nation am 11. Januar 1944 deklarierte FDR eine zweite „Bill of Rights“, die „das Recht einer jeden Familie auf ein anständiges Zuhause“ enthielt.

Über Jahrzehnte veränderte der soziale Wohnungsbau das urbane Gesicht Amerikas. Doch immer wieder wurden progressive Ansätze durch Befürchtungen der Immobilien- und Wohnungswirtschaft behindert und begrenzt. Ein 1949 aufgelegtes Reformpaket des Housing Acts ermöglichte es der Wohnungswirtschaft nicht nur, die Zahl neu zu bauender Wohnungen zu begrenzen. Vielmehr wurden nur noch Ein-Familien-Häuser subventioniert und mussten an den Stadträndern gebaut werden; im Gegenzug mussten dafür – auch baulich und sozial intakte – Innenstadtquartiere abgerissen werden.

Obwohl dann infolge des 1968er Housing Acts die höchste Zahl von Sozialwohnungen in der Geschichte der USA gebaut wurde, war auch dieses Programm begrenzt. Immerhin wurden öffentliche Gelder in erheblichem Umfang zur Reduzierung der Wohnkosten ausgegeben, damit die finanziellen Ressourcen in den Geldbeuteln der ärmeren Mieter und schließlich auch die Massennachfrage und -kaufkraft gestärkt.

Was in etwa 40 Jahren an Sozialem Wohnungsbau aufgebaut worden war, ist allerdings seit 1973 beginnend unter Präsident Nixon wieder weitgehend zerschlagen worden. Die öffentliche Förderung wurde immer weiter zurückgenommen, bis in den 1990ern unter dem wachsenden Einfluss des Neoliberalismus und seiner profitorientierten Angebotslogik Sozialwohnungen im großen Stil abgerissen oder privatisiert wurden.

So wurden auch viele vormalige Mieter mit zweifelhaften Konditionen Eigentümer ihrer Wohnungen und Häuser und lieferten Banken und Hypothekenvermittlern den „Stoff“ für einen wenig regulierten Markt von verbrieften Kreditforderungen, der schließlich 2007 erneut zu einer Weltwirtschaftskrise führen sollte.

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