Back to Work: Über die Saisonvorbereitung von Schalke 04

Der geneigte Leser wird möglicherweise in diesem Sommer den sonst üblichen Rückblick auf die vergangene Saison der Schalker vermisst haben. Nun, ich muss zugeben, nach dem desaströsen Ende dieser Spielzeit fehlte mir einfach die Lust dazu.

Franco Di Santo warming up, Wigan Athletic v Bolton Wanderers, 15 October 2011

Der Verzicht auf eine breitere Reflektion der teilweise unterirdischen Leistungen der Schalker Spieler diente vor allem auch dem Frustabbau. Ich hatte schlichtweg keine Motivation mehr, mich noch einmal mit den Auftritten der Boatengs, Neustädters, Sams usw. näher zu beschäftigen.

Denn diese unsäglichen Darbietungen überstrahlten sämtliche positiven Ansätze bei weitem, wenn auch die tadellosen Spiele von Keeper Ralf Fährmann oder der 4:3-Sieg in der Champions League bei Real Madrid sicherlich nicht vergessen werden sollten.

Doch den Rest dieser Saison wollte ich einfach nicht noch einmal wiederkäuen und stattdessen so schnell wie möglich aus meinem Gedächtnis verbannen. Gelingen konnte das allerdings nur langsam und wahrscheinlich auch nicht vollständig.

Dafür ist Schalke eben Schalke, und nicht nur mit der etwas holprigen Trainersuche zeigte sich schon recht schnell, dass die Vergangenheit nicht so einfach abzuschütteln ist. Doch mit Andre Breitenreiter wurde meines Erachtens eine gute Lösung gefunden, ein solider Arbeiter ohne Starallüren, der sich im Gegensatz zu seinen Vorgängern Jens Keller und Roberto Di Matteo recht zügig ein gewisses Vertrauenspotenzial aufbauen konnte.

Junior Caicara, Sascha Riether, Johannes Geis und zuletzt Franco Di Santo: Die Namen der vier Neuzugänge wecken zudem einige Hoffnung auf Besserung. Keine Superstars, aber solide Akteure mit teilweise großer Erfahrung und vor allem viel Potential.

Dabei wurden mit Caicara und Riether doch tatsächlich zwei Spieler geholt, die die Position des rechten Außenverteidigers auch wirklich ausfüllen können. Kaum zu glauben, dass nach Jahren des „Herumdoktorens“ Manager Horst Heldt diesen eklatanten Mangel endlich abgestellt hat. Seit Felix Magath Rafinha vergraulte und den Japaner Atsuto Uchida holte, stellte die rechte Außenbahn, vorher eine der großen Schalker Stärken, immer wieder eine Problemzone dar.

Sicherlich, zu ihren besten Zeiten waren Uchida und der Peruaner Jefferson Farfan ein gefürchtetes Duo auf dieser Seite. Doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dort eine echte Alternative zu dem japanischen Nationalspieler, der übrigens verletzungsbedingt wohl die gesamte Hinrunde verpassen wird, nie vorhanden war.

Experimente mit Marco Höger, Tranquillo Barnetta und Benedikt Höwedes kamen nicht über den Versuchsstatus hinaus, Atsuto Uchidas schwankende Leistungen und schließlich seine Verletzung sorgten zusätzlich dafür, dass sich diese Position zu einem echten Schwachpunkt in der Schalker Mannschaft entwickelte.

Nun also der heiß ersehnte Neuanfang: der Brasilianer Caicara kommt mit immerhin mit einigen Einsätzen in der Champions League für seinen bisherigen Verein Ludogorets Razgrad (Bulgarien) im Gepäck, er gilt zudem als offensivfreudiger und technisch versierter Außenverteidiger, der sich auch mal bis zur gegnerischen Grundlinie durcharbeiten und verwertbare Flanken schlagen kann. Es wird spannend sein zu beobachten, wie er mit der Umstellung auf das Niveau der Bundesliga zurecht kommen wird.

Keine Probleme dieser Art dürfte dagegen der 32-jährige Sascha Riether haben, ganz im Gegenteil kann er auf die Erfahrung von über 400 Spielen in Bundesliga, Zweiter Liga und der englischen Premier League sowie eine Deutsche Meisterschaft (2009 mit dem VfL Wolfsburg) zurückgreifen. Als Backup oder auch direkte Konkurrenz für Junior Caicara keine ganz schlechte Wahl, obwohl er vom Spielertyp eher die Antithese des Brasilianers darstellt.

Stark im Zweikampf und im Spiel gegen den Ball, fehlt ihm allerdings inzwischen anscheinend die nötige Schnelligkeit, um in der Offensive besonders glänzen zu können. Für ihn spricht allerdings auch seine Flexibilität, neben der rechten Außenbahn kann er ebenso im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden.

Dort dürfte das besondere Augenmerk aber erst einmal auf dem ehemaligen Mainzer Johannes Geis liegen, schließlich gilt der gebürtige Schweinfurter als eine der größten Hoffnungen des deutschen Fußballs. Der erst 21-jährige eroberte sich in den letzten beiden Jahren bei den Rheinhessen einen Stammplatz und sorgte in 67 Bundesligaspielen als zentrale Schaltstelle vor der Abwehr für Aufsehen. Einen vorläufigen Höhepunkt seiner noch jungen Karriere stellte die Teilnahme bei der diesjährigen U21-Europameisterschaft in Tschechien dar. Obwohl er nur in zwei Spielen eingewechselt wurde, überzeugte er trotzdem mit guten Leistungen.

Man kann also durchaus zu Recht davon sprechen, dass sich der FC Schalke 04 mit ihm ein echtes Juwel an Land gezogen hat, der vor allem einigen spielerischen Glanz in die bisherige Problemzone des defensiven Mittelfelds bringen könnte. Doch wie auch den anderen jungen Spieler im blau-weißen Kader muss man auch ihm vor allem eins zugestehen: Zeit, sich zu entwickeln, damit er schließlich die Verheißungen überhaupt erfüllen kann.

Und dann noch Franco di Santo: ein sehr beweglicher, aber auch kopfballstarker und torgefährlicher Stürmer, der seine Stärken schon ansatzweise im Freundschaftsspiel gegen den FC Porto, seinem ersten Einsatz für die Blauen, andeuten konnte. Mit ihm an der Seite von Klaas-Jan Huntelaar sowie der Alternative Eric-Maxim Choupo-Moting (wenn er denn endlich seine Form aus der Hinrunde der letzten Saison wiederfinden würde) dürften die Schalker wesentlich flexibler und schlechter ausrechenbar in der Sturmspitze werden.

Weitere Neuzugänge sind eigentlich nicht mehr unbedingt zu erwarten, vor allem da die Causa Julian Draxler nach der Schalker Absage an ein Angebot von Juventus Turin im Prinzip als erledigt betrachtet werden kann. Sollten die Italiener allerdings noch einmal nachbessern oder ein anderer Verein noch seinen Hut in den Ring werfen wollen (Wolfsburg?), so könnte der Name Xherdan Shaqiri demnächst wieder am Schalker Markt genannt werden.

Der Schweizer Nationalspieler, der beim FC Bayern München 50 Bundesliga-Begegnungen absolviert hat, ohne sich allerdings wirklich durchsetzen zu können, hat sich mit seinem derzeitigen Club Inter Mailand offenbar überworfen und wäre so einem Wechsel nach Gelsenkirchen wohl nicht abgeneigt. Ohne einen Transfer von Draxler dürfte sich aber diese Option zerschlagen.

Wie auch immer sich Julian Draxler und der Verein entscheiden werden und ob Shaqiri (oder ein anderer Spieler?) ihn ersetzen wird oder nicht, im Prinzip steht der Schalker Kader für die neue Saison. Deshalb ist es nun an der Zeit, um neben den Personalien auch einmal über Fußball zu reden.

Fest steht für mich dabei, dass sich der neue Trainer Andre Breitenreiter offenbar alle Mühe geben will, die zuletzt äußerst schwachen Auftritte der kurzen Di Matteo-Ära möglichst schnell in Vergessenheit zu bringen. Die bisherigen Testspiele lassen da schon in etwa erahnen, in welche Richtung es zukünftig gehen soll. Mit jeder Begegnung wurde die taktische Ausrichtung besser erkennbar, und auch die praktische Ausführung durch die Mannschaft steigerte sich entsprechend.

Offensiver, kompakter, mit hohem Pressing und schnellem Umschalten – mit diesen Schlagworten lässt sich die die Taktik von Breitenreiter womöglich am besten beschreiben. Anders als unter Di Matteo soll wieder schneller der Torabschluss gesucht werden, insgesamt rückt das gesamte Team in der Offensive weiter nach vorn, was bei Ballbesitz des Gegners auch ein früheres Attackieren ermöglicht.

Wenn sich nicht noch etwas großartig ändert (Verletzungen, Transfers), dürfte die Anfangsaufstellung gegen den FC Porto (Fährmann – Riether, Matip, Nastasic, Kolasinac – Neustädter, Geis, Goretzka, Draxler – Huntelaar, di Santo) einen ganz guten Hinweis darauf geben, wie die Blauen diese Saison angehen wollen. Mit u. a. Caicara, Max Meyer, Marco Höger, Benedikt Höwedes, Kaan Ayhan, Choupo-Moting, Leroy Sane und und und stehen noch genügend Alternativen zur Verfügung, sodass ich eigentlich vorsichtig optimistisch bin.

Wichtig erscheint mir aber vor allem, dass sich die Spieler wieder zusammenraufen und tatsächlich eine „Mannschaft“ bilden und an einem Strang zeihen wollen. Das war zuletzt gerade nicht der Fall, Gruppenbildung und Eifersüchteleien hatten da offenbar einem verheerenden Spaltpilz den Weg bereitet, der die notwendige Einigkeit innerhalb des Teams zerstörte. Ob das nun allein an der Personalie Kevin-Prince Boateng gelegen hat, vermag ich von außen allerdings nicht zu beurteilen.

Doch da das Tischtuch zwischen dem Verein und dem extrovertierten „Prinzen“ wohl endgültig zerschnitten ist, wäre es dringend notwendig, ihn zur Vermeidung weiterer Unruhe noch bis Ende August transferieren zu können. Etwas anders sehe ich die Geschichte um Sidney Sam. Offenbar war der ehemalige Leverkusener bei dieser ganzen unsäglichen Angelegenheit wie einige andere auch nur ein Mitläufer, seine persönliche Situation mit sehr vielen verletzungsbedingten Ausfällen dürften seinen Frust im ersten Schalke-Jahr zusätzlich noch gesteigert haben.

Ich halte es daher durchaus für vertretbar, ihm eine zweite Chance zu gewähren. Sollte er dabei wieder zu seiner Form aus der Hinrunde des Vorjahres finden, wäre er zudem noch eine willkommene Verstärkung. Manchmal dauert es eben etwas länger, bis sich ein Vereinswechsel wirklich auszahlt.

Apropos auszahlen: mit ein wenig Wehmut betrachte ich den Abgang von Jefferson Farfan. Gut, es ist durchaus verständlich, dass ein Spieler nach sieben Jahren in Gelsenkirchen noch etwas anderes von der Welt sehen will und in Abu Dhabi das große Geld zum Ausklang der Karriere winkt. Und ja, mir ist auch klar, dass es äußerst zweifelhaft gewesen wäre, ob der Peruaner nach dieser langen Pause noch einmal zu seinem früheren Können zurückgefunden hätte.

Und trotzdem, entgegen vieler oftmals unberechtigter Kritiken in den Medien, die ihn als raffgierigen Söldner verunglimpften, hat „Jeff“ dem Verein über lange Jahre die Treue gehalten und mit wenigen Ausnahmen immer zuverlässig seine Leistung gebracht. Für mich ist er in dieser Zeit ein echtes „Stück Schalke“ geworden, und ich werde ihn als Persönlichkeit und seine Spielweise wohl wirklich vermissen (seine Trikotnummer 17 zierte zudem die ersten Schalke-Trikots meiner Söhne).

Mach’s gut Jeff…

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