Automatisierung und Arbeitslosigkeit: die Ängste von 1927

Immer wieder hat es in den vergangenen Jahrzehnten sorgenvolle und beunruhigte Wortmeldungen dazu gegeben, wie die Automatisierung die Zahl der Arbeitsplätze verringern würde.

Railway and locomotive engineering - a practical journal of railway motive power and rolling stock (1925) (14755312391)
Automatisierte Entladung eines Erz-Frachters, New Jersey, USA, ca. 1925

Der amerikanische Ökonom Timothy Taylor erinnerte beispielsweise zuletzt an seinen Blogpost „Automatisierung und Job-Verlust: Die Furcht von 1964“ (1. Dezember 2014), in dem er über einen Zeitungsartikel von 1961 mit der Überschrift „Die automatisierte Erwerbslosigkeit“ berichtete.

Er verwies zudem auf das von John F. Kennedy befürwortete und schließlich von Lyndon Johnson unterzeichnete Gesetz über eine Nationale Kommission für Technologie, Automation und wirtschaftlichen Fortschritt. Diese Kommission veröffentlichte schließlich ihren Bericht im Februar 1966, als die Arbeitslosenquote 3,8% betrug.

Doch auch schon viel früher in der amerikanischen Geschichte fühlten sich einflussreiche Politiker genötigt, in dieser Angelegenheit ihre Stimme zu erheben. So war es 1927 der damalige US-Arbeitsminister James J. Davies, der seine Bedenken hinsichtlich der Automatisierung der Arbeit und der damit drohenden Beschäftigungslosigkeit in einer Rede mit dem Titel „Das Problem der durch Maschinen ersetzten Arbeiter“ thematisierte, welche im September 1927 im Monthly Labor Review publiziert wurde.

Vor einem ausführlichen Zitat aus der Rede von Davis hier noch einige schnelle Hinweise auf den damaligen gesellschaftlichen und politischen Hintergrund:

• 1927, als Davies diese Rede hielt, lag die extrem schwere Rezession von 1920-21 bereits sechs Jahre in der Vergangenheit, doch zwischen 1921 und 1927 hatte die amerikanische Wirtschaft noch zwei leichtere Einbrücheerlebt.
• Die Arbeitslosenquote im Jahr 1927 lag nach den historischen Statistiken der Vereinigten Staaten bei 3,9%.

An mehreren Stellen in seiner Rede äußerte Davis seine tiefe Besorgnis über die Einwanderung und wie viel schlimmer die Arbeitsplatzverluste durch die Automatisierung gewesen wären, wenn man nicht schon in den 1920er Jahren die Migration eingeschränkt hätte. Ähnlich wie heute wurden ökonomischer Stress und die Sorgen über den wirtschaftlichen Übergangs anscheinend durch eine erhöhte Beunruhigung wegen der Einwanderung begleitet.

• Lewis endete damit, was viele Ökonomen traditionell als die „richtige“ Antwort auf solche und ähnliche Bedenken hinsichtlich Automatisierung und Jobs ansehen: nämlich Wege zu finden, um den durch den Prozess der technologischen Innovation beeinträchtigten Arbeiter zu helfen, dabei aber keinesfalls zu versuchen, die Entwicklung der Automatisierung an sich zu verlangsamen.

Nun also das, was Davies in seiner Rede von 1927 zu sagen hatte:

Jeder Tag sieht die Vollendung neuer mechanischer Wunder, mit denen ein Mann besser und schneller erledigen kann, was vorher viele Menschen getan haben. In den vergangenen sechs Jahren vor allem waren unsere Fortschritte beim verschwenderischen Gebrauch dieser Macht und vor allem bei der Bändigung dieser Kraft zu High-Speed-produktiven Maschinen enorm. Etwas Vergleichbares hat man auf dieser Erde noch nicht gesehen. Was aber tun diese ganzen Maschinen eigentlich für uns? Und was machen sie mit uns? Ich denke, dass die Zeit reif ist innezuhalten und nachzufragen.

Nehmen Sie als Beispiel die Revolution, die in der Glasindustrie eingetreten ist. Für eine lange Zeit erschien es unmöglich, dass Maschinen bei der Bearbeitung von Glas menschliche Fähigkeiten ersetzen könnten. Jetzt werden praktisch alle Formen von Glaswaren durch Maschinen gefertigt, und einige dieser Maschinen sind dabei außerordentlich effizient. Somit wird beispielsweise von einer speziellen Flaschenart heute mithilfe automatischer Maschinen einundvierzig Mal so viele pro Arbeiter wie früher in Handarbeit hergestellt und die maschinelle Produktion benötigt keine Fachglasbläser mehr. Mit anderen Worten, ein Mann produziert heute, was früher 41 Arbeiter taten. Was aber machen wir dann mit den verdrängten Menschen?

Die Glasindustrie ist nur eine von vielen Industriezweigen, die auf diese Art und Weise revolutioniert wurden. Ich begann mein Arbeitsleben als Stahlarbeiter und schwitzte und schuftete vor dem Hochofen. Auch in der Eisen- und Stahlindustrie wurde lange geglaubt, dass die menschliche Arbeit nicht durch Maschinen ersetzt werden könne; noch letzte Woche war ich Zeuge der Einweihung eines neuen mechanischen Blechwalzprozesses mit der sechsfachen Kapazität des früheren Verfahrens.

Wie der Flaschenautomat wird auch dieses neue mechanische Wunder aus Stahl Arbeitsplätze abschaffen. Es macht Männer verzichtbar, von denen viele Jahre investiert haben, um ihre Fähigkeiten zu erwerben, und einen natürlichen Stolz auf diese Fähigkeit entwickelten. Wir müssen, glaube ich, in Kürze beginnen, ein bisschen weniger an unsere wunderbaren Maschinen zu denken und ein wenig mehr an unsere wunderbaren amerikanischen Arbeiter, die Alternative wäre, dass wir deren Unzufriedenheit in unseren Händen halten würden. Dieser erstaunlichen industriellen Organisation, die wir in unserem Land aufgebaut haben, darf es nicht erlaubt werden, nur in ihrer eigenen Art und Weise zu denken und sich weiterzuentwickeln. Wenn wir weiter prosperieren wollen, müssen wir uns einige Gedanken zu diesem Thema machen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin keinesfalls ein Schwarzmaler. Langfristig gesehen gibt es nichts, was Anlass zu großer Sorge gäbe. Ich bin nicht mehr besorgt wegen der Männer, die wir früher benötigten, um Flaschen herzustellen, als ich es wegen der Näherinnen war, bei denen wir einst Angst hatten, sie würden verhungern, als die Nähmaschine kam. Wir wissen heute, dass tausende Näherinnen ihren Lebensunterhalt anders verdienen, als es ohne Nähmaschinen möglich gewesen wäre. Am Ende ist jedes Gerät, welches die menschliche Arbeit erleichtert und die Produktion erhöht ein Segen für die Menschheit. Es geht nur um die Phase der Anpassung, wenn Maschinen Arbeiter aus ihren alten Arbeitsplätzen in neue drängen, müssen wir damit lernen umzugehen, um die Not auf das Minimum zu reduzieren.

Gerade heute, wenn neue Maschinen schneller als je zuvor ins Arbeitsleben eintreten, wird die Zeit der Anpassung eine besonders ernste Angelegenheit. Vor zwanzig Jahren dachten wir, dass wir die Spitze in der Massenproduktion erreicht hätten. Jetzt wissen wir, dass wir kaum damit begonnen haben. Auf lange Sicht haben immer neue Arten von Branchen die durch Maschinen verdrängten Arbeiter absorbiert, aber in der letzten Zeit haben wir mit einer schnelleren Rate neue Maschinen entwickelt, als neue Industrien entstanden sind. Es wird einigen Erfindergeist brauchen, um dies wieder in die richtige Richtung zu drehen.

Ich erschaudere bei dem Gedanken, was für eine Gemeinschaft wir als Folge der Entwicklung dieser Maschinen wären ohne die Riegel, die wir in letzter Zeit gegen die massenhafte Einwanderung aufgestellt haben: Wenn wir weiterhin ein Flut von Ausländern zugelassen hätten, wie sie sich früher mit einer Rate von einer Million oder mehr in unser Land ergossen haben, und dies zu einer Zeit, in der neue Maschinen ständig die Zahl der Arbeitsplätze verringerten, hätten wir möglicherweise heute sehr viel ernstere Probleme zu bewältigen als die der zur Zeit noch sanften industriellen Revolution.

Zum Glück waren wir in dieser Zeit weise, und die industrielle Situation vor uns ist, wie gesagt, eher eine Sache zum Nachdenken, und nicht für Alarmismus. Dennoch rufe ich zu weiteren Überlegungen auf. Es scheint keine Grenzen für die Weiterentwicklung unserer nationalen Effizienz zu geben. Gleichzeitig aber müssen wir uns fragen, ob die durch grenzenlose Macht angetriebene Automatisierung uns nicht eine chronische und steigende Arbeitslosigkeit hinterlässt? Erzeugt dieselbe Maschine, die uns Wohlstand gebracht hat, auch Armut? Oder bringt sie uns eine permanent arbeitslose Klasse? Wird der Wohlstand umschlagen und uns soziale Not bescheren? …

Wir haben uns die Millionen von Ausländern erspart, die sich ansonsten hierhin ergossen hätten, als die Geschäfte besonders schwach und die Arbeitslosigkeit hoch waren. In den alten Tagen ließen wir Schiffsladungen von ihnen einreisen, ganz egal ob es die Lage zugelassen hat. Ich erinnere mich daran, dass während meiner eigenen Tage in der Mühle, wenn eine neue Maschine in Betrieb genommen oder eine neue Anlage eröffnet wurde, immer Ausländer gebracht wurden um sie zu bedienen. Wenn wir älteren Hände nicht mehr gebraucht wurden, gab es keinen Platz mehr für uns. Niemand hatte noch einen Gedanken übrig für den Menschen, der da seinen Job verloren hatte. Er wurde einfach vergessen.

Auch jetzt beunruhigt uns eine gewisse Arbeitslosigkeit, denken Sie nur an die landesweite Not 1920-1921, als ohne Regelungen Ausländer uns überschwemmten und bei weitem nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung standen. Unsere Pflicht war es damals, uns so gut wir konnten um die Arbeiter zu kümmern, die schon hier waren, egal ob Einheimische oder in der Fremde Geborene. Restriktive Einwanderungspolitik ermöglichte uns, dies zu tun, und uns damit aus dieser schlimmen Situation herauszuarbeiten.

So wie wir damals klug genug waren, um uns in der Frage der Einwanderung so durchsetzen zu können, so müssen wir heute unser Volk Tag für Tag so weit wie möglich von dem Fluch der Arbeitslosigkeit als Folge der unaufhörlichen Erfindung neuer Maschinen verschonen. Es ist ein Gedanke, den wir in Erwägung ziehen müssen, wie auch immer sich unser natürlicher Stolz auf unsere Fortschritte weiterentwickeln wird.

Bitte verstehen sie mich richtig, es muss keine Grenzen für diesen Fortschritt geben. Wir müssen nicht in irgendeiner Weise neue Mittel zur Schaffung von Wohlstand einschränken. Arbeit darf nicht untätig werden oder die Produktion einschränken. Das Kapital muss nicht nach der großartigen industriellen Organisation seines Aufbaus seine Mühlen schließen. Das ist nicht der richtige Weg. Wir müssen stattdessen immer weitermachen, furchtlos alte Methoden und alte Maschinen verschrotten, wenn sie nicht mehr benötigt werden. Doch wir können uns die Verschwendung von Menschen und Unternehmen nicht leisten.

In früheren Zeiten wurde der plötzlich von einer Maschine ersetzte Mensch seinem Schicksal überlassen. Heute haben wir den Vorsatz, uns um diesen vorübergehend Arbeitslosen zu kümmern. In diesen aufgeklärten Tagen wollen wir, dass er weiter Geld verdient, einkaufen geht, konsumiert und so in der Form von Produkten und Löhnen seinen Anteil zum nationalen Wohlergehen beiträgt. Wenn jemand einen Job verliert, verlieren wir alle etwas. Unsere nationale Effizienz ist nicht so, wie sie sein sollte, wenn wir diesen Verlust nicht stoppen.

Wenn ich in die Zukunft schaue, sehe ich weit jenseits dieser gelegentlichen Nöte der Gegenwart eine Welt, die von den heute erfundenen Maschinen besser gemacht wird. Ich sehe die Maschine die reale Sklavin der Menschen werden, die sie eigentlich sein sollte. … Wir werden die Meister eines ganz anderen und besseren Lebens sein.

Es sei obligatorisch darauf hingewiesen, dass, nur weil sich in der Vergangenheit Bedenken über durch die Automatisierung ersetzte Arbeiter als erheblich übertrieben herausgestellt haben, dies nicht unbedingt auch für heutige Bedenken gelten muss. Doch ist es eine historische Tatsache, dass in den letzten zwei Jahrhunderten Automatisierung und Technologie eine dramatische Rolle bei der Neugestaltung von Arbeitsplätzen gespielt und dabei auch dazu beigetragen haben, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit zu senken, ohne in eine arbeitslose Dystopie zu führen.

(eigene freie Übersetzung eines Blogbeitrages des amerikanischen Ökonomen Timothy Taylor)

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