Die „Qualifikationslücke“ war nur eine Lüge

Neue Untersuchungen zeigen, dass sie stattdessen eher eine Konsequenz aus der hohen Arbeitslosigkeit als ihre Ursache darstellte.

Vor fünf oder sechs Jahren sprach jeder von der US-amerikanischen Handelskammer bis zum Weißen Haus unter Obama über ein „Qualifikationsdefizit“.

Die Theorie bestand daraus, dass die hohe Erwerbslosigkeit eine strukturelle Verschiebung auf dem Arbeitsmarkt widerspiegelte, so dass zwar Arbeitsplätze vorhanden waren, die Arbeitnehmer jedoch nicht die richtige Ausbildung oder Qualifikation dafür besaßen. Das Harvard Business Review veröffentlichte dazu einige Artikel – darunter auch solche, die die Behauptung, es gäbe keine „Qualifikationslücke“ eindeutig widerlegten – sowie große Unternehmen wie Siemens, die etwa in der Atlantic bezahlte Sponsoren-Inhalte veröffentlichten, in denen erklärt wurde, wie die Qualifikationslücke zu schließen sei.

Es wurde jedoch nichts getan, um das amerikanische Bildungssystem umzugestalten, und es wurden keine enormen Investitionen in die Umschulung von Arbeitslosen getätigt. Trotzdem sank die Arbeitslosenquote in den Jahren 2013, 2014, 2015 und 2016 stetig, da die anhaltend niedrigen Zinsen der US-Notenbank eine nachfrageseitige Erholung fortsetzten. Donald Trump wurde Präsident, brachte eine Reihe neuer fiskalischer Impulse sowohl auf der Ausgaben- als auch auf der Steuerseite, und in den Jahren 2017 und 2018 sank die Arbeitslosenquote weiter und die Erwerbsquote stieg weiter an.

Jetzt gibt es ein neues Paper von Alicia Sasser Modestino, Daniel Shoag und Joshua Ballance, welches Anfang Januar auf der Jahreskonferenz der American Economics Association vorgestellt wurde. Es zeigt, dass die Skeptiker die ganze Zeit über Recht hatten – die Arbeitgeber reagierten auf die hohe Arbeitslosigkeit, indem sie ihre Jobbeschreibungen strenger machten. Als die Arbeitslosigkeit dank der Erholung auf der Nachfrageseite zurückging, entspannten sich die Arbeitgeber plötzlich wieder.

Der Aufstieg und Fall der Kompetenzlücke
Ihre Forschung basierte auf einer Reihe von 36,2 Millionen Online-Stellenangeboten, die von Burning Glass Technologies zusammengefasst wurden. So können sie genau festhalten, welche Anforderungen Arbeitgeber an welche Jobs stellten.

Wie das obige Diagramm zeigt, wurden die von den Arbeitgebern gesuchten Bildungs- und Erfahrungsqualifikationen stetig erhöht, da die Arbeitslosenquote während der Großen Rezession anstieg. Oberflächlich betrachtet könnte man das als „Qualifikationsdefizit“ verstehen – die Menschen konnten keine Arbeit finden, weil ihnen einfach das nötige Zeugnis fehlte um in der modernen Wirtschaft zu arbeiten. Erst als die Erwerbslosenquote zurückging, sanken auch die Qualifikationsanforderungen der Arbeitgeber.

Das Papier enthält eine Reihe detaillierterer statistischer Analysen, die zu der Schlussfolgerung führen, dass „ein Anstieg der staatlichen Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt mit einer Zunahme des Anteils der Arbeitgeber, die einen Bachelor-Abschluss vorsahen um 0,6 Prozentpunkte verbunden war, sowie einem Zuwachs um 0,8 Prozentpunkte in der Fraktion der Arbeitgeber, die mehr als 4 Jahre Erfahrung voraussetzten.“

Mit anderen Worten, das Qualifikationsdefizit war eher die Folge einer hohen Arbeitslosigkeit als seine Ursache. Mit vielen verfügbaren Arbeitnehmern bekamen die Arbeitgeber eine größere Auswahl. Anstatt in die Ausbildung von Arbeitnehmern zu investieren, forderten sie viel Erfahrung und Ausbildungsnachweise.

Obwohl berufliche Fähigkeiten offensichtlich wichtig sind erhalten Arbeitgeber bei einem gesunden Arbeitsmarkt zusätzliche Anreize, um zu versuchen, den Arbeitnehmern weitere Fertigkeiten zu vermitteln anstatt mittels Anzeigenkampagnen Einfluss darauf zu nehmen, wie die Regierung dieses Problem für sie lösen soll.

(eigene Übersetzung eines Artikels von Matthew Yglesias)

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