Strukturreformen in Griechenland – ohne Vollbeschäftigung das falsche Mittel

Seit Wochen bestimmt nun schon der Disput um die Schulden Griechenlands und mögliche Lösungsformen für dieses Problem die öffentliche Diskussion in Europa und natürlich auch in Deutschland. Während einige Medien sich bei ihrer Berichterstattung inzwischen vor allem auf die Ebene der persönlichen Dissonanzen zwischen den europäischen Finanzministern begeben, halten einige Blogger dagegen.

Panoramic skies over Oia Santorini island (Thira), Greece

Übersehen oder vergessen wird dabei allerdings häufig der Streitpunkt, bei dem die Positionen Griechenlands und seiner Gläubiger immer noch unverändert weit auseinanderliegen: die Strukturreformen der Arbeits- und Produktmärkte, welche weiterhin vehement von den europäischen Institutionen eingefordert werden und gegen die sich die Regierung Tsipras/Varoufakis ebenso hartnäckig wehrt, da sie diesen Widerstand als Erfüllung ihres wichtigsten Wahlversprechens ansieht.

Die dabei am wenigsten gestellte Frage ist diejenige nach dem Sinn und Zweck dieser Strukturreformen, die im Gegensatz zu den europäischen Politikern und der Presse von manch kritischen Stimmen und Bloggern im Netz klar verneint wird, während andere Stimmen ihre bisherige Erfolglosigkeit unterstreichen.

Um sich damit aber sinnvoll auseinandersetzen zu können ist es notwendig, sich erst einmal mit dem ökonomischen Theoriegebäude zu beschäftigen, welches die Grundlage für die Forderung nach Strukturreformen darstellt.

Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Richard A. Werner, dessen 2004 erschienene empirische Auseinandersetzung mit der Forderung nach Strukturreformen im Japan der 1990er Jahre Grundlage einer entsprechenden Serie hier im Blog war (Teil Eins hier), führt sie vor allem auf die neoliberale Wachstumstheorie zurück, welche auf den Prämissen der Neoklassik beruht.

Kurz gefasst erklärt diese Theorie Wirtschaftswachstum folgendermaßen:

„Im Gegensatz zur postkeynesianischen wird in der neoklassischen Wachstumstheorie abgeleitet, daß eine Volkswirtschaft in aller Regel gleichgewichtig wächst und auch bei Störungen der Gleichgewichtsbedingungen durch immanente Anpassungsprozesse auf ihren stabilen Wachstumspfad zurückkehrt.“

In dem Wachstumsmodell von Solow wird das Sozialprodukt aus den beiden Faktoren Arbeit und Kapital hergestellt. Innerhalb des Modells bildet sich stets eine solche Kapitalintensität heraus, bei der ein Gleichgewicht auf dem Kapitelmarkt besteht und die Vollbeschäftigung gesichert ist.

Barthel, Alexander: Neoklassische Wachstumstheorie

Da es sich bei der neoklassischen Wachstumstheorie natürlich um einen Ansatz der neoklassischen Volkswirtschaftslehre handelt, ist es ebenso selbstverständlich, dass man zur Beweisführung über die Wirksamkeit von Strukturreformen auch von den Grundannahmen dieser Theorie ausgeht.

Neben einigen anderen Annahmen (wie die perfekte Information aller Menschen, flexible Preise, komplette Märkte, keinerlei Transaktionskosten und -gebühren, keine Transportkosten usw.) sind die beiden zentralen Thesen der Neoklassik der methodische Individualismus und die Gleichgewichtsidee.

Mit der Individualität ist die mikroökonomische Fundierung dieser Theorie gemeint, mit der Auslegung, dass jegliches wirtschaftliche Geschehen letztlich auf das Verhalten von Individuen zurückgeführt werden muss. Hier kommt dann der lernfähige, abwägende, seinen Nutzen maximierende „Homo oeconomicus“ ins Spiel, der sich als repräsentativer Agent im Rahmen seiner Möglichkeiten für die nach seinen Präferenzen beste Alternative entscheidet. Dabei muss man allerdings zudem beachten, dass dieses Modell auch bei der Erklärung „kollektiven“ Verhaltens niemals den Boden des methodischen Individualismus verlässt.

Das zweite „Standbein“ der neoklassischen Lehre bildet die sogenannte Gleichgewichtsanalyse. Dabei handelt es sich um die schlichte Annahme, dass auf allen Märkten ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage vorherrsche. Betrachtet wird dabei meist ein Markt für eine einzelne Ware, auf dem sich die Anbieter (Produzenten) und die Nachfrager (Konsumenten) gegenüberstehen. Dieser Markt kann dann durch ein als Marschall-Kreuz bekanntes Marktdiagramm dargestellt werden:

Gleichgewichtspreis

Dabei ist es allerdings wichtig, dass folgende sehr spezifische Modellannahmen realisiert sind:
– vollständige Konkurrenz, d. h. die angebotenen Güter sind gleich, und die Marktteilnehmer so zahlreich und gleichzeitig so unbedeutend, dass sie den Marktpreis nicht beeinflussen können
– sowohl Angebot als auch Nachfrage sind nur Funktionen des Marktpreises, es wird also angenommen, dass andere Einflussfaktoren sich nicht verändern
– die Nachfragefunktion ist gleichförmig fallend, also je höher der Preis steigt, desto geringer wird die Nachfrage und umgekehrt
– die Angebotsfunktion ist ebenso regelmäßig expandierend, d. h. je höher der Preis, desto mehr wird produziert und auf dem Markt angeboten.

Erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann durch den Schnittpunkt der beiden Kurven ein Gleichgewichtspreis und die dazu gehörende Gleichgewichtsmenge auf diesem einen spezifischen Markt ermittelt werden.

Schon hier dürfte klar werden, dass aufgrund der zahlreichen idealisierten Annahmen wie etwa der vollständigen Durchsichtigkeit des Marktgeschehens oder der Abstraktion von der zeitlichen Dimension (Produktion und Tausch müssen zeitgleich erfolgen) die praktische Anwendbarkeit dieses Modells doch von vornherein stark eingeschränkt ist. Dies hält die neoklassischen Theoretiker jedoch keinesfalls davon ab, in ihren Standard-Lehrbüchern reichlich Gebrauch davon zu machen.

Besonders abstrus wird es aber dann, wenn dieses individualistische Modell auch für die Lösung makroökonomischer Problemstellungen ganzer Volkswirtschaften herangezogen wird. Schon Wilhelm Lautenbach wies im Gefolge der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren nach, dass das Marschall-Kreuz, welches natürlich auch bei diesen volkswirtschaftlichen Fragestellungen wie selbstverständlich herangezogen wird, in diesen Fällen auf der Darstellung von Zirkelschlüssen beruhe, die eine sinnvolle Nutzung unmöglich machen.

Das wird besonders deutlich, wenn man versucht, sich z. B. die einzelnen Angebotskurven für alle Verbrauchsgüter als eine Gesamtkurve vorzustellen. Nahezu unmöglich wird es aber dann, dazu eine Nachfragekurve zeichnen zu wollen.

Denn nach den Prämissen der klassischen Theorie kann man diese ja nicht als unabhängig von der Angebotskurve betrachten. Für die Gesamtnachfrage gilt nämlich das Saysche Theorem, dem zufolge die Nachfrage genau gleich dem Angebot ist.

Ohne aber das Gesamteinkommen der Volkswirtschaft zu kennen (der Unternehmergewinn als Teil davon wird ja erst am Markt durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage festgelegt), kann auch die Nachfrage nicht bestimmt werden, da sie hauptsächlich von eben diesem Gesamteinkommen abhängt.

Damit aber wird klar, dass die Darstellung der Gesamtnachfrage äußerst problematisch würde, denn im Gegensatz zur Angebotskurve könnte man eine Nachfragekurve ohne Kenntnis der gesamten Einkommen nicht einzeichnen. Somit wäre auch die Festlegung eines Produktions-Grenzpunktes nicht möglich.

Doch mit diesem Zirkelschluss muss sich der neoklassische Theoretiker gar nicht weiter befassen, hilft ihm doch das Dogma der Harmonielehre des Marktes darüber hinweg. Demnach sind alle Märkte ständig im Gleichgewicht, da sie über die Anpassung der Preise einen Ausgleich zwischen den in der Wirtschaft wirkenden Kräften herstellen und so für die Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage sorgen. Dies ist beispielsweise auch in der hier dargestellten Weise für den Arbeitsmarkt gültig:

Arbeitsmarkt neoklassisch

In diesem einfachen Modell kann Arbeitslosigkeit nur durch marktfremde Einflüsse wie etwa einen (zu hohen) gesetzlichen Mindestlohn oder generell über dem Gleichgewichtslohn liegende Löhne verursacht werden. Die Lösung dieses Problems stellt sich für den Neoklassiker dann ähnlich simpel dar: man muss einzig die Löhne soweit senken, bis der Gleichgewichtslohnsatz unterschritten wird.

Man muss natürlich nicht extra darauf hinweisen, dass in diesem mikroökonomischen Ansatz immer nur die Sichtweise eines einzelnen Betriebes oder Haushaltes dargestellt wird. Dass eine Absenkung der gesamtwirtschaftlichen Löhne dagegen zu einer Verringerung der Nachfrage nach Gütern, diese zu einer Verringerung der Produktion und damit einer geringeren Nachfrage nach Arbeitskraft führen kann, ist mit diesem Modell schlicht nicht nachvollziehbar.

Noch bemerkenswerter an diesem Ansatz ist aber die Tatsache, dass er strikt unter der Annahme erfolgt, dass sich Märkte immer im Gleichgewicht befinden und daher alle Produktionsfaktoren immer voll ausgelastet sind. Dies gilt ausdrücklich auch für den Arbeitsmarkt.

Die verfügbaren Daten für Griechenland sprechen dagegen eine klare Sprache: die Arbeitslosenquote stieg von 10,5 Prozent in 2004 auf über 26 Prozent in 2014 an, dabei fiel sie selbst vor der Eurokrise nie unter 7 Prozent. Die Kapazitätsauslastung der griechischen Wirtschaft sank von ihren Höchstständen nahe 80 Prozent auf nur noch knapp über 65 Prozent im Jahr 2014. Gleichzeitig kamen auch die Einzelhandelsumsätze seit 2010 überwiegend ins Rutschen, ein untrüglicher Indikator für eine schwache Konsumnachfrage. Ebenso hat die Inflation seitdem stark nachgelassen und ist inzwischen sogar in den negativen Bereich gefallen (Deflation).

Es ist daher mehr als offensichtlich, dass eine solche Volkswirtschaft recht weit von einer vollen Auslastung ihrer Kapazitäten entfernt ist und damit in keinster Weise den Annahmen der neoklassischen Theorie entspricht. Im Gegenteil legen diese Daten eine eklatante Nachfragelücke nahe, und die Forderungen nach Strukturreformen auf den Arbeits- und Gütermärkten sind damit abwegig, ja sie stellen sogar eine erhebliche Gefährdung für die griechische Wirtschaft dar.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Ohne Vollbeschäftigung ist deshalb auch die gesamte neoklassische Argumentation für Strukturreformen am Arbeitsmarkt hinfällig, da ihre notwendigen Voraussetzungen nicht als erfüllt angesehen werden können.

Diese Einsicht bringt auch Richard Werner klar zum Ausdruck:

Wenn aber nicht immer alle Ressourcen voll beschäftigt sind, dann ist die neoklassische Theorie als irrelevant bewiesen und es ist klar, dass nicht Reformen und Angebotspolitik nötig sind, sondern Nachfragepolitik, um die Wirtschaft von Unterbeschäftigung näher an die Vollbeschäftigung zu bringen.

Beruht der Ruf nach Reformen auf Tatsachen?, Richard A. Werner 2005, Zeitschrift WISO S. 97

Stattdessen gibt es ganz klare Hinweise darauf, dass Strukturreformen in Krisenländern wie Griechenland die Lage noch weiter verschärfen. Werden sie bei einem allgemeinen Nachfragemangel und stark unterausgelasteten Kapazitäten, wie sie für die Problemstaaten in der EU als Konsens allgemein anerkannt werden, angewandt, so verstärken sie den dort herrschenden Abwärtsdruck auf die Preise noch und machen damit zusätzliche Produktionskapazitäten frei, die nicht ausgelastet werden können. Die Deflation nimmt damit weiter zu. Das eigentlich zu lösende Problem wird dadurch statt kleiner immer größer.

In Kenntnis dieser Sachlage ist dann auch klar zu verstehen, warum die griechische Regierung die als Auflagen im Programm der europäischen Institutionen geforderten Strukturreformen in den Bereichen Arbeits- und Produktmärkten weiter vehement ablehnt.

Ebenso wird nachvollziehbar, warum sich die Gläubiger und ihre Medien so gern auf Nebenkriegsschauplätze und in persönliche Angriffe flüchten, da sie den Hauptstreitpunkt offenbar nicht so gern in den Mittelpunkt der Diskussionen stellen wollen. Kein Wunder, hält er doch einer solchen sachlichen Auseinandersetzung in keinster Weise stand.

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