Die sieben Todsünden der Wirtschaftswissenschaften

Es gab immer schon ein gewisses Maß an Skepsis gegenüber der Fähigkeit der Ökonomen, aussagekräftige Vorhersagen und Prognosen über wirtschaftliche und soziale Phänomen anzubieten.

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Leerstehende Filiale der Washington Mutual nach der Finanzkrise 2007

Diese Skepsis hat sich im Zuge der globalen Finanzkrise noch verstärkt und führte zu der wohl größten Glaubwürdigkeitskrise, mit der sich diese Disziplin in der modernen Welt konfrontiert sah. Einiges an der Kritik gegen die Ökonomen ist zwar fehlgeleitet, doch in ihrer Hauptrichtung hat sie durchaus Biss.

Es existieren sieben Schlüsselversagen oder die „sieben Todsünden“, wie man sie auch nennen könnte, die die Wirtschaftswissenschaftler in ihre derzeit missliche Situation geführt haben. Dazu gehören selbstverschuldete Sünden als auch Versäumnisse durch Unterlassung.

Sünde 1: Annahmen wie bei Alice im Wunderland

Das Problem mit den Ökonomen ist nicht, dass sie Annahmen machen. Immerhin muss jede Theorie oder jedes Modell auf die Vereinfachung von Annahmen angewiesen sein … doch wenn fragwürdige Annahmen nur deshalb gemacht werden, um an sich gut identifizierte Komplexitäten bei der Suche nach eleganten Theorien zu umgehen, werden solche Theorien am Ende schlicht nur Phantasien sein.

Sünde 2: Missbrauch der Modellierung

Der Problematik der wilden Annahmen folgt meistens die Sünde einer sorglosen Modellierung, die dann auch noch so verkauft werden, als ob sie eine wahre Darstellung einer Wirtschaft oder Gesellschaft darstellen würden…

Sünde 3: Intellektuelle Unbeweglichkeit

Mehrere Nach-Krisen-Einschätzungen von Wirtschaftspolitik und ökonomischer Wissenschaft haben auf die intellektuelle Eingeschränktheit als einen wichtigen Grund hingewiesen, warum die ökonomische Lehre als Ganzes dabei versagte, die Alarmglocken zu Problemen in der Weltwirtschaft zu vernehmen und Mängel in der modernen Wirtschaftsarchitektur hervorzuheben…

Sünde 4: Die wissenschaftliche Besessenheit

Die übertriebene Obsession in dieser Disziplin, sich unbedingt als Wissenschaft zu identifizieren, war äußerst kostspielig. Das hat zu einer gefährlichen Suche nach einer Standardisierung in der Profession geführt, die viele Ökonomen dazu veranlasste, ein Modell der Wirtschaft mit dem wirklichen „Modell“ des Wirtschaftssystems zu verwechseln…

Diese wissenschaftliche Zwangsvorstellung hat die Vielfalt in der Ökonomie verringert und damit gleichzeitig auch die Selbstzufriedenheit im Vorfeld der globalen Finanzkrise verstärkt…

Sünde 5: Das Aufrechterhalten des Lehrbuch- bzw. Econ 101-Mythos

Die Suche nach Standardisierung hat auch zu einer erstaunlichen Ebene der Einheitlichkeit in der Art und Weise geführt, in der Ökonomen ausgebildet werden und wie sie andere ausbilden. Im Mittelpunkt dieser Wahrnehmung stehen die Lehrbücher, die weiterhin unbeirrt die ‚Econ 101‘-Lektionen vermitteln – völlig abgehoben von der Realität und den derzeitig erforschten Grenzen der Wirtschaftsanalytik…

Sünde 6: Die Gesellschaft ignorieren

Was Econ 101 und eine Menge von Mainstream-Ökonomie besonders einschränkt, ist ihre Vernachlässigung der Rolle der Kultur und der sozialen Normen bei der Bestimmung der ökonomischen Ergebnisse, obwohl selbst klassische Ökonomen wie Adam Smith und Karl Marx immer wieder betonten darauf zu achten, wie soziale Normen und soziale Interaktionen wirtschaftliche Resultate gestalten…

Ökonomen beschäftigen sich in der Regel nicht mit anderen Sozialwissenschaften, obwohl Einsichten aus diesen Disziplinen einen direkten Einfluss auf die Themen der ökonomischen Recherche haben…

Sünde 7: Die Geschichte ignorieren

Ein Weg, mit dem Ökonomen das fehlende Engagement in anderen Sozialwissenschaften kompensieren könnten, wäre das Studium der Wirtschaftsgeschichte. Immerhin kann uns dieses Studium helfen die sozialen und institutionellen Kontexte zu verstehen, in denen bestimmte Wirtschaftsmodelle funktionierten oder auch nicht…

Doch die Wirtschaftsgeschichte ist in den vergangenen Jahren auf das absolute Minimum reduziert worden, und viele Absolventinnen und Absolventen sind mit dem Thema weiterhin noch nicht wirklich vertraut.

(eigene Übersetzung eines Blogbeitrages des schwedischen Ökonomen Lars Syll)

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