Der Mythos von der Tauschwirtschaft

Der Tausch ist eine sehr frühe Form des Handels. In seiner einfachsten Form werden zwei Güter direkt gegeneinander getauscht.

Bundesarchiv Bild 183-2005-0728-526, Tausch von Kartoffelschalen gegen Brennholz

Tausch von Kartoffelschalen gegen Brennholz, ca. 1947

So wie auf der Wikipedia-Seite Geschichte des Geldes erklären uns volkswirtschaftliche Lehrbücher fast immer den Beginn der modernen Ökonomie, indem Menschen durch die Einführung von Geld die Tauschwirtschaft in einer arbeitsteiligen Gesellschaft wesentlich vereinfachten.

Geld ist entscheidend wichtig für das Funktionieren einer Marktwirtschaft. Stellen Sie sich vor, wie das Leben ohne Geld wäre. Die Alternative zur Geldwirtschaft ist Tausch, Menschen, die Güter und Dienstleistungen direkt, ohne Umweg über das Medium Geld, gegen andere Güter und Dienstleistungen tauschen. (Economics von Case, Fair, Gärtner und Heather 1996)

Doch stimmt das so überhaupt?

In den Anfängen der Arbeitsteilung muß der Tausch häufig noch sehr schleppend und stockend vor sich gegangen sein . . .

Um nun solche mißlichen Situationen zu vermeiden, mußte eigentlich jeder vernünftige Mensch auf jeder Entwicklungsstufe seit dem Aufkommen der Arbeitsteilung bestrebt gewesen sein, es so einzurichten, daß er ständig außer dem Produkt seiner eigenen Arbeit einen kleinen Vorrat der einen oder anderen Ware bereit hatte, von der er annehmen konnte, daß andere sie im Tausch gegen eigene Erzeugnisse annehmen werden.

Es war vor allem Adam Smith, der mit seinem berühmten Werk „Wohlstand der Nationen“ diese Ansicht des Tauschhandels als Ursprung ökonomischen Denkens begründete.

Doch er hat diese Geschichte nicht erfunden, vor ihm vertraten schon andere eine ähnliche Sichtweise.

Bereits Aristoteles leitete im 9. Kapitel des ersten Buches der „Politik“ das Einsetzen des Handels aus der These ab, daß „… die Menschen einmal über mehr und ein andermal über weniger von dem verfügten, das für sie ausreicht“ (Aristoteles, 1993, S. 93). Mit Zunahme der Tauschakte und der Ausbreitung des „Kapitalerwerbswesens“ sei dann das Geld zur Erleichterung des Güterverkehrs entstanden.

Heute gibt es allerdings viele, die diese Erklärung so nicht mehr gelten lassen wollen, weil dieses „Bild“ ihrer Meinung nach mit den historischen Realitäten nicht übereinstimmen kann.

So geht der Anthropologe und Ethnologe David Graeber in seinem Buch Schulden: Die ersten 5000 Jahre diesem, wie er es nennt, „großen Gründungsmythos der Wirtschaftswissenschaften“ auf den Grund.

Die Standardversion der Wirtschaftsgeschichte

In den Lehrbüchern der Ökonomie beginnt alles mit der Tauschwirtschaft, erst später kommt dann das Geld hinzu, noch später der Kredit und die Schulden. Dabei erhält das Geld üblicherweise drei Funktionen: Tauschmittel, Rechnungseinheit und Wertaufbewahrungsmittel.

Für die Ökonomen gilt die erste Funktion stets als die wichtigste.

Die Beschreibung dieser Funktion folgt allerdings fast immer in der Form eines Gedankenspiels, ohne auf konkrete historische Zusammenhänge zu verweisen.

Problematisch dabei ist, dass diese Vorstellung zumeist als feststehende Tatsache vermittelt wird, so als habe diese Geschichte so und nicht anders stattgefunden.

Wir wissen, steht da zu lesen, dass es in der Geschichte einmal eine Zeit gab, in der Geld nicht existierte. Wie muss das damals gewesen sein? Nun, stellen wir uns ein Wirtschaftssystem vor ähnlich wie unser heutiges, nur ohne Geld. Das muss sehr unpraktisch gewesen sein! Ganz sicher haben die Leute das Geld erfunden, weil es praktischer war. (Graeber, Schulden, S. 21/22)

Bei kritischer Betrachtung offenbaren diese fantasievollen Geschichten von irgendwelchen Dörfern mit Tauschhandel allerdings mehr Fragen als Antworten.

Wo sollen diese Orte in der Welt räumlich und zeitlich angeordnet worden sein?

Die Standardwerke geben darauf keine sinnvollen Erwiderungen.

Wie hätte das alles funktionieren sollen? Wie hätte jemand auf die Idee verfallen können, in einer solchen Tauschwirtschaft ein Geschäft zu eröffnen? Wie wäre er an seine Waren gekommen? Wie hätte er all diese Tauschmittel lagern sollen und zur sofortigen Verwendung parat haben sollen?

Eine Menge Fragen, auf die die Wirtschaftswissenschaften keine Antworten haben.

David Graeber bezweifelt daher die Geschichte mit dem Tauschhandel, da die vagen Erzählungen des Aristoteles in den Jahren nach Columbus, während der Epoche der Entdeckungen und Eroberungen, aus den „Schlagzeilen“ fast völlig verschwunden waren.

Niemand fand damals irgendwo in der bekannten Welt ein Land oder Reich, dessen Ökonomie auf Tauschwirtschaft aufgebaut war. Stattdessen jagte alles wie von Sinnen Gold und Silber hinterher und es wurde völlig selbstverständlich davon ausgegangen, dass jede Gesellschaft eigene Formen von Geld besaß und benutzte.

Laut Graeber stellt das anthropologische Standardwerk über Tauschhandel von Caroline Humphrey von der Universität Cambridge zu dieser Epoche ein eindeutiges (und ziemlich vernichtendes) Ergebnis fest: »Schlicht und einfach wurde nicht ein einziges Beispiel einer Tauschwirtschaft jemals beschrieben, ganz zu schweigen davon, dass daraus das Geld entstand; nach allen verfügbaren ethnografischen Daten hat es das nicht gegeben.«

Kreditsysteme als Grundlage der Ökonomie

Vielmehr gibt es häufige Hinweise auf die Entwicklung von Schenkungs- und Kreditökonomien, in denen es um die Weitergabe von Waren als Begründung von Schuldverhältnissen oder als „Gefallens“-Leistungen geht.

Dabei sei dann das Geld als Recheneinheit zur Feststellung des Werts verschiedener Gegenstände eingeführt worden.

Es gibt offenbar viele Beispiele in der Geschichte, wie man die systemimmanenten Probleme einer Tauschwirtschaft durch die Einführung von Kreditsystemen gar nicht erst aufkommen ließ. Stattdessen ging es dabei immer um ein Geflecht von Geschenken und Schuldverhältnissen, die, wenn sie nicht auf sehr persönlicher Basis abliefen, immer auch eine Art von „Aufsicht“ benötigten, damit niemand dabei „übervorteilt“ werden konnte.

Dabei ging es also auch immer um das Verständnis von Staat, den Adam Smith offenbar in der liberalen Tradition seiner Zeit auf die Grundfunktion des Schutzes des Privateigentumes beschränken wollte.

Vor allem war er der Ansicht, dass Eigentum, Geld und Märkte bereits vor staatlichen Institutionen bestanden hätten und diese letztlich nur die Stärke der Währung garantieren sollten.

Die Geschichte vom Tauschhandel ist damit letztlich auch die Geschichte der Begründung der Wirtschaftswissenschaften als eigenständiges Studiengebiet abseits von moralischen und politischen Regeln.

Der Haken an dieser Geschichte ist allerdings der, dass niemand je dieses sagenhafte Land der Tauschwirtschaft gefunden hat, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es sich Adam Smith und sämtliche Lehrbücher nach ihm vorgestellt haben.

Wenn überhaupt, so hat dieses System offenbar nur in kleinen, überschaubaren Gruppen existiert und funktioniert.

Tatsächlich war eine Art Kreditsystem mit Geld als Recheneinheit stets dann anzutreffen, wenn Menschen sich in größere, anonyme Verbünde wie Staaten zusammenschlossen. Dabei war eine wirklich vorhandene „Währung“ anscheinend nicht immer notwendig.

Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs oder später dem der Karolinger z. B. rechneten die Menschen einfach in den alten „Einheiten“ weiter, obwohl sie längst keine entsprechenden Münzen mehr besaßen.

Bereits in Mesopotamien (3500 Jahre v. Chr.) gab es Kreditsysteme

Karte Mesopotamien
Den wohl härtesten Schlag gegen die herrschende Version der Wirtschaftsgeschichte aber brachte nach Graeber die Entschlüsselung mesopotamischer Keilschriften.

Diese Texte lieferten den Beweis, dass Kreditsysteme der oben beschriebenen Art und Weise bereits viele tausend Jahre vor der Erfindung des Münzwesens existierten.

Die Sumerer hatten damals schon staatliche Tempelverwalter, die „Geld“ aus Silber schufen, Schulden verwalteten und eine einheitliche Buchführung betrieben.

Der größte Teil des Edelmetalls war allerdings nicht als Geld im Umlauf, sondern lagerte in den Schatzhäusern der Tempel und Paläste.

Dabei war vor allem bemerkenswert, dass Kredite zwar in Silber berechnet, aber eben nicht in Silber bezahlt werden mussten.

Stattdessen wurde mit praktisch allem gehandelt, was gerade zur Verfügung stand. Kredite waren dabei die bevorzugte Art der Transaktionen, oft wurden Schulden erst zur Erntezeit mit Getreidelieferungen beglichen.

Mit den Kenntnissen über die mesopotamischen Kreditsysteme ist eigentlich die herkömmliche Version der Geschichte, wie das Geld entstand, am Ende. Bereits seit fast hundert Jahren sind alle notwendigen Beweise bekannt, um diese Theorie völlig zu widerlegen und eigentlich neu schreiben zu müssen.

Eine neue Geschichte der Ökonomie ist notwendig

Entgegen der allgemein bekannten Darstellung begann diese „Geschichte“ eben nicht mit dem Tauschhandel, um dann das Geld zu „entdecken“ und zuletzt Kreditsysteme herzustellen.

Sie entwickelte sich eigentlich genau anders herum: Zuerst waren die Schulden da, die Münzen kamen erst viel später und ersetzten auch nie ganz die Kreditsysteme.

Tauschhandel fand dabei immer nur dann statt, wenn Menschen, die bereits an Geld gewöhnt waren, aus verschiedenen Gründen keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu Zahlungsmitteln irgendeiner Art hatten (etwa nach dem Zusammenbruch einer Volkswirtschaft wie im Russland der Neunziger oder in Argentinien während der Peso-Krise).

Doch diese Geschichte wurde nie neu geschrieben. Ganz im Gegenteil ignorierten Historiker und viele Wirtschaftswissenschaftler sie bis heute.

Interessant dabei ist, dass offenbar vor allem Anhänger der klassischen Theorie hartnäckig an diesem „Mythos“ festhalten, hauptsächlich wohl deshalb, weil man damit eine weitestgehende Zurückhaltung des Staates aus dem Marktgeschehen argumentativ unterstützen und fordern kann.

Andere, keynesianisch orientierte Ökonomen sind da schon merklich zurückhaltender. So erwähnt z. B. Peter Bofinger in seinen „Grundzügen der Volkswirtschaftslehre“ den Begriff „Zustand des Naturaltauschs“ nur bei der Funktion des Geldes als Tauschmittel, in den die Wirtschaft zurück fällt, wenn der Wert des Geldes nicht mehr stabil ist (S. 279).

Auch Heiner Flassbeck und vor ihm schon Wilhelm Lautenbach und Wolfgang Stützel ersparten sich die Geschichte von der Tauschwirtschaft weitestgehend, ihre Konzentration lag und liegt vielmehr auf dem modernen Kredit- und Geldsystem der Neuzeit, welches vor allem durch das Papiergeld geprägt ist.

Wollen wir wirklich an einen Mythos glauben?

Warum aber sollte man dann Menschen Glauben schenken, die ihre Wissenschaft auf eine solche haarsträubende Geschichte aufbauen? Warum sollte man solche Theorien widerspruchslos hinnehmen, die schon bei ihrer Gründung offenbar eklatante Fehlannahmen vertraten?

Es ist anscheinend an der Zeit, die herrschenden ökonomischen Theorien kritisch zu durchleuchten, um ihre schwachen Stellen und offensichtlichen Unwahrheiten zu erkennen und in die notwendigen Entscheidungsfindungen zu den wirtschaftlichen Problemen unserer Epoche mit einzubeziehen.

Es ist an der Zeit, anderen Ideen wieder mehr Raum zu geben, der Politik Alternativen zur Verfügung zu stellen, die Vielfalt der Medienlandschaft zu stärken und vor allem den Menschen logische Erklärungsansätze zu liefern, damit sie die Ursachen und Folgen der wirtschaftlichen Entwicklungen besser verstehen können.

Denn nur dann können wir sicher sein, dass sie auch weiterhin Vertrauen in das demokratische Sytem setzen und nicht den Rattenfängern und ihren angeblich einfachen Lösungen folgen.

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