Der Lautenbach-Plan 1931 – Teil 5: Beispiel eines Bau- und Beschaffungsprogrammes durch die Reichsbahn

Zum leichteren Verständnis seines in Teil 3 und 4 erläuterten Programmes zur Konjunturankurbelung mittels Arbeitsbeschaffung, Investition und Kreditausweitung skizzierte Wilhelm Lautenbach die Wirkung einer solchen Maßnahme anhand eines Beispiels:
eines Bau- und Beschäftigungsprogrammes durch die damalige Deutsche Reichsbahn.

Bundesarchiv Bild 102-16693, Stromlinienlokomotive 05 001

Zur besseren Illustrierung dieses Beispiels setzte Lautenbach folgende Parameter:
Er nahm an, dass die Reichsbahn in einem halben Jahr ein zusätzliches Bau- und Beschaffungsprogramm im Ausmaße von 1.200 Millionen Reichsmark (RM) ausführe und darüber hinaus im gleichen Zeitraum noch 300 Millionen RM für den Straßenbau aufgewendet würden.

Gleichzeitig sollte im Zuge einer solchen Aktion das Lohn- und Gehaltsniveau der Volkswirtschaft insgesamt um etwa 5 % gesenkt werden, was einer Nachfragedrosselung von etwa 500 Millionen RM entsprechen würde.

Die Folgen dieses Projekts skizzierte er so:


Beim Straßenbau dürften, wenn man die Arbeiten in Steinbrüchen, Kiesgruben usw. mitberücksichtigt, nicht aber die weiteren Vor- und Ergänzungsproduktionen, wie etwa Teer, Kohle usw., 60% der Bausumme auf Lohngelder entfallen, also etwa 180 Millionen RM.

Bei der Eisenbahn würde für Arbeiten, die der Verbesserung des Oberbaus, Brücken usw. dienen, unmittelbar an der Arbeitsstätte schätzungsweise 1/3 der aufgewendeten Summe für Löhne erforderlich sein.

Wilhelm Lautenbach: Möglichkeiten einer Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung, 9. September 1931, S. 8

Seiner Ansicht nach wären zusätzliche Löhne für die Bereitstellung der bei diesem Programm verwendeten Materialien (Träger, Schienen, Schwellen usw.) nur in dem Maße erforderlich, als diese Materialien nicht aus vorhandenen überschüssigen Lägern geliefert werden könnten. Gleichzeitig unterstellte er dabei, dass sämtliche für den Eisenbahnbau benötigten Güter auch aus diesen mit der Überproduktion gefüllten Depots lieferbar wären.

Daraus schloss er folgende Zahlen:
Die zusätzlichen Lohnsummen würden im Straßenbau 180 Millionen RM, im Eisenbahnbau 400 Millionen RM, als Summe also insgesamt 580 Millionen RM betragen.

Demnach würde sich die Gesamtlohnsumme in der Wirtschaft über das halbe Jahr gerechnet gegenüber dem vorherigen Stand nur um 80 Millionen RM erhöhen (580 Mill. RM neue Gehälter abzgl. 500 Mill. RM gesamtwirtschaftliche Lohnkürzungen). Es liegt nahe, dass auf den Konsumgütermarkten damit nur wenige und daher weitestgehend bedeutungslose Veränderungen eintreten würden.
Doch damit wäre die Wirkung eines solchen Programmes aber noch nicht am Ende:

Vielmehr ginge es dann um die weitergehenden Veränderungen, die dann bei der Rentabilität der Unternehmen und in der Kreditsphäre zu beobachten seien. Von der Gesamtbausumme von 1.500 Mill. RM dienten die nicht für Lohnzahlungen genutzten und nun noch zur Verfügung stehenden übrig gebliebenen 920 Mill. RM zur Bezahlung bereits vorhandener Güter und zum Ausgleich sonstiger Kosten (Steuern und Abgaben, Transportkosten, Abschreibungen von Maschinen und Geräten und dem Unternehmergewinn).

Lautenbach nahm an, dass hiervon auf die o. g. sonstigen Kosten insgesamt 400 Mill. RM und auf die verbrauchten, aus den vorhandenen Depots entnommenen Produkte, Güter und Rohstoffe einschließlich Betriebsstoffen usw. etwa 520 Mill. RM entfallen würden.

Den Gegenwert der Materialien erhielten die Lieferanten dann nach Diskontierung der Wechsel der Auftraggeber auf ihren Bankkonten gutgeschrieben. In der Regel würden dadurch aber nur ihre Bankschulden vermindert, während sie nur in verhältnismäßig seltenen Fällen ein Bankguthaben bekommen würden.

Durch die Realisierung von vorhandenen Vorräten werden also regelmäßig bisher als illiquide zu betrachtende Bankschulden wieder absetzbar, so dass durch die neuen Finanzierungskredite insoweit die Summe der nicht handelbaren Bankanlagen nicht erhöht, sondern nur verlagert worden wäre…

Hinsichtlich der gezahlten Löhne gilt unter der von Lautenbach gesetzten Bedingung, dass die Gesamtlohnsumme in der Wirtschaft nur unerheblich gesteigert wird, dasselbe. Die Mehrausgabe von Geld einerseits wird nahezu ausgeglichen durch die Wenigerausgabe an Lohngeldern und Gehältern der übrigen Wirtschaft andererseits.

Gleichzeitig wird bei allen Unternehmen, die nicht an den öffentlichen Arbeiten durch das Konjunkturprogramm beteiligt waren, infolge der Produktionskostensenkung bei gleichbleibendem Absatz und gleichbleibender Produktion der Erlös gesteigert und der Kapital-bedarf entsprechend reduziert.

Die Rentabilität in der gesamten Industrie hätte sich etwas gebessert, doch damit wäre das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage noch immer nicht endgültig hergestellt. Dieses Verhältnis würde sich erst dann schrittweise bessern, wenn die Firmen, die durch die Lieferung der Güter für die Ausführung des Arbeits-beschaffungsprogramms besonders begünstigt waren, ihre Lager stark räumen könnten und es für sie sich wieder lohnen würde, mehr zu produzieren als bisher.

Damit würde nach Lautenbach eine sich wiederholende Auswirkung dieses Maßnahmenbündels für die gesamte Wirtschaft eintreten:


Die Voraussetzung dafür wird aber sein, daß sie dann von ihren Banken wieder neuen Kredit bekommen.

Dann wiederholt sich in allerdings erheblich verkleinertem Maße, aber nunmehr mit verhältnismäßig stärkerer Wirkung der vorher geschilderte Prozeß: neuer Kredit, Neueinstellung von Arbeitern, vermehrte Nachfrage, nunmehr ohne Einschränkung an anderer Stelle.

Damit Verschiebung des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, bisher nicht absetzbare Ware findet Absatz. Hiermit setzt also die eigentliche, die Gesamtproduktion belebende Bewegung ein…

Wilhelm Lautenbach: Möglichkeiten einer Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung, 9. September 1931, S. 9

Mit dem sich aus diesen Bewegungen ergebenden neuen Rhythmus von Kreditausweitungen und -Schrumpfungen könnten sich die Bankkonten aus ihrer bisherigen Erstarrung lösen. Dies würde vor allem eine erhebliche Entlastung des Kapitalmarktes bedeuten und gleichzeitig einen dringend notwendigen Prozess der Liquidation und Konsolidierung der Kreditwirtschaft einleiten.

Zwar könnte der erhebliche Prozentsatz ausländischer Gläubiger dieser Entwicklung vorerst enge Grenzen setzen, doch wäre es sehr wahrscheinlich, dass aufgrund der in der gesamten Wirtschaft eingesetzten Belebung die Möglichkeit, bisher im Ausland angelegtes einheimisches Kapital wieder zum Einstieg an der deutschen Börse zu bewegen, erheblich zunehmen würde.

Als Fazit wiederhole ich abschließend die Feststellung aus Teil 4 dieser Reihe, nach der eine Kreditexpansion zusammen mit einer ausgedehnten Investitionstätigkeit zu einer Erweiterung der “flüssigen” Mittel innerhalb der Kreditwirtschaft und damit wesentlich zu einer Konsolidierung des Bankwesens beitragen hätte.

Und es erscheint mir nicht übertrieben, anzunehmen, dass eine solche Stabilisierung der Kreditsphäre zusammen mit den gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen eines Konjunkturprogrammes sehr wahrscheinlich ein entscheidender Beitrag zu einer frühzeitigen Überwindung der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise im Deutschen Reich gewesen wäre.

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