Bevor sein Stern aufging – Adam Smith, die Ayr Bank, sein unbekannter Rivale und das verlorene Wissen

Douglas, Heron & Company, im Volksmund als Ayr Bank bekannt, musste seine Türen aufgrund eines Bank Runs im Juni 1772 schließen.

Eine Handvoll lokaler Adliger und Großgrundbesitzer hatte sie ein paar Jahre zuvor gegründet, um Modernisierungen in der im Südwesten Schottlands boomenden Leinenindustrie und im Tabakhandel finanzieren zu können.

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Allerdings waren sie dabei sehr leichtsinnig und töricht bei der Kreditvergabe gewesen. Nachrichten, gemäß denen der Agent der Bank in London sich mit Aktien der East India Company verspekuliert hatte und nach Europa geflohen war, lösten einen Ansturm auf die Bank aus, der darüber hinaus zu einer landesweiten Panik führte.

Das Scheitern der Ayr Bank drohte nicht nur das schottische Bankensystem, sondern auch die wichtigsten Teile der Wirtschaft von Schottland wie etwa die großen Carron-Eisenwerke mit sich nach unten zu ziehen. Englische Kreditinstitute mussten ebenfalls schließen, und selbst die Bank of England lief offenbar Gefahr, ihre Goldreserven zu verlieren.

Kaum 60 Jahre waren vergangen, seit die Parlamente von England und Schottland im Jahre 1707 unter der Monarchie des Hauses Stuart zugestimmt hatten, das Vereinigte Königreich von Großbritannien zu bilden.

Zu diesem Zeitpunkt neigte Schottland tendenziell dazu, seine ehrgeizigsten Banker ins Ausland zu senden – John Law nach Paris, wo er die Mississippi Company gründete; William Patterson nach London, wo er in den 1690er Jahren an Plänen für die Bank of England arbeitete und ein Organisator des Darien-Projekts wurde, eines verhängnisvollen Versuchs, in einem Sumpf auf der Landenge von Panama eine schottische Kolonie zu etablieren.

Dank des Darien-Fiaskos vermieden schottische Banker die noch größeren Verluste, die London in der South Sea Bubble von 1720 erlitten hatte. Nun hatten die Banker gute Gründe, zu Hause zu bleiben, weil für Schottland der Eintritt in das englische Handelssystem nach vielen Jahren der Not die Hoffnung auf Wohlstand bedeutete.

Ein großer Boom war in West-Schottland nach dem „Forty Five“ ausgebrochen, dem letzten Versuch, die katholische Stuart-Monarchie wiederherzustellen, die 1688 abgesetzt worden war. Dieser endete damit, dass Bonnie Prince Charlie seinen Marsch auf London in Derby aufgeben und schließlich nach einer großen Schlacht bei Culloden im Nordwesten von Schottland in die Flucht geschlagen wurde.

Glasgows Warenaustausch mit Nordamerika expandierte rasch, vor allem der Leinenexport- und Tabakimporthandel. Gewinne aus dem Sklavenhandel ergossen sich nach Großbritannien. Neue Ideen hingen in der Luft – für Kanäle, Straßen und Häfen. Edinburgh schloss sich Amsterdam, Antwerpen, Hamburg, Stockholm und London als Finanzzentren an. Bis Mitte des Jahrhunderts waren schottischen Banken wahrscheinlich die innovativsten der Welt.

Die erste schottische Bank außerhalb von Edinburgh eröffnete 1749 in Aberdeen; in Glasgow etablierte sich die Ship Bank im nächsten Jahr. Bald wurden neue Banken auch in Provinzstädten gegründet – sechs allein 1763 in Perth. In Glasgow machten die Ship Bank, die Arms Bank und die Thistle Bank Gebrauch von einer „freiwilligen Klausel“, nach der sie Zahlungen in Gold oder Silber nach eigenem Gutdünken suspendieren konnten, wodurch sie natürlich wesentlich einfacher Kredite vergeben und eigene Banknoten ausgeben konnten.

Die beiden öffentlich-rechtlichen Banken, die Bank of Scotland und die Royal Bank of Scotland, forderten daraufhin London zum rigorosen Durchgreifen auf, indem ihnen entweder eine Monopolstellung gewährt werden solle oder von den Privatbanken das Halten von Reserven verlangt würde.

Die Regierung antwortete mit einer wohlklingenden Erklärung zur Lehre vom freien Banking, basierend auf der Überzeugung, dass das Banking ein Geschäft wie jedes andere sei: „Das Recht der Banken ist keine Frage der Bevorzugung der öffentlichen Belange, sondern das generelle Recht eines jeden einzelnen Subjekts“ (Adam Smith, ein Jugendfreund des zuständigen königlichen Kommissars, mag in dieser Sache angehört worden sein, befand er sich zu dieser Zeit doch in London).

Die Hintermänner der Ayr Bank verwirklichten daraufhin ihre Pläne. Ab dem Tag ihrer Eröffnung im Jahre 1769 aber war die Kreditvergabe der Bank viel zu leichtsinnig. So groß war die Begeisterung für neue Unternehmen, dass ihre eigenen Gründer Kredite aufnahmen, noch bevor sie das versprochene Kapital überhaupt eingezahlt hatten.

Die beiden großen nationalen Banken nahmen ihre Kreditvergabe und Banknotenausgabe dagegen stark zurück und gingen nicht in den Wettbewerb mit dem unbeschwerten Emporkömmling. Innerhalb von ein paar Jahren bildeten Ayrs Banknoten, also ihre Zahlungsversprechen, angeblich schon zwei Drittel der Währung des Landes. Trotzdem wurde der Emporkömmling sorgfältig von den Etablierten ignoriert.

Im Frühjahr 1772 war der fünfundzwanzigjährige Boom zu Ende. Die Geschäfts- bedingungen wurden immer ungewisser, Banknoten-Inhaber wollten daher lieber Silbermünzen für ihre Papiere. Das Gerücht kam auf, dass die Ayr Bank 8 Prozent Zinsen und Provisionen für die Anlieferung des Silbers aus London zahlen musste, um die zahlreichen Ansprüche gegen sie erfüllen zu können. Im Mai waren umfangreiche Abschlüsse einer Londoner Bank mit Ayr gescheitert, ihr Inhaber floh nach Europa. Als diese Neuigkeiten Edinburgh erreichten, musste auch die Ayr Bank ihre Tore schließen. Schon bald befand sich der Rest von Schottlands Private-Banking-System ebenfalls in der Krise.

Die Panik erreichte die Londoner Banken; die meisten von ihnen hielten zumindest eine paar Ayr-Papiere. Selbst die Bank of England galt als in einem gewissen Grade bedroht. David Hume schrieb zu dieser Zeit an seinen Freund Adam Smith über die Krise:

…die kontinuierlichen Konkurse, der universale Kreditverlust, und der endlose Argwohn …. Auch die Bank of England ist nicht ganz frei von Verdacht. Diejenigen von Newcastle, Norwich und Bristol sollen gestoppt worden sein; die Thistle Bank, so wurde berichtet, sei im gleichen Zustand; die Carron Company taumelt, welches eine der größten Katastrophen des Ganzen ist; gab sie doch fast 10.000 Menschen Arbeit. Beeinflussen diese Ereignisse in irgendeiner Weise Deine Theorien?

Sie haben es in der Tat – immerhin lang genug, um die Veröffentlichung von „Der Wohlstand der Nationen“ um einige Monate zu verzögern. Adam Smith‘ Schützling, der junge Herzog von Buccleuch, gehörte auch zu den Gründern der Ayr Bank. Es ist zudem sehr wahrscheinlich, dass Smith selbst in London angehört wurde, als das Parlament die Einwände der öffentlich-rechtlichen Nationalbanken überstimmte, um den freien Zutritt von Privatbanken in das Geschäft der Kreditvergabe zu genehmigen.

Buccleuch und Smith waren zwei Jahre auf Reisen in Frankreich und der Schweiz gewesen. Sie kehrten 1766 zurück. Jetzt war der Jüngling, für den Smith als Lehrer angestellt worden war, ernsthaft in Gefahr, die meisten oder sogar alle seine Ländereien und Besitztümer zu verlieren. Und die schottische Wirtschaft litt unter den Auswirkungen eines großen Absturzes.

Im Laufe der nächsten Monate fügte Smith seinem Werk mehrere Absätze über die ausführlichen Diskussionen um Geld, Banking und Kredit hinzu, die er in Buch Zwei des „Wohlstands der Nationen“ versteckte. Es entspräche der Wahrheit, musste Smith zudem einräumen, dass die Ayr Bank liberaler war als jede andere schottische Bank es jemals gewesen sei. „Das Design war großzügig, aber die Ausführung war unvorsichtig, und die Ursachen für die Not, die es zu lindern galt wurden vielleicht nicht gut verstanden.“

Ayrs Preisgabe habe es den großen nationalen Banken ermöglicht, den „fatalen Kreislauf“ der Spekulation zu beenden, den seiner Ansicht nach die großen Banken selbst eingeleitet hätten. Zumindest Ayr habe „gute“ Darlehen vergeben; wäre sie dagegen von den Politikern betrieben worden, hätte das Ergebnis noch schlimmer kommen können. So entstand eine grandiose Legende. Sydney Checkland von der University of Glasgow beschrieb diese Episode viele Jahre später als „eine an Gaunerei grenzende Naivität“. Die ausgelöste Panik wurde damit recht erfolgreich unter den Teppich gekehrt.

Hinter den Kulissen half Smith dagegen mit, eine staatliche Rettungsaktion seines Gönners und der anderen Aktionäre zu arrangieren, die auf gewaltigen Verlusten sitzengeblieben waren. Buccleuch und sein Freund, der Herzog von Queensbury allein waren von der Bank of England auf £ 300.000 verklagt worden, eine damals erstaunlich hohe Summe. Smith schrieb einem alten Freund im Parlament, der sich wie Hume nach der Krise erkundigte: „Ich habe selbst kein Interesse an den öffentlichen Kalamitäten, doch einige der Freunde, für die ich mich am meisten interessiere, sind deswegen tief besorgt; und meine Aufmerksamkeit wurde überwiegend dafür benötigt, die geeignetste Methode zu finden, sie davon zu befreien.“

Der einzige Weg, auf dem sie hoffen konnten ihre Schulden ohne den Verkauf der meisten ihrer Ländereien abzubauen, war die Aufnahme längerfristiger Kredite durch die Ausgabe von Anleihen und Renten. Das wäre auf Dauer sehr teuer geworden, aber zu gegebener Zeit genehmigte das Parlament diese Maßnahmen und garantierte die Schulden. So wurde Adam Smith der Autor einer historischen Bankenrettung. Sobald diese Anordnung in Kraft trat, wurde der junge Herzog 1774 als Gouverneur der Royal Bank of Scotland installiert, obwohl er die schottische Wirtschaft ein paar Jahre zuvor in die Luft gesprengt hatte. Erst 1832 wurden die letzten Verpflichtungen der Ayr-Banker vollständig erlassen.

Smiths Verachtung für einen Rivalen kann seine Ansichten entsprechend beeinflusst haben. Sir James Steuart ist heute nahezu unbekannt, doch zu Smiths Zeiten war er eine prominente und umstrittene Figur, der Sekretär von Prinz Charles, dem Anwärter auf den Thron, der den Aufstand 1745 anführte. Steuart verbrachte die nächsten 20 Jahre mit Reisen in die Finanz-Hauptstädte Europas; dabei entwickelte er ein gutes Gespür für die jüngsten Entwicklungen in den schnell wachsenden Volkswirtschaften in einem großen Bereich von Großbritannien bis Europa. Im Jahre 1767 hatte Steurt eine ehrgeizige Abhandlung, „An Enquiry into the Principles of Political Economy“ (dt: Eine Untersuchung über die Prinzipien der politischen Ökonomie) mit eher mäßigem Erfolg veröffentlicht.

Steuart war nicht das, was Smith als merkantilistisch bezeichnet hätte. Er war als Schotte zu umsichtig, um zu glauben, dass die Regierung den Handel richten sollte. Er war jedoch ein genauer Beobachter der Marktbedingungen, vor allem auf dem Kontinent. Im Grunde war er das, was wir heute einen Reformer nennen würden, ein Verfechter der staatlichen Interventionen der verschiedensten Arten, einschließlich der Beschäftigungspolitik, des Kinderschutzes in der Industrie und natürlich der Bankenaufsicht.

Sein Buch enthielt als warnendes Beispiel eine detaillierte und allgemein mitfühlende Beschreibung des kometenhaften Aufstiegs und katastrophalen Zusammenbruchs der Bank von John Law in der berühmten „Mississippi Bubble“ von 1719. Nach Steuarts Ansicht wäre eine „Staatsmann“, also ein Regulierer erforderlich, um den Bankensektor zu überwachen, um seine Struktur zu beaufsichtigen und sich mit den gelegentlichen Paniken zu befassen, die zwangsläufig entstanden, wenn Banker sich regelmäßig mitreißen ließen.

Dazu aber bemerkte Hume privat zu Smith: „Die Überlegenheit, die England derzeit gegenüber der ganzen Welt hat, wäre undenkbar ohne den Ausschluss der Politiker aus den exekutiven Teilen der kommerziellen Unternehmen.“ Smith selbst schrieb einem Freund: „Ich habe die gleiche Meinung zu dem Buch von James Steuart wie du auch. Ohne es besonders zu erwähnen, schmeichle ich mir selbst, indem jedes falsche Prinzip darin eine klare und deutliche Widerlegung von mir erhalten wird.“ Smiths Ansicht wurde als das freie Banking bekannt – mit der Freiheit der Banken, eigene Papierwährungen herauszugeben, mit nicht mehr Regulierung als in anderen Branchen und ohne eine Staatsbank, die als Kreditgeber der letzten Instanz dienen sollte.

Der „Wohlstand der Nationen“ erschien schließlich unter erheblichem Beifall im Jahre 1776. Die Bedeutung dieser Leistung machte es sehr leicht, vorangegangene Peinlichkeiten zu übersehen. Smiths Darstellung der Arbeitsteilung, die wir heute als Preissystem bezeichnen, wurde routinemäßig mit den Arbeiten von Isaac Newton verglichen. So wie Newton zum Meister der Royal Mint gemacht wurde, sorgte jetzt der Herzog von Buccleuch für Smiths Ernennung zum obersten schottischen Zollkommissar. Er ist seitdem als der Begründer der modernen Ökonomie in Erinnerung geblieben. Steuarts Ruf litt dagegen sehr unter seiner geflissentlichen Ignorierung. Er starb vollkommen entmutigt im Jahre 1780.

Und so wurde die Geschichte von der Ayr Bank vergessen – vergessen von allen außer den Bankern. Sie verstanden den Schaden, den die eingegangenen Risiken gegenüber ihrem Wohlstand, der schottischen Wirtschaft und etwas weniger deutlich auch an einer sinnvollen Politik angerichtet hatten. Die Möglichkeiten der Zentralbank wurden dagegen ohne größeres Aufsehen („ohne auch nur einmal zu erwähnen, dass…“) aus dem Zuständigkeitsbereich der politischen Ökonomie generell ausgeschlossen.

Die gegenteiligen Ansichten mussten sich nach und nach mühsam den Weg in das kollektive Gedächtnis wieder zurück erkämpfen, zuerst in der Praxis, allmählich als historische Tatsache und schließlich auch in der Theorie. Es dauerte bis 1962, bevor die Zentralbanken wieder in den Mittelpunkt dessen rückten, was fortan als „Makroökonomie“ bekannt wurde.

Die beiden Essays, aus denen David Warsh die wichtigsten Fakten dieser Geschichte zusammensuchte – Douglas Vickers‘ „Adam Smith and the Status of the Theory of Money“ sowie „Adam Smith and the Bankers“ von Sydney Checkland – erschienen in einem Band von Essays zur Zweihundertjahrfeier von Adam Smith, herausgegeben von Andrew Skinner, damals Lektor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Glasgow. Er wurde 1994 ihr Adam Smith Professor.

Es war Skinner, der eine sechsbändige Ausgabe von Smiths Werken zur Zweihundertjahrfeier in Druck brachte. Er wäre daher auch der letzte gewesen, der die Aufmerksamkeit von dem, was in den 1970er Jahren, einer Zeit der besonderen Prüfungen für die Volkswirtschaftslehre, im wesentlichen als die Wiederentdeckung der Forschungsergebnisse eines großen Ökonomen galt, abgelenkt hätte.

Doch es war auch Skinner, der in einem Interview 1976 in New York Warsh vorschlug, die beiden Bände über Steuart, die er für die Scottish Economic Society herausgegeben hatte, günstig zu kaufen, bevor sie vergriffen wären. Was dieser auch tat. Die stattlichen Bänden verstaubten auf seinem Regal, bis ihn die Krise 2008 dazu veranlasste, auf Smiths Ansichten über Bankenkrisen zurückzugreifen. Dort fand er auch den von Skinner, Checkland und Vickers sorgfältig markierten Weg zurück zu Steuart.

Im Jahr 1982 schrieb Skinner über Steuart im Scottish Journal of Political Economy als den „Autor eines Systems“ und empfahl ihn aufgrund seiner „unverminderten Relevanz für die Ungereimtheiten, die sich aus einem Vergleich von zwei sehr unterschiedlichen Sichtweisen auf den Wirtschaftsprozess ergeben“ parallel zu Smith zu studieren. (Skinner starb 2011 mit 76 Jahren).

Die Geschichte der Ayr Bank ist in der heutigen Zeit wichtig, da sie ein Schlaglicht auf die Strategien wirft, die Ökonomen seit 1776 verfolgt haben, bevor sie dank Smith mit Scheuklappen ausgestattet wurden. Die Geschichte vom Niedergang des „ganz anderen“ Blicks auf ökonomische Prozesse des katholischen Steuart durch den evangelischen Smith ist wieder etwas anderes – aber so aktuell wie neulich Schlagzeile auf der Titelseite der Sonntagsausgabe der New York Times: „Papst-Fokus auf die Armut belebt verschmähte Theologie“.

Die gute Nachricht ist, dass Richard Sylla, der seit kurzem im Ruhestand befindliche Henry Kaufman Professor für die Geschichte der Finanzinstitute und Märkte an der New York University, ein Buch über Steuart zu schreiben plant. Die wichtigsten Unterschiede zwischen Smith und seinem Rivalen wurden von den Ökonomen für eine sehr lange Zeit übersehen.

(eigene Übersetzung eines Essays des Journalisten David Warsh)

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