Die aktuellen Leistungsbilanzsalden in Europa

Nicht alle Länder dieser Welt können gleichzeitig Leistungsbilanzüberschüsse haben.

Der de-facto-Abwärtsdruck der Euro-Staaten auf die Löhne sowie die Austeritäts-Sparpolitik, einschließlich der jüngsten Schritte zur Senkung des Wechselkurses, scheinen jedoch auf eine Situation hinauszulaufen, in der (fast) alle einzelnen Länder der Eurozone einen Überschuss ihrer Leistungsbilanz (siehe Grafik) aufweisen.

Derzeitige Leistungsbilanzsalden der Eurozone, Schwedens und Dänemarks

Derzeitige Leistungsbilanzsalden der Eurozone, Schwedens und Dänemarks

In diesem Moment haben nur Finnland, Frankreich, Lettland und Estland (begrenzte) Defizite in ihren Leistungsbilanzen.

Und Finnland plant derweil schon eine neue Runde von Sparmaßnahmen, während Frankreich massiv bedrängt wird, Staatsausgaben und Löhne zu kürzen. Die durch die Politik vor 2008 induzierten sehr großen Defizite (manchmal sogar mehr als 10 oder 15% des BIP) der Eurozone waren allerdings auch unhaltbar, quasi eine „Katastrophe im Wartestand“.

Aber das gleiche kann auch über die Überschüsse gesagt werden (abgesehen davon – „wir“ Deutschen haben viele Hunderte an Milliarden Euros unserer Überschüsse verloren, da ein großer Teil unserer „internationalen Ersparnisse“ in amerikanische Hypothekenpapiere investiert waren…). Bemerkenswerterweise hat sich der deutsch-niederländische Überschuss auch nach 2008 weiter erhöht, was das Leben für die Peripherieländer sehr viel schwieriger gemacht hat.

Und dazu ein Beitrag von Simon Wren-Lewis, der zunehmend beunruhigt und genervt ist über das Niveau des gesamtwirtschaftlichen Diskurses in Europa, in dem es immer noch Leute gibt, die eigentlich schon viel früher und nach wie vor die Zinsen für verschuldete Länder erhöhen wollen.

(eigene Übersetzung eines Beitrages des Real-World Economics Review Blog)

Peter Bofinger: Autos kaufen nun mal keine Autos

Der Ökonom Peter Bofinger spricht Klartext über die wirtschaftliche Situation in der Eurozone und global:

Sebring Sedan Accident


Aber das bedeutet neue Schulden.
Es gibt derzeit keinen großen Währungsraum, der in der Lage ist, seinen Laden ohne größere Defizite am Laufen zu halten: USA, Großbritannien, China, Japan – niemand hat ein Defizit von weniger als fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Der deutschen Idee, man könne heute mit ausgeglichenen Staatshaushalten die Weltwirtschaft in Schwung halten, fehlt jeder empirische Beleg.

In Deutschland und in der Schweiz funktioniert das.
Das sind kleine Länder, die davon leben, dass andere die Schulden machen, um die Konjunktur zu stützen. Nochmal zurück zum Anfang: Wir haben ein globales Nachfrageproblem. Die Konsumenten haben nicht genug Geld oder hohe Schulden. Die Unternehmen haben Geld, investieren aber nicht. Also muss der Staat in die Lücke springen. Sonst tut es keiner…

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger in der Frankfurter Rundschau

Keine Erholung ohne Strukturreformen? Beispiel Japan der 1990er Jahre – Teil 1: Einleitung

Die Krise in Japan wurde 1990 ausgelöst, als eine Finanz- und Immobilienblase platzte. In den Jahren zuvor waren die Immobilienpreise sowie die Aktienkurse ins Unermessliche gestiegen. Das Land versank in einer Deflation, aus der es sich bis heute nicht richtig befreien konnte.

Es entstand der Begriff der „verlorenen Dekade“, Schlagwort für eine schwere makroökonomische Absatzkrise, die in dieser Form auch der Europäischen Union bevorstehen könnte.

Traffic signal and Security guard in Japan

Schon damals war es die konventionelle Gewissheit bei vielen Ökonomen, Notenbankern, Finanzjournalisten und Politikern, dass Japan „dringend benötigte Strukturreformen“ implementieren müsse, um die Krise überwinden zu können.

„Keine Erholung ohne Strukturreform“, verkündete der damalige Ministerpräsident Jun’ichirō Koizumi. Der Fall Japan wurde auch zum Vorbild ähnlicher Reformen in anderen Ländern und Regionen, wie zum Beispiel Deutschland, wo sie bald ebenfalls ein Schwerpunkt der Regierungspolitik wurden.

Angesichts dieses überwältigenden Konsens ist es verlockend anzunehmen, dass die Theorie der Struktur- reformen damals gründlichen empirischen Tests unterzogen und durch diese deutlich unterstützt wurde. Solche empirischen Überprüfungen hatte es bis dahin allerdings nicht gegeben. Erst der deutsche Ökonom Richard A. Werner lieferte 2004 ein solches Papier, mit dem die empirische Daten-Erfassung analysiert und die neoklassischen Theorien, auf denen die Idee der strukturellen Reformen beruhte, getestet wurden.

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Die elf reichsten Amerikaner haben alle Subventionen ihrer Regierung erhalten

Ein neuer Bericht von „Good Jobs First“ zeigt, wie sehr die Wohlhabenden in Amerika von staatlichen Subventionen als ein Element für den Aufbau ihrer Vermögen profitiert haben.

Stack of 100 dollar bills

Laut der Studie halten die 11 reichsten Amerikaner, sowie 23 der 25 reichsten US-Bürger, allesamt erhebliche Eigentumsanteile an Unternehmen, die je mindestens 1 Million $ an öffentlichen Mitteln als Anreiz für private Investitionen erhalten haben.

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Sparparadoxon: Wer mehr Tore schießt, wird Weltmeister; wenn alle mehr Tore schießen, werden alle Weltmeister

Einfacher Versuch einer Erklärung des Sparparadoxons als Rationalitätenfalle:

Auf der Mikroebene richtig: Wenn Deutschland in seinen WM-Spielen mehr Tore schießt als der jeweilige Gegner, wird Deutschland am Ende Weltmeister.

Auf der Makroebene falsch: Wenn alle Mannschaften im Turnier mehr Tore erzielen als ihre Gegner, sind alle Mannschaften am Ende Weltmeister.

Götze kicks the match winning goal
Mario Götze erzielt das Siegtor im WM-Finale 2014

Dieses wenn auch zugegebenerweise nicht gänzlich passende Beispiel ging mir durch den Kopf, als ich den Beitrag von Steve Keen zur Austeritätspolitik der belgischen Regierung als Trugschluss der Kompo-sition las.

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Abenomics: Ohne Lohnsteigerungen auf Dauer erfolglos

Keynesianer stöhnten erschrocken auf, während Monetaristen und Neoliberale eine gewisse Genugtuung offenbar nicht verhehlen konnten, denn die FAZ meldete dieser Tage: Japans Wirtschaft steckt in der Rezession.

Shinzo Abe, Prime Minister of Japan (9092387608)
Shinzo Abe, Premierminister von Japan

Handel, Dienstleistungen und Industrie im Land der aufgehenden Sonne sind im 3. Quartal 2014 überraschend geschrumpft, die umstrittene Reform-Strategie von Premierminister Shinzo Abe, Abenomics genannt, stehe angeblich vor dem Scheitern.

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Wer würde zusätzliches Bargeld wieder ausgeben?

Stellen Sie sich vor, wir würden auf jeden Haushalt eines Landes Bargeld herabregnen lassen. Wer würde dieses Geld ausgeben, wer würde es eher sparen?

Durchschnittliche marginale Konsumneigung nach Perzentilen der Kassenhaltung

Die Antwort auf diese Frage spielt eine große Rolle angesichts der wachsenden Ungleichheit vor der großen Finanzkrise 2007. Ebenso kommt dieser Problematik eine wichtige Bedeutung zu, wenn sich die Wirtschaft eines Landes in einer schweren Krise aufgrund fehlender Nachfrage befindet und sich in freiem Fall auf die Nullgrenze der nominalen Zinsen (Zero Lower Bound) hin bewegt.

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Guthaben und Schulden bzw. was ist denn eigentlich überhaupt „Sparen“?

Eine kleine Polemik über Schuldner und Gläubiger zum einfachen und leichteren Verständnis der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik:

Oft wird ja das Verhältnis von Guthaben und Schulden in Form einer Waage dargestellt, die sich je nach Aktion (Sparen/Verschulden) nach einer Seite neigt.

Doch ist es wirklich so, sieht diese Relation tatsächlich so aus? Nein, das passt so nicht.

Einfache transportable Balkenwaage mit Gewichtsatz
Einfache transportable Balkenwaage mit Gewichtsatz

Die Waage macht nicht wirklich sichtbar, warum gelten muss, dass hinter jedem Sparen auch eine Verschuldung steckt. Guthaben und Schulden sind nicht zwei unabhängige Häufchen von Münzen, vielmehr sind es zwei Seiten der selben Medaille.

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Und täglich grüßt das Murmeltier…

Man fühlt sich eigentlich jedes Mal unweigerlich an diesen Film erinnert:

Wieder einmal wird in deutschen Medien gejubelt: Auch im Juli 2014 erreichten die deutschen Ausfuhren einen neuen Höchstwert.

Murmeltiertag 2005 in Punxsutawney, Pennsylvania
Murmeltiertag 2005 in Punxsutawney, Pennsylvania, USA

Im sechsten Jahr nach Ausbruch der Eurokrise ist die saldenmechanische Problematik der Handelbilanzüberschüsse bei einem Großteil der hiesigen Journaille offenbar immer noch nicht angekommen.


Der Wettbewerb der Nationen ist also immer ein Abwertungswettlauf mit anderen Mitteln. Steht wie in der europäischen Union das Mittel der Abwertung der Währung den einzelnen Staaten aber nicht zur Verfügung, so muss die Lektion aus der Eurokrise und den zahlreichen anderen Desastern der letzten Jahrzehnte sein, die Erträge aus der wirtschaftlichen Entwicklung im Inland zu konsumieren und das Entstehen von Handelsungleichgewichten als Folge unterschiedlicher Lohnstückkosten- entwicklungen zu verhindern bzw. abzubauen.

Denn:
Die Überschüsse des Einen sind die Schulden des Anderen.

Zu den Hintergründen speziell in der Eurozone verweise ich zudem auf diesen Beitrag:
Die Eurokrise – vorläufiger Höhepunkt des Transferproblems

Zu den Handelsbilanzüberschüssen im allgemeinen siehe auch:
Ein wohltuend sachlicher Beitrag zur Diskussion über die deutschen Exportüberschüsse
.

Die Lehren aus der Weltwirtschaftskrise für die Eurozone

Meine Übersetzung eines Beitrags von Simon Wren-Lewis aus seinem Blog mainly macro, der die momentanen wirtschaftspolitischen Fehler in der Eurozone kurz aber sehr treffend darlegt:

Es erscheint mir einfacher, die Probleme der Eurozone zuerst durch die Vorstellung der EU als eine Einheit zu erfassen, ehe man über die Verteilung zwischen den Ländern nachdenkt. In beiden Fällen allerdings macht die Eurozone heute genau die gleichen Fehler, die auch in der Großen Depression der 1920er/30er Jahre gemacht wurden.

Die Eurozone leidet derzeit unter einem chronischen Mangel bei der Gesamtnachfrage. Nach einer Schätzung der OECD existierte 2013 in der Eurozone eine Produktionslücke von fast 3,5%. Da die Geldpolitik entweder nicht in der Lage oder nicht willens ist, dagegen viel zu unternehmen, ist eine staatliche Konjunkturankurbelung notwendig. Dies ist die erste Lehre aus der Weltwirtschaftskrise, die strikt ignoriert wird. Stattdessen wurde den Ländern der EU mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt (SWP) striktes Sparen und Austerität auferlegt.

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