Schalke 04: Die Achterbahn-Saison nimmt weiter ihren Lauf…

Kneipp’sche Wechselbäder sollen sehr gesund sein, so die allgemeine Ansicht. Doch vielen Schalke-Fans dürften die häufigen kalten Duschen nach nur wenigen richtig heißen Aufgüssen langsam aber sicher überdrüssig werden.

Schalke 04 Fans 664
Mussten zuletzt des Öfteren durch ein Wechselbad der Gefühle:
S04-Fans in der Veltins-Arena

Eine mutlose Vorstellung beim 0:2 im Europacup-Hinspiel in Amsterdam, eine desaströse Niederlage beim Bundesliga-Letzten SV Darmstadt 98, ein mitreißendes, am Ende aber glückloses Aufbäumen in Eurofighter-Manier gegen Ajax und nach einer besseren zweiten Halbzeit ein durchaus verdientes 1:1 gegen den Tabellenzweiten RB Leipzig: richtige Konstanz sieht doch etwas anders aus!

Ganz im Gegenteil: in den anderthalb Wochen meines Osterurlaubs setzten die Blau-Weißen die schon länger andauernde Achterbahnfahrt dieser Saison schonungslos fort, allerdings mit mehr Tiefpunkten als wirklichen Bergauf-Passagen.

„Das Wechselbad ist eine physikalische Therapieform, bei der durch den Wechsel von kalten und warmen Bädern Spannungszustände des vegetativen Nervensystems aufgehoben und das Herz- und Kreislaufsystem trainiert werden sollen…“ so Wikipedia über die Wirkung der von Sebastian Kneipp propagierten Gesundheits-Therapie.

Ehrlich gesagt, heilsame Auswirkungen kann ich nach den wechselhaften Auftritten des S04 nicht bei mir feststellen, meinem Herz- und Kreislaufsystem dürften diese unbeständigen frostigen oder zumeist nur lauwarmen Aufgüsse auch nicht wirklich gut getan haben.

War das 0:2 in Amsterdam im Euro-League-Viertelfinale einfach nur ärgerlich, da man offensichtlich das Pressing der Holländer gewaltig unterschätzt hatte (der S04 kam mit dem aggressiven Forechecking der Rot-Weißen aus der niederländischen Eredivisie überhaupt nicht zurecht und konnte sich bei einem überragenden Ralf Fährmann bedanken, ohne den man wohl mit vier oder fünf Gegentoren nach Hause gefahren wäre), so geriet die Vorstellung in Darmstadt zu einer echten Zumutung.

S04-Coach Markus Weinzierl setzte neben den verletzten und gesperrten Kolasinac, Höwedes und Nastasic Alessandro Schöpf und Nabil Bentaleb auf die Bank, während Benjamin Stambouli und der Ukrainer Yevhen Konoplyanka (zum wiederholten Male?) überhaupt nicht zum Kader gehörten. Durch das Fehlen der Dauerrekonvaleszenten Naldo, Choupo-Moting, Embolo und Baba sah sich der Schalker Übungsleiter zudem offenbar dazu gezwungen, mit Holger Badstuber, Coke, Johannes Geis und Donis Avdijaj gleich vier neue Spieler in die Anfangs-Elf rein zu rotieren.

Was auch immer Weinzierl mit diesen Wechseln bezwecken wollte, es ging fürchterlich schief: trotz 26 Torschüssen, eines Elfmeters und 69% Ballbesitz gelang den Schalkern nur ein mickriger Treffer, während die neuformierte Abwehrreihe Coke-Badstuber-Kehrer-Aogo von den hausbackenen, aber zügig konternden Hausherren ein ums andere Mal in arge Verlegenheit gestürzt wurde.

Neben dem Verlust von Thilo Kehrer (glatt Rot) schmerzten vor allem die fehlenden drei Punkte, mit denen Schalke (bei einem Sieg mit mehr als 2 Toren Differenz) dank der günstigen Spieltags-Konstellation bis auf Rang 7 und damit wieder in die unmittelbare Nähe der Europapokal-Plätze hätte vorrücken können.

Nach dieser Begegnung war ich eigentlich das erste Mal wirklich echt sauer und der Meinung, Weinzierl könne nicht der richtige Trainer für den S04 sein. Die Wut ging sogar soweit, dass ich ernsthaft überlegte, mir das Rückspiel gegen Ajax zu schenken.

Zumindest aber reichte sie, um mit wenigen bis gar keinen Erwartungen diese Begegnung dann doch anzuschauen. Und Wunder über Wunder, mit jeder Minute kam mein Herz- und Kreislaufsystem besser auf Touren. Denn die Blauen nahmen ihr Herz in beide Hände und begannen mit einem furiosen Pressing, wie ich es eigentlich eher dem Gegner aus Amsterdam zugetraut hätte. Nach lediglich zwei Minuten hätten sie die 2:0-Führung der Holländer aus dem Hinspiel fast schon egalisiert, doch Leon Goretzka verfehlte nur knapp das Ajax-Gehäuse, während Max Meyer gar nur den Aussenpfosten traf.

Und als dann in der Verlängerung nach dem Doppelschlag zwischen der 53. und 65. Minute Daniel Caligiuri tatsächlich das 3:0 gelang und Schalke somit zu diesem Zeitpunkt im Viertelfinale der Euro-League stand, war die wilde Achterbahnfahrt mal wieder an einem ihrer absoluten Höhepunkte angelangt.

Doch leider nahte bald auch schon erneut der nächste kalte Guss bzw. es ging abermals abwärts mit dem Rollercoaster: trotz Unterzahl (Amsterdams Joel Veltman sah zehn Minuten vor dem regulären Ende Gelb-Rot) konnte Nick Viergever in der 111. Minute den Anschlusstreffer erzielen und Amin Younes‘ 2:3 stürzte ganz Gelsenkirchen in ein Tal der Tränen, hatte man sich doch schon in Erwartung dieses zweiten Cup-Wunders (nach dem Weiterkommen gegen Borussia Mönchengladbach) ganz als neue „Eurofighter“ gefühlt.

Ziemlich deprimiert ob des Aus auf dem internationalen Parkett befürchtete ich auch das Schlimmste für die folgende Aufgabe gegen den Bundesliga-Zweiten RB Leipzig. Schließlich kamen die Red-Bull-Kicker ohne zusätzliche Belastungen ausgeruht nach Gelsenkirchen, während Markus Weinzierl und sein Team die physischen und psychischen Auswirkungen des Europacup-KOs zu tragen hatten.

Doch wieder einmal überraschten die Schalker, diesmal allerdings positiv. Im ersten Durchgang noch mit ein wenig Glück gelang es die Ostdeutschen recht effektiv vom eigenen Kasten wegzuhalten. Nach einer starken Anfangsphase der Gäste, in der dem ständig ausgepfiffenen „Schwalben-König“ Timo Werner gegen einen indisponiert wirkenden Benny Höwedes die Führung gelang, kamen die Blau-Weißen ihrerseits immer besser ins Spiel.

Folgerichtig erzielte Klaas-Jan Huntelaar direkt nach dem Pausentee den verdienten Ausgleich, und gestützt auf dem sehr offensiven Außenverteidiger-Pärchen Coke-Kolasinac ließ die Weinzierl-Elf erkennen, dass sie bei entsprechender Einstellung und Willen auch gegen die Top-Mannschaften der Liga mithalten kann.

Somit lassen mich die Schalker Spiele der Oster-Wochen recht ratlos zurück. Was ist nun das wirkliche Gesicht der Mannschaft? Das ziemlich desaströse wie in den Begegnungen in Amsterdam und in Darmstadt? Oder doch das Hoffnung machende mit viel Einsatz und Moral wie in den jeweiligen Rückspielen der Europa League und der einen oder anderen erfolgreichen Bundesligapartie?

Tja, im Endeffekt ist eine Diskussion darüber genau so müßig wie die Frage nach den Fähigkeiten des Trainers oder das Was-wäre-wenn alle Verletzten an Bord gewesen wären. Eine Antwort kann es dazu momentan nicht wirklich geben, da diese offensichtlich auch die sportlich Verantwortlichen nicht kennen. Fakt ist, dass man jetzt im Mittelfeld der Tabelle angekommen ist und viel Bewegung nach unten oder oben eher unwahrscheinlich erscheint. Und in der Summe aller ihrer Leistungen steht die Mannschaft nun dann auch tatsächlich da, wo sie offenbar hingehört – im absoluten Mittelmaß…

PS: Übrigens scheint die fehlende Konstanz nicht nur ein Problem des FC Schalke 04 zu sein, gemäß den Bloggern von spielverlagerung.de ist der größte Teil der Bundesliga-Vereine davon betroffen.

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