Eine Kindheit in Armut kann Erwachsene später auch die psychische Gesundheit kosten

Eine große und wachsende Anzahl an Forschungsergebnissen zeigt, dass arme Kinder später als Erwachsene eine Vielzahl von körperlichen Problemen haben können.

US Poverty Rate by Age
Armutsquoten nach Alter in den Vereinigten Staaten von 1959 bis 2014.
Daten aus der US-Volkszählung, Tabelle B-2 Seite 50

Nun müsse man auch schwere seelische Schäden zu dieser Liste hinzufügen, so die Aussage eines Forschers der amerikanischen Cornell Universität. Eine umfassende neue Studie, die ihre Teilnehmer über einen Zeitraum von 15 Jahren begleitete, ist die erste, die beweist, dass Armut im Kindesalter erhebliche psychische Probleme im Erwachsenenalter verursachen kann.

Verarmte Kinder zeigten gemäß dieser Arbeit mehr antisoziales Verhalten wie Aggression und Mobbing sowie erhöhte Gefühle der Hilflosigkeit als Kinder aus mittleren Einkommensschichten. Kinder aus prekären Verhältnissen leiden auch mehr unter chronischem physiologischen Stress und haben zudem häufiger Defizite im kurzfristigen räumlichen Gedächtnis.

„Dies bedeutet, wenn du arm geboren bist, befindest du dich von Anfang an auf einer absteigenden Kurve, die noch mehr von diesen psychologischen Problemen mit sich führt“, sagte Gary Evans, der Autor der Studie und Professor für Umwelt- und Entwicklungspsychologie bei Cornell.

Warum aber ist das so? – Mit einem Wort, Stress.

„Durch die Armut sind Sie viel zu viel Stress ausgesetzt. Jeder hat Stress, aber Kinder aus einkommensschwachen haben viel mehr davon“, so Evans. „Und auch die Eltern befinden sich ständig unter Stress, demnach sind diese Kinder besonders gehäuften Risiken ausgesetzt.“

Evans, ein Kinderpsychologe, der sich auf die Auswirkungen von Stress auf Kinder spezialisiert hat, ist der Autor von „Armut in der Kindheit und die psychische Gesundheit als Erwachsene“, veröffentlicht im vergangenen Monat in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences.

Die Ergebnisse sind wichtig, weil Kinder, die in Armut aufwachsen, sehr wahrscheinlich auch als Erwachsene verarmt bleiben. Es existiert zum Beispiel eine 40-prozentige Chance, dass das Einkommen eines Sohnes das gleiche wie das seines Vaters sein wird.

„Die Leute haben diese Idee im Kopf, dass, wenn Sie nur hart genug arbeiten und nach den Regeln spielen, sie auch voran kommen können“, sagte Evans. „Doch das ist nur ein Mythos, es ist einfach nicht wahr.“

In seiner Studie verfolgte Evans 341 Teilnehmer über einen Zeitraum von 15 Jahren und prüfte sie im Alter von 9, 13, 17 und 24 Jahren.

Das kurzzeitige räumliche Gedächtnis wurde getestet, indem Teilnehmer der Erwachsenen-Studie aufgefordert wurden, immer komplexere Sequenzen von Lichtern und Tönen zu wiederholen, indem sie vier farbige Pads in der richtigen Reihenfolge – ähnlich dem Simon-Spiel – drückten. Die Erwachsenen aus prekären Verhältnissen hatten eine verminderte Fähigkeit sich an die Sequenzen zu erinnern, verglichen mit denen, die anders aufgewachsen sind. „Das ist ein wichtiges Ergebnis, weil die Fähigkeit, Informationen im Kurzzeitgedächtnis zu behalten von grundlegender Bedeutung für eine Vielzahl von elementaren kognitiven Fähigkeiten, einschließlich der Sprache und Leistungsfähigkeit ist“, so die Aussage der Studie.

Obwohl die Teilnehmer dieser Maßnahme nur als Erwachsene beurteilt wurden, hatte dieser Test die stärkste Verbindung zur kindlichen Armut der vier angewandten Methoden.

Ohnmacht, Rat- und Hilflosigkeit wurden dadurch beurteilt, dass die Teilnehmer gebeten wurden, ein unmögliches Rätsel zu lösen. Erwachsene mit prekärem Hintergrund gaben um 8 Prozent schneller auf als diejenigen, die als Kinder nicht arm waren. Frühere Untersuchungen hatten zudem gezeigt, dass die chronische Exposition gegenüber unkontrollierbaren Stressfaktoren – wie etwa Unruhe in der Familie oder minderwertige Unterkünfte – dazu tendiert, weitere Machtlosigkeit zu induzieren.

Das seelische Wohlbefinden wurde mit einem gut validierten, standardisierten Index der mentalen und psychischen Gesundheit mit Aussagen wie „Ich argumentiere viel“ und „Ich bin zu ungeduldig“ gemessen. Erwachsene, die in Armut aufgewachsen waren, stimmten diesen Fragen eher zu als Erwachsene aus einem mittleren Einkommens-Background.

Chronischer physiologischer Stress wurde durch Messung des Blutdrucks, der Stresshormone und des Body Mass Index der Teilnehmer getestet. Erwachsene, die in Armut aufwuchsen, hatten ein höheres Niveau der chronischen körperlichen Belastung während der ganzen Kindheit und im Erwachsenenalter.

Die Studie hat zwei Implikationen, sagte Evans.

Erstens erscheint es effizienter und funktionaler, diese Probleme durch frühe Intervention zu verhindern. „Wenn Sie nicht früh genug eingreifen, wird es wirklich schwierig und später viele kostspielige Interventionen erfordern“, sagte er.

Zweitens ist das zunehmende Einkommen der armen Familien der effizienteste Weg, um das Armutsrisiko eines Kindes zu reduzieren und seinerseits das Risiko der Entwicklung psychologischer Probleme zu verringern. Evans unterstützt die Schaffung eines Sicherheitsnetzes, ähnlich dem Zusatzeinkommen der Sozialversicherung für ältere Menschen und Behinderte. Wenn eine Familie arm ist und Kinder hat, sollte die Bundesregierung ihnen zusätzliche Einkommen zur Verfügung stellen, die ausreichen, um an der Gesellschaft teilzunehmen, so Evans.

„Es ist nicht wahr, dass man nichts gegen die Armut tun kann, sondern nur, ob es den politischen Willen gibt und ob die Menschen bereit sind, das Problem zu lösen, statt die Armen zu beschuldigen und – noch widersinniger – ihren Kindern die Schuld zu geben“, sagte er weiter.

„Dies ist eine gesellschaftliche Frage, und wenn wir beschließen Ressourcen umzuwandeln, wie wir es bei den Älteren und der sozialen Sicherheit machen, dann könnten wir die Art und Weise der Daten, die diese Studie zeigt, durchaus ändern.“

„Könnten wir so aber die Armut tatsächlich loswerden? Wahrscheinlich eher nicht“, so Evans‘ Fazit. „Doch ich bin überzeugt, dass wir sie drastisch ändern könnten.“

(eigene Übersetzung eines Artikels über ein Forschungsprojekt des amerikanischen Psychologen Gary Evans)

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