Die Einschränkungen des neoklassischen Grenzproduktes am Beispiel des englischen Fußballclubs Aston Villa

Es passte schon irgendwie, dass der Ökonom und ehemalige Notenbanker Mervyn King nur kurz zur Führungsriege von Aston Villa gehörte – denn dieser Job hätte ihm, wie seine vorherigen, eine Nahansicht des Scheiterns der Mainstream-Ökonomie geben können.

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Premier-League-Spiel zwischen Chelsea und Aston Villa am 27. September 2014

So beispielsweise bezogen auf die Idee, dass die Löhne und Gehälter immer dem Grenzprodukt der Arbeit entsprechen würden. Die Gehaltssumme von Aston Villa war in dieser Saison höher als die von Leicester City. Dieser Unterschied spiegelte sich jedoch in ihrem Grenzprodukt nicht wieder. Und in der Tat sitzt Villa-Besitzer und Hauptaktionär Randy Lerner nun auf einem Verlust von über 200 Millionen Pfund.

Dies unterstreicht eine oft unterschätzte Differenzierung: Die Menschen werden häufig nicht gemäß ihrer tatsächlichen Grenzproduktivität entlohnt, sondern aufgrund des erwarteten Grenzproduktes. Aston Villa zahlt Verteidiger Joleon Lescott und einem Sammelsurium von teuren Legionären 50.000 Pfund pro Woche, weil von ihnen erwartet wurde, dass sie den Verein vor dem Abstieg retten. Solche Erwartungen erwiesen sich aber als allzu optimistisch.

Dies ist allerdings auch kein ungewöhnliches Beispiel. Über ganze Berufssparten hinweg können Löhne überhöht sein, weil das erwartete Grenzprodukt das tatsächliche Grenzprodukt übertrifft. Fondsmanager beispielweise werden Millionen für mittelmäßige Leistungen bezahlt, weil leichtgläubige Anleger ihre Fähigkeiten überschätzen, den Markt zu schlagen.

Vermutlich gilt ähnliches für die Konzernchefs: die Ideologie des Managertums verleitet Vergütungsausschüsse dazu, das Ausmaß zu überschätzen, mit dem ein heroischer Führer das Unternehmen tatsächlich verbessern kann, und ihnen so zu viel zu bezahlen. Wenn Bosse gemäß ihrem tatsächlichen Grenzprodukt bezahlt würden, hätten Fred Goodwin und Richard Fuld eher Gehälter im Minus-Bereich erhalten müssen. Doch die bekamen sie nicht.

Darüber hinaus gibt es noch mindestens drei weitere Gründe, warum die Bezahlung vom Grenzprodukt abweichen kann, vor allem am oberen Ende der Gehaltsskala.

Erstens wird der „Wert“ einer Arbeit oft nicht nur durch die individuelle Produktion bestimmt, sondern durch die eines ganzen Teams, was es wiederum erschwert, ein individuelles Grenzprodukt zu identifizieren. Wie etwa Lars Syll feststellte (pdf):

Es ist unmöglich, den Grenzbeitrag eines einzelnen Produktions-faktors herauszufinden. Die hypothetische Ceteris-paribus– Ergänzung nur eines Faktors zu einem Produktionsprozess wird oft in Lehrbüchern vertreten, kommt aber in der Wirklichkeit so nie vor.

So könnte beispielsweise der gleiche Manager einem Unternehmen einen höheren Wert hinzufügen oder auch nicht, abhängig (pdf) davon, ob seine Fähigkeiten ein gutes Geschäft für diese Organisationen sind oder nicht.

Dies könnte dazu führen, dass der gezahlte Lohn die Grenzproduktivität übersteigt, da der oben genannte Einschätzungsfehler bei den Einstellenden zu einer Überschätzung der Beiträge Einzelner und zum Unterschätzen organisatorischer Faktoren verleitet – wie etwa bei Aston Villa geschehen, als mit viel Geld teure Spieler gekauft wurden in der irrigen Hoffnung, aus ihnen eine Mannschaft zu formen, die den Abstieg würde vermeiden können.

Zweitens können Löhne das Grenzprodukt in Effizienzlohn-Situationen überschreiten, in denen die Arbeitnehmer dafür bestochen oder gekauft werden müssen, Vermögenswerte der Unternehmen nicht zu stehlen. Dies erklärt etwa, warum Banker so gut bezahlt werden. Für CEOs liegt eine ähnliche Vermutung nahe.

Drittens ist es auch eine Frage von Macht. Dani Rodrik hat beispielsweise nachgewiesen, dass trotz vergleichbarer Produktivität Arbeiter in Demokratien (pdf) besser bezahlt werden, weil diese mit stärkeren Arbeitnehmerrechten verbunden sind. Im gleichen Sinne haben Ökonomen des IWF gezeigt, dass die Gehälter der CEOs niedriger ausfallen, wenn Gewerkschaften stärker sind.

Dies alles zusammen bestätigt ein Argument von Joe Stiglitz – demnach die Beweise für die Gültigkeit der Grenzproduktivitätstheorie vor allem am oberen Ende „recht dürftig ausfallen“.

Nun könnte man einwenden, dass einige der hier angeführten Beispiele nicht ganz ausgewogen sind: Fred Goodwin besaß seinen Job nicht sehr lange, und die Aussichten der Villa-Spieler sind nicht besonders positiv. Doch alle Theorien treffen immer grundsätzlich zu, wenn man die Ausnahmen ignoriert. Das Leben findet in einem ständigen Ungleichgewicht statt, und ein paar Jahre von ungeheuerlichen Abweichungen vom Grenzprodukt können große Ungleichheiten erzeugen.

Es könnte sein, dass die Theorie vom Grenzprodukt – wie etwa auch das einfältige Gerede von den Anreizen – eher mehr Ideologie als reine Wissenschaft ist.

(eigene etwas geänderte Übersetzung eines Blogbeitrages des britischen Ökonomen Chris Dillow)

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