Daniel Kahneman: „Die Leute wollen nicht glücklich sein“

Der große utilitaristische Philosoph Jeremy Bentham argumentierte bekanntermaßen: „Das größte Glück der größten Zahl ist der Maßstab für Recht und Unrecht.“ Dieses Prinzip war auf seine Art revolutionär. Es behandelte die Menschen als gleichwertig.

Daniel KAHNEMAN
Der israelisch-US-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman 2004

Es betonte nicht das glückliche Geschick eines Geschlechts über ein anderes oder einer Rasse oder Religion über eine andere oder das Glück der Adligen gegenüber den Bürgern. Es berücksichtigte das Glück der Armen, Gefangenen und Sklaven. Es stellte sich jedoch auch eine Reihe tieferer Fragen, wie etwa jene, was die Menschen wirklich glücklich macht.

Daniel Kahneman (Nobelpreis 2002) gilt als einer der Vorkämpfer der Verhaltens-ökonomie, die versucht, ökonomische Analyse mit Erkenntnissen aus der Psychologie zu integrieren. In mehreren Diskussionen und Interviews in letzter Zeit hat er argumentiert, dass „die Menschen nicht glücklich sein wollen“. Beispiele finden Sie in seinem TED-Vortrag von 2010, der fast fünf Millionen Mal angesehen wurde. In jüngerer Zeit können Sie sich auch seinen Podcast vom 19. Dezember 2018 mit Tyler Cowen bei „Conversations with Tyler“ anhören.

Für weitere populäre Diskussionen zu diesem Thema schreibt etwa Ephrat Livni im Quartz „Ein Psychologe, der mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde – die meisten Leute wollen nicht wirklich glücklich sein“ (21. Dezember 2018), Cassie Mogilner Holmes diskutiert im Harvard Business Review: „Welche Art von Glück schätzen die Menschen am meisten?“ (19. November 2018) und Amir Mandel schreibt in der Haaretz „Warum der Nobelpreisträger Daniel Kahneman das Glück aufgab“ (7. Oktober 2018).

In diesen und anderen Artikeln wird eine Reihe bekannter Paradoxien beschrieben, die sich ergeben, wenn Sie die Menschen nach dem Grad ihres Glücklichseins befragen. Zum Beispiel haben Menschen, die eine gute (Gewinn einer Lotterie) oder eine schlechte Sache erleben (eine behindernde Verletzung) häufig eine kurzfristige Veränderung ihrer Glückslage, neigen aber dazu, danach wieder auf die Glücksebene vor dem Ereignis zurückzukehren.

Unser Glücksgrad bezüglich eines bestimmten Ereignisses kann ganz anders sein, wenn wir eine bestimmte Begebenheit vorhersehen, das Ereignis erleben oder auf diese Event zurückblicken. Unser Glück wird davon beeinflusst, welcher Kontext oder Standard uns zu einem bestimmten Zeitpunkt suggeriert wird. Wie Kahneman in seinem TED-Vortrag ausführt: „Das Wort Glück ist einfach kein nützliches Wort mehr, weil wir es auf zu viele verschiedene Dinge anwenden.“

In dem oben erwähnten HBR-Artikel schreibt Holmes:

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschrieb diese Unterscheidung als „in Ihrem Leben glücklich sein“ im Gegensatz zu „über Ihr Leben glücklich zu sein.“ Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um sich zu fragen, welches Glück Sie suchen?

Dies mag wie eine unnötige Abgrenzung erscheinen. denn an eine als glücklich erlebte Zeit wird sich oft auch als glücklich erinnert. Ein Abend mit guten Freunden bei gutem Essen und Wein wird glücklich erlebt und glücklich in Erinnerung bleiben. In ähnlicher Weise macht es Spaß, an einem interessanten Projekt mit seinen Lieblingskollegen zu arbeiten und darauf zurückzublicken.

Doch die beiden gehen nicht immer Hand in Hand. Ein entspannendes Wochenende vor dem Fernseher wird im Moment als glücklich erlebt, aber diese Zeit wird nicht in Erinnerung bleiben und kann im Nachhinein sogar Schuldgefühle hervorrufen. Ein Tag im Zoo mit seinen kleinen Kindern kann viele frustrierende Momente beinhalten, aber ein einzigartiger Moment der Freude wird diesen Tag zu einer glücklichen Erinnerung machen. Eine Woche langer Abende, die man im Büro festhängt macht zwar keinen Spaß, aber im Nachhinein wird man sich zufrieden fühlen, wenn sie zu einer großartigen Leistung führt.

In dem Interview mit Cowen argumentiert Kahneman, dass es für die Menschen oft nicht zur obersten Priorität gehört, sich Zeit für die Dinge zu nehmen von denen sie behaupten, dass sie sie „glücklich“ machen, wie etwa Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Stattdessen ist Kahneman der Ansicht: „Sie möchten tatsächlich ihre Zufriedenheit mit sich selbst und ihrem Leben maximieren. Und das führt in völlig andere Richtungen als die Maximierung des Glücks.“

Livni schreibt in dem oben genannten Artikel im Quartz:

„Der Schlüssel hier ist die Erinnerung. Zufriedenheit liegt im Rückblick. Glück dagegen geschieht in Echtzeit. In Kahnemans Arbeit fand er heraus, dass sich die Menschen eine Geschichte über ihr erzählen, die sich zu einer erfreulichen Erzählung summieren kann oder auch nicht. Unsere täglichen Erfahrungen bringen jedoch positive Gefühle hervor, die diese längere Geschichte nicht notwendigerweise vorantreiben müssen.

Die Erinnerung hält an, die Gefühle gehen vorüber…Trotzdem lohnt es sich zu fragen, ob wir glücklich sein und positive Gefühle erleben wollen oder einfach nur Erzählungen konstruieren möchten, die es wert sind sich selbst und anderen erzählt zu werden, aber nicht unbedingt Vergnügen bereiten.“

Oder wie Mandel im Interview mit Kahneman im Haaretz ausführt:

„Ich wurde allmählich davon überzeugt, dass die Menschen nicht glücklich sein wollen“, erklärte er [Kahneman], „sie wollen mit ihrem Leben zufrieden sein.“ Ein wenig verblüfft bat ich ihn, diese Aussage zu wiederholen. „Die Leute möchten nicht glücklich sein in dem Sinne, wie ich den Begriff definiert habe – nämlich im Hier und Jetzt. Meiner Ansicht nach ist es viel wichtiger für sie zufrieden zu sein und Lebenszufriedenheit aus der Perspektive des „Woran ich mich erinnere“ zu ziehen, nämlich aus der Geschichte, die sie über ihr Leben erzählen.“

Diese Unterscheidung beinhaltet viele meiner eigenen Gefühle darüber, wie ich meine Zeit verbringe und mich in meinem Leben verhalte. Viele Dinge, die ich tue, machen mich im Moment nicht unbedingt „glücklich“, wie z. B. morgens aus dem Bett zu steigen, um das Frühstück für die Familie zuzubereiten, doch es gibt mir Befriedigung und passt zu der Erzählung, die ich gerne über mein Leben hören will. Aktuell stimmt mich das Schreiben der Einträge für diesen Blog nicht unbedingt „glücklich“, aber ich bin durchaus zufrieden damit.

Umgekehrt habe ich das Gefühl, dass es bei vielen „Unglücksfällen“ in der modernen Welt häufig um eine Störung dieser Erzählung geht. Die meisten Leute haben nichts dagegen, hart zu arbeiten, und sie sind mit der Realität einverstanden, dass sie niemals reich oder berühmt sein werden. Sie erwarten auch nicht, dass jeder Tag voller Lachen und Kichern sein soll; sie wissen stattdessen durchaus, dass es auch Zeiten der Not, der Traurigkeit und der Einsamkeit geben wird.

Trotzdem möchten die Menschen wissen, dass es einen Weg zur Lebenszufriedenheit gibt oder sie zumindest in Rufweite eines solchen Weges sind. Wenn die Menschen nicht sehen können, wie ihr Leben und ihre Arbeit und ihre Erfahrungen in eine umfassendere und befriedigendere Lebenserzählung passen, leiden sie darunter sehr schmerzlich.

(eigene Übersetzung eines Blogbeitrages des amerikanischen Ökonomen Timothy Taylor)

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