Es war nicht Greenspans Geldpolitik – Teil 2: Sparen oder Investieren?

„Mit ihrer (gemeint sind die US-amerikanischen Privathaushalte) hohen Verschuldungsbereitschaft haben sie in den letzten Jahren massive Nachfrageimpulse für die Weltwirtschaft geleistet.

Dies bildete ein notwendiges Gegengewicht zur hohen Geldvermögensbildung in Ländern wie China, Japan, Deutschland, Russland und einer Reihe von Ölförderländern.

Die viel diskutierten globalen Ungleichgewichte … haben in der Vergangenheit letztlich dafür gesorgt, dass sich die Weltwirtschaft bei einem so unterschiedlichen Sparverhalten (der amerikanischen Verbraucher im Gegensatz zu denen der Überschussländer) dynamisch entwickeln konnte.“
(Jahresgutachten 2008/09 des Sachverständigenrates, Erstes Kapitel, Absatz II, Nummer 5)

Former Chairman of the Federal Reserve Alan Greenspan, receiving a Presidential Medal of Freedom in 2005

In seiner Expertise zum Jahresausblick der deutschen Wirtschaft 2008/2009 brachte der Sachverständigenrat wieder einmal seine Auffassung zum Ausdruck, dass das Investieren grundsätzlich erst als Folge des Sparens möglich sei und unterschiedliches Sparverhalten demnach die Leistungsbilanzdefizite und Handelsungleich- gewichte zwischen Überschuss- und Schuldenländern erklären könne. Folglich seien also größere Verzerrungen in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Volkswirtschaften gar nicht möglich (siehe Teil 1).

Diese Haltung zum Sparen als unbedingte Voraussetzung für das Investieren kollidierte allerdings mit der Aussage im ersten zitierten Satz, demzufolge ja die schuldenmachenden US-Verbraucher die Treiber des Wachstums gewesen wären und nicht die Sparer. Ebensowenig passte da die grundsätzliche Definition, gemäß der niemand sparen kann, wenn sich kein anderer verschuldet, ins Bild. Um mit diesem offensichtlichen Widerspruch zur neoklassischen Ideologie klar zu kommen, verhalf man sich einfach mit einer Synthese beider Ansichten:

Sowohl die Nachfrageimpulse durch die Bereitschaft zur Verschuldung als auch die Bereitstellung der Ersparnisse als Notwendigkeit für Investitionen wären demnach erforderlich für eine dynamische Wirtschaftsentwicklung.
Im Umkehrschluss kann man dann aber logischerweise internationale Handelsungleichgewichte überhaupt nicht als realwirtschaftliche Krisenursache in Erwägung ziehen, da sie ja in dem simplen Modell des Sparens als Vorraussetzung für Wachstum gelten. Somit aber wären internationale Wirtschaftskrisen gleichzeitig die Folge eines marktwirtschaftlichen Prozesses, was nach den Prämissen der herrschenden Theorie erst recht nicht sein darf.

Wenn man aber dagegen das Sparen nicht als unerlässliche Bedingung eines Wirtschaftsprozesses, sondern als seine zwangsläufige Folge versteht, (so wie es auch in diesem Blog bereits hier und hier gemacht wurde) so kommt man zu einem ganz anderen Verständnis der für das Funktionieren einer Marktwirtschaft notwendigen Vorgänge, ohne die Marktwirtschaft gleich ganz als Wirtschaftssystem ingesamt zu verdammen.

Nach den Ansichten eines John Maynard Keynes und eines Joseph Schumpeter werden demnach Investitionen nicht erst durch die Bildung von Ersparnissen möglich gemacht, sondern mittels der Notenbanken vorfinanziert und erst am Ende des Prozesses durch die Zunahme der Einkommen, aus denen wiederum die Investitionskredite getilgt werden können, gebildet.

Nach dieser Sichtweise ist das vermehrte Sparen (= höhere Sparquote der Verbraucher) nicht sinnvoll, da damit die Auslastung der Kapazitäten sowie die Unternehmensgewinne verringert werden und als logische Folge davon die Investitionsdynamik entscheidend geschwächt wird.

Als Konsequenz aus dieser Ansicht aber muss man damit dann auch das gesamte Fundament der ökonomischen Empfehlungen der letzten 20 Jahre in Deutschland komplett in Zweifel ziehen. Alle lohnpolitischen Maßhalteentscheidungen waren demnach nicht nur zwecklos, sondern müssen auch als mitverantwortlich für die Finanzkrise angesehen werden. Der Sachverständigenrat (und mit ihm alle anderen neoklassischen Vertreter) aber verzichtet dagegen seit 2008 auf eine logische Erklärung der aufgetretenen fehlerhaften Prozesse, um sich nicht von der von ihm präferierten Sparthese und der falschen Ansicht, alle am Markt zustandekommenden Preise seien immer automatisch richtig, lösen zu müssen.

Diese ideologische Denkverweigerung zieht allerdings auch seit der Finanzkrise gravierende Folgen mit sich: Wer neben den Regulierungsdefiziten die realwirtschaftlichen Ursachen der Finanzmarktkrise nicht realisieren kann, ist unfähig, richtig zu handeln, um die Verwerfungen der Krise endgültig zu beseitigen.

So kann es etwa für Deutschland keine weitere Lohnmoderation, also Abschlüsse unterhalb von Zielinflationsrate und Produktivitätszuwachs, und Arbeitsmarktflexibilisierung mehr geben, da damit weiterhin auf die Verschuldung des Auslandes und eine weiter schwächelnde Konsumnachfrage im Inland gesetzt wird.
Stattdessen wären flächendeckende Lohnsteigerungen von ca. 3,5 % aufwärts erforderlich.
Dies würde dann auch ein klares Signal der Politik bedeuten, die damit eingesehen hätte, dass sie die privaten Haushalte mit ihrer Nachfrage (und nicht wie immer behauptet mit ihrem Sparverhalten) endlich ernst nähme.

Ebenso muss die Austeritätspolitik in den europäischen Krisenländern beendet werden, denn auch dort haben „Sparen“ und Lohnzurückhaltung bzw. -kürzung vor allem für Rezession im Inland gesorgt.
Für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank bedeutet dies, weiterhin eine Strategie der niedrigen Zinsen fahren zu müssen, um sowohl ihr Ziel der Geldwertstabilität (eine Zielinflationsrate nahe Zwei Prozent und nicht erheblich darunter wie zur Zeit) erreichen zu können, als auch die Gefahr der Handlungsunfähigkeit durch eine mögliche deflationäre Abwärtsspirale zu verhindern.
Niedrige Zinsen unterstützen zudem die privaten Investitionsabsichten und machen die notwendige staatliche Neuverschuldung günstiger.

Zusätzlich wäre es auch notwendig, ein möglichst einheitliches Zinsniveau nicht nur mit den USA sondern auch mit den Schwellenländern anzustreben, damit Spekulationen auf Zinsarbitrage nicht weiter die Wechselkurse beeinträchtigen können.

Wer dagegen immer noch der Ansicht ist, es müssten doch eigentlich die Zinsen erhöht und die Nachfrage zurückgefahren werden, um die Sparneigung weiter anzukurbeln, der hat die logischen Fehler der neoklassischen Theorie immer noch nicht verstanden.

So lässt sich also resümieren, dass es keineswegs Greenspans expansive Geldpolitik mit niedrigen Zinssätzen war, die ursächlich den Aufbau und das Platzen der Hypothekenblase als Ursache der Finanzkrise zu verschulden hatte. Vielmehr verhinderte ein Konglomerat von zunehmender Deregulierung der Finanzmärkte, leichtfertiger Kreditvergaben, rigider Lohnpolitik und der Mißachtung immer größerer Leistungbilanzunterschiede aufgrund ideologischer Verblendung eine pragmatische Politik der Eindämmung entsprechender Risiken.

Bemerkenswert ist aber auch, dass Alan Greenspan selbst im Alter und trotz seiner Erfahrungen in der Misere weiter unbeirrt an seinen neoklassischen Ansichten vom Sparen und Investieren festhält. In seinem Spätwerk „The Map and the Territory“ (Penguin Press 2013) behauptet er z. B., dass in den USA die enorme Erhöhung der Sozialausgaben eins zu eins die Ersparnisse verdrängt habe und dadurch seiner Ansicht nach auch die Investitionen entsprechend zurückgegangen wären.

Dieser Beitrag wurde unter Ökonomie abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.