Schalke 04: Ernüchternder Saisonstart mit einem kleinen Hoffnungsschimmer

Hatte ich eigentlich letztens geschrieben, dass die Schalker auf einem guten Weg seien? Nun, am Samstag in Frankfurt müssen sie dann wohl auf diesem Weg irgendwie die falsche Ausfahrt genommen haben.

Commerzbank-Arena (2)
Panorama des Innenraumes der Commerzbank-Arena in Frankfurt

Anders ist ein solcher Saisonstart nicht zu erklären, denn ein dermaßen geschlossenes Versagen wie nahezu der gesamten Mannschaft in den ersten 20 Minuten habe ich seit langem nicht mehr gesehen.

Von Anfang an wirkten die Blau-Weißen wie paralysiert, zu langsam, zu wenig aggressiv und immer zu weit weg von einer wie entfesselt aufspielenden Frankfurter Eintracht, die in der Gluthitze dieses Sommernachmittags direkt aus einem Eisschrank zu kommen schien.

Dass es am Ende dieser Phase nur 1:0 für die Truppe von Trainer Niko Kovač stand, konnten die Schalker eigentlich nur dem weiteren Unvermögen von Alex Meier & Co. und einer schon fast unverschämten Portion eigenem Glück zuschreiben. Sie selbst taten dagegen entschieden zu wenig, um eine Drei-Tore-Führung der Frankfurter nicht als völlig verdient bezeichnen zu wollen.

Das ganze Übel begann bereits bei der Aufstellung, mit der sich die scharfe Klinge des Zweifels recht schmerzhaft an der herrschenden Euphorie abzuarbeiten begann. Gut, Sead Kolasinac anstelle von Abdul Baba auf links konnte ich noch halbwegs nachvollziehen, da der Bosnier im Pokalspiel in Villingen anfangs recht auffällig gespielt hatte.

Und dass Leon Goretzka offenbar noch nicht wirklich fit für einen Einsatz war, ließ die Not-„Doppelsechs“ Dennis Aogo und Johannes Geis alternativlos erscheinen, da Neuzugang Nabil Bentaleb auch erst in der Woche zuvor zum Kader gestoßen war. Die langfristige Verletzung des Spaniers Coke machte zudem Junior Caicara wieder zum etatmäßigen Rechtsverteidiger, verursachte nach zuletzt aber eher nur schwachen bis mittelmäßigen Auftritten bereits erste Bauchschmerzen.

Nur sehr schwer nachvollziehbar blieb dagegen die Aufstellung von Franco di Santo, eigentlich gelernter Mittelstürmer, rechts vor dem Brasilianer. Warum Breel Embolo dafür nur auf der Bank Platz nehmen musste, wird wohl auf ewig ein Geheimnis von Trainer Markus Weinzierl bleiben.

So sorgte aber bereits diese Startelf des Schalker Neu-Coaches für einiges Rauschen in den sozialen Netzwerken, und manchem blau-weißen Fan trieb sie das aus den letzten Jahren wohlbekannte flaue Gefühl in die Magengegend. Trotzdem hatte die erste Viertelstunde dieser Saison den Charakter einer völlig unvorhersehbaren eiskalten Dusche. Doch was bei den am Samstag herrschenden Temperaturen von über 30 Grad eigentlich für eine willkommene Abkühlung gereicht hätte, brachte dagegen die meisten Schalker arg ins Schwitzen.

Denn was die Aogos, Caicaras, Geisens, di Santos, Naldos und Co. da auf dem Platz boten, grenzte fast an Arbeitsverweigerung. Ohne Druck auf Ball und Gegner ließen sie die anbrandende Angriffswelle der Eintracht nahezu widerstandslos passieren. Auf der rechten Außenbahn passte zwischen di Santo und Caicara so gut wie gar nichts, der Serbe Mijat Gacinovic nahm diese Einladung dankend an und entfachte gemeinsam mit dem von Defensivaufgaben völlig unbelasteten Außenverteidiger Bastian Oczipka einen wahren Flächenbrand in der Schalker Hälfte.

Zentral verdiente sich Olympia-Heimkehrer Max Meyer fast mühelos das Prädikat „Totalausfall“, so saft- und kraftlos schleppte sich der Silbermedaillen-Gewinner von Rio über das Geläuf der Commerzbank-Arena. Besonders geärgert haben dürfte sich Trainer Weinzierl über die Weigerung seines Nationalspielers, die kämpferische Spielweise der Frankfurter überhaupt auch nur ansatzweise annehmen zu wollen.

Da es auch links in der Abwehr zumeist nicht viel besser aussah, hing die in der Vorbereitung so hoch gelobte Innenverteidigung mit Benedikt Höwedes und dem indisponiert wirkenden Brasilianer Naldo viel zu häufig alleingelassen in der Luft. Symptomatisch hier dann auch die Szene vor dem Gegentor in der 13. Minute: Naldo versuchte zweimal recht stümperhaft zu klären, doch anstelle ihren Mannschaftskameraden zu unterstützen, standen mehrere Schalker tatenlos um ihn herum und ließen so die Hessen durch Goalgetter Alex Meier viel zu einfach zum Abschluss kommen.

Erst die Trinkpause nach gut 20 Minuten brachte etwas Entlastung und Coach Markus Weinzierl die Möglichkeit, im Stile eines Handballtrainers taktische Umstellungen vorzunehmen. Danach wurde es etwas besser, doch auch vor allem deshalb, weil die Frankfurter offenbar Angst vor dem eigenen Erfolg bekamen und daher den eisernen Offensivgriff etwas lockerten.

Nach dem Pausenpfiff kam dann endlich der Schweizer Embolo für die Fehlbesetzung di Santo, die Begegnung wurde etwas ausgeglichener, doch überzeugen konnten die Schalker immer noch nicht richtig. Das Ungleichgewicht Caicara-Gacinovic auf der rechten Seite erreichte nach fast siebzig Minuten seinen Höhepunkt, als der erschreckend schwache Brasilianer den Serben nur noch mit unfairen Mitteln im eigenen Strafraum stoppen konnte.

Den folgerichtigen Elfmeter vergab jedoch der sonst immer so treffsichere Alex Meier eher kläglich, ein weiteres Anzeichen dafür, dass der Eintracht immer mehr der Mumm der Anfangsphase verloren ging.

Aber erst mit der Hereinnahme von Neuzugang Nabil Bentaleb wurden Schalkes Angriffsbemühungen endlich griffiger und zwingender. Der Algerier mit französischem Pass übernahm sofort wie selbstverständlich die Regie im Gelsenkirchener Mittelfeld und kreierte mit direkten Pässen in die Spitze mehr Tormöglichkeiten als die gesamte Mannschaft in 75 Minuten zuvor. Doch trotz einiger Großchancen durch Huntelaar und Choupo-Moting gelang der Ausgleich nicht mehr.

Was blieb, war einzig ein Gefühl erheblicher Ernüchterung, ein heftiger Dämpfer hinein in die Euphorie, mit dem Duo Heidel/Weinzierl würde sich sofort alles zum Besseren ändern. Doch die Widerstandskräfte im alten Kader erscheinen stärker als erwartet und die Rückfallgefahr in wohlbekannte Muster weiterhin vorhanden zu sein.

Und die endgültige Erkenntnis für Christian Heidel, in Gelsenkirchen eine echte Mammutaufgabe übernommen zu haben. Es gibt nämlich nicht nur einzelne Baustellen in der Mannschaft, an denen gearbeitet werden muss, sondern der gesamte Kader ist eine einzige Baustelle.

Doch immerhin spricht vieles dafür, dass die Schalker sehr wahrscheinlich nie wieder in der Anfangsaufstellung vom Samstag auf dem Platz stehen werden. Neben den belebenden Auftritten der Neuen Embolo, Abdul Rahman Baba (der in der zweiten Halbzeit für Kolasinac kam und auf der linken Seite wesentlich mehr Offensivgeist zeigte) und vor allem Bentaleb drängen auch noch der Franzose Benjamin Stambouli (von Paris St. Germain) und seit gestern Abend der ukrainische Nationalspieler Yevhen Konoplyanka mit Nachdruck in die erste Reihe.

Aufmerksamen Lesern dieses Blogs wird dieser Name bekannt vorkommen, da war doch was in Bezug auf die Europameisterschaft? Richtig, nach der Begegnung Deutschland-Ukraine schrieb ich damals folgende Zeilen:

Schalkes Kapitän bekam es beim 2:0-Auftaktsieg gegen die Ukraine häufig mit dem schnellen und technisch starken Yevhen Konoplyanka vom Euro-League-Sieger FC Sevilla zu tun, dessen Hacken er das ein oder andere Mal nur mit Mühe folgen konnte. Er geriet dabei häufiger ins Schwimmen, als ihm lieb sein konnte.

Also beste Voraussetzungen für einen Stammplatz in der Gelsenkirchener Offensivabteilung? Mal schauen, nächste Woche nach der Länderspielpause wissen wir möglicherweise schon etwas mehr, obwohl dann mit den Bayern ein echt schwerer Brocken wartet. Doch auch wenn manch nervenschwache Anhänger bereits wieder die nächste Schalker Krise ausrufen wollen, sprechen wir momentan nur über einen misslungenen Start.

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