S04: Der nächste Umbruch nach einer erneut desaströsen Saison?

Auch das letzte Heimspiel geriet für die Knappen zum Offenbarungseid: beim 1:4 gegen den VfL Wolfsburg ließen die Schalker Akteure wieder einmal Motivation, Einstellung und Ehrgeiz weitestgehend fehlen.

2018-08-17 1. FC Schweinfurt 05 vs. FC Schalke 04 (DFB-Pokal) by Sandro Halank–625
Weston McKennie am Boden – symptomatisch für eine weitere
völlig verkorkste S04-Spielzeit

15 Begegnungen in Folge ohne Sieg, mit der Pleite gegen die Wölfe aus der VW-Stadt schrieben sich die Blau-Weißen ein weiteres Mal in die Geschichtsbücher des Vereins ein – allerdings nur auf den besonders unrühmlichen Seiten.

Doch wie konnte es dazu kommen, nach einer so beachtlichen Hinrunde und einem gelungenen Auftakt in die zweite Hälfte der Saison, der mich zu folgenden Äußerungen veranlasste:

Ich kann mich eigentlich immer nur wiederholen: es ist mehr als beachtlich, was David Wagner in seiner Zeit beim S04 bisher aus dieser Truppe gemacht hat. Eine wirklich wie geölt funktionierende Pressing-Maschine, bei der auch das Konterspiel immer besser und effektiver gelingt. Oberste Voraussetzungen für diese ineinander greifenden Mechanismen sind aber einfache Bedingungen wie echter Teamgeist und der Wille sich für den anderen einzubringen.

Unfassbar, was seitdem passiert ist, was aus einer so gut funktionierenden Mannschaft einen solch desolaten Haufen fußballerischer Anfänger werden ließ.

Über die langfristigen Entwicklungen, die natürlich der jetzigen Krise über Jahre hinweg vorangegangen sind, habe ich bereits in einem anderen Beitrag geschrieben bzw. habe aus der sehr guten Abhandlung von @rene_1904 zitiert.

Daher will ich jetzt hier nicht zu sehr abschweifen und mich vor allem auf die Entwick-lungen seit Anfang Februar konzentrieren, um wenigstens ein paar Worte über die möglichen kurzfristigen Ursachen der erneuten Schalker Megakrise zu verlieren. Am Anfang standen dabei die Reaktionen auf die zumindest in dieser Höhe unerwartet deutliche 0:5-Klatsche bei den Bayern.

Man konnte sich des Eindrucks nicht mehr verwehren, dass Trainer David Wagner danach das Vertrauen in die eigene Spielweise verlor. Gegen die damals aufstrebende Hertha aus der Hauptstadt begann beim 0:0 bereits der Angsthasenfußball, der für das sich dann entwickelnde Dilemma so symptomatisch werden sollte.

Es folgte eine Reihe von Spielen, in denen Schalke spürbar Nachwirkungen des Münchener KOs zeigte und offensiv nicht wieder in die Spur kam bzw. kommen wollte. Den zweiten Niederschlag gab es dann von RB Leipzig, bei dem erneuten 0:5 war man dem Dosen-Club in allen Belangen sehr deutlich unterlegen.

Völlig verschwunden war auch das schnelle Umschaltspiel nach Balleroberung und die darauf folgenden Flügelangriffe, stattdessen stand man nun tiefgestaffelt und hatte Mühe, das Leder im eigenen Besitz bis zum Strafraum des Gegners zu bekommen. Demzufolge gab es jetzt einen eklatanten Mangel an Torchancen, während die Konkurrenz nur auf die Fehler der Schalker warten musste um das Kartenhaus zum Einsturz zu bringen.

Zudem lieferte Keeper Alexander Nübel gegen Leipzig eine ganz schwache Partie ab, womit wir nach den taktischen Fehlern des Trainers zur nächsten grundlegenden Ursache für den S04-Notstand kommen. Die ungelöste Torwartfrage und damit auch die Absetzung von Nübel als Kapitän wird nicht gerade zur Stabilität innerhalb der Mannschaft beigetragen haben.

Weder Nübel noch Andreas Schubert vermochten sich als echte Nummer 1 zu etablieren, ganz im Gegenteil waren sie aufgrund schwacher Leistungen oft genug selbst mit in der Verlosung, wenn es um Gründe für verlorene Spiele ging.

Dabei machten auch Sportvorstand und Trainerteam keine optimale Figur, beförderten sie doch den eigentlich schon ausgebooteten Neu-Münchener Nübel wieder zurück zwischen die Pfosten, währenddessen der Zukunftshoffnung Schubert die Bundesligatauglichkeit (vorerst wohl durchaus berechtigt) abgesprochen wurde.

Schatten fallen auch auf die medizinische Abteilung des FC Schalke 04. Bis zu neun Spieler fehlten zwischenzeitlich aufgrund teilweise langwieriger Verletzungen, mit Omar Mascarell, Suat Serdar und Amine Harit fiel sogar die gesamte so erfolgreiche Mittelfeldachse der Hinrunde wochenlang aus. Benjamin Stambouli musste gleich für die gesamte Rückrunde passen, Salif Sané und Serdar erwischte es zudem noch mehrfach.

Besonders in der Defensive nahm die Verletzungsmisere teils absurde Züge an. Sané, Matija Nastasic, Jean-Clair Todibo, Ozan Kabak und eben Stambouli: jeder Innen-verteidiger musste kürzer oder länger die Segel streichen und so durften sich auch McKennie und Bastian Oczipka auf dieser Position mehr oder weniger erfolgreich versuchen.

Doch auch der Fitnesszustand der Schalker Profis nach dem Corona-Lockdown gab Anlass zur Kritik, Weston McKennie offenbarte in einem Interview beispielsweise recht eigen-willige Trainingszeiten. Demzufolge wirkte das ganze Team in den ersten Begegnungen nach der Pause kurzatmig und baute in der zweiten Halbzeit des Öfteren vorzeitig ab.

Zudem scheinen McKennies lockere Trainingsansichten im Team weit verbreitet oder zumindest akzeptiert zu sein, sonst hätte er sie kaum so bereitwillig in den Medien ausgebreitet. Er zumindest sah da keine Probleme und es gab auch keinen Hinweis darauf, dass er damit allein steht. Synonym zu dieser laschen Einstellung muss man auch den Mangel an wirklichen Führungsspielern als Krisenfaktor konstatieren, entweder sind diese verletzt oder bleiben wie die erfahrenen Daniel Caligiuri oder Bastian Oczipka selbst weit unter ihren Möglichkeiten.

Vielleicht der einschneidendste Faktor der Geisterspiele aber bleibt das leere Stadion. Gerade die Knappen, die selbst in die tiefste Provinz gewöhnlich ein paar tausend Gästefans mitbringen sind in dieser Hinsicht am meisten gebeutelt. Ohne Emotionen ist dieser Verein höchstens noch die Hälfte wert, ohne Zuschauer in der Fremde und auch auf eigenem Rasen eben auch entsprechend weniger.

Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass sich nach größtenteils desaströsen Leistungen zumindest in der Arena der Zuschauerausschluß auch als eine Art Segen erwiesen hat. Man mag sich kaum vorstellen, was bei den letzten Heimspielen vor vollen Rängen los gewesen wäre.

Die Mannschaft weniger tendieren dürfte die in letzter Zeit den katastrophalen Darbietungen auf dem Platz ähnelnde Außendarstellung des Vereins. Der völlig unangemessene Umgang mit den Kartenbesitzern, die Demission des langjährigen Finanz-Vorstandes Peter Peters, die Entlassung von zwei Dutzend Busfahrern der Knappen-schmiede oder die nun immer wieder aufpoppende Diskussion um die Ausgliederung der Profiabteilung: das alles passt schlecht in das Selbstverständnis eines „Kumpel- und Malocher-Vereins“.

Dazu kommt die „Corona-Krise“ um das Unternehmen des gerne als starken Mann des S04 bezeichneten Vorstandsvorsitzenden Clemens Tönnies, die inzwischen bundesweit für einigen Unmut sorgt. Von seinem unsäglichen Rassismus-Eklat im vergangenen Jahr gar nicht zu reden. Doch vielmehr ist es seine oft auf Schalke getätigte Basta-Mentalität und dabei offenbarte sportliche Unbedarftheit, die dem Verein in der Vergangenheit in seiner Kernkompetenz großen Schaden zugefügt hatte.

Womit wir bei den Vorschlägen wären, wie die ruinöse Knappen-Krise zukünftig ange-gangen werden könnte. Da der Fisch meist am Kopf anfängt zu stinken, sollte darüber nachgedacht werden, ob Tönnies tatsächlich noch die richtige Führungsfigur für den Club darstellt. Meines Erachtens wäre es an der Zeit, dass jemand mit mehr fußballerischem Sachverstand das Ruder übernehmen sollte.

Schalke hat es einfach zu lange fachfremden Dilettanten überlassen, wichtige sportliche Entscheidungen zu treffen. Man denke nur an die bei Christian Heidel gängige Praxis, Spieler lediglich aufgrund von Videoaufnahmen zu scouten. Das Ergebnis ist ein seit Jahren nahezu untrainierbarer Kader mit jeder Menge Egoisten, die alles aber bloß keine Verantwortung übernehmen wollen.

Als Abhilfe kann man in Zukunft nur weiterhin auf den eigenen Nachwuchs setzen, wie es ja bereits praktiziert wird. Um sich teure Ablösesummen zu ersparen böte sich noch eine weitere Intensivierung dieser Arbeit an, auch hier scheinen im Moment die richtigen Weichen gestellt zu werden. Wenigstens etwas Positives.

In der Causa David Wagner bin ich zugegebenermaßen völlig hin- und hergerissen. Trainer entlassen ja oder nein? Sicherlich hat auch der Coach einiges falsch gemacht im Laufe der Krise, wie ich ja bereits weiter oben versucht habe zu erläutern. Es ist zudem kein Zuckerschlecken, die neue Saison voraussichtlich mit einer Rekord-Negativserie zu starten, während ein neuer Trainer recht unbelastet anfangen könnte.

Doch wenn wir ehrlich sind, was haben die ungezählten Übungsleiterwechsel der letzten Jahre denn wirklich gebracht? Stattdessen bin ich durchaus beeindruckt von der Entschlossenheit, mit der Jochen Schneider seinem Trainer den Rücken stärkt. Vorerst zumindest.

Wenn man dann noch die finanziellen Probleme aufgrund der Corona-Krise dazu nimmt, ist der Zustand des Vereins im Moment wohl alles andere als vertrauenerweckend. Personell gibt es zudem noch eine Reihe von ausgeliehenen (und teuren) Spielern wie Mark Uth, Sebastian Rudy, Nabil Bentaleb oder Hamza Mendyl, deren Zukunft als ebenfalls äußerst ungewiss angesehen werden muss. Alles kein Zuckerschlecken für Schalke, eher die größte Krise seit Jahrzehnten…

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