De Reditu suo: Ein römischer Patrizier berichtet über den Untergang seines Reiches

Das 5. Jahrhundert brachte die letzten Atemzüge des Weströmischen Reiches. Von diesen schwierigen Zeiten besitzen wir heute nur noch sehr wenige Dokumente und Bilder.

Oben sehen Sie eines der wenigen erhaltenen Porträts von jemandem, der in dieser Zeit gelebt hat: Kaiser Honorius, von 395 bis 423 Herrscher über die Überreste des West-römischen Reiches. Sein Gesichtsausdruck scheint überrascht zu sein, als ob er erschrocken wäre, die Katastrophen während seiner Regierungszeit zu erblicken.

Irgendwann in den ersten Jahrzehnten des 5. Jahrhunderts v. Chr., wahrscheinlich im Jahr 416 verließ der römische Patrizier Rutilius Namatianus Rom, um sich in seine Besitzungen in Südfrankreich zu flüchten. Er hinterließ uns einen Bericht über seine Reise mit dem Titel „De Reditu suo“, was „Über seine Rückkehr“ bedeutet. Diesen können wir heute noch fast vollständig lesen.

Fünfzehn Jahrhunderte nach dem Fall des Weströmischen Reiches haben wir in diesem Dokument eine wertvolle Informationsquelle über eine Welt, die aufhörte zu existieren und die uns so wenig übrig gelassen hat. Es ist ein Bericht, der uns nur wundern lässt, dass Namatianus so wenig von dem verstanden hatte, was mit ihm und dem Römischen Reich geschah. Und das sagt uns gleichzeitig viel darüber, wie es sein kann, wenn unsere Eliten so wenig darüber verstehen was heute mit uns passiert.

Um das „De Reditu“ zu verstehen müssen wir die Zeiten begreifen, in denen es geschrieben wurde. Namatianus wurde wahrscheinlich in den letzten Jahrzehnten des 4. Jahrhunderts in Rom erwachsen, als Theodosius I. (347-395 v. Chr.) der letzte Kaiser war, der sowohl die westliche als auch die östliche Reichshälfte regierte. Als Theodosius im Jahre 395 n. Chr. starb, begannen die letzten Krämpfe des Weströmischen Reiches, die 476 n. Chr. zu seinem formellen Niedergang führten.

Doch zu Zeiten des Namatianus gab es immer noch römische Kaiser, es gab immer noch einen römischen Senat. Es gab immer noch die Stadt Rom, damals vielleicht immer noch die größte Stadt in Westeuropa. Und es gab immer noch römische Armeen, die das Imperium gegen Invasoren verteidigen sollten. Das alles sollte schnell verschwinden, viel schneller, als man damals hätte ahnen können.

Namatian muss bereits ein wichtiger Patrizier in Rom gewesen sein, als Stilicho das anführte, was Gibbon „die letzte Armee der Republik“ nannte, die noch in siegreichen Schlachten vor 406 n. Chr. die Goten daran hinderte in Rom einzufallen. Dann kam der Sturz von Stilicho, der wegen Hochverrats auf Befehl von Kaiser Honorius hingerichtet wurde. Sodann folgte die Invasion der Goten unter Alarich I. und im Jahre 410 n. Chr. die Einnahme Roms. Insgesamt sah Namatianus den Fall von sieben Anwärtern auf den westlichen Thron, mehrere große Schlachten, die Plünderung Roms und vieles mehr.

In diesen unruhigen Zeiten gab es auch eine Reihe von Persönlichkeiten, an die wir uns noch heute erinnern. Von den Zeitgenossen des Namatianus haben wir Galla Placidia, die letzte (und einzige) Kaiserin des Weströmischen Reiches, und es ist wahrscheinlich, dass Namatianus sie persönlich als junge Prinzessin kannte. Er muss auch Hypatia gekannt haben, jene heidnische Philosophin, die 415 n. Chr. in Ägypten von Christen ermordet wurde.

Er kannte wahrscheinlich auch Augustinus (354-430), den Bischof der römischen Stadt Hippo Regius in Afrika. Es gibt weitere historische Figuren, die Zeitgenossen von Namatianus waren, obwohl es unwahrscheinlich ist, dass er jemals von ihnen gehört hatte. Einer davon war ein junger Krieger, der durch die osteuropäischen Ebenen streifte und Attila hieß.

Ein anderer (vielleicht?) war ein Kriegsherr aus der Region namens Britannia, an den wir uns als „Arthur“ erinnern. Schließlich hatte Namatianus wahrscheinlich auch noch nie etwas von einem jungen römischen Patrizier gehört, der im römischen Britannien geboren wurde. Er hieß „Patricious“ (später bekannt als „Patrick“) und reiste etwa zwanzig Jahre nachdem Namatianus seine Reise nach Gallia antrat auf die ferne Insel „Hybernia“ (heute bekannt als Irland).

Aber wer war Namatianus selbst? Das meiste was wir über ihn wissen, stammt aus seinem eigenen Buch De Reditu, doch das reicht durchaus, um etwas über ihn und seine Karriere zusammenzustellen. Wir wissen also, dass er aus einer wohlhabenden und mächtigen Familie mit Sitz in Gallia im modernen Frankreich enstammte. Er erlangte prestigeträchtige Posten in Rom: Zunächst war er „Magister Officiorum“; so etwas wie Staatssekretär und dann „praefectus urbi“, der Gouverneur von Rom.

In diesen beunruhigen Zeiten hatten die Kaiser Rom längst verlassen, um in der Stadt Ravenna an der ostitalienischen Küste eine sichere Zuflucht zu finden. Daher muss Namatianus seit einiger Zeit der mächtigste Mensch der Stadt gewesen sein. Er wurde wahrscheinlich dazu verdonnert, Rom vor den einfallenden Goten zu verteidigen, konnte sie aber nicht davon abhalten, die Stadt einzunehmen und sie 410 zu plündern. Vielleicht versuchte er auch – erfolglos – die Entführung der Tochter von Kaiser Theodosius I., Galla Placidia, die später Kaiserin wurde, durch die Goten zu verhindern. Er muss auch in die dramatischen Ereignisse verwickelt gewesen sein, bei denen der römische Senat Stilichos Witwe Serena des Verrats beschuldigte und sie durch Strangulieren hinrichten ließ (dies waren in der Tat sehr ereignisreiche Jahre).

Wir wissen nicht, ob eines oder alle diese Ereignisse mit der Entscheidung von Namatianus Rom zu verlassen (und vielleicht sogar vor Rom davonzulaufen) tatsächlich zusammenhängen. Vielleicht gab es andere Gründe, vielleicht gab er einfach die Idee auf, in einer halb zerstörten und gefährlichen Stadt zu bleiben. Doch für das, worum es uns hier geht können wir festhalten, wenn es denn eine Person gab, die eine klare Sicht auf die Situation des Imperiums hatte, diese Person Namatianus war.

Als Präfekt von Rom musste er Berichte aus allen Regionen des Imperiums erhalten haben. Er muss von den Bewegungen der barbarischen Armeen, von den Unruhen in den römischen Gebieten, von den Aufständen, von den Banditen, von den Usurpatoren und von der Verschwörung des Kaisers unterrichtet gewesen sein. Außerdem war er ein Mann der Kultur, so dass er später ein langes Gedicht schreiben konnte, eben sein „De Reditu“. Sicherlich kannte er auch die römische Geschichte gut, da er mit den Werken der römischen Historiker Tacitus, Livius, Sallust und anderer vertraut gewesen sein musste.

Aber konnte Namatianus verstehen, dass das weströmische Reich zusammenbrach? Sicher wusste er, dass mit dem Imperium etwas nicht stimmte, wie aus seinem Bericht hervorgeht. Lesen Sie einfach diesen Auszug aus „De Reditu“:

Ich habe das Meer gewählt, weil die Straßen in den Ebenen von Flüssen überflutet sind; wenn sie sich auf höherem Boden befinden, sind sie mit Steinen übersät. Seitdem die Toskana und die Via Aurelia die Gräueltaten der Goten mit Feuer und Schwert erleiden mussten und die Kontrolle der Wälder mit den Gehöften und der Flüsse und Brücken verloren ging, ist es besser, meine Segel den unberechenbaren Gezeiten anzuvertrauen.

Kann man das tatsächlich glauben? Wenn es etwas gab, auf das die Römer immer stolz gewesen sind, dann waren es ihre Straßen. Diese Straßen hatten natürlich einen militärischen Zweck, aber jeder konnte sie nutzen. Ein Römisches Reich ohne Straßen ist nicht das Römische Reich, es ist etwas ganz anderes. Denken Sie etwa an Los Angeles ohne seine Autobahnen. Namatianus erzählte auch von verschlammten Häfen, verlassenen Städten und einer Ruinenlandschaft, die er wahrnahm, als er sich entlang der italienischen Küste nach Norden bewegte.

Doch auch wenn Namatianus sah was los war, konnte er trotzdem nicht verstehen, warum. Er konnte es nur als vorübergehenden Rückschlag interpretieren. Rom hat schwere Zeiten erlebt, dachte er, aber die Römer haben immer über ihre Feinde gesiegt. Es war schon immer so und es wird immer so sein; Rom wird wieder mächtig und reich. Namatianus ist in seinen Anschuldigungen nicht direkt, aber es erscheint klar, dass er die Situation als ein Ergebnis der Römer selbst ansieht, die ihre alten Tugenden verloren haben. Ihm zufolge waren an allem diese Christen schuld, diese verderbliche Sekte. Es würde genügen, zu den alten Gebräuchen und den alten Göttern zurückzukehren, und alles wäre wieder gut.

Das fällt sogar noch gruseliger als der Bericht über die verfallenen Städte und Befestigungen. Wie konnte Namatianus so kurzsichtig sein? Wie kann es sein, dass er nicht sah, dass der Fall Roms viel mehr war als der Verlust der patriarchalischen Tugenden der Antike?

Und doch war es nicht nur sein Problem. Die Römer insgesamt haben nie wirklich verstanden, was mit ihrem Imperium geschah, außer in Bezug auf militärische Rückschläge, die sie immer als vorübergehend betrachteten. Sie schienen immer zu glauben, dass diese Rückschläge durch die Vergrößerung der Armee und den Bau weiterer Befestigungen behoben werden könnten.

Und sie gerieten in eine tödliche Spirale, in der das Imperium umso ärmer wurde, je mehr Ressourcen sie für Armeen und Befestigungen ausgaben. Und je ärmer das Imperium wurde, desto schwieriger war es zusammenzuhalten. Irgendwann in der Mitte des 5. Jahrhunderts gab es in Ravenna sicherlich noch Menschen, die sich als „römische Kaiser“ ausgaben, aber niemand achtete mehr großartig auf sie.

Namatianus gibt uns also einen wertvollen Einblick in das Leben eines Zusammenbruchs „von innen“. Die meisten Leute sehen es einfach nicht – wie ein Fisch der das Wasser nicht erkennen kann. Und dann denke man an unsere Zeit. Erkennen Sie die Probleme?

Das „De Reditu“ ist unvollständig zu uns gekommen und wir wissen nicht, was der Abschluss der Seereise von Namatianus war. Sicherlich muss er irgendwo angekommen sein, weil er seinen Bericht vervollständigen konnte. Höchstwahrscheinlich erreichte er seine Ländereien in Gallia und lebte dort bis ins hohe Alter. Wir können uns aber auch ein schwierigeres Schicksal für ihn vorstellen, wenn wir uns auf ein Zeitdokument beziehen, das „Eucharisticos“, das von Paulinus von Pella, einem anderen reichen römischen Patrizier, geschrieben wurde. Paulinus kämpfte hart dafür, seine großen Ländereien in Frankreich zu erhalten, trotz der Invasion der Barbaren und des Zusammenbruchs der Gesellschaft. Er stellte jedoch fest, dass Landtitel von geringem Wert sind, wenn es keine Regierung gibt, die sie durchsetzen kann. Im Alter musste er sich auf einem kleinen Anwesen in Marseille zur Ruhe setzen und berichtete, dass er zumindest froh war, überlebt zu haben. Vielleicht passierte etwas Ähnliches auch mit Namatianus. Selbst diejenigen, die den Zusammenbruch nicht verstehen, sind dazu verurteilt, ihn zu leben.

(Eigene Übersetzung eines Blogbeitrages des italienischen Chemie-Professors Ugo Bardi)

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