Wer würde zusätzliches Bargeld wieder ausgeben?

(eigene Übersetzung eines schon älteren aber in der momentanen Diskussion um den möglichen Einsatz von Helicopter Money durch die EZB sehr aktuellen Artikels von Atif Mian und Amir Sufi – House of Debt, weitere Hintergrundinfos siehe auch hier)

Stellen Sie sich vor, wir würden auf jeden Haushalt eines Landes Bargeld herabregnen lassen. Wer würde dieses Geld ausgeben, wer würde es eher sparen?

Durchschnittliche marginale Konsumneigung nach Perzentilen der Kassenhaltung

Die Antwort auf diese Frage spielt eine große Rolle angesichts der wachsenden Ungleichheit vor der großen Finanzkrise 2007. Ebenso kommt dieser Problematik eine wichtige Bedeutung zu, wenn sich die Wirtschaft eines Landes in einer schweren Krise aufgrund fehlender Nachfrage befindet und sich in freiem Fall auf die Nullgrenze der nominalen Zinsen (Zero Lower Bound) hin bewegt.

Würden aber nun alle Haushalte auf einen solchen Geldsegen gleich reagieren, dann wäre die Verteilung von Einkommen oder Vermögen ohne große Bedeutung für eine zyklische Konjunkturpolitik.

In einem früheren Post argumentierten Mina und Sufi dagegen schon einmal, dass Haushalte mit niedrigeren Einkommen/Vermögen eine viel höhere Neigung haben, einen solchen zusätzlichen Geldregen wieder auszugeben.

Eine weitere Studie von Jappelli und Pistaferri (2013) unterstützt diese Aussage. Sie verwendeten die Antworten auf eine Umfrage von 2010 in Italien, in der die Verbraucher gefragt wurden, wie viel von einem unerwarteten Geldsegen sie verbrauchen würden. Das erste bemerkenswerte Ergebnis war, dass im Durchschnitt 48 % der Befragten dazu neigen würden, einen solchen Geld-„Schock“ gleich wieder für den Konsum auszugeben.

Noch interessanter fanden die Autoren die Tatsache, dass die marginale Konsumneigung (MPC) bei Haushalten mit einem niedrigeren „Kassenbestand“ viel größer war als bei Haushalten mit mehr „Cash in der Hand“. Als Kassenbestand oder „Cash on hand/in der Hand“ bezeichneten die Autoren das verfügbare Haushalts- einkommen plus finanzielle Vermögenswerte abzüglich Schulden. Salopp gesagt bedeutet das nichts anderes, als das Haushalte mit hohem „Kassenbestand“ eher reich und solche mit niedrigem „Cash on hand“ eher arm sind.

Für die ärmsten Haushalte betrug die marginale Konsumquote im Durchschnitt fast 70%, für die reichsten Haushalten lag sie nur bei 35%. Diese Studie lieferte also noch mehr Nachweise, dass Haushalte mit niedrigeren Einkommen/Vermögen einen viel größeren Anteil des zusätzlichen Geldes konsumieren würden.

So kamen die Autoren zu folgenden Schlussfolgerungen für die Politik:


„Die Ergebnisse zeigten einige wichtige Implikationen für die Beurteilung von Finanzpolitik und für die Vorhersage, wie Haushalte auf Steuerreformen und Änderungen bei der Umverteilungspolitik reagieren würden.

Insbesondere sind wir der Ansicht, dass eine kreditfinanzierte Erhöhung der Transfers an das unterste Dezil mit der niedrigsten Kassenhaltung um ein Prozent des verfügbaren Volkseinkommens den Gesamtverbrauch um 0,82 Prozent steigern würde.

Außerdem stellten wir weiter fest, dass die Umverteilung von 1% des verfügbaren Einkommens vom obersten zum untersten Dezil der Einkommensverteilung den Gesamtkonsum um 0,33 % erhöhen würde.“

Angesichts der schweren Wirtschaftskrise sind Mian und Sufi daher der Ansicht, dass ein allgemeiner Schuldenerlass, der wie ein Transfer von den Haushalten mit höheren Einkommen, die eher Kapital im Finanzsektor besitzen, zu den Haushalten mit geringem Einkommen, die im Verhältnis zu Vermögen oder Einkommen eher mehr Schulden haben, die bessere Politik wäre.

Aber das Grundprinzip ist das gleiche:

Bei der Gestaltung einer zyklischen Konjunkturpolitik kommt es vor allem auf die richtige Lösung der Verteilungsfrage an.

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