Gesamtwirtschaftliche vs. industrielle Lohnstückkosten

In der deutschen Industrie stiegen die Lohnstückkosten im Jahr 2013 um mehr als 3 Prozent. Sie lagen damit um 12 Prozent höher als im Vorkrisenjahr 2007.

In langfristiger Betrachtung zeigt sich, dass sich die Lohnstückkosten hierzulande ungünstiger entwickelten als im Ausland: Im Zeitraum 1991 bis 2013 stiegen sie in Deutschland um insgesamt 12 Prozent, während sie im Ausland sowohl in nationaler Währung als auch auf Euro-Basis leicht nachgaben. Der Blick auf die Lohnstückkosten liefert somit keine Belege für ein Lohndumping in Deutschland.

Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW): Produktivität und Lohnstückkosten der Industrie im internationalen Vergleich

Labor productivity and unit labor costs 1998-2008, selected Eurozone countries

So oder ähnlich lauten die überwiegend aus dem Arbeitgeberlager vorgebrachten Argumente, wenn es mal wieder um die hohen Überschüsse des deutschen Außenhandels und den Vorwurf geht, diese wären vor allem durch Lohn- und Kostendumping der deutschen Wirtschaft erkauft.

Man verweist dann wie das Institut der deutschen Wirtschaft oben gern auf den Vergleich der Lohnstückkosten der Industrie, um damit zu belegen, dass es mit der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen (Gesamt-)Wirtschaft gar nicht so weit her sei.

Doch was ist eigentlich dran an dieser Argumentation?

In diesem Artikel bezeichnet die Ökonomin Friederike Spicker diese Ansicht als „grundlegend falsch“. Sie argumentiert damit, dass ein Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Staaten „immer gesamtwirtschaftlich vorgenommen werden [muss], nie nur branchenbezogen“.

Denn in die Produktion des Exportsektors würden die Kosten der anderen Sektoren natürlich auch mit einfließen. Dies sei z. B. schon allein daran zu erkennen, dass der Lohnkostenanteil an den gesamten Kosten der Fabrikation der Ausfuhrgüter geringer sei als etwa im Dienstleistungssektor. Dafür entscheidend sind demnach vor allem die im Inland gefertigten und absolvierten Vorleistungen, und nicht nur die importierten Rohstoffe.

Dies finde auf ganz verschiedenen Ebenen statt, durch die die Vorleistungen und das damit verbundene Lohndumping Eingang in die Preisfeststellung der Exportgüter erlangten:

-schlecht bezahlte private Dienstleistungen durch Zeitarbeits- und neuerdings auch Werksverträge (beispielsweise für Putzfrauen, Kantinenbeschäftigte oder den Werksschutz);

-oder niedrige Löhne im Bereich der öffentlichen Infrastruktur wie Schienen- und Straßenbau, aber auch schlecht bezahltes Sicherheits- und Abfertigungspersonal auf Flughäfen und Bahnhöfen (schließlich wird gerade auch der Export hauptsächlich über die mit öffentlichen Mitteln errichtete Infrastruktur abgewickelt);

-oder um im Vergleich zur Industrie geringer bezahlte Beschäftigte von Bund, Ländern und Gemeinden, deren vielfältige Dienstleistungen dementsprechend zu wenig in die Endpreise der Exportgüter mit einfließen.

Es sei daher klar ersichtlich, dass „durch das auf der Ebene der Vorleistungen betriebene Lohndumping [] die Kosten der Exportgüter künstlich niedrig gehalten und so die Konkurrenz im Ausland in die Enge getrieben [werden]…“, es werden also trotz höherer Gehälter in der Industrie Marktanteile gegenüber dem Ausland gewonnen und damit auch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Exportbranche gesichert.

Weiterhin ist bei der Betrachtung auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene zu beachten, dass die Lohnstückkosten den zentralen Kostenfaktor aller Produkte darstellen.

Demnach geht die Bedeutung der Lohnstückkosten weit über die der einzelwirtschaftlichen Kapitalkosten hinaus, da der größte Teil des produktiven “Kapitalstocks”, also z. B. Maschinen, Fabrikhallen, aber auch Büros und andere Produktionsstätten hauptsächlich unter dem Einsatz von Lohnarbeit errichtet worden sind. Dies gilt ebenso für die Investitionsgüter, mit deren Hilfe wiederum dieses Sachkapital ursprünglich hergestellt wurde.

Außer dem eher geringen Anteil importierter Vorleistungen sind demnach alle Produktionsmittel Endprodukte anderer Unternehmen, die diese unter dem Einsatz von Arbeit herstellen ließen. Daher stecken in sämtlichen Produkten (auch den inländischen Vorleistungen) ganze Lohnhistorien, von der Planung bis zur Endkonstruktion.

Zusammengefasst handelt es sich bei den gesamtwirtschaftlichen Kosten daher immer um Lohnkosten (plus der Kosten für importierte Vorleistungen), also auch um Lohnstückkosten.

Nicht zu vergessen ist außerdem die Tatsache, dass die Exportwelle der letzten Jahre neben den traditionellen Ausfuhrbranchen Automobil-Industrie, Maschinenbau, chemische Industrie und Elektrotechnik auch immer stärker den Dienstleistungsbereich erfasst hat.

So hat sich der Dienstleistungsexport seit 2003 verdoppelt und erreicht inzwischen nahezu 40 % der deutschen Ausfuhren.

Innerhalb weltweiter Wertschöpfungsketten wächst die Bedeutung von Dienstleistungen…
Kommerzielle Dienstleistungen werden häufig von deutschen Industrieunternehmen, meist im Zusammenhang mit Warenlieferungen – etwa bei der Projektierung oder der Inbetriebnahme von Anlagen – exportiert.

Ferner hat auch in der Industrie die Anzahl der Leiharbeiter und Werkvertragskräfte seit Jahren erheblich zugenommen. Nach einer Studie der IG Metall war Ende 2013 jeder dritte Metaller Leiharbeiter, diese beträfe mehr als eine Millionen Menschen und damit fast ein Drittel der in diesem Bereich Beschäftigten.

Für unsere Analyse sind diese Zahlen insofern von Bedeutung, weil die Verleihfirmen und damit die eigentlichen „Arbeitgeber“ dieser Arbeitnehmer hauptsächlich im Dienstleistungsbereich angesiedelt sind und daher nicht als zum Industriesektor gehörend eingestuft werden können.

Ich halte es daher für grob vereinfachend und irreführend, für die Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportindustrie nur die Lohnstückkosten des Industriesektors heranziehen zu wollen. Wie oben gezeigt, spielen auch Vorleistungen anderer Sektoren und Dienstleistungen aller Art eine wichtige Rolle.

Auch sie müssen daher in angemessener Form bei der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung und Diskussion der Auswirkungen der deutschen Exportüberschüsse Berücksichtigung finden. Dies ist nur dann adäquat möglich, wenn man beim Vergleich der internationalen Konkurrenz zwischen Nationen die Lohnstückkosten der gesamten Wirtschaft heranzieht.

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