Doch, es gibt tatsächlich so etwas wie ein „Free Lunch“

Während der laufenden Kampagne zur Präsidentschaftswahl in den USA haben eine Reihe von aussichtsreichen Kandidaten ihre Standpunkte zu den monetären Kosten von verschiedenen staatlichen Programmen dargelegt.

Portrait of Milton Friedman
Portrait von Milton Friedman,
der den Ausspruch „There is no such thing as a free lunch“ populär machte

Einige haben dies im Rahmen einer Vorstellung der möglichen Finanzierung ihrer eigenen Ideen getan, während andere diese Gelegenheit dazu genutzt haben zu behaupten, dass noch nicht einmal die heute bereits vorhandenen Programme bezahlbar seien.

In beiden Fällen verfehlen sie jedoch einen wesentlichen Punkt: auf nationaler Ebene ist nicht das Geld das Problem, sondern die Ressourcen. Sobald dies aber deutlich wird, ist es ebenso offensichtlich, dass wir uns nicht nur alles „leisten“ können, was wir gegenwärtig haben, sondern auch noch mehr tun können. Es gibt tatsächlich so etwas wie ein „Free Lunch“, wenn wir über ungenutzte Ressourcen verfügen und die Menge des Geldes, welches wir besitzen, hat absolut keine Bedeutung dabei.

Für den Einzelnen ist es äußerst wichtig, über Geld zu verfügen, da es einen Anspruch auf vorhandene Ressourcen darstellt. Je mehr Geld man hat, desto mehr kann man damit für sich beanspruchen. Es ist in etwa vergleichbar mit einem Gewinn-Los: wenn man drei Gewinnscheine besitzt, erhält man drei Preise; hat man keine, bekommt man auch nichts.

Für die Organisatoren sind die Tickets jedoch mit einem Nachsatz versehen. Der Umfang ihrer Veranstaltung wird nur durch die Anzahl der zur Verfügung stehenden Preise begrenzt, und nicht durch die Zahl der bestehenden Ansprüche. Sie würden daher niemals sagen: „Wir können uns die Ausrichtung des Gewinnspiels in diesem Jahr nicht leisten, weil wir nicht genügend Gewinn-Lose haben!“

Doch das ist genau das, was viele Präsidentschaftskandidaten behaupten. Wenn jemand sagt: „Wir können uns die Finanzierung der sozialen Absicherung nicht mehr leisten,“ so meint er damit, dass wir nicht über ausreichend Gewinnscheine verfügen, um sie den Senioren aushändigen zu können.

Okay, dann drucken wir halt ein paar mehr. Wenn dies das einzige Problem ist, dann lässt es sich recht trivial lösen (ungeachtet der Politik). Auf der anderen Seite, wenn wir nicht die Fähigkeit besitzen, ausreichend Güter und Dienstleistungen sowohl für die Arbeiter als auch die Rentner zu produzieren, dann bekommen wir dagegen ein echtes Problem.

Unsere Fähigkeit eine Sozialversicherung zu gewährleisten, hängt allein von unserer Produktivität ab und nicht davon, wie viel Geld wir haben. Wenn das letztere ein Problem wird, kann es über Nacht gelöst werden; ersteres dagegen eher nicht (für eine längere Erklärung dieser Fragen im Zusammenhang mit der sozialen Sicherheit siehe: Warum soziale Absicherung nicht in Konkurs gehen kann).

Zusammenfassend ist es ganz natürlich und logisch, sich auf das Geld als verpflichtende Beschränkung auf der individuellen Ebene zu konzentrieren, aber es unlogisch, es auch als solche auf der Makroebene zu sehen.

Eine andere Einschränkung existiert allerdings (nämlich die der Ressourcen), und so ist es daher immer noch möglich, dass ein Kandidat den richtigen Bezug auf unsere Fähigkeit oder Unfähigkeit, ein bestimmtes Programm zu erhalten, herstellen kann. Die Einzelheiten könnten natürlich unterschiedlich sein, aber als allgemeine Regel kann man folgendes dazu sagen:

1. Wenn die Wirtschaft vollbeschäftigt ist, dann können wir uns neue Aktivitäten (entweder im privaten oder öffentlichen Sektor) tatsächlich nicht ohne Abzüge in unserem bisherigen Handeln leisten. Es gibt dann kein „Free Lunch“.

2. Wenn aber die Volkswirtschaft nicht voll ausgelastet ist und Arbeitslosigkeit herrscht, dann ist es durchaus möglich, neue Aktivitäten (entweder im privaten oder öffentlichen Sektor) ohne Einsparungen an anderer Stelle zu starten. Es gibt dann tatsächlich so etwas wie ein „Free Lunch“.

Während des Zweiten Weltkrieges sank die US-Arbeitslosenquote auf einen historisch niedrigen Stand von 1,9%, so nahe an der Vollbeschäftigung, wie es realistischerweise überhaupt wohl erreichbar sein könnte. Unter diesen Umständen war es daher tatsächlich unmöglich, mehr in einem Bereich zu investieren ohne an anderer Stelle weniger zu tun.

Doch im Jahr 2010 hatten die Vereinigten Staaten fast 15 Millionen Amerikaner, die unfreiwillig arbeitslos waren (das entsprach einer Gesamtrate von 9,6%). Die Kapazitätsauslastung der Industrie betrug im selben Jahr nur 74%. Es gab jede Menge „Free Lunches“ zu haben.

Weil aber die Menschen (darunter auch die Politiker) irrtümlich Geld auch als eine verbindliche Einschränkung auf der Makroebene betrachten, sind es genau die Situationen wie 2010, in denen sie denken, „das können wir uns nicht leisten.“

Sie interpretieren den durch das niedrige Niveau der gesamtwirtschaftlichen Aktivität verursachten Umsatzrückgang in der gleichen Weise wie einen Abschwung in ihren persönlichen Finanzen. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall! In Wirklichkeit verschafft die hohe Arbeitslosigkeit „Free Lunches“ in Hülle und Fülle, und zwar genau dann, wenn wir sie auch tatsächlich benötigen. Wir können, sollten und müssen daher unter diesen Umständen mehr anstatt weniger tun.

Die neuesten Arbeitslosenzahlen lassen vermuten, dass fast acht Millionen Amerikaner ohne Arbeit sind (5% der Erwerbstätigen). Fügen wir noch die Unterbeschäftigung und die entmutigten Arbeitnehmer hinzu, liegt diese wesentlich höher (fast 10% der Belegschaft). Die Situation in Europa ist noch viel schlimmer.

Logischerweise sollte dies uns sagen, dass die Regierungen enorme Spielräume besitzen, um Programme aufzulegen, mit denen sie diese Individuen wieder in Arbeit bringen und gleichzeitig den privaten Sektor stimulieren und so Umsatz und Gewinn wiederherstellen könnten.

Doch da dieser Sachverhalt so nicht verstanden wird, bringt der weltweite Wirtschafts- einbruch die Regierungen dazu, ihre ökonomischen Aktivitäten zu reduzieren anstatt sie auszuweiten (auch bekannt als Austerität). Sie glauben einfach nicht, dass sie genügend Gewinn-Lose besitzen, um das zu tun, was wirklich gemacht werden müsste. Dies ist aber völlig unlogisch und hat katastrophale wirtschaftliche, soziale und politische Folgen.

Es gibt viele „Free Lunches“ zu haben, aber wir lassen die Menschen hungern. Es existiert keine Rechtfertigung dafür. Überhaupt gar keine.

(eigene Übersetzung eines Blogbeitrages des in England geborenen amerikanischen Ökonomen John T. Harvey)

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