Schalke 04: Ein Sieg der besseren Taktik

Es gibt spannende und dramatische Spiele einerseits und von Taktik geprägte Begegnungen andererseits. Je nach Standpunkt war das Gastspiel von Borussia Mönchengladbach am letzten Freitag in Gelsenkirchen beides.

Chess board with chess set in opening position

Es werden nicht gerade wenige Gladbach-Fans gewesen sein, die wahrscheinlich auch recht laut ihrem Frust freien Lauf ließen: unattraktiver Rasenschach, Betonfussball, typisch italienischer Catenaccio, so oder so ähnlich dürften sich die Beschwerden über die Schalker Defensivtaktik angehört haben.

Nun gut, wenn man sich das 1:4 aus dem Hinspiel noch einmal ins Gedächtnis ruft, kann man sogar Verständnis für solche Ansichten haben. Schließlich hatten die Schalker damals noch unter Cheftrainer Jens Keller alles nur Mögliche getan, um den Gastgebern ein attraktives Fußballspiel zu ermöglichen:

Hoch stehende Außenverteidiger, schludrige Absicherung der eigenen Räume an den Linien, wenn eben diese Flügelspieler in der Vorwärtsbewegung den Ball verloren. Situationen, die in der Frühphase der Saison öfters vorkamen, und die den Offensivkräften der Gladbacher, allen voran dem Brasilianer Raffael sowie dem zweifachen Torschützen Andre Hahn alle Freiheiten der Welt ließen, um über Konter den eigenen Erfolg zu sichern.

Blöd nur, dass Schalkes neuer Trainer Roberto Di Matteo sehr wahrscheinlich genau diese Begegnung herausgesucht haben wird, um seiner Mannschaft die großen Defizite aufzuzeigen, die zu einigen unnötigen Niederlagen und letztlich zur Demission seines Vorgängers geführt hatten. Nicht umsonst predigte bei jeder Gelegenheit, dass man in erster Linie erst einmal an der defensiven Stabilität zu arbeiten habe, um eben Situationen wie im Hinspiel zukünftig zu vermeiden.

Nun, mit Stand Anfang Februar 2015, muss man feststellen, dass Di Matteo diese Aufgabenstellung mit einigem Erfolg gelöst hat. Eine Dreier-Innenverteidigung Höwedes-Matip-Nastasic erledigte ihren Job unaufgeregt aber höchst effizient und ließ den Gladbacher Stürmern wenig Raum zur Entfaltung ihrer besonderen Stärken, und unterband mit Hilfe der gesamten Mannschaft den berüchtigten Konterfussball Favrescher Schule nahezu völlig.

Davor beherrschte eine Fünferkette das Mittelfeld und die Halbräume vor dem Gelsenkirchener Sechzehner und zwang die Gladbacher dazu, ihr Spiel in die Breite zu verlagern und häufig auf die Flügel auszuweichen, ohne dabei den Ball tatsächlich gefährlich vor das Schalker Tor bringen zu können.

Wie so oft in letzter Zeit überließen die Blauen dem Gegner fast vollständig das runde Leder und verlegten sich auf gelegentliche Vorstöße, die aber dann mit einer massiven Vorverlagerung und frühem Pressing schon weit in der Gladbacher Hälfte einhergingen.

Der Mannschaft von Trainer Lucien Favre passten diese zwar eher seltenen, dann aber sehr effektiv geführten Angriffe auf das eigene Aufbauspiel sichtlich überhaupt nicht, und so war es auch kein Wunder, dass das 1:0 schon sehr früh genau nach einer solchen Aktion fiel.

Zentral vor dem eigenen Strafraum vertändelte der diesmal eher schwache Raffael den Ball, und Jan Kirchhoff in seinem bisher besten Spiel für Schalke setzte Kevin-Prince Boateng auf der rechten Außenbahn ein. Dessen genau getimte Flanke auf den kurzen Pfosten verwertete Tranquillo Barnetta gedankenschnell zum einzigen Treffer der Partie.

Natürlich spielte dieses frühe Tor den Schalkern nahezu optimal in die Hände, mussten doch die Gladbacher jetzt, wenn sie Punkte aus der Veltins-Arena mitnehmen wollten, noch mehr für die eigene Offensive tun. Und so sah sich die eigentlich von Favre auf schnellen Konterfussball getrimmte Mannschaft dazu gezwungen, zu ungeliebtem Ballbesitzspiel überzugehen, da sich die Blau-Weißen nun noch mehr hinter die Mittellinie zurückzogen.

Trotzdem standen nach Spielende 10:8 Torschüsse für Schalke in der Statistik zu Buche, ein klares Indiz einerseits für die Hilflosigkeit der Fohlenelf gegen den massiven Abwehrriegel der Gelsenkirchener, aber auch für die taktische Überlegenheit der Schalker, die das Konzept ihres Trainers hervorragend umsetzten und sogar noch die größte Chance auf einen zweiten Treffer durch Choupo-Moting und Prince Boateng besaßen.

Demnach lautet das Fazit aus meiner Sicht: zugegebenermaßen kein Fußball-Leckerbissen, taktisch trotzdem hochklassisch und ein verdienter Sieg für Schalke, nicht zuletzt deshalb, weil Di Matteo seinen Kontrahenten Lucien Favre systemtechnisch „Schachmatt“ setzte.

Und wer auch nur annähernd weiß, wie sehr der Schweizer Borussen-Coach normalerweise für seine taktischen Winkelzüge geschätzt wird, kann damit die Leistung der Schalker und ihres Übungsleiters richtig einordnen. Die Gelsenkirchener setzen damit ihre Erfolgsserie in der Rückrunde fort, Siege gegen Hannover und Gladbach sowie ein Punkt aus München können sich durchaus sehen lassen. Und nicht zu vergessen, dank der tatkräftigen Unterstützung der Liga bedeutet das auch vorerst Rang 3 in der Tabelle.

Also muss man wohl oder übel zugeben, dass Di Matteos Defensivtaktik weitestgehend aufgegangen ist. Er hat der Mannschaft einen neuen Anstrich verpasst, weg vom Ballbesitzspiel a la Keller mit hoch stehenden Außenverteidigern und eingebauter Konteranfälligkeit hin zu einem defensiv gefestigten System, dass dem Gegner das Leder überlässt und nur gelegentlich, dann aber sehr effektiv nach vorn aufrückt.

Solange die gegnerischen Teams dabei mitmachen und sich von der Aussicht auf mögliche Punkte dazu verleiten lassen, den Spielaufbau zu übernehmen, ist das eine durchaus akzeptable und erfolgversprechende Strategie. Worauf Di Matteo allerdings noch keine Antwort gefunden hat, zeigten der 1. FC Köln und der Hamburger SV zum Ende der Hinrunde.

Die Geißböcke ließen sich nicht aus der Reserve locken, behielten ihrerseits ihre defensive Taktik konsequent bei und setzten auf Konter. Und gegen die Hanseaten wollten sich aus den wenigen Chancen der Schalker einfach keine Tore generieren lassen.

Doch im Moment sehe ich solche Situationen noch als Ausnahmen an, in Frankfurt kann beispielsweise erwartet werden, dass die Eintracht auf eigenem Platz punkten will und daher auch bereit sein wird, dafür etwas mehr zu investieren. Und für die weitere Zukunft sehe ich auch die Möglichkeit, dass Di Matteo nach und nach vom 3-5-2 abrückt und wieder offensiver spielen lässt. Das aber wird davon abhängen, wann Spieler wie Leon Goretzka, Jefferson Farfan und Julian Draxler wieder fit sein werden. Im Moment ist das taktische System eben auch der Verletzungsmisere geschuldet.

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