Der S04 in der Länderspielpause: eine kleine Zwischenbilanz

Nach dem etwas glücklichen 1:0-Erfolg beim SC Freiburg steht der FC Schalke 04 zur erneuten Länderspielunterbrechung plötzlich auf einem Champions-League-Rang, punktgleich mit dem großen Rivalen BVB.

Badenova-Stadion innen
Innenraum des Schwarzwald-Stadions in Freiburg

Zeit also, eine Art vorläufige Überschlagsrechnung zu machen: entspricht dieser Platz wirklich schon der momentanen Stärke der Mannschaft von Domenico Tedesco? Oder ist das eher nur Glück gewesen bisher? Oder profitierten die Gelsenkirchener von den Schwächen der Rivalen?

Dass es allein am Dusel gelegen habe, lässt sich recht einfach widerlegen: nur in der letzten Begegnung im Schwarzwald kann man von einem glücklichen Schalker Sieg sprechen. Der SC Freiburg hatte insgesamt die klareren Chancen (davon 2-mal ans Aluminium), der einzige Treffer von Daniel Caligiuri resultierte aus einem abgefälschten Schussversuch.

Doch damit hat es sich eigentlich schon, denn bereits im Spiel zuvor gegen den VfL Wolfsburg hätte der S04 zwingend gewinnen müssen, wurde aber durch das Last-Minute-Tor von Divock Origi um den Lohn seiner Bemühungen gebracht.

Ähnliches passierte auch am 7. Spieltag im Duell mit der Werkstruppe aus Leverkusen, die in der zweiten Halbzeit einen ebenso abgefälschten Glücksschuss von Leon Bailey benötigte, um wenigstens einen Punkt aus der Veltins-Arena entführen zu können. Nicht zu vergessen die bisher letzte Niederlage der Blauen in Hoffenheim, als der Ukrainer Yevhen Konoplyanka diese Schlappe ganz allein hätte verhindern können (u. a. wegen seines Lattentreffers kurz nach der Pause).

Damit wären wir aber auch schon beim größten Manko der Schalker bisher: bei den wenigen erzielten Toren (14 in 11 Begegnungen) aufgrund einer zumeist recht über-schaubaren Anzahl an Offensivaktionen. Dieser eklatante Mangel an Durchschlagskraft fiel in den oben genannten Spielen besonders stark auf, begleitet die Schalker aber im Prinzip schon durch die gesamte Saison.

Will man dem Trainer glauben, so ist diese Schwäche in erster Linie die logische Folge der bisherigen Konzentration auf die größte Stärke der Blauen, die äußerst stabile Defensive. Diese Fokussierung sorgte vor allem auch dafür, dass die geringe Anzahl an eigenen Treffern kaum ins Gewicht fällt, kassiert die Mannschaft doch weniger als ein Gegentor pro Partie.

Angeführt von einem bärenstarken Naldo, der mit 35 Jahren in seinem x-ten Frühling als verlängerter Arm Tedescos nahezu unersetzlich geworden ist, erreichte sogar der eigentlich schon als Fehleinkauf abgestempelte Franzose Bemnjamin Stambouli ein neues Niveau. Von Jung-Nationalspieler Thilo Kehrer und dem leider mal wieder verletzten Matija Nastasic gar nicht zu reden. Da fiel auch nicht weiter auf, dass der spanische Neuzugang Pablo Insua bisher noch keine einzige Pflichtspielminute absolviert hat. Er wurde schlicht und einfach nicht benötigt.

Diese starke Dreierkette lässt zudem auch die Personalie Benedikt Höwedes, einen der großen Aufreger zu Beginn der Spielzeit, nahezu völlig in den Hintergrund treten. Abgesehen von der Art und Weise, wie diese Trennung damals vollzogen wurde, gibt der Erfolg dem Schalker Übungsleiter auch hier vollkommen recht.

Auf den Außenbahnen dagegen litt das Offensivspiel lange unter dem verstärkten defensiven Augenmerk. Linksverteidiger/Linksaußen Bastian Oczipka, der mir mit jeder Begegnung besser gefällt, und sein Pendant auf der anderen Seite, der Deutsch-Italiener Caligiuri waren oft nur damit beschäftigt, die Kreise ihrer direkten Gegenspieler ein-zuschränken. Erst nach und nach erweiterten sich ihre Aufgabengebiete, und vor allem der frühere Frankfurter Oczipka konnte mit präzisen Flanken und Querpässen überzeugen.

Im defensiven Mittelfeld erstaunt wohl am meisten die Entwicklung von Max Meyer, der von einem nicht ins System passenden 10er zu einem Aufbauspieler mutiert ist, dem die taktische Eröffnung im Raum vor ihm offensichtlich zu behagen scheint. Dafür musste dann der manchmal an einen Bruder Leichtfuß erinnernde Algerier Nabil Bentaleb weichen, zudem Domenico Tedesco sowieso eher verlässliche „Malocher“ des Typs Weston McKennie bevorzugt.

Es wird interessant sein zu beobachten, wie der Schalker Übungsleiter demnächst den „Mix“ im Mittelfeld zusammenstellen will, und ob es weiterhin ein Dreieck um den Sechser Meyer und Leon Goretzka als Antreiber geben wird. Auffallend ist zudem die zunehmende taktische Flexibilität, mit der die Blauen gerade in diesem Mannschafts-teil agieren. Ob Pressing oder Ballbesitzspiel, die Weichen für die gesamte Ausrichtung werden hier gestellt, nicht umsonst gehören die Mittelfeldakteure immer wieder zu den laufstärksten Spielern auf dem Platz.

Ein wenig Stückwerk blieb dagegen bisher die Offensive. Auch wenn die Stürmer zumeist ihre Aufgabe als erste „Verteidiger“ durchaus gut erfüllen (gerade Franco Di Santo scheint da das Vertrauen des Trainers zu haben), mangelt es doch erheblich an Torgefahr vor des Gegners Kasten. An diesem Punkt zumindest kann der S04 gegenüber den anderen Mannschaften an der Tabellenspitze noch nicht wirklich mithalten.

Vor allem Konoplyanka, in den ersten Spielen noch besonders treffsicher, tat sich da zuletzt als Chancentod hervor, doch auch Goalgetter Guido Burgstaller hinkt seinen Leistungen aus der letzten Saison momentan deutlich hinterher. Der Marokkaner Amine Harit glänzte dagegen als Techniker und Vorlagengeber, auf seinen ersten Bundesliga-treffer wartet er allerdings immer noch. Nur langsam in Fahrt kam bisher der lang-zeitverletzte Breel Embolo, zuletzt in Freiburg aber immerhin mit deutlich ansteigender Formkurve.

Ich bin wirklich gespannt, wie es mit den Schalkern in den nächsten Wochen weitergeht, vor allem, da ja in vierzehn Tagen das Derby beim BVB ansteht. Da treffen dann zwei völlig unterschiedliche Spielkonzepte aufeinander; während der Holländer Peter Bosz gemeinhin eher für eine offensive Ausrichtung steht, hat Domenico Tedesco den Schalkern vor allem defensive Stabilität beigebracht. Ein wenig richtungsweisend dürfte diese Partie vor allem schon allein deshalb werden, weil damit zwei direkte Konkurrenten um die Europacup-Plätze ihre Klingen kreuzen. Für den S04 wäre es auch der Härtetest bei der Beurteilung, ob Rang vier tatsächlich schon seiner Leitungsfähigkeit entspricht.

Mal schauen…

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