Das irre Derby: der FC Schalke 04 besteht den ultimativen Charakter-Test

Wahnsinn, Irrsinn, total gaga, fantastisch, beispiellos: alles Worte, die nicht mal ansatzweise wiedergeben können, was da am Samstag beim 4:4 im Ruhrpott-Derby abgegangen ist.

Dortmund morning glory
„Königsblauer“ Himmel über dem Signal Iduna Park in Dortmund

Ganz ehrlich: nach 25 Minuten war ich einfach nur fassungslos und konnte und wollte nicht begreifen, was da über meine Schalker hinweggerauscht ist. Alles hätte ich erwartet, nur nicht ein solches Dortmunder Feuerwerk, jeder Schuss gleich ein Treffer.

Da konnte mich auch nur wenig trösten, dass beim ersten Tor die Hand im Spiel war, das zweite ein eigener Spieler verursachte und beim dritten Schiedsrichter Deniz Aytekin dem BVB mit einem Rempler gegen Yevhen Konoplyanka den nötigen Platz frei machte. Und auch Treffer Nummer vier nach einem Pressschlag eher zufällig zustande kam.

Was zählt das noch, wenn man 0:4 zurückliegt, und das ausgerechnet im Derby beim Dortmunder Erzrivalen. Doch trotz der riesigen Enttäuschung gab es früh erste Signale, dass Trainer Domenico Tedesco weder sich noch der Mannschaft ein Aufgeben gestatten wollte. Nach einer knappen halben Stunde kamen Leon Goretzka und Amine Harit für den rot-gefährdeten Weston McKennie und den bis dahin völlig unsichtbaren Franco Di Santo.

Ein Doppelwechsel, der die Wogen im Schalker Spiel ein wenig glättete und ein Zeichen setzen sollte. Hier und heute würde sich eine Elf mit dem S04-Logo auf der Brust nicht so einfach in ihr Schicksal ergeben, wie es ja in den letzten Jahren auch bei geringeren Rückständen viel zu oft vorgekommen war. Zum Pausentee blieb mit Thilo Kehrer zudem ein weiterer vom Spielausschluss bedrohter Akteur draußen, Matija Nastasic übernahm seinen Part unaufgeregt aber umso effektiver.

Nach knapp zehn Minuten in Halbzeit Zwei wurde dann immer deutlicher, wer nun das Heft in die Hand nehmen wollte. Und als Guido Burgstaller der Anschlusstreffer gelang, begann für jeden sichtbar die Dortmunder Selbstsicherheit stark zu bröckeln. Gefühlt nur einen Wimpernschlag später netzte der wie aufgedreht spielende Harit zum zweiten Mal fulminant hinter Weidenfeller ein.

Spätestens jetzt ging im Signal Iduna Park die nackte Angst um. All die Zweifel aus den letzten erfolglosen Auftritten der Schwarz-Gelben ließen ihnen offenbar die Beine schwer werden. Auch BVB-Coach Peter Bosz trug mit der Auswechselung von Yarmolenko (für ihn kam mit Bartra ein rein defensiver Spieler) nicht gerade dazu bei, den Glauben an die eigene Stärke festzuhalten. Als Aubameyang kurz darauf vom Platz musste, stand Dortmund plötzlich ohne Stürmer da.

Ganz stark bespielte der S04 den BVB nun wie eine Handball-Mannschaft am gegnerischen Kreis, Entlastungsangriffe wurden jetzt überhaupt nicht mehr zugelassen und selbst der zwischenzeitliche Verletzungsausfall von Amine Harit nach einem üblen Tritt des gerade auf den Platz gekommenen Gonzalo Castro konnte die Blau-Weißen dabei nicht beirren.

Und dann kam die Minute des Daniel Caligiuri! Mit einem feinen Soli durchtanzte er fast die gesamte Dortmunder Abwehr und setzte schließlich das Leder gezielt ins linke obere Eck des BVB-Kastens. Ein Fall für das Tor des Monats und das Einläuten einer beispiel-losen Schalker Schlussoffensive, der die Mannen von Peter Bosz nur noch wenig entgegenzusetzen hatten.

Der wuchtige Kopfball von Naldo in der Nachspielzeit mitten in das Herz jedes Borussen ist inzwischen schon Legende auf Schalke. Er war die gerechte Belohnung für eine Mannschaft, die entgegen aller Erwartungen nie aufgegeben und echten Teamspirit und Zusammenhalt gezeigt hatte. Vor allem aber ließ sie ihren Übungsleiter nicht im Regen stehen, der zu Beginn des Spiels möglicherweise eine zu aggressive Taktik wählte und so seine Jungs in den überraschenden Offensivwirbel der Dortmunder schickte.

Der wiederum reagierte mutig und zeitnah nach einem klaren Konzept, stellte mit Goretzka und Harit schon nach einer halben Stunde das fehlende Gleichgewicht im zentralen Mittelfeld wieder her und motivierte seine Spieler dazu, in keiner Minute nachzulassen. Diese Aufholjagd war das beeindruckende Zeugnis einer verschworenen Gemeinschaft, zu der Trainerteam und der gesamte Kader inzwischen zusammen-gewachsen sind.

Daher geht die Bedeutung dieses Derbys für die Knappen auch weit über den einen gewonnenen Punkt hinaus. Denn ab jetzt wissen sie ganz genau, dass alles möglich sein kann. Bei jedem Rückstand, bei jedem Hauch von Aufgeben wollen steht die gemeinsame Erfahrung aus dieser Begegnung dem entgegen und tatsächlich nur der Wille und Charakter entscheiden über Sieg und Niederlage. Und genau diesen Charaktertest hat der FC Schalke 04 am vergangenen Samstag mit Bravour bestanden.

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