Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen (aber ich fühle mich gut)

Wie geht es dir? Nun, ich hoffe trotz allem gut. Und wenn ja, dann bist du genau wie all die Freunde und Kollegen, die mir zu Ostern Nachrichten geschickt haben, alle behaupten, es geht ihnen trotz allem noch gut.

Bombshelter atom
Ein Atomschutzbunker als Synonym für den Weltuntergang?

Der Widerspruch hier ist es wert, untersucht zu werden: Mir geht’s gut, dir geht’s gut, ihnen geht’s gut, aber das hier [hält inne, um vage auf das Universum zu deuten] ist eine Katastrophe.

Vielleicht liegt es daran, dass meine Freunde alle glückliche Menschen sind, geschützt vor dem Elend der Realität, und vielleicht setzen sie ihrem geheimen Leiden ein mutiges Gesicht auf. Aber es kann auch sein, dass es eine merkwürdige Diskrepanz zwischen unserer Zufriedenheit mit unserem eigenen Leben und unserer Verzweiflung über das Leben anderer gibt.

Es wäre nützlich, systematischere Daten zu diesem Missverhältnis zu haben, und vor einem Jahrzehnt sammelten die Meinungsforscher Ipsos MORI einige davon. Sie fragten Menschen in 40 Ländern, wie viele ihrer Mitbürger sagen würden, sie seien „ziemlich glücklich“ oder „sehr glücklich“, und verglichen diese Vermutungen dann mit der Realität, wie sie von der World Values Survey gemessen wird.

Der Unterschied war deutlich. Die meisten Menschen sagten Ipsos MORI, sie seien besorgt um das Wohlergehen ihrer Landsleute, und doch waren die meisten Menschen, die an der World Values Survey teilnahmen, ziemlich optimistisch, was ihr eigenes Glück anging.

In den USA sagten 90 Prozent der Menschen, sie seien „ziemlich glücklich“ oder „sehr glücklich“, schätzten aber, dass weniger als die Hälfte ihrer Landsleute genauso empfand. Die Situation war im Vereinigten Königreich ähnlich. In Südkorea gaben erneut 90 Prozent der Menschen an, glücklich zu sein – aber diese nahezu universelle gute Laune hielt die Koreaner nicht davon ab, das Glück anderer Koreaner auf 24 Prozent zu schätzen.

Kanada und Norwegen waren in den Ipsos MORI-Daten am optimistischsten hinsichtlich des Glücks anderer Menschen und glaubten, dass 60 Prozent ihrer Mitbürger zumindest „ziemlich glücklich“ seien.

Aber diese fröhlichen Vermutungen waren nicht nur niedriger als die Realität in Kanada und Norwegen, sie waren auch pessimistischer als das Land mit der düstersten tatsächlichen Einstellung, nämlich Ungarn, wo 69 Prozent der Menschen angaben, eher oder sehr glücklich zu sein. Diese Kluft zwischen unserem individuellen Optimismus und unserer Missmut gegenüber anderen ist in der Tat sehr groß.

Leider hat Ipsos MORI diese jahrzehntealte Übung nicht wiederholt, aber in einem kürzlich erschie-nenen Essay hat Hannah Ritchie, Autorin von Not the End of the World, zahlreiche Beispiele dieser individuellen Zufriedenheit im Gegensatz zu Pessimismus gegenüber anderen zusammengestellt.

Zum Beispiel hat die Federal Reserve in den USA seit etwa einem Jahrzehnt die Menschen zu ihren eigenen Finanzen, ihrer Sicht auf die lokale Wirtschaft und ihrer Sicht auf die nationale Wirtschaft befragt. Jahr für Jahr waren die Menschen viel positiver gegenüber ihrer eigenen Finanzen als ihrer lokalen Wirtschaft und viel positiver gegenüber ihrer lokalen Wirtschaft als dem Land insgesamt.

International waren Einwohner fast aller befragten Nationen eher bereit, Meinungsforschern zu sagen, dass 2025 „ein schlechtes Jahr für mein Land“ war, als „es war ein schlechtes Jahr für mich und meine Familie“. (Ausnahmen waren Singapur und Indien.) Mehr als 75 Prozent der Briten sagten, es sei ein schlechtes Jahr für Großbritannien gewesen, aber weniger als 45 Prozent der Briten hielten es für ein schlechtes Jahr für ihre eigene Familie.

Ebenso für die Zukunft: „58 Prozent der Briten sind optimistisch, dass 2026 ein besseres Jahr für sie wird“, erklärt Ritchie, „aber nur 32 Prozent glauben, dass die Briten insgesamt zunehmend optimis-tischer in Bezug auf die langfristige Zukunft des Landes sein werden.“

Ich nehme an, es ist logisch möglich, dass Großbritannien ein schlechtes Jahr hat, während die meisten Briten ein gutes haben, aber es scheint wahrscheinlicher, dass der Widerspruch auf eine Art Fehler in unserer Denkweise zurückzuführen ist.

Menschen konzentrieren sich auf unterschiedliche Themen, wenn sie bewerten, wie die Dinge laufen. Ende 2024 sagten 32 Prozent der britischen Befragten Meinungsforschern, dass Einwanderung eines der wichtigsten Themen für das Land sei, aber nur 4 Prozent sagten, es sei ein persönliches Thema für sie.

Es ist bemerkenswert, dass diese Lücken so groß und so konsistent über Themen hinweg sind. Warum gibt es sie also und spielt das eine Rolle? Die plausibelste Erklärung ist unsere Informationsdiät. Wir können uns selektiv an unsere eigene Erfahrung erinnern oder interpretieren, aber wir beginnen zumindest von einer (engen) Wahrheit aus.

Nimm Kriminalität. Die Crime Survey of England and Wales zeigt, dass die Kriminalität seit Jahrzehnten zurückgeht. Für das, was es wert ist: Meine eigenen Erfahrungen als Opfer von Einbruch, Diebstahl und Brandstiftung erzählen dieselbe Geschichte – sie alle liegen mehr als 25 Jahre zurück.

Doch irgendwie, wenn ich die Abendnachrichten einschalte, begehen immer noch Menschen irgend-welche Verbrechen. Die Kriminalitätsrate mag zwar sinken, aber irgendwo gibt es immer ein berichtenswertes Verbrechen. Soziale Medien helfen wahrscheinlich auch nicht. Daher die seltsame Diskussion über X von Leuten (oder Bots), die noch nie in London waren, dass London eine dystopische Höllenlandschaft sei.

Abgesehen vom Thema Kriminalität erhalten wir unsere Informationen über die Nation und die weitere Welt zwangsläufig durch irgendeine Art von Medien, die immer das Dramatische und das Kontroverse in den Vordergrund stellen. Informationen über unser eigenes Leben sind weitgehend unvermittelt.

Es gibt auch die Frage der Kontrolle. Der Ökonom Johannes Spinnewijn untersuchte einst die Über-zeugungen und das Verhalten von Arbeitssuchenden und stellte fest, dass sie im Allgemeinen zu optimistisch in Bezug auf ihre Aussichten und zu pessimistisch auf ihre Fähigkeit waren, diese Perspektiven zu verändern.

Sie sahen die Welt durch „grundlegenden Optimismus und Kontrollpessimismus“, erwarteten schnell, einen Job zu finden, arbeiteten nicht hart genug und waren enttäuscht. Die Minderheit der Menschen, die pessimistisch bezüglich der Situation war, aber optimistisch, sie ändern zu können, suchte intensiver und fand schneller den nächsten Job. Die Paranoiden überleben.

Spinnewijns Unterscheidung zwischen Baseline-Optimismus und Kontrolloptimismus ist nützlich. Wann sollten wir am optimistischsten sein, was die Möglichkeit hat, Ereignisse zu beeinflussen? Nicht, wenn wir wütend über einen Skandal auf der anderen Seite der Welt twittern, sondern wenn wir uns nahe an der Heimat verhalten. Die alltägliche Realität bietet uns die Möglichkeit, sowohl hinsichtlich der Ausgangslinie als auch unserer Chance, sie zu verbessern, optimistisch zu sein.

Unser digitales Leben treibt uns in die entgegengesetzte Richtung. Die Zerstörung lokaler Nachrichten und der Aufstieg sozialer Medien bedeuten, dass unser Nachrichtenkonsum zunehmend auf nationale und globale Ereignisse fokussiert ist – genau auf die Lebensbereiche, die wir am düstersten sehen. Das ist ätzend. Verbringt man 16 Stunden mit Doomscrolling, kann man wohl schließen, dass die Endzeit da ist; Wenn du 16 Stunden aber real lebst, erscheint es vielleicht gar nicht so schlimm.

(Eigene Übersetzung eines Blogbeitrages des britischen Ökonomen Tim Harford)