Die Lehren aus der Weltwirtschaftskrise für die Eurozone

Meine Übersetzung eines Beitrags von Simon Wren-Lewis aus seinem Blog mainly macro, der die momentanen wirtschaftspolitischen Fehler in der Eurozone kurz aber sehr treffend darlegt:

Es erscheint mir einfacher, die Probleme der Eurozone zuerst durch die Vorstellung der EU als eine Einheit zu erfassen, ehe man über die Verteilung zwischen den Ländern nachdenkt. In beiden Fällen allerdings macht die Eurozone heute genau die gleichen Fehler, die auch in der Großen Depression der 1920er/30er Jahre gemacht wurden.

Lohnstückkosten und Handelsbilanzsalden
Grafik: Hans-Böckler-Stiftung

Die Eurozone leidet derzeit unter einem chronischen Mangel bei der Gesamtnachfrage. Nach einer Schätzung der OECD existierte 2013 in der Eurozone eine Produktionslücke von fast 3,5%. Da die Geldpolitik entweder nicht in der Lage oder nicht willens ist, dagegen viel zu unternehmen, ist eine staatliche Konjunkturankurbelung notwendig. Dies ist die erste Lehre aus der Weltwirtschaftskrise, die strikt ignoriert wird. Stattdessen wurde den Ländern der EU mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt (SWP) striktes Sparen und Austerität auferlegt.

Innerhalb der Eurozone haben wir zudem das Problem, dass so ziemlich jede andere Volkswirtschaft in dem Zeitraum 2000-2007 von Deutschland unterboten wurde. Ich behaupte nicht, dass es sich dabei um eine bewusste Politik handelt, aber die Folgen wurden von den Regierungen der anderen Staaten damals zumeist nicht erkannt. Seit 2007 hat es da einige Korrekturen gegeben, die aber nur unvollständig waren. Die zweite Lehre aus der Weltwirtschaftskrise und dem Ende des Goldstandards ist die, dass der Versuch einer Korrektur über die Senkung der Lohnstückkosten mittels Deflation sehr hart und vor allem unnötig schmerzhaft ist.

Die Lösung in den 1920er/30er Jahren war letztlich eine Reihe von Abwertungen (durch das Verlassen des Goldstandards). Das ist innerhalb der Eurozone nicht möglich. Allerdings wäre eine Anpassung viel weniger kostspielig, wenn sie durch entsprechende Preiserhöhungen in dem Land, welches zu konkurrenzfähig ist, erreicht würde, anstatt durch Preissenkungen in den nicht wettbewerbsfähigen Staaten. In der Praxis sprechen wir hier nur von geringen Änderungen: eine Inflation von etwa 3% in Deutschland und gleichzeitig etwas über 1% in den anderen Ländern sollte ausreichend sein. Stattdessen haben wir jetzt in Deutschland eine Geldentwertung von 1% und in dem Rest der Eurozone ist sie nur wenig über Null.

An dieser Stelle verdrängt zumeist eine Art von moralischer Entrüstung die wirtschaftliche Logik in der Debatte. Viele Deutsche wollen nicht unter 3% Inflation leiden, um damit denen zu helfen, die eine unverantwortliche Politik betrieben haben. Das aber ist unlogisch, weil es die Inflation unter dem Durchschnitt der Eurozone als eine Tugend und nicht als Sünde ansieht. Ein Land in einer Währungsunion, welches seine Inflation ständig unter dem Durchschnitt hält (wie es Deutschland sei den frühen 2000er Jahren durchgehend machte), ist nicht etwa besonders tugendhaft, sondern ein Anzeichen für ein Problem, ebenso wie andere Unionsmitglieder, die den Durchschnitt dauernd überschreiten.

Ein Land kann seine Konkurrenten nicht andauernd unterbieten. Jedes Land mit einer Inflation unter dem Durchschnitt der Eurozone sollte davon ausgehen, dass dem irgendwann eine Phase überdurchschnittlicher Inflation folgen muss. Wenn die Eurozone eine durchschnittlichen Inflationsrate von 2% in den nächsten Jahren erreichen soll, so hat die Inflation in Deutschland 3% zu betragen – das ist Teil des Euro-Vertrages. In dem Maße, in dem die deutschen Politiker versuchen, auf die Einhaltung dieses Vertrages entweder durch eine Verhinderung der unkonventionellen EZB-Politik zur Erreichung des 2% Inflationsziels oder durch das Beharren auf der Aufrechterhaltung des deflationären SWPs zu pochen, sind sie direkt für die Misere, welche die Eurozone derzeit durchmacht, voll verantwortlich.

An keiner Stelle habe ich übrigens bisher über die Problematik der Staatsverschuldung oder die Forderungen nach weiteren Strukturreformen gesprochen, da beide lediglich zur Ablenkung von den aktuellen Schwierigkeiten durch die unzureichende Nachfrage und die unter dem vereinbarten Zielwert liegende Inflation dienen. Sie sind nur insofern von Bedeutung, als dass sie es der Politik erlauben, die Aufmerksamkeit von den grundlegenden Fragen abzulenken. Zwei der wichtigsten Lehren aus der Großen Depression sind dagegen die Anwendung staatlicher Konjunkturprogramme, um der Liquiditätsfalle zu entkommen, und die Erkenntnis, dass es viel zu schmerzhaft ist, darauf zu bestehen, dass die nicht wettbewerbsfähigen Länder sämtliche Kosten der Umstellung allein zu tragen haben.

Die Eurozone hat es schlicht versäumt, beide Lektionen zu lernen.

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