Kurt Tucholsky-Bibliothek in BerlinSo schlau wie die deutschen Kaufleute sind ihre Kollegen jenseits der Grenzen noch alle Tage. Es setzt also überall jener blödsinnige Kampf ein, der darin besteht, einen Gegner niederzuknüppeln, der bei vernünftigem Wirtschaftssystem ein Bundesgenosse sein könnte. Die Engländer preisen rein englische Waren an, die Amerikaner rein amerikanische, und das Wirtschaftsinteresse tritt als Patriotismus verkleidet auf. Eine schäbige Verkleidung, ein jämmerlicher Maskenball.
Globalisierung
Die Globalisierung ist der Vorgang der zunehmenden weltweiten Verflechtung in vielen Bereichen (Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation etc.).
Eine (gelungene) ökonomische Erklärung des Populismus
Der Aufstieg des Populismus vollzieht sich vor dem Hintergrund makroökonomischer Trends.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Lohnquote, also der Anteil der Erwerbseinkommen am volkswirtschaftlichen Gesamteinkommen, in den entwickelten Volkswirtschaften deutlich verringert.
Folglich erhöhte sich die Ungleichheit zwischen Kapital- und Erwerbseinkommen. Triebkräfte dieser Ungleichentwicklung waren vor allem die Internationalisierung des Handels, mit der Niedriglohnarbeit in weniger entwickelte Länder verlagert wurde, sowie der technologische Wandel, der vornehmlich die Kapitalproduktivität erhöht hat.
Gleichzeitig nahm die Ungleichheit innerhalb der Gruppe der Erwerbstätigen zu. Die Nachfrage nach hochqualifizierter Arbeit stieg, während weniger qualifizierte Arbeitnehmer*innen Jobverluste und Lohneinbußen hinnehmen mussten.
Paul Krugman: „Die Welt hat ein deutsches Problem“
…Das Problem ist vielmehr, dass die Europäer und insbesondere die Deutschen mit ihrer ruinösen Besessenheit gegen die Staatsverschuldung sich selbst schlecht behandeln. Und die Kosten dieser Besessenheit hat die Welt als Ganzes zu tragen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Hamburger G20-Treffen 2017,
mit Donald Trump und Theresa May…Obwohl zugleich hier [in den USA] als auch in Europa der Verschuldungs-alarmismus herrschte wurde schließlich klar, dass es einen entscheidenden Unterschied in der zugrunde liegenden Motivation gab. Unsere Defizit-Falken waren in der Tat Heuchler, die plötzlich jedes Interesse an der Verschuldung verloren, sobald ein Republikaner im Weißen Haus saß. Die Deutschen aber meinten es tatsächlich ernst.
Die „sichtbare Hand“, die wir heute benötigen würden
Nach der (in Amerika) lange gefeierten Theorie der „unsichtbaren Hand“ sollte der private Handel nun damit beschäftigt sein, unsere Anstrengungen und Ressourcen auf die Dinge auszurichten, die wir wirklich benötigen, um als kollektive Gesellschaft erfolgreich zu sein.
Gedenktafel zur Erinnerung an das Haus,
in dem Adam Smith The Wealth Of Nations schrieb.
Stattdessen scheint uns die „unsichtbare Hand“ absichtlich genau in die entgegengesetzte Richtung zu führen. Wie kann das sein? Hat sich etwas grundlegendes geändert, wodurch der Mechanismus der amerikanischen Wirtschaft nicht nur blind, sondern auch rück-sichtslos gesteuert wird?
Wie der Supermarkt dabei half den Kalten Krieg zu gewinnen…
Gang für Gang mit frischen Produkten, billigem Fleisch und zuckerhaltigem Getreide – eine köstliche Verkörperung des Kapitalismus und des freien Marktes, oder?
SB-Kühlregal gefüllt mit Bier in einem US-amerikanischen Supermarkt
Nicht ganz. Der Supermarkt war in der Tat der Endpunkt des Kampfes der US-Regierung um die landwirtschaftliche Fülle gegen die UdSSR. Unsere Agrarpolitik war darauf ausgerichtet zu dominieren, nicht unbedingt zu ernähren – und wir leben immer noch mit den Konsequenzen.
aus einem Freakonomics-Podcast
Kurt Tucholsky 1931 – „Die Herren Wirtschaftsführer“ Zitate Teil 2
Gedenktafel für Kurt Tucholsky in Berlin-FriedenauSie scheinen ihn [den gesamten innern Absatzmarkt] nicht zu wollen – dafür haben sie dann den Export. Was dieses Wort in den Köpfen der Kaufleute angerichtet hat, ist gar nicht zu sagen. Ihre fixe Idee hindert sie nicht, ihre Waren auch im Inland weiterhin anzupreisen; ihre Inserate wirken wie Hohn. Wer soll sich denn das noch kaufen, was sie da herstellen?
Ihre Angestellten, denen sie zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel geben, wenn sie sie nicht überhaupt auf die Straße setzen? Die kommen als Abnehmer kaum noch in Frage. Aber jene protzen noch: daß sie deutsche Werke seien, und daß sie deutsche Kaufleute und deutsche Ingenieure beschäftigten – und wozu das? „Um den Weltmarkt zu erobern!“
Starker Tobak: Èdouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht
„Du kannst dich nicht mehr hinters Steuer setzen, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen, darfst keinen Alkohol mehr trinken, kannst dich nicht mehr allein duschen, ohne dass das ein enormes Risiko bedeuten würde. Du bist gerade mal über fünfzig. Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat.“
Das Proletariat
Der zerstörte alte, weiße Mann: Èdouard Louis auf den Spuren Didier Eribons. Er erkennt im geschundenen Körper des Vaters den Niedergang des Industrieproletariats.
Kurt Tucholsky 1931 – „Die Herren Wirtschaftsführer“ Zitate Teil 1
Gedenktafel für Kurt Tucholsky in Berlin-MoabitDer unbeirrbare Stumpfsinn, mit dem diese Kapitalisten ihre törichte Geldpolitik fortsetzen, immer weiter, immer weiter, bis zur Ausblutung ihrer Werke und ihrer Kunden, ist bewundernswert. Alles, was sie seit etwa zwanzig Jahren treiben, ist von zwei fixen und absurden Ideen beherrscht: Druck auf die Arbeiter und Export.
Für diese Sorte sind Arbeiter und Angestellte, die sie heute mit einem euphemistischen und kostenlosen Schmeichelwort gern ›Mitarbeiter‹ zu titulieren pflegen, die natürlichen Feinde. Auf sie mit Gebrüll! Drücken, drücken: die Löhne, die Sozialversicherung, das Selbstbewußtsein – drücken, drücken! Und dabei merken diese Dummköpfe nicht, was sie da zerstören. Sie zerstören sich den gesamten innern Absatzmarkt.
Vorhang auf für das Lange Zwanzigste Jahrhundert – Handel und Empire
Inwieweit die Seestreitkräfte und Handelsflotten der großen europäischen Seemächte und Imperien im 16., 17. und 18. Jahrhundert die industrielle Entwicklung Westeuropas prägten, war immer eines der am heftigsten diskutierten und letztlich ungeklärten Themen der Wirtschaftsgeschichte.
Zuckerplantage in der britischen Kolonie Antigua, 1823
Diese europäische Expansion im 16., 17. und 18. Jahrhundert stellte jedoch eine Katastrophe für die Regionen Westafrikas dar, in denen der Sklavenhandel seinen Ursprung hatte; für die Indianer der Karibik; für die Azteken und die Inkas, die Hügelbauer des Mississippi-Tales; und für die Fürsten von Bengalen und andere, die in den Nachfolgekriegen um die Gewinne des indischen Moghul-Imperiums mit der Britischen Ostindien-Kompanie konkurrierten – das ist hingegen nicht umstritten.
Kurt Tucholsky 1931 – „Kurzer Abriß der Nationalökonomie“ Zitate Teil 4
Kurt Tucholsky-Tafel in der Bundesallee 79 in Berlin
Wenn die Unternehmer alles Geld im Ausland untergebracht haben, nennt man dieses den Ernst der Lage. Geordnete Staatswesen werden mit einer solchen Lage leicht fertig; das ist bei ihnen nicht so wie in den kleinen Raubstaaten, wo Scharen von Briganten die notleidende Bevölkerung aussaugen.
