{"id":988442,"date":"2015-05-11T07:22:17","date_gmt":"2015-05-11T05:22:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=988442"},"modified":"2026-03-10T14:56:11","modified_gmt":"2026-03-10T13:56:11","slug":"strukturreformen-in-griechenland-ohne-vollbeschaeftigung-das-falsche-mittel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/strukturreformen-in-griechenland-ohne-vollbeschaeftigung-das-falsche-mittel\/","title":{"rendered":"Strukturreformen in Griechenland &#8211; ohne die n\u00f6tige Vollbesch\u00e4ftigung das falsche Mittel"},"content":{"rendered":"<p>Seit Wochen bestimmt nun schon der Disput um die Schulden Griechenlands und m\u00f6gliche L\u00f6sungsformen f\u00fcr dieses Problem die \u00f6ffentliche Diskussion in Europa und nat\u00fcrlich auch in Deutschland. <\/p>\n<p><Center><a title=\"Himmel \u00fcber Santorin, Griechenland von Mstyslav Chernov (Selbst fotografiert, http:\/\/mstyslav-chernov.com\/) [CC BY-SA 3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3APanoramic_skies_over_Oia_Santorini_island_(Thira)%2C_Greece.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"512\" alt=\"Panoramic skies over Oia Santorini island (Thira), Greece\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/7b\/Panoramic_skies_over_Oia_Santorini_island_%28Thira%29%2C_Greece.jpg\"\/><\/a><br \/>\n<em>Der blaue Himmel \u00fcber Santorin, Griechenland<\/em><\/Center><\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>W\u00e4hrend einige Medien sich bei ihrer Berichterstattung inzwischen vor allem auf die Ebene der <a href=\"http:\/\/de.reuters.com\/article\/topNews\/idDEKBN0NH0AI20150426\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">pers\u00f6nlichen Dissonanzen zwischen den europ\u00e4ischen Finanzministern<\/a> begeben, halten <a href=\"https:\/\/thewisemansfear.wordpress.com\/2015\/04\/26\/medial-gesteuerte-stimmungsmache-gegen-varoufakis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">einige<\/a> <a href=\"http:\/\/misik.at\/2015\/04\/varoufakis-benimmt-sich-echt-unmoeglich-behaupten-anonyme-quellen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blogger<\/a> dagegen. <\/p>\n<p>\u00dcbersehen oder vergessen wird dabei allerdings h\u00e4ufig der Streitpunkt, bei dem die Positionen Griechenlands und seiner Gl\u00e4ubiger immer noch unver\u00e4ndert weit auseinanderliegen: die Strukturreformen der Arbeits- und Produktm\u00e4rkte, welche weiterhin vehement von den europ\u00e4ischen Institutionen eingefordert werden und gegen die sich die Regierung Tsipras\/Varoufakis ebenso <a href=\"http:\/\/www.ipg-journal.de\/rubriken\/europaeische-integration\/artikel\/ein-new-deal-fuer-griechenland-896\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hartn\u00e4ckig wehrt<\/a>, da sie diesen Widerstand als Erf\u00fcllung ihres wichtigsten Wahlversprechens ansieht.<\/p>\n<p>Die dabei am wenigsten gestellte Frage ist diejenige nach dem Sinn und Zweck dieser Strukturreformen, die im Gegensatz zu den europ\u00e4ischen Politikern und der Presse von <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23608\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">manch kritischen Stimmen<\/a> und Bloggern im Netz <a href=\"https:\/\/norberthaering.de\/news\/strukturreformdiskussion\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">klar verneint<\/a> wird, w\u00e4hrend andere Stimmen ihre <a href=\"http:\/\/www.neuewirtschaftswunder.de\/2015\/05\/01\/frickes-welt-neustart-nach-100-tagen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">bisherige Erfolglosigkeit<\/a> unterstreichen.<\/p>\n<p>Um sich damit aber sinnvoll auseinandersetzen zu k\u00f6nnen ist es notwendig, sich erst einmal mit dem \u00f6konomischen Theoriegeb\u00e4ude zu besch\u00e4ftigen, welches die Grundlage f\u00fcr die Forderung nach Strukturreformen darstellt.  <\/p>\n<p>Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_A._Werner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Richard A. Werner<\/a>, dessen 2004 erschienene empirische Auseinandersetzung mit der Forderung nach Strukturreformen im Japan der 1990er Jahre Grundlage einer entsprechenden Serie hier im Blog war (<a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/keine-erholung-ohne-strukturreformen-beispiel-japan-der-1990er-jahre-teil-1-einleitung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil Eins hier<\/a>), f\u00fchrt sie vor allem auf die neoliberale <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wachstumstheorie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wachstumstheorie<\/a> zur\u00fcck, welche auf den Pr\u00e4missen der Neoklassik beruht.<\/p>\n<p>Kurz gefasst erkl\u00e4rt diese Theorie Wirtschaftswachstum folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<blockquote><p><b>&#8222;Im Gegensatz zur postkeynesianischen wird in der neoklassischen Wachstumstheorie abgeleitet, da\u00df eine Volkswirtschaft in aller Regel gleichgewichtig w\u00e4chst und auch bei St\u00f6rungen der Gleichgewichtsbedingungen durch immanente Anpassungsprozesse auf ihren stabilen Wachstumspfad zur\u00fcckkehrt.&#8220;<br \/>\n&#8230;<br \/>\nIn dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Solow-Modell\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wachstumsmodell von Solow<\/a> wird das Sozialprodukt aus den beiden Faktoren Arbeit und Kapital hergestellt. Innerhalb des Modells bildet sich stets eine solche Kapitalintensit\u00e4t heraus, bei der ein Gleichgewicht auf dem Kapitelmarkt besteht und die Vollbesch\u00e4ftigung gesichert ist.<\/b><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.google.de\/url?sa=t&#038;rct=j&#038;q=&#038;esrc=s&#038;source=web&#038;cd=2&#038;cad=rja&#038;uact=8&#038;ved=2ahUKEwj5p5yFts7fAhXECCwKHd0uA3AQFjABegQICRAC&#038;url=https%3A%2F%2Fwww.researchgate.net%2Fprofile%2FRainer_Bartel%2Fpublication%2F306072236_Neoklassische_Mikrookonomie_und_keynesianische_Makrookonomie%2Flinks%2F59d23fc70f7e9b4fd7fc8103%2FNeoklassische-Mikrooekonomie-und-keynesianische-Makrooekonomie.pdf&#038;usg=AOvVaw3HZjobGpZzo24gGAGFy5IU\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Barthel, Alexander: Neoklassische Wachstumstheorie<\/a><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Da es sich bei der neoklassischen Wachstumstheorie nat\u00fcrlich um einen Ansatz der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neoklassische_Theorie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">neoklassischen Volkswirtschaftslehre<\/a> handelt, ist es ebenso selbstverst\u00e4ndlich, dass man zur Beweisf\u00fchrung \u00fcber die Wirksamkeit von Strukturreformen auch von den Grundannahmen dieser Theorie ausgeht. <\/p>\n<p>Neben einigen anderen Annahmen (wie die perfekte Information aller Menschen, flexible Preise, komplette M\u00e4rkte, keinerlei Transaktionskosten und -geb\u00fchren, keine Transport-kosten usw.) sind die beiden zentralen Thesen der Neoklassik der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Methodologischer_Individualismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">methodische Individualismus<\/a> und die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marktgleichgewicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gleichgewichtsidee<\/a>. <\/p>\n<p>Mit der Individualit\u00e4t ist die mikro\u00f6konomische Fundierung dieser Theorie gemeint, mit der Auslegung, dass jegliches wirtschaftliche Geschehen letztlich auf das Verhalten von Individuen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden muss. Hier kommt dann der lernf\u00e4hige, abw\u00e4gende, seinen Nutzen maximierende <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Homo_oeconomicus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Homo oeconomicus&#8220;<\/a> ins Spiel, der sich als repr\u00e4sentativer Agent im Rahmen seiner M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die nach seinen Pr\u00e4ferenzen beste Alternative entscheidet. Dabei muss man allerdings zudem beachten, dass dieses Modell auch bei der Erkl\u00e4rung \u201ekollektiven\u201c Verhaltens niemals den Boden des methodischen Individualismus verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Das zweite &#8222;Standbein&#8220; der neoklassischen Lehre bildet die sogenannte Gleichgewichts-analyse. Dabei handelt es sich um die schlichte Annahme, dass auf allen M\u00e4rkten ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage vorherrsche. Betrachtet wird dabei meist ein Markt f\u00fcr eine einzelne Ware, auf dem sich die Anbieter (Produzenten) und die Nachfrager (Konsumenten) gegen\u00fcberstehen. Dieser Markt kann dann durch ein als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alfred_Marshall\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Marschall<\/a>-Kreuz bekanntes <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marktdiagramm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Marktdiagramm<\/a> dargestellt werden:<br \/>\n<Center><a title=\"Entstehung des Gleichgewichtspreises, dargestellt im Marktdiagramm von Kaneiderdaniel at the German language Wikipedia [GFDL (http:\/\/www.gnu.org\/copyleft\/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AGleichgewichtspreis.svg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Gleichgewichtspreis\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/2\/26\/Gleichgewichtspreis.svg\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Dabei ist es allerdings wichtig, dass folgende sehr spezifische Modellannahmen realisiert sind:<br \/>\n&#8211; vollst\u00e4ndige Konkurrenz, d. h. die angebotenen G\u00fcter sind gleich, und die Marktteilnehmer so zahlreich und gleichzeitig so unbedeutend, dass sie den Marktpreis nicht beeinflussen k\u00f6nnen<br \/>\n&#8211; sowohl Angebot als auch Nachfrage sind nur Funktionen des Marktpreises, es wird also angenommen, dass andere Einflussfaktoren sich nicht ver\u00e4ndern<br \/>\n&#8211; die Nachfragefunktion ist gleichf\u00f6rmig fallend, also je h\u00f6her der Preis steigt, desto geringer wird die Nachfrage und umgekehrt<br \/>\n&#8211; die Angebotsfunktion ist ebenso regelm\u00e4\u00dfig expandierend, d. h. je h\u00f6her der Preis, desto mehr wird produziert und auf dem Markt angeboten.<\/p>\n<p>Erst wenn diese Bedingungen erf\u00fcllt sind, kann durch den Schnittpunkt der beiden Kurven ein Gleichgewichtspreis und die dazu geh\u00f6rende Gleichgewichtsmenge auf diesem einen spezifischen Markt ermittelt werden.<\/p>\n<p>Schon hier d\u00fcrfte klar werden, dass aufgrund der zahlreichen idealisierten Annahmen wie etwa der vollst\u00e4ndigen Durchsichtigkeit des Marktgeschehens oder der Abstraktion von der zeitlichen Dimension (Produktion und Tausch m\u00fcssen zeitgleich erfolgen) die praktische Anwendbarkeit dieses Modells doch von vornherein stark eingeschr\u00e4nkt ist. Dies h\u00e4lt die neoklassischen Theoretiker jedoch keinesfalls davon ab, in ihren Standard-Lehrb\u00fcchern reichlich Gebrauch davon zu machen. <\/p>\n<p>Besonders abstrus wird es aber dann, wenn dieses individualistische Modell auch f\u00fcr die L\u00f6sung makro\u00f6konomischer Problemstellungen ganzer Volkswirtschaften herangezogen wird. Schon <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Lautenbach\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wilhelm Lautenbach<\/a> wies im Gefolge der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltwirtschaftskrise\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Weltwirtschaftskrise<\/a> in den 1930er Jahren <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/alternative-wirtschaftstheorie-unternehmergewinn-und-beschaeftigungsvolumen-teil-1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">nach<\/a>, dass das Marschall-Kreuz, welches nat\u00fcrlich auch bei diesen volkswirt-schaftlichen Fragestellungen wie selbstverst\u00e4ndlich herangezogen wird, in diesen F\u00e4llen auf der Darstellung von Zirkelschl\u00fcssen beruhe, die eine sinnvolle Nutzung unm\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>Das wird besonders deutlich, wenn man versucht, sich z. B. die einzelnen Angebotskurven f\u00fcr alle Verbrauchsg\u00fcter als eine Gesamtkurve vorzustellen. Nahezu unm\u00f6glich wird es aber dann, dazu eine Nachfragekurve zeichnen zu wollen.<\/p>\n<p>Denn nach den Pr\u00e4missen der klassischen Theorie kann man diese ja nicht als unabh\u00e4ngig von der Angebotskurve betrachten. F\u00fcr die Gesamtnachfrage gilt n\u00e4mlich das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saysches_Theorem\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Saysche Theorem<\/a>, dem zufolge die Nachfrage genau gleich dem Angebot ist.<\/p>\n<p>Ohne aber das Gesamteinkommen der Volkswirtschaft zu kennen (der Unternehmer-gewinn als Teil davon wird ja erst am Markt durch das Verh\u00e4ltnis von Angebot und Nachfrage festgelegt), kann auch die Nachfrage nicht bestimmt werden, da sie haupts\u00e4chlich von eben diesem Gesamteinkommen abh\u00e4ngt. <\/p>\n<p>Damit aber wird klar, dass die Darstellung der Gesamtnachfrage \u00e4u\u00dferst problematisch w\u00fcrde, denn im Gegensatz zur Angebotskurve k\u00f6nnte man eine Nachfragekurve ohne Kenntnis der gesamten Einkommen nicht einzeichnen. Somit w\u00e4re auch die Festlegung eines Produktions-Grenzpunktes nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Doch mit diesem Zirkelschluss muss sich der neoklassische Theoretiker gar nicht weiter befassen, hilft ihm doch das Dogma der Harmonielehre des Marktes dar\u00fcber hinweg. Demnach sind alle M\u00e4rkte st\u00e4ndig im Gleichgewicht, da sie \u00fcber die Anpassung der Preise einen Ausgleich zwischen den in der Wirtschaft wirkenden Kr\u00e4ften herstellen und so f\u00fcr die \u00dcbereinstimmung von Angebot und Nachfrage sorgen. Dies ist beispielsweise auch in der hier dargestellten Weise f\u00fcr den Arbeitsmarkt g\u00fcltig:<\/p>\n<p><Center><a title=\"Grundlegendes neoklasissches Modell des Arbeitsmarktes von Pill (Own work) [Public domain or CC0], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AArbeitsmarkt_neoklassisch.png\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"Arbeitsmarkt neoklassisch\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/bf\/Arbeitsmarkt_neoklassisch.png\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>In diesem einfachen Modell kann Arbeitslosigkeit nur durch marktfremde Einfl\u00fcsse wie etwa einen (zu hohen) gesetzlichen Mindestlohn oder generell \u00fcber dem Gleichgewichts-lohn liegende L\u00f6hne verursacht werden. Die L\u00f6sung dieses Problems stellt sich f\u00fcr den Neoklassiker dann \u00e4hnlich simpel dar: man muss einzig die L\u00f6hne soweit senken, bis der Gleichgewichtslohnsatz unterschritten wird.<\/p>\n<p>Man muss nat\u00fcrlich nicht extra darauf hinweisen, dass in diesem mikro\u00f6konomischen Ansatz immer nur die Sichtweise eines einzelnen Betriebes oder Haushaltes dargestellt wird. Dass eine Absenkung der gesamtwirtschaftlichen L\u00f6hne dagegen zu einer Verringerung der Nachfrage nach G\u00fctern, diese zu einer Verringerung der Produktion und damit einer geringeren Nachfrage nach Arbeitskraft f\u00fchren kann, ist mit diesem Modell schlicht nicht nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Noch bemerkenswerter an diesem Ansatz ist aber die Tatsache, dass er strikt unter der Annahme erfolgt, dass sich M\u00e4rkte immer im Gleichgewicht befinden und daher alle Produktionsfaktoren immer voll ausgelastet sind. Dies gilt ausdr\u00fccklich auch f\u00fcr den Arbeitsmarkt.<\/p>\n<p>Die verf\u00fcgbaren Daten f\u00fcr Griechenland sprechen dagegen eine klare Sprache: die <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/17312\/umfrage\/arbeitslosenquote-in-griechenland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Arbeitslosenquote<\/a> stieg von 10,5 Prozent in 2004 auf \u00fcber 26 Prozent in 2014 an, dabei fiel sie selbst vor der Eurokrise nie unter 7 Prozent. Die <a href=\"http:\/\/de.tradingeconomics.com\/greece\/capacity-utilization\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kapazit\u00e4tsauslastung der griechischen Wirtschaft<\/a> sank von ihren H\u00f6chstst\u00e4nden nahe 80 Prozent auf nur noch knapp \u00fcber 65 Prozent im Jahr 2014. Gleichzeitig kamen auch die <a href=\"http:\/\/de.tradingeconomics.com\/greece\/retail-sales-annual\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Einzelhandelsums\u00e4tze<\/a> seit 2010 \u00fcberwiegend ins Rutschen, ein untr\u00fcglicher Indikator f\u00fcr eine schwache Konsumnachfrage. Ebenso hat die <a href=\"http:\/\/de.tradingeconomics.com\/greece\/inflation-cpi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Inflation<\/a> seitdem stark nachgelassen und ist inzwischen sogar in den negativen Bereich gefallen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deflation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(Deflation)<\/a>. <\/p>\n<p>Es ist daher mehr als offensichtlich, dass eine solche Volkswirtschaft recht weit von einer vollen Auslastung ihrer Kapazit\u00e4ten entfernt ist und damit in keinster Weise den Annahmen der neoklassischen Theorie entspricht. Im Gegenteil legen diese Daten eine eklatante Nachfragel\u00fccke nahe, und die Forderungen nach Strukturreformen auf den Arbeits- und G\u00fcterm\u00e4rkten sind damit abwegig, ja sie stellen sogar eine erhebliche Gef\u00e4hrdung f\u00fcr die griechische Wirtschaft dar.<\/p>\n<p>Man kann es nicht oft genug wiederholen: Ohne Vollbesch\u00e4ftigung ist deshalb auch die gesamte neoklassische Argumentation f\u00fcr Strukturreformen am Arbeitsmarkt hinf\u00e4llig, da ihre notwendigen Voraussetzungen nicht als erf\u00fcllt angesehen werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Diese Einsicht bringt auch Richard Werner klar zum Ausdruck:<\/p>\n<blockquote><p><b>Wenn aber nicht immer alle Ressourcen voll besch\u00e4ftigt sind, dann ist die neoklassische Theorie als irrelevant bewiesen und es ist klar, dass nicht Reformen und Angebotspolitik n\u00f6tig sind, sondern Nachfragepolitik, um die Wirtschaft von Unterbesch\u00e4ftigung n\u00e4her an die Vollbesch\u00e4ftigung zu bringen.<\/b><\/p>\n<p><em>Beruht der Ruf nach Reformen auf Tatsachen?, Richard A. Werner 2005, Zeitschrift WISO S. 97<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Stattdessen gibt es ganz klare Hinweise darauf, dass Strukturreformen in Krisenl\u00e4ndern wie Griechenland die Lage noch weiter versch\u00e4rfen. Werden sie bei einem allgemeinen Nachfragemangel und stark unterausgelasteten Kapazit\u00e4ten, wie sie f\u00fcr die Problemstaaten in der EU als Konsens allgemein anerkannt werden,   angewandt, so verst\u00e4rken sie den dort herrschenden Abw\u00e4rtsdruck auf die Preise noch und machen damit zus\u00e4tzliche Produktionskapazit\u00e4ten frei, die nicht ausgelastet werden k\u00f6nnen. Die Deflation nimmt damit weiter zu. Das eigentlich zu l\u00f6sende Problem wird dadurch statt kleiner immer gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>In Kenntnis dieser Sachlage ist dann auch klar zu verstehen, warum die griechische Regierung die als Auflagen im Programm der europ\u00e4ischen Institutionen geforderten Strukturreformen in den Bereichen Arbeits- und Produktm\u00e4rkten weiter vehement ablehnt. <\/p>\n<p>Ebenso wird nachvollziehbar, warum sich die Gl\u00e4ubiger und ihre Medien so gern auf Nebenkriegsschaupl\u00e4tze und in pers\u00f6nliche Angriffe fl\u00fcchten, da sie den Hauptstreitpunkt offenbar nicht so gern in den Mittelpunkt der Diskussionen stellen wollen. Kein Wunder, h\u00e4lt er doch einer solchen sachlichen Auseinandersetzung in keinster Weise stand.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Wochen bestimmt nun schon der Disput um die Schulden Griechenlands und m\u00f6gliche L\u00f6sungsformen f\u00fcr dieses Problem die \u00f6ffentliche Diskussion in Europa und nat\u00fcrlich auch in Deutschland. 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