{"id":9765617,"date":"2018-11-14T07:00:33","date_gmt":"2018-11-14T06:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=9765617"},"modified":"2025-08-15T10:28:06","modified_gmt":"2025-08-15T08:28:06","slug":"beunruhigender-nebeneffekt-der-einkommensungleichheit-die-mordrate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/beunruhigender-nebeneffekt-der-einkommensungleichheit-die-mordrate\/","title":{"rendered":"Beunruhigender Nebeneffekt der Einkommensungleich-heit: die Mordrate"},"content":{"rendered":"<p>Einkommensungleichheit kann im gesamten \u00f6konomischen Spektrum zu allen m\u00f6glichen Problemen f\u00fchren &#8211; aber am erschreckendsten ist dabei der Mord.<\/p>\n<p><center><a title=\"Actor lying behind caution tape von Colton Cotton [CC BY-SA 3.0 \n (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\n)], vom Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Actor_lying_behind_caution_tape.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"312\" alt=\"Actor lying behind caution tape\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/df\/Actor_lying_behind_caution_tape.jpg\"><\/a><br \/>\n<em>Schauspieler als Mordopfer hinter einem Absperrband liegend<\/em> <\/center><\/p>\n<p>Nach Ansicht von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Daly\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Martin Daly<\/a>, dem emeritierten Professor f\u00fcr Psychologie an der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/McMaster_University\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">McMaster University<\/a> in Ontario, der diese Verbindung seit Jahrzehnten untersucht, prognostiziert die Ungleichheit &#8211; die Kluft zwischen den Reichsten und \u00c4rmsten innerhalb einer Gesellschaft &#8211; Mordraten besser als jede andere Variable. <\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Sie ist enger an Mord gebunden als beispielsweise die direkte Armut oder der Drogen-missbrauch. F\u00fcr die Weltbank durchgef\u00fchrte Untersuchungen zeigen zudem, dass sowohl zwischen als auch innerhalb von L\u00e4ndern etwa die H\u00e4lfte der Varianz der Mordraten auf das h\u00e4ufigste Ma\u00df f\u00fcr Ungleichheit zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann, den Gini-Koeffizienten.<\/p>\n<p>Die Morde, die am meisten mit Ungleichheit in Verbindung gebracht werden, sind offenbar von mangelndem Respekt gepr\u00e4gt. Wie die meisten T\u00f6tungen werden diese meist von M\u00e4nnern begangen &#8211; und in Gesellschaften mit geringer Ungleichheit gibt es nur sehr wenige Morde. <\/p>\n<p>F\u00fcr einen Au\u00dfenstehenden erscheinen diese Todesf\u00e4lle, die mehr als ein Drittel der dem FBI gemeldeten T\u00f6tungsdelikte mit bekannten Motiven ausmachen, sinnlos: Ein Mann schaut jemanden falsch an, macht eine respektlose Bemerkung oder soll angeblich der Frau oder Freundin eines anderen Mannes zugezwinkert haben. Diese Vorf\u00e4lle erscheinen eigentlich zu unbedeutend, um \u00fcber Leben und Tod zu entscheiden. <\/p>\n<p>&#8222;Als wohlhabender Typ kann ich, wenn mich jemand in einer Bar beleidigt, mit den Augen rollen und gehen&#8220;, sagt Daly. &#8222;Aber wenn es Ihre \u00f6rtliche Kneipe ist, und Sie arbeitslos oder unterbesch\u00e4ftigt sind und Ihre einzige Quelle f\u00fcr Status und Selbstachtung ihr Standing in ihrer Umgebung ist, erscheint es als Schw\u00e4che, die andere Wange hinzuhalten. Jeder wei\u00df dann schnell, dass Sie ein leichtes Ziel darstellen.&#8220;<\/p>\n<p>Einige Experten argumentieren, dass in diesen F\u00e4llen das eigentliche Problem die Armut darstellt, und nicht die Ungleichheit. Zum Beispiel sagt <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/William_Pridemore\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">William Pridemore<\/a>, Dekan f\u00fcr Kriminologie an der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/University_at_Albany,_SUNY\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Universit\u00e4t von Albany<\/a>, dass die Ungleichheitskorrelation ein methodologisches Artefakt ist. Er gibt ein theoretisches Beispiel f\u00fcr ein Land, in dem jeder sinnvoll besch\u00e4ftigt ist, sich Urlaub und andere kleine Luxusg\u00fcter leisten kann und in einer sicheren Nachbarschaft mit kostenloser Gesundheitsf\u00fcrsorge lebt &#8211; doch einige von ihnen sind Milliard\u00e4re. <\/p>\n<p>Er fragt sich dabei, ob ein solcher Ort das gleiche Ma\u00df an Gewalt erleben w\u00fcrde wie die Gegenden, in denen die Menschen ganz unten in \u00e4u\u00dferster Armut leben. W\u00e4hrend die L\u00fccken zwischen den Sprossen auf der finanziellen Leiter in beiden F\u00e4llen identisch sein k\u00f6nnten, ist das Ausma\u00df der relativen Benachteiligung, das die Menschen an der untersten Stufe erleiden, m\u00f6glicherweise nicht gleich. Es gehe vor allem darum, wie ein solch niedriger Status wahrgenommen werde.<\/p>\n<p>Dies aber ist genau der Fakt, so Daly, der Statusunterschiede t\u00f6dlich machen kann. Der Lebensstandard armer Menschen in den Industriel\u00e4ndern w\u00e4re heute aufgrund der Technologie jenseits der Tr\u00e4ume fr\u00fcherer K\u00f6nige &#8211; doch wir bewerten unseren sozialen Status nicht, indem wir uns mit mittelalterlichen Herz\u00f6gen vergleichen. Wir schauen uns vor allem die Menschen um uns herum an.<\/p>\n<p>Diese spezifische und meist lokale Ebene des Vergleichs kann wiederum eines der gr\u00f6\u00dften R\u00e4tsel der Mord- und Ungleichheitsforschung erkl\u00e4ren. Warum ist die Mordrate in den USA in den letzten Jahren immer noch weiter zur\u00fcckgegangen, obwohl die Ungleichheit gleichzeitig in die H\u00f6he geschossen ist? <\/p>\n<p>Eine Erkl\u00e4rung w\u00e4re die Zeitverz\u00f6gerung: Es dauert eine Weile, bis die Menschen ihren Statusverlust erkennen, w\u00e4hrend die Mittelschicht erodiert, und sie st\u00fcrzen entweder nach unten oder treten der kleinen Minderheit an der Spitze bei. Tats\u00e4chlich sind die Mordraten in letzter Zeit nicht mehr gefallen und k\u00f6nnten sogar steigen. Und wir haben Anstiege bei dem ausgemacht, was als &#8222;Todesf\u00e4lle aus Verzweiflung&#8220; bezeichnet wird, wie Selbstmord und \u00dcberdosierungen von Opioiden, die von der Forschung auch mit Ungleichheit in Verbindung gebracht werden.<\/p>\n<p>Eine andere m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung ist, dass, wenn sich reichere Menschen in immer exklusivere Gemeinschaften zur\u00fcckziehen, ihr virtuelles Verschwinden ein lokales Ansteigen der Ungleichheit verdeckt, welches aber von fr\u00fcheren Nachbarn so empfunden wird. Eine Gesellschaft, in der Millionen Probleme haben ihre Studentendarlehen zu bezahlen und ein vern\u00fcnftiges Einkommen zu erzielen, w\u00e4hrend sie die US-Bildungsministerin <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Betsy_DeVos\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Betsy DeVos<\/a> &#8211; eine Frau mit enormem Reichtum &#8211; dabei beobachten, wie sie das Bildungsbudget senkt und gleichzeitig ausbeuterische gewinnorientierte Schulen sch\u00fctzt, kann wahrscheinlich nicht sicher und stabil sein. <\/p>\n<p>Wenn M\u00e4nner wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft f\u00fcr sich selbst oder ihre Kinder haben, erhalten K\u00e4mpfe darum, welchen Status sie noch haben eine \u00fcbergro\u00dfe Bedeutung. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen muss jeder erkennen, dass niemand ein Interesse daran hat solche Leiden weiter eskalieren zu lassen.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/www.scientificamerican.com\/article\/income-inequalitys-most-disturbing-side-effect-homicide\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Beitrages<\/a> der amerikanischen Journalistin <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Maia_Szalavitz\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Maia Szalavitz<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einkommensungleichheit kann im gesamten \u00f6konomischen Spektrum zu allen m\u00f6glichen Problemen f\u00fchren &#8211; aber am erschreckendsten ist dabei der Mord. 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