{"id":9060598,"date":"2018-09-15T07:11:15","date_gmt":"2018-09-15T05:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=9060598"},"modified":"2026-03-24T14:37:09","modified_gmt":"2026-03-24T13:37:09","slug":"die-kleinen-im-fussball-zeigen-wie-arme-laender-aufholen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-kleinen-im-fussball-zeigen-wie-arme-laender-aufholen-koennen\/","title":{"rendered":"Die &#8222;Kleinen&#8220; im Fu\u00dfball zeigen, wie arme L\u00e4nder aufholen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p>Holt der Rest der Welt gegen\u00fcber den f\u00fchrenden L\u00e4ndern auf? Das h\u00e4ngt vom Thema ab. Wenn Sie von wirtschaftlicher Produktivit\u00e4t sprechen, bleibt die Antwort eher unklar. Reden Sie \u00fcber Fu\u00dfball-ergebnisse, so ist das allerdings eine andere Geschichte.<\/p>\n<p><center><a title=\"2018_FIFA_World_Cup_qualification_map by 2nyte (Own work (2014 world cup qualification.PNG)) [CC BY-SA 3.0 \n (https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\n)], via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:2018_FIFA_World_Cup_qualification_map.png\"><img decoding=\"async\" width=\"412\" alt=\"2018 FIFA World Cup qualification map\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/f\/fb\/2018_FIFA_World_Cup_qualification_map.png\"><\/a><br \/>\n<em>F\u00fcr die Fu\u00dfball-WM 2018 qualifizierte Staaten<\/em><\/center><\/p>\n<p>Wenn wir den Fu\u00dfball erst einmal beiseite legen (keine Angst &#8211; nicht f\u00fcr lange), sollten wir uns statt-dessen auf den Lebensstandard aller Menschen auf diesem Planeten konzentrieren. <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftslexikon24.com\/d\/konvergenz\/konvergenz.htm\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">&#8222;Konvergenz&#8220;<\/a> &#8211; die Idee, dass arme L\u00e4nder schneller wachsen als reiche &#8211; ist da ein wichtiger Ansatz.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>In einem sehr armen Land sollte die Rendite einiger einfacher Investitionen eigentlich sehr hoch ausfallen. Der Bau einer asphaltierten Stra\u00dfe zwischen zwei St\u00e4dten macht einen gr\u00f6\u00dferen Unterschied als das Hinzuf\u00fcgen einer neuen Fahrspur zu einer Stra\u00dfe, die bereits existiert. Gleiches gilt f\u00fcr Stromleitungen, Eisenbahnen und H\u00e4fen. So sollte Kapital in \u00e4rmere L\u00e4nder flie\u00dfen und sie sollten schneller wachsen als reiche Staaten.<\/p>\n<p>Das ist zumindest die Theorie, und es erscheint plausibel, wenn man \u00fcber das schillernde Wachstum von Japan und Deutschland in der Nachkriegszeit, S\u00fcdkorea in den siebziger und achtziger Jahren, China und oft \u00fcbersehene Erfolgsgeschichten wie etwa \u00c4thiopien nachdenkt.<\/p>\n<p>Wenn arme L\u00e4nder schnell wachsen, entfliehen Menschen der Armut, und die globale Ungleichheit nimmt tendenziell ab. Wenn Konvergenz der nat\u00fcrliche Zustand der Dinge w\u00e4re, w\u00e4re das eine gute Nachricht. Jedoch hat es mit den Worten des \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dani_Rodrik\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Dani Rodrik<\/a> &#8222;die empirische Arbeit nicht besonders gut mit diesem Vorschlag gemeint&#8220;. Die grobe historische Tatsache ist die, dass die Weltwirtschaft zwischen 1820 und 1990 stark auseinander driftete, wobei die heutigen reichen Nationen ihren Anteil am Welteinkommen von 20 auf 70 Prozent ausgeweitet haben.<\/p>\n<p>Dieser Trend hat sich seither scharf umgedreht, so <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Baldwin\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Richard Baldwin<\/a>, ein \u00d6konom und Autor von <a href=\"https:\/\/www.amazon.co.uk\/Great-Convergence-Information-Technology-Globalization\/dp\/067466048X\/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&#038;qid=1529653765&#038;sr=8-1&#038;keywords=great+convergence&#038;linkCode=sl1&#038;tag=timharford-21&#038;linkId=57d332280f6a58821fc021819ab2900e\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">The Great Convergence<\/a>. Allerdings, so der Professor, bleibt dieser Aufholprozess bisher hoch konzentriert. Zwischen 1970 und 2010 wuchsen die sechs gro\u00dfen Industriel\u00e4nder China, Korea, Indien, Polen, Indonesien und Thailand von nahezu Null zu mehr als einem Viertel der weltweiten Produktion. W\u00e4hrenddessen schrumpften die G7-Staaten von zwei Dritteln auf 50 Prozent. Der Rest der Welt blieb dabei nahezu unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>So haben \u00d6konomen die Idee der Konvergenz als universelles Ph\u00e4nomen eigentlich weitestgehend aufgegeben. Sie sprechen stattdessen von &#8222;bedingter Konvergenz&#8220;. Konvergenz wird Venezuela und Nordkorea Wahrscheinlich nicht vor katastrophalen Regierungen retten, jedoch k\u00f6nnte genau das geschehen, wenn man die richtige Kombination aus Politik, Institutionen und \u00f6konomischem Elfenstaub f\u00e4nde. Wie diese Kombination dann aber auss\u00e4he und warum einige Nationen offenbar vergeblich darum k\u00e4mpfen sie zu erreichen, bleibt dabei die Billionen-Dollar-Frage.<\/p>\n<p>Prof. Rodrik hat Hinweise daf\u00fcr gefunden, dass eine bedingungslose Konvergenz nicht f\u00fcr Volkswirtschaften als Ganzes, sondern eher nur f\u00fcr bestimmte Produktionssektoren in diesen Volkswirtschaften wie etwa &#8222;Makkaroni und Nudeln&#8220; oder &#8222;gestrickte oder geh\u00e4kelte Bekleidung&#8220; oder &#8222;Kunststoffs\u00e4cke und -taschen&#8220; funktionieren kann.<\/p>\n<p>Wenn ein solcher Sektor weit hinter der globalen Spitze zur\u00fcckbleibt, kann er erwarten, dass die Arbeitsproduktivit\u00e4t um 4-8 Prozent pro Jahr w\u00e4chst, genug, um sich alle ein oder zwei Jahrzehnte zu verdoppeln. Diese Tendenz gilt unabh\u00e4ngig davon, was sonst in der Wirtschaft passieren k\u00f6nnte. Warum?<\/p>\n<p>Die wahrscheinlichste Antwort lautet, dass solche Fertigungssektoren in globale Lieferketten mit einbezogen werden. Sie k\u00f6nnen schnell lernen und m\u00fcssen z\u00fcgig auf die st\u00e4ndige Bedrohung durch den Wettbewerb reagieren. Sie machen dabei Gesch\u00e4fte mit Lieferanten und Kunden, die schnell Feedback und Anweisungen geben k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>In der modernen Weltwirtschaft verbreiten sich bestimmte Arten von Know-how recht schnell, kleinere Aufgaben werden entb\u00fcndelt, und teilfertige G\u00fcter und Komponenten pendeln \u00fcber Grenzen hinweg hin und her. Jedes Unternehmen, welches an diesen Prozessen beteiligt ist, wird sich in der Regel z\u00fcgig verbessern. Es k\u00f6nnte st\u00e4rker in globale Lieferketten integriert sein als seine eigene lokale Wirtschaft, die ansonsten m\u00f6glicherweise nicht mithalten kann.<\/p>\n<p>All das bringt uns zur\u00fcck zum Fu\u00dfball. Zwei \u00d6konomen, <a href=\"http:\/\/www.melanie-krause.de\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Melanie Krause<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.kines.umich.edu\/directory\/stefan-szymanski\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Stefan Szymanski<\/a>, entschieden sich dazu zu <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/318750993_Convergence_vs_The_Middle_Income_Trap_The_Case_of_Global_Soccer\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">\u00fcberpr\u00fcfen<\/a>, ob die unbedingte Konvergenzhypothese f\u00fcr den internationalen Herren-Fu\u00dfball ebenso gilt wie f\u00fcr das produzierende Gewerbe. (Co-Autor ist Prof. Szymanski \u00fcbrigens gemeinsam mit Simon Kuper von der Financial Times, Verfasser von <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Soccernomics-2018-World-Cup-England\/dp\/1568587511\/ref=as_li_ss_tl?s=books&#038;ie=UTF8&#038;qid=1529653898&#038;sr=1-1-spons&#038;keywords=soccernomics+2018+world+cup+edition&#038;psc=1&#038;linkCode=sl1&#038;tag=timharford-20&#038;linkId=6681023f94b67f5205cc6d0a082eb969\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Soccernomics<\/a>) Das Spiel mit dem runden Leder bietet schlie\u00dflich einen sehr umfangreichen Datensatz und einige klare Leistungskennzahlen an. Der internationale Fu\u00dfballverband Fifa hat dabei mehr Mitglieder als die UNO.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich fanden die Professoren Krause und Szymanski heraus, dass die St\u00e4rke der internationalen Fu\u00dfballmannschaften immer mehr &#8222;konvergiert&#8220;. Die &#8222;Kleinen&#8220; zeigen Biss, und das alte Klischee &#8222;es gibt keine leichten Spiele mehr im internationalen Fu\u00dfball&#8220; trifft heute viel mehr zu als 1950.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir dar\u00fcber nicht zu sehr \u00fcberrascht sein. Wie auch in der Produktion ist das Niveau des Wettbewerbs hefig, Leistungen werden unerbittlich gemessen und die besten Ideen nat\u00fcrlich sofort kopiert. Als zus\u00e4tzlichen Ansporn f\u00fcr den Fortschritt bietet der Elitefu\u00dfball einen globalen Arbeitsmarkt: Ein starker Spieler aus einer schwachen Nationalmannschaft wird die meiste Zeit mit erstklassiger Betreuung, Trainern und Teamkameraden in einer Top-Klubmannschaft verbringen. Seine Heimat-Nation wird dann von diesen Vorteile profitieren.<\/p>\n<p>Es ist nat\u00fcrlich verlockend, aus all dem gro\u00dfe Schlussfolgerungen zu ziehen, von der wachsenden Bedeutung des Wissens bei der Globalisierung \u00fcber die Auswirkungen des robusten internationalen Wettbewerbs sowie die Vorteile der \u00d6ffnung f\u00fcr internationale Migranten. Doch vielleicht ist es schlicht besser, einfach nur Fu\u00dfball zu schauen. In einer Zeit der qu\u00e4lenden Reality-TV-Politik ist das zumindest ein Wettbewerbsspektakel, welches wir (fast) alle genie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"http:\/\/timharford.com\/2018\/07\/footballs-minnows-demonstrate-how-poor-countries-can-catch-up\/\" target=\"_blank\">Blogbeitrages<\/a> des britischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tim_Harford\" target=\"_blank\">Tim Harford<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Holt der Rest der Welt gegen\u00fcber den f\u00fchrenden L\u00e4ndern auf? Das h\u00e4ngt vom Thema ab. Wenn Sie von wirtschaftlicher Produktivit\u00e4t sprechen, bleibt die Antwort eher unklar. Reden Sie \u00fcber Fu\u00dfball-ergebnisse, so ist das allerdings eine andere Geschichte. F\u00fcr die Fu\u00dfball-WM<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[21,24,15,44,18],"class_list":["post-9060598","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-fussball","tag-globalisierung","tag-produktivitaet","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9060598","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9060598"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9060598\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10659687,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9060598\/revisions\/10659687"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9060598"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9060598"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9060598"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}