{"id":8429052,"date":"2018-12-16T07:00:19","date_gmt":"2018-12-16T06:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=8429052"},"modified":"2023-10-27T12:50:16","modified_gmt":"2023-10-27T10:50:16","slug":"der-trugschluss-der-loanable-funds-theorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-trugschluss-der-loanable-funds-theorie\/","title":{"rendered":"Der Trugschluss der Loanable Funds-Theorie"},"content":{"rendered":"<p>Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Loanable_funds\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Loanable Funds-Theorie<\/a> ist in vielerlei Hinsicht nichts anderes als ein Ansatz, bei dem schlicht und einfach die vorherrschende Zinsrate in einer Gesellschaft als der Preis f\u00fcr Kredite der Banken oder f\u00fcr andere Darlehen gedacht ist und von Angebot und Nachfrage bestimmt wird &#8211; wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bertil_Ohlin\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Bertil Ohlin<\/a> es einmal ausf\u00fchrte &#8211; &#8222;genauso wie der Preis von Eiern und Erdbeeren auf einem Dorfmarkt.&#8220;<\/p>\n<p><Center><a href=\"https:\/\/larspsyll.files.wordpress.com\/2018\/04\/loan.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/larspsyll.files.wordpress.com\/2018\/04\/loan.jpg\" width=\"400\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/a><br \/>\n<em>Der Markt f\u00fcr Kreditfonds gem\u00e4\u00df neoliberaler Theorie<\/em><\/center><\/p>\n<p>Das ist ein sehr sch\u00f6nes M\u00e4rchen, doch das Problem dabei ist, dass Banken keine Tauschh\u00e4ndler sind, die bereits vorhandene ausleihbare Mittel von Einlegern auf Kreditnehmer \u00fcbertragen. Warum nicht? Weil es in der realen Welt einfach keine bereitgestellten verleihbaren Fonds gibt. Banken schaffen neue Mittel &#8211; als Kredit &#8211; nur, wenn sich jemand vorher verschuldet hat! Denn Banken sind Geldinstitute, keine Tauschh\u00e4ndler.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>In der traditionellen Kreditfondstheorie &#8211; wie sie in den Mainstream-Makro\u00f6konomie-Lehrb\u00fcchern dargestellt wird &#8211; ist der Umfang der f\u00fcr die Finanzierung von Investitionen verf\u00fcgbaren Kredite und Darlehen davon abh\u00e4ngig, wie viel Ersparnis verf\u00fcgbar ist. Sparen ist die Bereitstellung von Kreditmitteln, Investitionen bedeutet die Nachfrage nach Kreditmitteln und es wird davon ausgegangen, dass sie sich negativ auf den Zinssatz auswirken. Die Senkung des Konsums von Haushalten bedeutet eine Erh\u00f6hung der Einsparungen durch einen geringeren Zinssatz.<\/p>\n<p>Diese Sichtweise hat aber gezeigt, dass sie recht wenig mit der Realit\u00e4t zu tun hat. Es handelt sich dabei um nichts anderes als eine abwegige neoklassische Fantasie. Doch es existieren auch noch viele andere Probleme mit der Standarddarstellung und Formalisierung der Kreditfondstheorie:<\/p>\n<p>\u2022 Wie bereits von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/James_Edward_Meade\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">James Meade<\/a> schon vor Jahrzehnten bemerkt, verwendet diese Kausalgeschichte zur Erkl\u00e4rung der dazugeh\u00f6renden Buchhaltungsidentit\u00e4ten das Bild &#8222;Ein Hund namens Sparen wackelte mit dem Schwanz namens Investition&#8220;. Aus Keynes Sicht &#8211; und sp\u00e4ter immer wieder best\u00e4tigt durch empirische Forschung &#8211; ist es nicht so sehr der Zinssatz, zu dem die Unternehmen Kredite aufnehmen k\u00f6nnen, welcher ma\u00dfgeblich die H\u00f6he der get\u00e4tigten Investitionen bestimmt, sondern vielmehr ihre internen Mittel, die Gewinnerwartungen und die Kapazit\u00e4tsauslastung.<\/p>\n<p>\u2022 Wie bei den meisten g\u00e4ngigen makro\u00f6konomischen Formalisierungen und Modellen \u00fcblich, werden Ph\u00e4nomene der realen Welt, wie z. B. reales Geld, Krediteinschr\u00e4nkungen und die Existenz multipler Zinss\u00e4tze in der Loanable Funds-Theorie wenig ber\u00fccksichtigt. Die Loanable Funds-Theorie reduziert die modernen monet\u00e4ren \u00d6konomien im Wesentlichen auf Tauschhandelssysteme &#8211; etwas, was sie definitiv nicht sind. <\/p>\n<p>Wie Minsky besonders betont hat, ist es viel wichtiger sich auf das Funktionieren der Finanzm\u00e4rkte zu konzentrieren als auf Buchhaltungsidentit\u00e4ten wie S = Y &#8211; C &#8211; G zu schauen, um zu verstehen und zu erkl\u00e4ren, wie viel Investition \/ Kredit in einer Volkswirtschaft get\u00e4tigt wird. Die Probleme, die wir heute auf modernen M\u00e4rkten haben, haben mehr mit unzureichenden Finanzinstitutionen zu tun als mit der Gr\u00f6\u00dfe der Kreditmittel.<\/p>\n<p>\u2022 Die Loanable-Funds-Theorie im &#8222;New Keynesian&#8220;-Ansatz bedeutet, dass der Zinssatz endogenisiert wird, indem angenommen wird, dass die Zentralbanken ihn als Reaktion auf eine eventuelle Produktionsl\u00fccke anpassen (versuchen ihn anzupassen). Dies ist jedoch im Wesentlichen nichts anderes als eine Annahme, dass das Walras-Gesetz g\u00fcltig und anwendbar ist, und dass erst recht die Erreichung des Gleichgewichts durch die Zinsanpassungen der Zentralbanken sichergestellt wird. <\/p>\n<p>Aus Sicht eines realistischen Keynes-Minsky-Ansatzes kann dies nicht als etwas anderes betrachtet werden als ein Glaube, der auf nichts als blo\u00dfer Hoffnung beruht. [Ganz zu schweigen davon, dass immer mehr Zentralbanken tats\u00e4chlich keine Taylor-artigen politischen Regeln befolgen.] Der uralte Glaube, dass die Zentralbanken die Geldmenge kontrollieren, wird immer mehr in Frage gestellt und durch ein &#8222;endogenes&#8220; Geld ersetzt. Das Gleiche wird wohl auch mit der Ansicht passieren, dass die Zentralbanken &#8222;den&#8220; Zinssatz bestimmen.<\/p>\n<p>\u2022 Ein weiteres Problem in der traditionellen Kreditfondstheorie ist die Annahme, dass Sparen und Investieren als unabh\u00e4ngige Einheiten behandelt werden k\u00f6nnen. Das ist nat\u00fcrlich falsch:<\/p>\n<blockquote><p>\nDie klassische Theorie des Zinssatzes [Loanable Funds Theory] scheint davon auszugehen, dass, wenn die Nachfragekurve f\u00fcr Kapital sich verschiebt oder wenn sich die Zinskurve f\u00fcr gesparte Betr\u00e4ge aus einem gegebenen Einkommen ver\u00e4ndert oder wenn beide Kurven sich ver\u00e4ndern, sich der neue Zinssatz durch den Schnittpunkt der neuen Positionen der beiden Kurven ergibt. Doch das ist eine Nonsense-Theorie. Die Annahme, dass das Einkommen konstant bleibt, widerspricht der Unterstellung, dass sich diese beiden Kurven unabh\u00e4ngig voneinander verschieben k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Wenn sich eine von beiden verschiebt, dann wird sich auch das Einkommen im Allgemeinen \u00e4ndern; mit dem Ergebnis, dass der gesamte Schematismus, der auf der Annahme eines gegebenen Einkommens basiert, zusammenbricht &#8230; In Wahrheit hat die klassische Theorie die Relevanz von Ver\u00e4nderungen in der H\u00f6he des Einkommens oder der M\u00f6glichkeit, dass die Einkommensh\u00f6he tats\u00e4chlich eine Funktion des Zinssatzes der Investition darstellt nicht \u00fcberlebt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es gibt immer (mindestens) zwei Teile einer wirtschaftlichen Transaktion. Sparer und Anleger haben unterschiedliche Liquidit\u00e4tspr\u00e4ferenzen und stehen vor unterschiedlichen Entscheidungen &#8211; und ihre Interaktionen finden in der Regel nur zwischen den Finanzinstituten statt. Dies bedeutet auch, dass es in modernen monet\u00e4ren \u00d6konomien keinen &#8222;direkten und unmittelbaren&#8220; automatischen Zinsmechanismus gibt. <\/p>\n<p>Was letztlich dazu f\u00fchrt, dass was auf der mikro\u00f6konomischen Ebene geschieht &#8211; sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb eines Gleichgewichts &#8211;  nicht immer mit dem makro\u00f6konomischen Ergebnis vereinbar ist. Der Fehlschluss der Komposition (der &#8222;atomistische Fehlschluss&#8220; von Keynes) hat viele Gesichter &#8211; ausleihbare Kreditfonds sind eins davon.<\/p>\n<p>\u2022 Im Gegensatz zur Loanable-Funds-Theorie geht das Geld in der Welt von Keynes und Minsky den Investitionen und Ersparnissen voraus. Diesen Irrtum hervorhebend, schrieb Keynes in &#8222;Der Prozess der Kapitalbildung&#8220; (1939):<\/p>\n<blockquote><p>Steigende Investitionen werden immer von h\u00f6heren Ersparnissen begleitet, diese aber niemals vorausgehen. Geld ausgeben und Kredit-Expansion sind keine Alternative zu erh\u00f6htem Sparen, sondern eine notwendige Voraussetzung daf\u00fcr. Sie sind die Urheber und nicht die Zwillinge der erh\u00f6hten Ersparnis.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was in der Kreditfondstheorie &#8222;vergessen&#8220; wird ist die Erkenntnis, dass das Finanzwesen &#8211; in all seinen verschiedenen Formen &#8211; seine eigene Dimension hat, und wenn es ernst genommen wird, muss seine Wirkung auf eine Analyse das gesamte theoretische System modifizieren und nicht nur als ein unsystematischer Anhang hinzugef\u00fcgt werden. Die Finanzen sind grundlegend f\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis der modernen Wirtschaft und so zu handeln wie der B\u00e4ckerlehrling, der nachdem er vergessen hat Hefe in den Teig zu geben, sie anschlie\u00dfend in den Ofen wirft, ist einfach nicht genug.<\/p>\n<p>Alle realen wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten h\u00e4ngen heutzutage von einer funktionierenden Finanzmaschinerie ab. Doch institutionelle Arrangements, das Vertrauen der Finanzm\u00e4rkte, fundamentale Unsicherheiten, asymmetrische Erwartungen, das Bankensystem, Finanzintermediation, Kreditgew\u00e4hrungsprozesse, Ausfallrisiken, Liquidit\u00e4ts-einschr\u00e4nkungen, die Gesamtverschuldung, Schwankungen des Cashflows usw. &#8211; Dinge, die eine entscheidende Rolle spielen beim Kanalisieren von Geld\/Ersparnissen\/Krediten &#8211; werden in modernen Formalisierungen der Loanable Funds Theorie mehr oder weniger im Dunkeln gelassen.<\/p>\n<blockquote><p>Es sollte betont werden, dass die Gleichheit zwischen Ersparnissen und Investitionen &#8230; unter allen Umst\u00e4nden gelten wird. Insbesondere wird sie unabh\u00e4ngig von der H\u00f6he des Zinssatzes sein, der in der Wirtschaftstheorie \u00fcblicherweise als der Faktor angesehen wurde, der die Nachfrage nach und die Bereitstellung von neuem Kapital auspendelt. <\/p>\n<p>Im vorliegenden Konzept sorgt die einmal get\u00e4tigte Investition automatisch f\u00fcr die zur Finanzierung notwendigen Ersparnisse. In unserem vereinfachten Modell sind die Gewinne in einem bestimmten Zeitraum das direkte Ergebnis des Konsums und der Investitionen der Unternehmer in dieser Periode. Wenn die Investition um einen bestimmten Betrag steigt, erh\u00f6hen sich die Ersparnisse aufgrund der Gewinne entsprechend&#8230;<\/p>\n<p>Eine wichtige Konsequenz des Obigen bedeutet, dass der Zinssatz nicht durch die Nachfrage und das Angebot von neuem Kapital bestimmt werden kann, weil die Investition sich selbst finanziert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Also, ja, die &#8222;s\u00e4kulare Stagnation&#8220; wird vorbei sein, sobald wir uns von der Loanable Funds-Theorie l\u00f6sen &#8211; und von dem scholastischen Geschw\u00e4tz \u00fcber die <a href=\"https:\/\/www.rechnungswesen-verstehen.de\/lexikon\/niedrigzinspolitik.php\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Zero lower bound<\/a> &#8211; und anfangen, die gute alte keynesianische Finanzpolitik wieder zu verwenden.<\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung eines <a href=\"https:\/\/rwer.wordpress.com\/2018\/04\/27\/the-loanable-funds-fallacy\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogbeitrages<\/a> des schwedischen \u00d6konomen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lars_P%C3%A5lsson_Syll\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lars Syll<\/a>)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Loanable Funds-Theorie ist in vielerlei Hinsicht nichts anderes als ein Ansatz, bei dem schlicht und einfach die vorherrschende Zinsrate in einer Gesellschaft als der Preis f\u00fcr Kredite der Banken oder f\u00fcr andere Darlehen gedacht ist und von Angebot und<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[48,27,43,53,32,29,41,44,18],"class_list":["post-8429052","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-geldtheorie","tag-investition","tag-keynes","tag-minsky","tag-schulden","tag-sparen","tag-sparparadoxon","tag-volkswirtschaftslehre","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8429052","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8429052"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8429052\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23765083,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8429052\/revisions\/23765083"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8429052"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8429052"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8429052"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}