{"id":7933,"date":"2013-09-26T10:03:18","date_gmt":"2013-09-26T08:03:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=7933"},"modified":"2026-03-10T13:33:18","modified_gmt":"2026-03-10T12:33:18","slug":"sind-die-schuldner-wirklich-immer-schuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/sind-die-schuldner-wirklich-immer-schuld\/","title":{"rendered":"Sind die Schuldner wirklich immer schuld?"},"content":{"rendered":"<p>In meinem letzten Beitrag zur Saldenmechanik, <a title=\"Saldenmechanik und die Frage der Moral\" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/saldenmechanik-und-die-frage-der-moral\/\">in dem es um die Frage nach der Moral ging<\/a>, habe ich neben der allgemeinen Ursachenforschung mittels wirtschaftstheoretischer Modell-Analysen bereits kurz die &#8222;Schuldfrage&#8220; bei Kreditverh\u00e4ltnissen aus einzelwirtschaftlicher Sicht angeschnitten.<\/p>\n<p><center><a title=\"Frankfurt am Main Hessen Germany Skyline der Banken und Versicherungen, by Wolfgang Pehlemann (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AFrankfurt_am_Main_Hessen_Germany_Skyline_der_Banken_und_Versicherungen_2005_Foto_Wolfgang_Pehlemann_Wiesbaden_PICT0038.jpg\"><img decoding=\"async\" alt=\"Frankfurt am Main Hessen Germany Skyline der Banken und Versicherungen 2005 Foto Wolfgang Pehlemann Wiesbaden PICT0038\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/f\/f4\/Frankfurt_am_Main_Hessen_Germany_Skyline_der_Banken_und_Versicherungen_2005_Foto_Wolfgang_Pehlemann_Wiesbaden_PICT0038.jpg\" width=\"312\" \/><\/a><\/center><\/p>\n<p>Allgemein gilt nun mal der Grundsatz als gegeben, dass vor allem der Schuldner erstmal &#8222;schuld&#8220; ist, wenn es in der Beziehung zwischen Gl\u00e4ubiger und Kreditnehmer irgendwie hakt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich h\u00e4tte er den Kredit ja nicht aufnehmen m\u00fcssen. Schlie\u00dflich hat er doch \u00fcber seinen Verh\u00e4ltnissen gelebt. Und wenn wir irgend etwas aus der Eurokrise gelernt haben, dann ja wohl diese Schuldzuweisung. Immer wieder haben uns die Politiker verschiedener Couleur doch genau diesen einfachen Sachverhalt klarmachen wollen: Der Schuldner ist schuld!<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p><b>Unterschiede einzel- und volkswirtschaftlicher Verschuldung<\/b><br \/>\nDoch wie sieht diese Problematik eigentlich volkswirtschaftlich, d. h. im Verh\u00e4ltnis zwischen Staaten aus? Kann man da auch so einfach festhalten, dass der verschuldete Staat &#8222;schuld&#8220; ist und das Gl\u00e4ubiger-Land generell im Recht ist?<\/p>\n<p>Einzelwirtschaftlich (mikro\u00f6konomisch) ist es durchaus plausibel und auch oft zutreffend, dass, wer \u00fcber seinen Verh\u00e4ltnissen gelebt hat, auch &#8222;schuld&#8220; an seinen Schulden ist.<\/p>\n<p>Dies kann f\u00fcr einzelne Personen, Familien oder auch einzelne Unternehmen h\u00e4ufig angenommen werden, wenn \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum die H\u00f6he der Ausgaben die der Einnahmen \u00fcberschreitet. Es muss allerdings nicht immer gelten, dass derjenige, der diese Schulden aufgenommen hat, auch tats\u00e4chlich daran &#8222;schuld&#8220; sein muss. Es gibt sicherlich viele Gr\u00fcnde wie z. B. Arbeitslosigkeit oder Krankheit oder andere pers\u00f6nliche Ungl\u00fccksf\u00e4lle, bei denen man nicht unbedingt den Schuldner als alleinigen Verursacher der Verschuldung ausmachen kann.<\/p>\n<p>Doch in allen anderen F\u00e4llen, in denen die Assoziation des Begriffes &#8222;\u00fcber den Verh\u00e4ltnissen zu leben&#8220; zutreffend ist, gilt tats\u00e4chlich erst mal die Gleichsetzung von &#8222;Schulden haben&#8220; und &#8222;schuld sein&#8220;. Daher spricht dann auch vieles daf\u00fcr, dass derjenige, der sich stark verschuldet hat und am Markt keinen Kredit mehr bekommt, sanktioniert werden muss.<\/p>\n<p>Gesamtwirtschaftlich sieht das allerdings, vor allem bei der Verschuldung von Staaten untereinander, ganz anders aus.<\/p>\n<p>Da ist das, was gemeinhin als &#8222;zu hoch verschuldet&#8220; bezeichnet wird, vor allem das Ergebnis der Saldenbildung von unz\u00e4hligen unabh\u00e4ngig voneinander handelnden Einzelakteuren und Unternehmen, die sich bem\u00fchen, in ihrem eigenen Sinne &#8222;wirtschaftlich&#8220; zu handeln und ihren Konsum entsprechend den gegebenen Rahmenbedingungen auszusteuern.<\/p>\n<p>So kann bedingt durch diesen Rahmen \u00fcber die Zeit und als Folge anonymen Handelns Einzelner der Staat als Ganzes zum Schuldner werden, obwohl innerhalb der volkswirtschaftlichen Sektoren \u00fcberwiegend verantwortungsbewu\u00dft gehandelt wird.<\/p>\n<p>Besteht dann zwischen den beteiligten Staaten eine W\u00e4hrungsunion, in der sich die L\u00e4nder auf eine <a title=\"Warum sollte die Inflation in der EURO-Zone in die Lohnerh\u00f6hungen mit einflie\u00dfen?\" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/warum-eigentlich-sollte-die-inflation-in-der-euro-zone-in-die-lohnerhohungen-mit-einfliesen\/\">gemeinsame von allen einzuhaltende Inflationsrate geeinigt haben<\/a> und der Gl\u00e4ubigerstaat sich an <a title=\"Der Zusammenhang zwischen der Eurokrise und der Agenda 2010\" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-zusammenhang-zwischen-der-eurokrise-und-der-agenda-2010\/\">diese \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum nicht gehalten hat<\/a>, so ist eine einseitige Schuldzuweisung an die sich aufgrund dieser Rahmenbedingungen verschuldeten Staaten nicht wirklich gerechtfertigt.<\/p>\n<p><b>Gibt es einen &#8222;Zwang&#8220; zur Kreditaufnahme?<\/b><br \/>\nAuch Wolfgang St\u00fctzel hatte sich bereits in seinem Buch <a title=\"Volkswirtschaftliche Saldenmechanik \u2013 vergessene Grundlage der Geldtheorie\" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/volkswirtschaftliche-saldenmechanik-vergessene-grundlage-der-geldtheorie\/\">&#8222;Volkswirtschaftliche Saldenmechanik&#8220;<\/a> mit der Thematik besch\u00e4ftigt, inwieweit man in bestimmten F\u00e4llen aufgrund gegebener Rahmenbedingungen durchaus von einem &#8222;Zwang&#8220; zur Geldverm\u00f6gens\u00e4nderung bzw. Kreditaufnahme reden kann.<\/p>\n<p>Dabei kommt er zu dem Schlu\u00df, dass es vor allem die Art und Weise der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen ist, die dar\u00fcber entscheidet, ob und wie der Gezwungene tats\u00e4chlich handelt.<\/p>\n<p>Gelingt demjenigen, der in der Lage ist, die Rahmenbedingungen allein zu setzen, diese so festzulegen, dass seinem Partner gerade durch die freie Maximierung seiner &#8222;Nutzenfunktion&#8220; im Prinzip keine andere M\u00f6glichkeit als die vorgegebene mehr wirtschaftlich erscheint, so kann man durchaus von einem gewissen &#8222;Zwang&#8220; ausgehen.<\/p>\n<p>So schrieb St\u00fctzel auf Seite 99:<\/p>\n<blockquote><p><b>Ob man nun sagt, A locke den B mit dem &#8222;Zuckerbrot&#8220; der Gewinndifferenz zwischen M und M&#8216;, die erste statt der zweiten M\u00f6glichkeit zu verwirklichen, oder ob man sagt, A drohe mit der &#8222;Peitsche&#8220; des Gewinnentgangs, falls B die M\u00f6glichkeit M&#8216; an Stelle von M verwirklicht, ist lediglich eine andere Ausdrucksweise.<\/p>\n<p>Stets ist der &#8222;Zwang&#8220;, den A auf B aus\u00fcbt, nur das Spiegelbild des Gewinnmaximierungsstrebens des B selbst, das ihn n\u00e4mlich, nachdem A die Rahmenbedingung setzte, veranla\u00dft, M an Stelle von M&#8216; zu verwirklichen.<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p><b>Zwang zur Kreditaufnahme als Folge des Gewinnstrebens<\/b><br \/>\nAus den Er\u00f6rterungen St\u00fctzels kann man weiter entnehmen, dass zwar einzelne Wirtschaftssubjekte selbstverst\u00e4ndlich im Einzelfall selbst entscheiden, ob und in welcher H\u00f6he sie Kredite aufnehmen.<\/p>\n<p>Das aber schlie\u00dfe nicht aus, dieses Verhalten als &#8222;erzwungen&#8220; anzusehen, da es nicht ungew\u00f6hnlich sei, dass sich die Gezwungenen selbst frei entscheiden, etwas zu tun, was andere ihnen &#8222;aufzwingen&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist wie bereits weiter oben erw\u00e4hnt immer auch eine Frage der gesetzten Rahmenbedingungen, aufgrund derer Wirtschaftssubjekte sich, um ihre Ziele zu erreichen anders verhalten (z. B. mehr Kredit aufnehmen m\u00fcssen), als sie eigentlich m\u00fc\u00dften, wenn diese Rahmenbedingungen nicht so gesetzt w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wirtschaftswissenschaftlich betrachtet handelt es sich dabei um die Bestimmung des Ma\u00dfes des Zwangs, Kredit aufzunehmen.<\/p>\n<p>Dieser ist bei jedem einzelnen Subjekt gleich der Differenz zwischen dem Nutzen der verbleibenden maximalen M\u00f6glichkeit, durch Kreditaufnahme den Status Quo zu erhalten und dem Nutzen der alternativen M\u00f6glichkeit, ohne Kreditaufnahme eine Geldverm\u00f6gensminderung und damit auch eine Einschr\u00e4nkung von Ums\u00e4tzen und Gewinn hinnehmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der entscheidende Ma\u00dfstab, ob man nun bei der Kreditaufnahme von einem &#8222;freiwilligen&#8220; Liquidit\u00e4tsstrebens des fraglichen Wirtschaftssubjekts oder aber von einem &#8222;Zwang&#8220; zur Darlehensaufnahme ausgeht, ist dabei die Rigidit\u00e4t der gesetzten Rahmenbedingungen.<\/p>\n<p>Je unver\u00e4nderbarer (weil z. B. von au\u00dfen festgelegt) eine Rahmenbedingung gesetzt ist, desto eher muss man diese als urs\u00e4chliche Variable ansehen, die nicht in einer Wechselwirkung mit anderen ver\u00e4nderbaren Variablen (=anderen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tzen) steht, sondern unabh\u00e4ngig und damit weitestgehend tats\u00e4chlich &#8222;aktiv&#8220; und nicht resultierend ist.<\/p>\n<p>Diese Bedingung gilt \u00fcbrigens sowohl bei der einzelwirtschaftlichen als auch bei der Betrachtung von mehrstufigen Gef\u00fcgen (= Gesamtheit der Wirtschaftssubjekte). Damit ist dieser Erkl\u00e4rungsansatz auch auf das Verh\u00e4ltnis der einzelnen Sektoren (Private, Unternehmen, Staat und Ausland) in der Gesamtwirtschaft anwendbar.<\/p>\n<p><b>Gesamtwirtschaftliche Anwendung dieser Methodik auf die Eurokrise<\/b><br \/>\nWendet man nun diese Art der Ursachenforschung auf die Bedingungen an, die letztlich zur Eurokrise gef\u00fchrt haben, so muss man die <a title=\"Warum sollte die Inflation in der EURO-Zone in die Lohnerh\u00f6hungen mit einflie\u00dfen?\" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/warum-eigentlich-sollte-die-inflation-in-der-euro-zone-in-die-lohnerhohungen-mit-einfliesen\/\">nicht von allen eingehaltene gleiche Entwicklung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit <\/a><a title=\"Der Zusammenhang zwischen der Eurokrise und der Agenda 2010\" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-zusammenhang-zwischen-der-eurokrise-und-der-agenda-2010\/\">durch eine unterschiedliche Anpassung der Lohnst\u00fcckkosten an die Inflationsrate<\/a> als gesetzte Rahmenbedingung ansehen.<\/p>\n<p>Die Krisenstaaten hatten letzlich keinen Einflu\u00df auf die Lohnentwicklungen in den anderen L\u00e4ndern, gleichzeitig konnten sie durchaus erwarten, dass sich alle EU-Mitgliedsstaaten an die mit der EZB vereinbarten Entwicklung der gemeinsamen Zielinflationsrate halten w\u00fcrden, und diese nicht durch einseitiges Lohndumping auf Dauer unterschreiten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Damit wird dann aber auch klar, dass diese Staaten als Teilsektoren der jeweiligen Gesamtwirtschaften gar keine anderen M\u00f6glichkeiten hatten, als die negativen Leistungsbilanzsalden hinzunehmen und dadurch zur Schuldenaufnahme zwecks Entlastung der privaten Sektoren in obigem Sinne &#8222;gezwungen&#8220; wurden, um den \u00f6konomischen Status Quo ihrer Gesellschaften m\u00f6glichst zu erhalten.<\/p>\n<p>Daher ist es auch auf diesem Wege wie bereits weiter oben ebenfalls festgestellt durch nichts gerechtfertigt, diesen Staaten einseitig die &#8222;Schuld&#8220; f\u00fcr des Entstehen der Krise zuzuweisen.<\/p>\n<p>Tut man dies doch, so verl\u00e4\u00dft man damit die <a title=\"Saldenmechanik und die Frage der Moral\" href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/saldenmechanik-und-die-frage-der-moral\/\">Grundlage einer wertfreien gesamtwirtschaftlichen Analyse und verliert sich in der Beliebigkeit moralischer, oft ideologisch gepr\u00e4gter Werturteile einzelwirtschaftlicher Pr\u00e4gung<\/a>, wie sie in der Beurteilung der Eurokrise bisher leider viel zu oft vorgekommen sind.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinem letzten Beitrag zur Saldenmechanik, in dem es um die Frage nach der Moral ging, habe ich neben der allgemeinen Ursachenforschung mittels wirtschaftstheoretischer Modell-Analysen bereits kurz die &#8222;Schuldfrage&#8220; bei Kreditverh\u00e4ltnissen aus einzelwirtschaftlicher Sicht angeschnitten. 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