{"id":661383,"date":"2015-02-15T00:33:37","date_gmt":"2015-02-14T23:33:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/?p=661383"},"modified":"2017-02-06T15:14:48","modified_gmt":"2017-02-06T14:14:48","slug":"michal-kalecki-und-das-vertrauen-der-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/michal-kalecki-und-das-vertrauen-der-wirtschaft\/","title":{"rendered":"Michal Kalecki und das &#8222;Vertrauen der Wirtschaft&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Zeiten der wirtschaftlichen Krisen sind auch immer Zeiten der Demaskierung \u00f6konomischer Mythen. Heute wissen wir beispielsweise, dass geldpolitische Expansion nicht zu Hyperinflation f\u00fchrt und scharfe Ausgabeneinschnitte auch keine neuen Arbeitspl\u00e4tze schaffen.<\/p>\n<p><Center><a title=\"Michal Kalecki by Manuel Garc\u00eda J\u00f3dar (Own work) [CC BY 2.5 es (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.5\/es\/deed.en)], via Wikimedia Commons\" href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File%3AMichal_Kalecki.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"256\" alt=\"Michal Kalecki\" src=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/76\/Michal_Kalecki.jpg\"\/><\/a><\/Center><\/p>\n<p>Doch noch immer geistert der Mythos des &#8222;Vertrauens&#8220; durch die wirtschaftspolitischen Debatten der Gegenwart. Wie oft wird vor dem Nachlassen der &#8222;Reformen&#8220; gewarnt, da sonst angeblich das <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/die-staendige-wiederkehr-der-unsaeglichen-vertrauens-fee\/\" title=\"Die st\u00e4ndige Wiederkehr der uns\u00e4glichen \u201cVertrauens-Fee\u201d \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">&#8222;Vertrauen der Wirtschaft&#8220;<\/a> sinken w\u00fcrde und \u00f6konomische Unsicherheit gar schreckliche Folgen f\u00fcr das Gedeihen der Volkswirtschaften mit sich ziehen werde.<\/p>\n<p><!--more Weiterlesen...--><\/p>\n<p>Doch oh Wunder, in Phasen immer l\u00e4nger andauernder Stagnation geraten selbst solche &#8222;ehernen&#8220; Glaubenss\u00e4tze unter die R\u00e4der. Obwohl, wenn man sich mit der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften genauer auseinandersetzt, kann man durchaus feststellen, dass der Mythos des &#8222;Vertrauens&#8220; bereits vor 70 Jahren ins Wanken geriet:<\/p>\n<p>Schon 1943 ver\u00f6ffentlichte der polnische \u00d6konom <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Micha%C5%82_Kalecki\" title=\"Micha\u0142 Kalecki \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Michal Kalecki<\/a> sein Essay &#8222;Politische Aspekte der Vollbesch\u00e4ftigung&#8220;. Damals war noch unter dem Eindruck der verheerenden Folgen der  <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltwirtschaftskrise\" title=\"Weltwirtschaftskrise \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Weltwirtschaftskrise<\/a> der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Keynesianismus\" title=\"Keynesianismus \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Keynesianismus<\/a> die f\u00fchrende Schule der \u00f6konomischen Wissenschaften. Einer der unumst\u00f6\u00dflichen Grunds\u00e4tze dieser Lehre stellte die Behauptung dar, durch Staatsaugaben k\u00f6nne immer und unter allen Umst\u00e4nden Vollbesch\u00e4ftigung garantiert werden.<\/p>\n<p>Kalecki widersprach dieser Ansicht und sah voraus, dass eine solche Politik selbst in Krisenzeiten auf den entschiedenen Widerstand der wohlhabenden Wirtschaftselite und der reichen Unternehmer sto\u00dfen w\u00fcrde.  <\/p>\n<p>Er schrieb:<\/p>\n<blockquote><p><b>Das Big Business hat Bedenken gegen\u00fcber eine Aufrechterhaltung der Vollbesch\u00e4ftigung durch Staatsausgaben. <\/p>\n<p>Es hat diese Haltung w\u00e4hrend der gro\u00dfen Depression der drei\u00dfiger Jahre klar zum Ausdruck gebracht, indem es sich Experimenten zur Besch\u00e4ftigungserh\u00f6hung einhellig widersetzte&#8230;<\/b><\/p>\n<p><em>Kalecki, Politische Aspekte der Vollbesch\u00e4ftigung (1943\/1987), S. 235<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Als Gr\u00fcnde f\u00fcr seine Skepsis f\u00fchrte er \u00f6konomische Interessen und die politische sowie mediale Macht der Wirtschaftsf\u00fchrer an.<\/p>\n<p>Die Unternehmer seien gegen staatliche Interventionen in den \u00f6konomischen Prozess, weil ohne staatliches Eingreifen die wirtschaftliche Entwicklung vor allem vom &#8222;Vertrauen der Wirtschaft&#8220; abh\u00e4nge. Dies w\u00fcrde ein hervorragendes Druckmittel darstellen, um h\u00f6here Ausgaben f\u00fcr den Privatsektor zu fordern und gleichzeitig alle staatlichen Ma\u00dfnahmen, die den Privilegierten schaden k\u00f6nnten, als das Vertrauen st\u00f6rende Eingriffe zu verteufeln.<\/p>\n<p>Diese Abh\u00e4ngigkeit bedeute damit f\u00fcr die Unternehmen eine starke indirekte Kontrolle der staatlichen Wirtschaftspolitik, denn diese m\u00fcsse alles vermeiden, was das \u201eVertrauen der Wirtschaft\u201c ersch\u00fcttern k\u00f6nne. Wenn aber die Regierung selbst die Besch\u00e4ftigung beeinflussen k\u00f6nne, w\u00fcrde dieses &#8222;Vertrauen&#8220; an Bedeutung verlieren, und damit auch gewisse Interessengruppen an Einfluss.<\/p>\n<p>Geradezu prophetisch f\u00fchrte Kalecki weiter aus:<\/p>\n<blockquote><p><b><br \/>\n&#8230;permanente Vollbesch\u00e4ftigung (ist) \u00fcberhaupt nicht nach ihrem Geschmack. Die Arbeiter w\u00fcrden \u201eau\u00dfer Kontrolle geraten\u201c und die Industriekapit\u00e4ne w\u00fcrden darauf brennen, ihnen \u201eeine Lektion zu erteilen\u201c. <\/p>\n<p>Dazu kommt, dass w\u00e4hrend der Hochkonjunktur das Preisniveau steigt und dies f\u00fcr die kleinen und gro\u00dfen Rentiers ung\u00fcnstig ist, so dass sie der Hochkonjunktur \u00fcberdr\u00fcssig werden.<\/p>\n<p>In dieser Situation wird sich wahrscheinlich eine m\u00e4chtige Phalanx aus den Interessen des \u201eBig Business\u201c und der Rentiers formieren, und sie wird vermutlich mehr als blo\u00df einen National\u00f6konomen finden, der verk\u00fcndet, dass die Situation sichtlich ungesund ist. <\/p>\n<p>Der Druck dieser Kr\u00e4fte, insbesondere der des \u201eBig Business\u201c, w\u00fcrde die Regierung h\u00f6chstwahrscheinlich dazu bringen, dass sie zu einer orthodoxen Politik zur\u00fcckkehrt und das Budgetdefizit zur\u00fcckschraubt. In der Folge w\u00fcrde es dann zu einem Konjunkturbruch kommen&#8230;<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p><em>Kalecki, Politische Aspekte der Vollbesch\u00e4ftigung (1943\/1987), S. 241<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht anders war es w\u00e4hrend der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eurokrise\" title=\"Eurokrise \u2013 Wikipedia\" target=\"_blank\">Eurokrise<\/a> und im darauffolgenden politischen Diskurs: nach der Rettung der Wirtschaft und der Banken durch staatliche Hilfen und mittels keynesianischer Konjukturprogramme kam der pl\u00f6tzliche Wechsel zu der Ansicht, nicht mehr die Massenarbeitslosigkeit oder die fehlende Nachfrage, sondern allein die Haushaltdefizite seien das bestimmende wirtschaftliche Problem.<\/p>\n<p>Die einzelnen verschuldeten L\u00e4nder wurden daher zu Einsparungen und Anpassungen mittels Austerit\u00e4tspolitik, sogenannter Strukturreformen und einseitiger Wettbewerbsverbesserung gezwungen, ohne R\u00fccksicht auf die explodierende Erwerbslosigkeit und die fortschreitende Erosion der Sozialsysteme.<\/p>\n<p>Gegen diese Politik gerichtete Lockerungsversuche wurden dabei stets mit der Behauptung, anders sei das &#8222;Vertrauen der M\u00e4rkte und der Wirtschaft&#8220; nicht wiederzuerlangen, abgeb\u00fcgelt. Neoklassische Wirtschaftswissenschaftler standen bereit, mit omin\u00f6sen Studien jederzeit zu belegen, dass ein Anstieg der &#8222;wirtschaftspolitischen Unsicherheit&#8220; das Wirtschaftswachstum entscheidend behindern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Doch wie oben bereits erl\u00e4utert sorgen lang andauernde Krisen auch f\u00fcr die Entlarvung \u00f6konomischer Mythen. Als die Auswirkungen der Austerit\u00e4t immer sichtbarer wurden, sahen sich auch Vertreter des Internationalen W\u00e4hrungsfonds gen\u00f6tigt, einzugestehen, dass man den durch diese Politik verursachten Schaden gewaltig untersch\u00e4tzt hatte.  <\/p>\n<p>Der Hype um den von Wissenschaftlern in Chicago und Stanford entwickelten <a href=\"http:\/\/www.policyuncertainty.com\/index.html\" title=\"Economic Policy Uncertainty Index\" target=\"_blank\">Economic Policy Uncertainty Index<\/a> fiel f\u00f6rmlich in sich zusammen, als bekannt wurde, dass er sich haupts\u00e4chlich auf Erw\u00e4hnungen von &#8222;wirtschaftspolitischer Unsicherheit&#8220; in den Medien st\u00fctzte. Das entbehrte nicht einer gewissen Komik: wurde die politische Diskussion um das &#8222;Vertrauen der Wirtschaft&#8220; in den Mittelpunkt der Berichterstattung ger\u00fcckt, stieg der Index nat\u00fcrlich automatisch.<\/p>\n<p>Dann ging es in Europa und den USA pl\u00f6tzlich mit dem Index bergab, ohne dass sich die Wirtschaft wirklich erholte. Fehlendes Vertrauen und Unsicherheit konnten also nicht das Problem sein.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wissen wir jenseits aller Ablenkungsversuche der unternehmerh\u00f6rigen \u00d6konomen inzwischen recht genau, warum in den Vereinigten Staaten der Aufschwung so langsam und in Europa noch gar zu bemerken ist. Es handelt sich um die typischen Nachwirkungen einer mit (Privat-)Schulden finanzierten Investitions- und Spekulationsblase, die stockende Erholung l\u00e4sst sich mit historischen Beispielen seit <a href=\"http:\/\/www.joerglipinski.de\/blog\/der-amerikanische-buergerkrieg-1861-bis-1865-die-folge-einer-verfehlten-krisenpolitik\/\" title=\"Der amerikanische B\u00fcrgerkrieg 1861 bis 1865 \u2013 die Folge einer verfehlten Krisenpolitik? \u203a \u00d6konomie und Sport\" target=\"_blank\">1857<\/a> durchaus vergleichen.  <\/p>\n<p>Au\u00dferdem sorgen erst die vor allem europaweiten Einschnitte in den Staatshaushalten aufgrund einer irrationalen Austerit\u00e4tspolitik aus Angst vor zu hohen Defiziten sowie der st\u00e4ndige Abw\u00e4rtsdruck auf die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter in erster Linie f\u00fcr den verhaltenen oder stockenden Wirtschaftsaufschwung. Das bereits von Michal Kalecki als reine Ideologie enttarnte &#8222;Vertrauen der Wirtschaft&#8220; hat darauf so gut wie keinen Einfluss.<\/p>\n<p>Stattdessen sollten wir endlich aufh\u00f6ren weiter an unsinnigen Sparma\u00dfnahmen festzuhalten und im Gegenteil daf\u00fcr sorgen, Ausgaben f\u00fcr die Arbeitsplatzbeschaffung ins Auge zu fassen und mit h\u00f6heren L\u00f6hnen den privaten Binnenkonsum anzukurbeln.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeiten der wirtschaftlichen Krisen sind auch immer Zeiten der Demaskierung \u00f6konomischer Mythen. Heute wissen wir beispielsweise, dass geldpolitische Expansion nicht zu Hyperinflation f\u00fchrt und scharfe Ausgabeneinschnitte auch keine neuen Arbeitspl\u00e4tze schaffen. 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